Gold ist der heilige Gral der Pessimisten. Viele Anleger horten Barren und Münzen als Krisen- und Inflationsschutz. Andere lehnen das gelbe Edelmetall ab, weil es keine laufenden Erträge wie Zinsen einbringt. Doch in Zeiten negativer Anleiherenditen, verblasst dieses Argument. Was Investoren langfristig von Gold erwarten können, zeigt eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Gold ist weltweit einer der gefragtesten Sachwerte. Es wird seit Jahrtausenden gefördert, diente über Jahrhunderte als Zahlungsmittel und ist bis heute der bevorzugte Rohstoff für Schmuck. Die Gemeinde der Kapitalanleger hat Gold zu ihrem Schutzheiligen erhoben, dem sie bei wachsenden Ängsten vor Inflation, Deflation, Währungskrisen und anderen Katastrophen mit massenhaften Käufen huldigt. Dieses Phänomen war beispielsweise im Vorfeld des Referendums über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union und vor allem zu Beginn der Jahrtausendwende zu beobachten. Während die Welt damals von einer Krise in die andere taumelte, stieg der Goldpreis von Jahr zu Jahr weiter an. Ende August 1999 war eine Feinunze Gold (31,1 Gramm) noch für 242 Euro zu haben. Dreizehn Jahre später, im September 2012, verlangten Goldhändler 1356 Euro – ein Preisanstieg von 460 Prozent. International wird Gold in US-Dollar gehandelt. Auf Basis der amerikanischen Währung war der Wert des Edelmetalls sogar um 650 Prozent angestiegen.

Viele Anleger hofften darauf, dass sich diese goldenen Zeiten ewig fortsetzen. Oder dass der Goldpreis wenigstens auf hohem Niveau langfristig stabil bleibt. Doch auch dieses Mal fand der Goldkult wie in den Jahrzehnten zuvor ein jähes Ende, als die Krisenangst wich. Die Notierungen, die zuvor in den Himmel geschossen waren, sackten wieder kraftlos in sich zusammen. Anfang 2014 kostete Gold nur noch 894 Euro pro Feinunze. Wer auf dem Höhepunkt eingestiegen war, lag nun um 34 Prozent im Minus. In US-Dollar gerechnet, waren die Verluste noch höher. Bis November 2015 summierten sie sich auf rund 45 Prozent seit dem zurückliegenden Allzeithoch. Für Anleger hierzulande fiel der Preiseinbruch weniger dramatisch aus, weil der US-Dollar gegenüber der europäischen Währung aufwertete und so den Goldpreis-Absturz auf Euro-Basis bremste – wie schon mehrfach in der Vergangenheit (siehe Abbildung).

Oft in entgegengesetzte Richtungen unterwegs: Goldpreis und US-Dollar

Quelle: Bundesbank, Summit-Berechnungen, Stand: 29. Juni 2016.

Der Ausverkauf kam offenbar auch für diejenigen überraschend, denen der Ruf vorauseilt, ganz nah am Markt zu sein. Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs etwa hatte noch Anfang 2013 ein Kursziel von 1850 US-Dollar je Feinunze ausgerufen – wenige Wochen später setzte die erste Welle des Kursrutsches ein. Der bekannte, aber mittlerweile glücklose Hedgefondsmanager John Paulson wurde ebenfalls auf dem falschen Fuß erwischt. Er stieß Medienberichten zufolge große Bestände ab, kurz nachdem der Markt einen Tiefpunkt knapp über der 1200-US-Dollar-Marke erreicht hatte. Sein Kollege George Soros hatte bereits zwei Quartale zuvor begonnen, seine Goldanlagen zu reduzieren und verabschiedete sich dann schließlich ganz aus dem Markt. Andere institutionelle Investoren aus den westlichen Industrieländern verfuhren ähnlich. Sie zogen sich in Scharen aus Indexprodukten zurück, die physisches Gold halten. In der Folge mussten sie bis Ende 2015 mehr als 1200 Tonnen des Edelmetalls verkaufen. Soros hat es sich unterdessen übrigens anders überlegt: Mitte Mai stieg er wieder in den Goldmarkt ein.

Gold schwankt stärker als Aktien

Der Goldpreis ist bei Weitem nicht so stabil wie das Edelmetall selbst. Vielmehr schwanken die Notierungen noch stärker als die von Aktien. Wohin die Reise geht, kann niemand mit Sicherheit vorhersagen. Anleger können nicht einmal vernünftig bestimmen, ob Gold gerade teuer oder billig ist. Denn der absolute Preis gibt darüber keine Auskunft. Wie einzelne Vermögenswerte bewertet sind, messen Analysten üblicherweise, indem sie Preis und Ertragspotenzial ins Verhältnis setzen. Gold entzieht sich solchen Verfahren, weil es keine laufenden Erträge wie Zinsen, Dividenden und Mieten abwirft.

Anleger verdienen mit Gold nur Geld, wenn dessen Preis steigt – ein Nachteil im Vergleich zu anderen Anlagen. Vor allem hohe Anleihezinsen gelten unter Marktbeobachtern als Gift für den Goldpreis. Die festverzinslichen Wertpapiere erscheinen dann attraktiver im Vergleich zu dem Edelmetall. Dieses Manko ist allerdings obsolet, seit die Renditen von vielen sicheren Staatsanleihen negativ sind. In dieser verkehrten Welt zahlen Anleger dem Staat Zinsen dafür, dass sie ihm Geld leihen dürfen. Zur Zeit lautet die Losung für Gold daher: Es kostet keine Zinsen.

Grundsätzlich steigen Preise, wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot. Dieses Gesetz gilt natürlich auch auf dem Goldmarkt. Das Angebot des Edelmetalls ist begrenzt. Es kann nicht beliebig erhöht werden wie die Papiergeldmenge. Gold muss erst der Erde abgerungen werden und die Kosten dafür sind in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Dennoch geraten die Preise unter Druck, falls die Nachfrage nach Schmuck schwächelt oder Anleger sich in Scharen vom Markt zurückziehen wie in den vergangenen drei Jahren.

Entwicklung der weltweiten Goldnachfrage (in Tonnen)

JahrSchmuckindustrieBarren & MünzenGold-IndexfondsIndustrieZentralbankenGesamt
20052721418211440-6633127
20062301430259472-3653096
20072425438259478-4843115
20082306918324465-2353777
20091816832644414-343674
201020511202421460794213
2011209014932364274814728
2012213613003063795694690
201326711702-9163546254436
201424571004-1843475884212

World Gold Council, Stand: 29. Juni 2016.

Wie schwierig es ist, den Markt zu beurteilen, zeigt auch die jüngste Vergangenheit: Als der Goldpreis im Herbst 2009 die viel beachtete 1000-US-Dollar-Marke hinter sich ließ, hielten viele Anlageexperten das Edelmetall für überteuert. Manche sprachen von einer Spekulationsblase. Doch der Preis stieg unaufhaltsam weiter. Diejenigen, die einen Markteinbruch erwarteten, verstummten schließlich. Denn wer will schon ständig daneben liegen. Immerhin: Der Abschwung setzte zwei Jahre später ein, aber unter die 1000-US-Dollar-Marke fiel Gold seither nicht.

Gold als Inflationsschutz: Mehr Schein als Sein

Gold gilt als der Inflationsschutz schlechthin. Es gibt Berechnungen, die relativ plausibel zeigen, dass es mit Gold über Jahrtausende möglich war, die Kaufkraft zu erhalten. Doch welcher Investor hat schon einen solchen Anlagehorizont? „In the long run we are all dead“, stellte der Ökonom und Spekulant John Maynard Keynes Anfang der 1920er-Jahre treffend fest. Langfristig orientierte Privatinvestoren denken in Zeiträumen von 20 bis vielleicht 30 Jahren. Stiftungen und manche institutionelle Anleger mögen noch weiter in die Zukunft blicken, aber sicher nicht mehrere Jahrhunderte.

Beschränkt man sich auf Anlagehorizonte von gut 100 Jahren und weniger, sieht die Bilanz für Gold gar nicht so rosig aus. Als zuverlässiger Inflationsschutz war das Edelmetall kaum zu gebrauchen. Zwar ist der Zusammenhang von Gold und Inflation über diese Zeiträume positiv, doch die Korrelation ist nur sehr schwach. Ohnehin sind langfristige Messungen verzerrt, weil der nominale Goldpreis über lange Perioden während des Goldstandards und während des Bretton-Woods-Systems fester Wechselkurse fixiert war. Herrschte Inflation, konnte der reale Goldpreis, also nach Abzug der Inflation, nur sinken. Doch auch nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems Anfang der 1970er-Jahre, als die Regierungen Wechselkurse und Goldpreis wieder dem freien Spiel der Marktkräfte überließen, herrschte nicht nur eitel Sonnenschein: Aus Sicht eines deutschen Anlegers sank der reale Goldpreis in den 1980er-Jahren um 2,5 Prozent pro Jahr. Die Teuerungsrate lag damals im Schnitt bei 2,8 Prozent. In den 1990er-Jahren lief es auch nicht besser. Da schlug sogar ein jährliches Minus von 3,1 Prozent zu Buche (Inflation in Deutschland: 2,3 Prozent).

Die größten Abstürze des Goldpreises (in Euro)

Verlust in %Dauer des AbschwungsBeginnEnde
-6119 Jahre und 10 MonateNov 80Aug 99
-391 Jahr und 9 MonateDez 74Aug 76
-341 Jahr und 2 MonateOkt 12Dez 13

Quelle: Bundesbank, Summit-Berechnungen, Stand: 29. Juni 2016.

Goldpreisentwicklung während der Ölkrisen

Seinen Ruf als gute Absicherung gegen steigende Konsumentenpreise erwarb sich das gelbe Edelmetall Unter dem Strich waren die 1970er-Jahre ein goldenes Jahrzehnt für Goldanleger.in den 1970er-Jahren während der beiden Ölkrisen. Von 1970 bis 1974 schnellte der reale Goldpreis im Schnitt um 30 Prozent jährlich nach oben. Von 1979 bis 1982 waren es 25,6 Prozent. Unter dem Strich waren die 1970er-Jahre ein goldenes Jahrzehnt für Goldanleger: Um stolze 23,9 Prozent nahm der reale Wert des Edelmetalls im Durchschnitt pro Jahr zu. Die Inflation in Deutschland betrug damals im Mittel 4,9 Prozent. Allerdings schwankte der Goldpreis während der Ölkrisen auch heftig. Die Volatilität betrug 26,8 beziehungsweise 30,8 Prozent im Jahr.
Ein Fest für Goldanleger war auch das neue Jahrtausend. Bei einer niedrigen jährlichen Inflation von 1,6 Prozent kletterte der reale Goldpreis im ersten Jahrzehnt um jährlich 8,6 Prozent nach oben. Insgesamt summierte sich die reale Rendite von Gold von 1970 bis einschließlich 2015 auf rund 4,3 Prozent pro Jahr.

Unter dem Strich zeigen die Daten, dass Gold ein launiger Geselle ist, auf den man sich kaum verlassen kann. Nur bei heftigen Inflationsschocks oder der Angst davor wie nach der Jahrtausendwende war Gold eine hervorragende Absicherung, mit der man nicht nur sein Vermögen erhalten, sondern es kräftig vermehren konnte. Die jüngere Vergangenheit wird allerdings von einer Studie der Finanzmarktforscher Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton relativiert. Sie nahmen die Goldpreisentwicklung über 112 Jahre in 19 Ländern unter die Lupe. Danach lag die reale Rendite von Gold in Zeiten sehr hoher Inflation (18 Prozent und mehr) im Schnitt bei null. Mehr als Vermögenserhalt war nicht drin. Damit schneidet Gold in der Untersuchung im Vergleich zu Aktien, Anleihen und Cash (kurzfristige Anleihen mit maximal einem Jahr Laufzeit) bei sehr hohen Inflationsraten aber immer noch am besten ab. Dafür fiel die reale Goldrendite in Zeiten moderater Inflation allerdings sehr mager aus. Die höchsten realen Gewinne, 12,2 Prozent pro Jahr, erzielten Goldinvestoren während Deflationen, wenn die Konsumentenpreise um 3,5 bis 26 Prozent jährlich sanken. Damit entwickelte sich das Edelmetall in diesen Phasen etwas besser als Aktien, aber deutlich schlechter als Anleihen.

Gold und Aktien im Vergleich: Reale Entwicklung von 100 Euro

Quellen: MSCI, Index: MSCI World Total Return Net, Bundesbank, Summit-Berechnungen, Stand: 29. Juni 2016.

Gold als Versicherung gegen Krisen

Gold ist eher eine Versicherung gegen Krisen als ein zuverlässiger Inflationsschutz. Und Versicherungen kosten in guten Zeiten bekanntlich Prämien. Anleger sollten jedenfalls keine hohen Renditen erwarten, solange der Schadensfall nicht eintritt. Das unterstreicht auch ein in den historischen Daten wiederkehrendes Muster, dass Investoren eine Warnung sein sollte: Wer in der Vergangenheit einstieg, wenn der reale Goldpreis hoch war, musste sich in den folgenden 20 Jahren mit sehr niedrigen Renditen zufriedengeben oder gar Verluste hinnehmen. Dieses Schicksal scheint nun auch diejenigen zu ereilen, die 2011 und 2012, auf dem Höhepunkt der jüngsten Goldeuphorie, noch kauften. Bei einem solchen Timing ist der Inflationsschutz schnell dahin. Zudem lag die Wahrscheinlichkeit seit 1970, mit Gold auf Jahressicht eine positive reale Rendite zu erzielen, nur bei 56 Prozent (Aktien gemessen am MSCI World: 70 Prozent). Die Wahrscheinlichkeit steigt bei Gold auf 64 Prozent, wenn die Inflation über 5 Prozent beträgt. Bei Aktien sinkt sie in einem solchen Umfeld dagegen auf 61 Prozent, berechnete die Zeitschrift Finanztest.

Trotz aller Argumente gegen Gold ist das Edelmetall ein passabler Baustein in einem gemischten Portfolio, der zur Risikostreuung beitragen kann. Denn Goldpreis und Aktienkurse bewegten sich in der Vergangenheit selten im Gleichlauf. Vielmehr blieben die Goldnotierungen häufig stabil oder stiegen an, wenn die Aktienpreise stark fielen – und umgekehrt.

Nur wenig im Gleichlauf: Jahresrenditen von Gold und Aktien (fortflaufend um einen Monat versetzt)

Quellen: MSCI, Index: MSCI World Total Return Net, Bundesbank, Summit-Berechnungen, Stand: 29. Juni 2016.

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