Investieren? Oder doch lieber noch ein bisschen warten? Viele Menschen, die Geld anlegen möchten, scheuen den Sprung ins kalte Wasser. Sie fürchten, einen schlechten Einstiegszeitpunkt an den Börsen zu erwischen. Doch wer langfristig anlegt, hat gute Chancen ein solides Ergebnis zu erzielen – unabhängig vom Investitionszeitpunkt. Anleger, die dagegen lange zögern oder schrittweise investieren, müssen mit geringeren Gewinnen rechnen.

Wenn Anleger Wertpapiere wie Aktien kaufen wollen, fragen sich die meisten zunächst, ob gerade ein guter Einstiegszeitpunkt ist. Sind die Märkte in der jüngeren Vergangenheit gut gelaufen, beschleicht viele die Angst, dass es schon zu spät sein könnte, jetzt noch auf den Zug aufzuspringen. Sie warten dann auf den nächsten Kurseinbruch, um einzusteigen – nicht selten vergeblich.

Befinden sich die Börsen dagegen im Abschwung, befürchten Anleger, dass es noch zu früh für Käufe sein könnte. Schließlich könnten die Märkte ja noch weiter fallen. Dann warten sie auf deutlich sichtbare Zeichen einer Erholung. Sind die erkennbar, haben die Börsen meistens schon wieder einen großen Teil des nächsten Aufschwungs hinter sich – und da stellt sich die Frage, ob es für einen Einstieg nicht schon wieder zu spät ist…

Optimale Einstiegszeitpunkte lassen sich nicht zuverlässig bestimmen

Wer aus diesem Teufelskreis nicht ausbricht und sich nur von Zweifeln leiten lässt, wird möglicherweise gar nicht investieren – und verzichtet damit auf die langfristig guten Renditenchancen, die die internationalen Wertpapiermärkte bieten. Auch diejenigen, die nur dann anlegen wollen, wenn das Marktumfeld sehr günstig erscheint, verlieren Geld. Das verdeutlicht eine Beispielrechnung des amerikanischen Vermögensverwalters J.P. Morgan Asset Management. Unter dem Strich führte diese
Schönwetter-Strategie zu einem deutlich niedrigeren Vermögen im Vergleich zum Buy-and-hold-Investor.
Deren Analysten untersuchten die Wertentwicklung eines Portfolios aus Aktien und Anleihen zwischen 1948 und 2012 sowie zwischen 1980 und 2012. Sie kalkulierten das Endvermögen für zwei Anlegertypen: Der erste kaufte das Portfolio und behielt es über beide Zeiträume (Buy-and-hold-Strategie). Der zweite Anleger hat immer nur dann investiert, wenn Aktienmarktbewertung, Arbeitslosenzahlen und Inflation bestimmte Werte nicht überschritten oder sanken. Unter dem Strich führte diese Schönwetter-Strategie in beiden Zeiträumen zu einem deutlich niedrigeren Vermögen im Vergleich zum Buy-and-hold-Investor. Zwischen 1948 und 2012 fiel der Kapitalzuwachs des Schönwetter-Investors um mehr als 50 Prozent geringer aus. Das unterstreicht eine triviale Erkenntnis: Wer nicht investiert, kann auch nichts verdienen.

Viele Anleger hoffen, dass Finanzexperten ihr Einstiegsproblem lösen können. Doch weder echte noch selbst ernannte Fachleute wissen, zu welchem Zeitpunkt Anleger ihr Geld am besten in Aktien, Anleihen und andere Wertpapiere stecken sollten. Denn die Entwicklung der Kapitalmärkte kann niemand mit Sicherheit voraussagen. Folglich gibt es auch kein zuverlässiges Verfahren, mit dem sich optimale Ein- und Ausstiegzeitpunkte bestimmen ließen.

Anlegern bleibt nichts anderes übrig, als sich mit der Tatsache anzufreunden, dass sich immer erst im Nachhinein offenbart, ob ein Investitionszeitpunkt gut gewählt war oder nicht. Und das ist bei genauerer Betrachtung weniger problematisch als es auf den ersten Blick erscheint. Der Einstiegszeitpunkt ist nämlich gar nicht so wichtig – zumindest für diejenigen, die nicht kurzfristig spekulieren, sondern ihr Geld langfristig investieren möchten. Für Aktien gilt: Je länger die Anlagedauer, desto geringer die Verlust-Wahrscheinlichkeit. Wer in den vergangenen 50 Jahren beispielsweise in den Deutschen Aktienindex Dax investierte und die Papiere 15 Jahre oder länger hielt, erlitt in keinem Fall einen nominalen Verlust – egal, wann er ein- und ausgestiegen war.

Rendite-Differenzen zwischen verschiedenen Investitionszeitpunkten nehmen mit zunehmender Anlagedauer ab

Allerdings waren die Differenzen zwischen den durchschnittlichen Jahresrenditen, die sich bei einem Anlagehorizont von 15 Jahren erzielen ließen, erheblich: Im besten Fall erwirtschafteten Anleger jährlich 15,4 Prozent (1985-1999), im schlechtesten 2,4 Prozent (1965-1979) – eine Differenz von 13 Prozent. Sie schrumpft mit zunehmendem Anlagezeitraum: Bei 20 Jahren liegt sie noch bei 10,2 Prozent und bei 30 Jahren nur noch bei 4 Prozent. Das zeigt: Je länger die Anlagedauer, desto unbedeutender wird das Timing. Hinzu kommt: Die Wahrscheinlichkeit die beste oder schlechteste Anlageperiode zu erwischen, ist deutlich geringer als die, ein durchschnittliches Ergebnis zu erzielen.

Wie eine zunehmende Anlagedauer die Renditeschwankungen glättet, verdeutlicht die folgende Abbildung, die auf der Wertentwicklung des Weltaktienindex MSCI World in Euro inklusive Dividenden basiert. Jeder Punkt auf den Kurven zeigt die durchschnittliche Jahresrendite, die ein deutscher Anleger vor Kosten in den zurückliegenden 5 beziehungsweise 25 Jahren erzielt hätte. Die Schwankungen über 5-Jahreszeiträume waren recht hoch und Verluste keine Seltenheit. Dagegen sind die Rendite-Differenzen über 25 Jahre deutlich geringer. Verluste gab es über diesen Zeitraum seit 1970 gar nicht.

Weltaktienindex MSCI World seit 1970: Kurz- und langfristige Durchschnittsrenditen im Vergleich

Quelle: MSCI, LIQID-Berechnungen, Stand: 1. März 2016

Zudem dürften die Rendite-Differenzen zwischen einzelnen Einstiegszeitpunkten bei einem gut aufgestellten Wertpapierdepot geringer ausfallen. Der Dax besteht lediglich aus 30 Unternehmen und war in der Vergangenheit schwankungsanfälliger als ein global diversifizierter Aktienanteil in gemischten Anlage-Portfolios. Ein solches Depot sollte einen Anteil an sicheren Anlagen wie Anleihen oder Termingeld enthalten, entsprechend der Risikoneigung des Anlegers. Eine solche Diversifizierung senkt ebenfalls die Schwankungsbreite eines Portfolios.

Anleger investieren in der Regel nicht nur einmal, sondern mehrere Jahrzehnte lang

Die Bedeutung des Einstiegszeitpunktes für das Anlageergebnis wird aber noch von weiteren Faktoren relativiert: In den seltensten Fällen verfügen Anleger in ihrem Leben nur ein einziges Mal über einen Geldbetrag, den sie investieren möchten. Die meisten legen zwangsläufig zu unterschiedlichen Zeitpunkten an: Zunächst möglicherweise eine Erbschaft, dann eine Abfindung oder den Erlös aus dem Verkauf einer Unternehmensbeteiligung und später das Geld aus fällig gewordenen Lebensversicherungen zum Beispiel. Dadurch sinkt das Risiko, ausgerechnet zum schlechtesten Zeitpunkt in den Markt eingetreten zu sein.

Auch werden die wenigsten ihr komplettes Wertpapierdepot zu einem bestimmten Zeitpunkt verkaufen müssen. Vielmehr veräußern Anleger ihre Bestände im Alter nach und nach – je nach Bedarf. Auch das verringert die Gefahr, eine schlechte Ernte einzufahren.

Einen größeren Geldbetrag nach und nach anzulegen, senkt meistens den Gewinn

Bankberater, Verbraucherschützer und Medien raten unentschlossenen Anlegern gebetsmühlenartig, das zur Verfügung stehende Anlagekapital aufzuteilen und nach und nach zu verschiedenen Zeitpunkten zu investieren. Wer beispielsweise 500.000 Euro hat, könne jedes Quartal ein Viertel der Summe anlegen. Das Geld könne auch in kleinere Tranchen eingeteilt und die Investitionen über einen längeren Zeitraum gestreckt werden. Auf diese Weise werde ein ungünstiger Einstiegszeitpunkt vermieden.

Das klingt im ersten Moment plausibel, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung allerdings nicht Stand. Denn der schrittweise Einstieg in den Markt führt in der Regel zu einem geringeren Endvermögen. Ursache ist die kürzere Kapitalbindungsdauer, die aber zu geringeren Wertschwankungen führt. Dieser Vorteil ist nicht mehr nachweisbar, wenn man die Nach-und-nach-Strategie mit einem Portfolio vergleicht, dessen Aktienanteil einer ähnlichen Kapitalbindungsdauer entspricht.

Die bessere Strategie: Gleich vollständig in ein diversifiziertes Portfolio investieren

Das legt beispielsweise eine Untersuchung der Universität Mannheim nahe. Die Autoren Thomas Langer und Niels Nauhauser vergleichen zwei Strategien: Im ersten Fall besitzt ein Anleger 1200 Euro und investiert ein Jahr lang jeden Monat 100 Euro in den Aktienmarkt. Das jeweils verbleibende Kapital ist festverzinst am Geldmarkt angelegt. Im zweiten Fall werden zu Beginn des Betrachtungszeitraum 700 Euro in Aktien und 500 Euro am Geldmarkt investiert. Dieses Portfolio wird über das ganze Jahr gehalten (Buy-and-hold-Strategie). Die 700 Euro in Aktien entsprechen in etwa der Kapitalbindung der Nach-und-nach-Strategie.

Ergebnis: Die Buy-and-hold-Strategie liefert sowohl ein höheres Endvermögen als auch niedrigere Wertschwankungen. Dieses Resultat ließe sich systematisch für alle Portfolios mit einem Aktienanteil zwischen 655 und 732 Euro nachweisen. Die Unterlegenheit der Nach-und-nach-Strategie hatte bereits der verstorbene Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson Anfang der 1990er-Jahre gezeigt.

Demnach sind Anleger besser beraten, wenn sie ihr zur Verfügung stehendes Kapital nicht schrittweise, sondern von Anfang an vollständig in ein diversifiziertes Portfolio investieren, das zu ihrer Risikoeinstellung passt. Dabei ist der Einstiegszeitpunkt für langfristig orientierte Investoren nicht so bedeutend, wie viele fürchten (siehe oben). Der Einstieg sei „grundsätzlich umso erfolgversprechender, je früher und je umfangreicher er geschieht“, stellt auch der Finanzexperte und Buchautor Gerd Kommer fest.

Die richtigen Kennzahlen helfen, extreme Überbewertungen zu erkennen

Gleichwohl sollten Anleger nicht blindlings in Aktien investieren. Ein Blick auf die Bewertung kann bei extremen Marktentwicklungen ein guter Hinweis dafür sein, die Aktienquote zu senken oder zu erhöhen. Der Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller sagt: „Es wäre verrückt, nicht auf die Bewertungen zu achten.“ Anfang 2000 beispielsweise als die weltweite Aktieneuphorie auch hierzulande ihren Höhepunkt erreichte und die Bewertungen historische Höchststände markierten, war in der Geschichte der Börsen einer der schlechtesten Zeitpunkte, um in den Aktienmarkt einzusteigen oder die -quote hochzuschrauben. Vor dem Crash, der dann folgte, hatte Shiller gewarnt.

Zwar lassen sich mit Bewertungskennzahlen keine Wendepunkte an den Börsen vorhersagen. Aber die richtigen Bewertungsmaßstäbe können zumindest dabei helfen, extreme Über- oder Unterbewertungen zu erkennen – und das Portfolio entsprechend anzupassen. Das klassische Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das Aktienpreis und Unternehmensgewinn in Relation setzt, ist allerdings ein schlechter Ratgeber. Es wird entweder auf Basis der Unternehmensgewinne der zurückliegenden 12 Monate oder der prognostizierten Gewinne für die kommenden 12 Monate berechnet.

Das Manko dieser kurzfristigen Betrachtungsweise sind Verzerrungen wegen zyklischer Schwankungen. Im Aufschwung, wenn die Gewinne hoch sind, erscheinen Aktien billig, im Abschwung, wenn die Erlöse dahinschmelzen, dagegen teuer. Um solche Verzerrungen zu glätten, hat Shiller ein alternatives KGV entwickelt, das sogenannte Cyclically adjusted Price-to-Earnings-Ratio, kurz CAPE oder auch Shiller-KGV genannt. Es basiert auf den inflationsbereinigten Unternehmensgewinnen der zurückliegenden zehn Jahre. Den Unterschied zum klassischen KGV verdeutlicht ein Beispiel während der Finanzkrise. Im Frühjahr 2009 zeigte es auf Basis der Gewinne des zurückliegenden Jahres einen historischen Höchstwert und damit eine extreme Überbewertung der Aktienmärkte an, weil die Gewinne der Unternehmen heftig eingebrochen waren. Das Shiller-KGV signalisierte dagegen eine Unterbewertung des amerikanischen Aktienmarktes, wie die folgende Abbildung zeigt. Tatsächlich wäre es damals optimal gewesen, Aktien zu kaufen.

Shiller-KGV-Entwicklung des S&P 500 seit 1881

Quelle: Robert Shiller, Stand: 1. März 2016

Seit 1871 betrug das Shiller-KGV für den amerikanischen Aktienmarkt gemessen am S&P-500-Index im Schnitt rund 16,5. Historische Spitzenwerte erreichte es vor den Börsencrashs 1929 und 1999. Mit einem Wert von 24 ist der Markt derzeit relativ teuer, aber noch weit entfernt von den historischen Extremwerten. Andere Regionen wie Europa und die Schwellenländer sind gemessen am Shiller-KGV fair bis günstig bewertet. Die aktuellen Werte für eine Reihe von Ländern und Regionen können Anleger auf der Website von Research Affiliates abrufen.

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