Während eines Aktiencrashs in Panik zu verkaufen, ist keine gute Idee. Das führt häufig zu Verlusten, die sich nicht wieder aufholen lassen. Anleger, die auch in Krisen an ihrer Strategie festhalten und ihre Aktienquote weitgehend konstant halten, fahren dagegen besser. Sie schreiben schneller wieder schwarze Zahlen und ihre langfristige Rendite sinkt nicht unter den Marktdurchschnitt. Ein Survival-Kit für Anleger.

Wenn an den Aktienmärkten die Kurse ins Bodenlose fallen und sich die Medien mit schlechten Nachrichten füllen, geraten viele Anleger ins Grübeln, manche sogar in Panik. Im Angesicht fortschreitender Verluste schreit eine innere Stimme: „Verkaufen, verkaufen, verkaufen!“ Wer diesem Drang nachgibt und der erschreckten Herde folgt, trifft meistens die falsche Entscheidung. Anleger sind in der Regel besser beraten, dem Erfolgsrezept des ehemaligen Dauerbundeskanzlers Helmut Kohl zu folgen, der berühmt und berüchtigt dafür war, politische Krisen einfach auszusitzen.

Die Strategie des Nichtstuns ist an der Börse noch Erfolg versprechender als in der Politik. Nur fällt es vielen Anlegern schwer, diesem Konzept zu folgen. Sie reagieren allzu oft allergisch auf Verluste. Doch es gibt eine einfache Methode für eine Desensibilisierung: Ein nüchterner Blick auf die Fakten stählt für künftige Markttumulte.

Kursstürze sind Teil des Aktienmarktes

Krisen sind nichts Außergewöhnliches. Sie gehören zu den Aktienmärkten wie die Wettervorhersage zur Tagesschau. In der Vergangenheit hat es reichlich Crashs gegeben und das dürfte auch in Zukunft so bleiben. Aktien sind eine riskante Geldanlage, die auf lange Sicht die höchsten Renditen lieferte im Vergleich zu anderen Anlageklassen wie Anleihen und Immobilien. Am Weltaktienmarkt waren das in den vergangenen 46 Jahren immerhin 7 Prozent pro Jahr.

Eine plausible Finanzmarkttheorie besagt, dass Risiko und Rendite untrennbar miteinander verknüpft sind. Risiko, das sich nicht von Zeit zu Zeit in Form von Verlusten materialisiert, wäre keins. Je höher das Risiko, desto höher sollte auch die Rendite ausfallen. Risiko, das sich nicht von Zeit zu Zeit in Form von Verlusten materialisiert, wäre keins. Insofern sollte sich jeder Anleger vor dem Aktienkauf bewusst machen, dass es über kurz oder lang zu schmerzhaften Kurseinbrüchen kommen wird.

Wie groß die Schwankungen am internationalen Aktienmarkt sind, lässt sich aus verschiedenen Perspektiven am Beispiel des MSCI-World-Index veranschaulichen. Das Kursbarometer fasst die Entwicklung von mehr als 1600 Unternehmen aus 23 Industriestaaten zusammen. Von jedem Land bildet der Index etwa 85 Prozent des börsennotierten Gesamtmarktes ab. Der weltweit mit Abstand größte Aktienmarkt ist die USA, deren Konzerne mit einem Anteil von derzeit 60 Prozent den MSCI World dominieren. Schwellenländer wie China und Brasilien sind in dem Index nicht enthalten. Allen folgenden Berechnungen liegt der sogenannte Total-Return-Net-Index auf Euro-Basis zugrunde. Er enthält alle Dividendenzahlungen nach Abzug der Quellensteuer, welche die Finanzbehörden der einzelnen Länder einbehalten.

Der Weltaktienmarkt in Zahlen

Der MSCI World wird seit Anfang 1970 berechnet – eine Periode von inzwischen immerhin 46 Jahren (bis Ende 2015) oder 557 Monaten bis einschließlich Mai 2016. In 222 Monaten (40 Prozent) war die Index-Rendite negativ und in 335 (60 Prozent) positiv. Im Durchschnitt betrug die Monatsrendite knapp 0,7 Prozent. Im besten Monat (März 1986) warf der Index 16 Prozent Rendite ab, im schlechtesten (Oktober 1987) betrug der Verlust 22 Prozent. Gewinn- und Verlustmonate wechseln sich immer wieder ab, wie die folgende Abbildung zeigt.

Monatsrenditen des MSCI-World-Index seit 1970 in Euro

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net, Summit-Berechnungen, Stand: 22. Juni 2016.

Die Renditeschwankungen über Ein-Jahres-Zeiträume fallen deutlich größer aus. Es gab Gewinne von mehr als 60 Prozent und Verluste von 40 Prozent – und das innerhalb von nur 12 Monaten. Die folgende Grafik bildet alle Ein-Jahres-Zeiträume jeweils fortlaufend um einen Monat verschoben ab.

Jahresrenditen des MSCI-World-Index seit 1970 in Euro

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net, Summit-Berechnungen, Stand: 22. Juni 2016.

Die maximalen Verluste, gemessen von einem erreichten Hochpunkt zum nächsten Tiefpunkt, waren in den vergangenen 46 Jahren noch größer. Der höchste betrug 54 Prozent. Der Abschwung setzte im September 2000 ein, als viele Anleger rund um den Globus das Vertrauen in astronomisch bewertete Technologieunternehmen verloren. 31 Monate dauerte die Talfahrt. Danach gingen 13,5 Jahre ins Land, bis die Verluste wieder ausgeglichen waren.

Die verlustreichsten Abstürze des MSCI-World-Index

Verlust in %Dauer des AbschwungsBeginnEndeAuslöserVerlust-Ausgleich nach …
-5431 MonateSeptember 00März 03Geplatzte Technologieblase13 Jahren und 6 Monaten
-5224 MonateJanuar 73Dezember 741. Ölkrise8 Jahren und einem Monat
-4816 MonateNovember 07Februar 09Weltweite Finanzkrise5 Jahren und 3 Monaten
-3613 MonateSeptember 89September 90Rezession in den USA, Irak-Krise3 Jahren und 11 Monaten
-283 MonateSeptember 87November 87Börsencrash in den USA16 Monaten
-2120 MonateJuli 76Februar 784 Jahren

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net in Euro, Summit-Berechnungen, Stand: 22. Juni 2016.

Trotz solcher gewaltigen Rückschläge stieg der MSCI World Total Return Net seit seinem Start im Durchschnitt um 7 Prozent pro Jahr an. Denn auf jeden Crash folgte in der Vergangenheit eine Erholung, bei der der Index neue Höchststände erklomm.

Wertentwicklung des MSCI World inklusive Dividenden nach Quellensteuern in Euro (logarithmierte Skala)

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net, Stand: 22. Juni 2016.

Anleger, die in den Index investierten und 15 Jahre an ihrer Anlage festhielten, machten keinen Verlust, egal wann sie eingestiegen waren (siehe Abbildung unten). Jeder Punkt auf der roten Linie zeigt die durchschnittliche Rendite pro Jahr, die ein Anleger in den zurückliegenden 15 Jahren erzielt hätte. Im besten Fall war das ein Gewinn von 15 Prozent pro Jahr, im schlechtesten 1,5 Prozent. Im Schnitt betrug die Rendite über alle 15-Jahres-Zeiträume gut 8 Prozent. Zum Vergleich sind noch einmal die Jahresrenditen abgebildet. Die Daten zeigen: Aktien sind eine langfristige Anlage. Über kurze Zeiträume ist die Verlustgefahr sehr hoch.

MSCI World: Durchschnittliche Renditen über 15 Jahre und Jahresrenditen im Vergleich in Euro

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net, Summit-Berechnungen, Stand: 22. Juni 2016.

Der Versuch, Crashs zu umgehen, kostet meistens Rendite

Nun werden sich viele die Frage stellen, warum sie nicht einfach verkaufen sollten, falls die Aktienkurse zu fallen beginnen, um dann später wieder zu günstigeren Preisen einzusteigen, wenn der Crash vorüber ist. Auf diese Weise ließe sich die Rendite erheblich anheben – zumindest theoretisch. In der realen Welt lassen sich Aktienkursentwicklung aber nicht mit Sicherheit vorhersagen. Nehmen wir an, der Markt fällt um 5 Prozent. Dann weiß niemand, ob die Kurse nicht noch um weitere 40 Prozent fallen werden oder schon morgen wieder nach oben drehen. Das gleiche Problem stellt sich beim Wiedereinstieg. Angenommen der Markt ist um 25 Prozent gefallen und dann wieder um 4 Prozent angestiegen: Ist das die Trendwende oder nur eine sogenannte Zwischenerholung, nach der es noch einmal viel tiefer bergab geht? Seriöse Berater und Marktbeobachter können solche Fragen nur mit einem Achselzucken beantworten.

Das Bestreben, mit geschickten Ein- und Ausstiegen oder Umschichtungen in andere Anlageklassen höhere Renditen zu erzielen, nennen Fachleute Market-Timing. Ein riskantes Unterfangen, an dem so gut wie alle Anleger auf Dauer scheitern. Und wenn sie daneben liegen, ist der Schaden oft erheblich: Die Rendite des Investors sinkt unter den Durchschnitt. In der Praxis verkaufen die meisten Privatanleger zu spät und steigen zu spät wieder ein – oder geben schlimmstenfalls sogar ganz auf und bleiben auf ihren Verlusten sitzen.

Wie gefährlich Market-Timing ist, illustriert eine weitere Analyse des MSCI World Total Return Net. Rechnet man nur die zehn besten Monate mit den höchsten Kursgewinnen heraus, sinkt die Durchschnittsrendite von 7 auf 4,6 Prozent. Bemerkenswert sind die Relationen: Wer nur 10 von insgesamt 557 Monaten dem Markt fernblieb, das entspricht 1,8 Prozent der Gesamtzeit, verlor 35 Prozent der Durchschnittsrendite. Anleger, die in den besten 20 Monaten nicht investiert waren, büßten sogar 60 Prozent der Durchschnittsrendite ein. Statt 7 Prozent erzielten sie nur 2,8 im Jahr.

Ein Großteil der Index-Rendite wird in nur wenigen Monaten erwirtschaftet

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net, Summit-Berechnungen, Stand: 22. Juni 2016.

Man könnte einwenden, dass es schon mit dem Teufel zugehen müsste, ausgerechnet in den besten Monaten kein Aktienportfolio zu halten. Tatsache ist jedoch, dass die großen Gewinne, die die Durchschnittsrendite nach oben ziehen, an wenigen Handelstagen erzielt werden, die häufig kurz nach Kurstiefs folgen. Also dann, wenn viele Anleger nicht investiert sind, weil sie wenige Wochen oder Monate zuvor in Panik verkauften.

Im August 1990 verlor der MSCI World beispielsweise 10 Prozent. Im darauffolgenden September noch einmal 11 Prozent. Dann ging es ein bisschen rauf und runter. Und im Februar und März 1991 schoss der Markt schließlich um 12 und 8 Prozent nach oben. Wer versucht, Krisen zu umschiffen und ehrlich zu sich selbst ist, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit eingestehen müssen, dass er diese Spitzenmonate verpasst hätte. Zuvor ausgestiegen wären die Meisten aber vermutlich erst nach einem Minus von 15 Prozent. Denn in dieser Größenordnung schwankte der Index in der Vergangenheit im Durchschnitt um seinen Mittelwert.

Was die Daten nahelegen, fasst Charles D. Ellis, einer der großen Weisen unter den Anlagestrategen Sie müssen unbedingt engagiert sein, wenn der Blitz einschlägt.und Finanzbuch-Autoren, in seinem Bestseller „Winning the Loosers Game“ zusammen: „Die Lektion ist klar: Sie müssen unbedingt engagiert sein, `wenn der Blitz einschlägt´. Aus diesem einfachen Grund ist Market-Timing eine wirklich abwegige Idee.“

Dennoch gibt es zumindest einen vernünftigen Grund, den Aktienmärkten zeitweise den Rücken zu kehren. Nämlich dann, wenn man die Bewertungen für hoffnungslos überzogen hält. Wer davon überzeugt ist, sollte verkaufen. Um die Jahrtausendwende gab es beispielsweise so eine Phase, in der Anteilsscheine an zum Teil wertlosen Unternehmen zu absurd hohen Preisen gehandelt wurden.

So meistern Anleger jede Krise

Auf Market-Timing zu verzichten, bedeutet aber nicht, dass sich Anleger den Aktienmärkten schicksalsergeben ausliefern müssen. Wer konsequent an einer gut durchdachten Strategie festhält, meistert jede Krise. Dazu gehört bei passiv verwalteten Anlageportfolios ein regelmäßiges Rebalancing. Es sorgt dafür, dass die Aktienquote im Depot weitgehend konstant bleibt. Bei einem Börsenabsturz geht der Aktienanteil im Portfolio zurück, weil die Anteilsscheine weniger wert sind. Mit Umschichtungen oder frischem Kapital werden beim Rebalancing im Abschwung Aktien nachgekauft. Das führt ein Portfolio schneller wieder in die Gewinnzone im Vergleich zu einem Depot, das ein Anleger einfach laufen lässt.

Wer aktives Portfolio-Management betreibt, kann Aktien nachkaufen, wenn die Märkte ein attraktives Bewertungsniveau erreicht haben, und dabei auch die Aktienquote erhöhen. Das ist ebenfalls eine Form von Market-Timing, aber sie ist auf lange Sicht nicht schädlich. Wer mit neuen Käufen so lange wartet, bis die Märkte wieder angestiegen sind, hat möglicherweise das Beste verpasst."Der Nachteil dieser Strategie ist, dass sich die Verluste zunächst kurzzeitig vergrößern können. Denn wer mit neuen Käufen so lange wartet, bis die Märkte wieder angestiegen sind, hat möglicherweise das Beste bereits verpasst (siehe oben). Jedenfalls sollten Anleger nicht darauf hoffen, dass sie exakt den Tiefpunkt treffen. Falls das doch einmal gelingen sollte, war es Glück.

Wichtig ist auch, die Verluste einzelner Anlageklassen nie isoliert zu betrachten. Entsprechend ihrer Risikoneigung verteilen vernünftige Anleger ihr Geld auf sichere und riskante Anlageklassen. Bei einem Crash an den Aktienbörsen ist der Verlust auf Portfolioebene deutlich geringer und weniger erschreckend.

Anleger, die in Aktien investieren, sollten sich bereits vor dem Kauf bewusst machen, dass es früher oder später zu einer Marktkrise kommen und nicht nur nach oben gehen wird. Wer im Abschwung verkaufen muss, weil er dringend Kapital benötigt, hat ein schwerwiegendes Problem: Er muss Buchverluste realisieren, die dann nicht mehr aufholbar sind. Um solche Verluste zu vermeiden, sollte Anleger nur Geld in Aktien investieren, das sie für die nächsten 10 bis 15 Jahre nicht benötigen. Nur so lässt sich eine Krise entspannt durchstehen.

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