Ein Beitrag aus unserer Reihe Im Gespräch.

Wie ist die Lage an den Finanzmärkten? Wie ist sie zu bewerten? Und was sollten Anleger tun? Kim Felix Fomm, Investment-Experte beim digitalen Vermögensverwalter LIQID, und Summit-Redakteur Sebastian Wolff tauschen sich laufend über diese grundlegenden Fragen aus – und lassen Summit-Leser regelmäßig daran teilhaben.


WOLFF: Herr Fomm, die Welt gerät immer mehr aus den Fugen. Seit unserem letzten Gespräch vor drei Monaten ist wieder viel Beunruhigendes passiert. US-Präsident Donald Trump leistet sich ein Debakel nach dem anderen. Sogar ein Amtsenthebungs-
verfahren gegen ihn scheint inzwischen möglich. In Großbritannien hat Ministerpräsidentin Theresa May eine schwere Schlappe bei den von ihr ausgerufenen Parlamentswahlen erlitten. Und die Terroranschläge des IS folgen in immer kürzeren Abständen. Früher hätten die Aktienmärkte auf solche Ereignisse mit drastischen Kurseinbrüchen reagiert.

FOMM: Beunruhigende Ereignisse gibt es immer wieder. Allerdings dürfte eine Amtsenthebung Trumps mittlerweile eher zu Erleichterung führen, da er bisher noch keine seiner geplanten, wirtschaftsfreundlichen Reformen umsetzen konnte. Die Verluste für May schwächen eher die Verhandlungsposition des Vereinigten Königreichs, die Konsequenzen für den Rest der Welt sollten sich in Grenzen halten. Die Terroranschläge beschäftigen natürlich viele Menschen. Ihr Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung ist jedoch eher gering. Daher haben, vielleicht zur Überraschung vieler Privatanleger, die Aktienmärkte bislang kaum auf diese Nachrichten reagiert.

WOLFF: Immerhin gab es ja zuletzt auch einige gute Nachrichten. Davon scheinen sich die Anleger im Moment stärker leiten zu lassen.

FOMM: Tatsächlich gab es zuletzt durchaus positive Nachrichten zur wirtschaftlichen Entwicklung. Auch wenn im ersten Quartal 2017 das Wirtschaftswachstum etwas hinter den Erwartungen zurückblieb, verbessert sich die Stimmung in der Weltwirtschaft kontinuierlich. So hob der Internationale Währungsfonds (IWF) seine globale Wachstumsprognose für das Jahr 2017 auf 3,5 Prozent an. Insbesondere in Europa profitieren die Unternehmen von niedrigen Zinsen, niedrigen Rohstoffpreisen und einem schwachen Euro sowie der Erleichterung nach der Wahl Emmanuel Macrons in Frankreich. Daher wundert es mich nicht, dass die meisten wichtigen Aktienindizes auf dem Globus in der Nähe ihrer Rekordhochs stehen.

WOLFF: Wie ist das zu erklären? Blenden die Investoren die Risiken komplett aus?

FOMM: Nein, das nicht. Große, professionelle Investoren sind sich der relativ hohen Bewertungen der Aktienmärkte bewusst. Aber diese großen Investoren, die die Kurse beeinflussen, sehen derzeit schlicht keine vernünftige Alternative zu den Aktienmärkten. Sichere Anleihen bieten niedrige oder gar keine Zinsen, fasst 50 Prozent der europäischen Staatsanleihen werfen negative Zinsen ab. Zumindest in der Eurozone dürfte das auch noch eine ganze Weile lang so bleiben. Mit sicheren Euro-Anleihen ist also auf absehbare Zeit nicht viel zu holen. Und bei Anleihen von Emittenten außerhalb des Euro-Raumes oder von nicht einwandfreien Schuldnern besteht entweder ein Währungsrisiko oder ein Kursrisiko – oder beides.

WOLFF: Dennoch. Der Höhenflug an den Aktienmärkten dauert nun schon länger als acht Jahre. Im März 2009 stand der DAX unter 3.700 Punkten. Aktuell notiert er bei rund 12.800 Punkten, also dreieinhalb Mal höher. Muss es da nicht zwangsläufig irgendwann mal zu einer kräftigen Korrektur kommen?

FOMM: Rückschläge gab es während der vergangenen acht Jahre auch schon mehrmals. So stand der DAX im Mai 2011 bei 7.500 Punkten und fiel in den folgenden vier Monaten auf 5.200 Punkte zurück, ein Rückgang um 30 Prozent. Und von April 2015 bis Februar 2016 fiel er von über 12.000 auf unter 9.000 Punkte. Das war ein Minus von mehr als 25 Prozent. Solche Korrekturen überkaufter Märkte wird es auch weiterhin geben. Sie führen dazu, dass es langfristig mit den Aktienkursen weiter aufwärts gehen kann.

WOLFF: Der DAX ist aus Ihrer Sicht also noch nicht überbewertet?

FOMM: Nein. Der DAX ist mit einem langfristigen Durchschnitts-KGV (CAPE ) von aktuell unter 15 noch moderat bewertet.

Deutsche Investoren sollten sich allerdings nicht zu sehr am DAX orientieren. Da Anlagen global gestreut werden sollten, ist die Betrachtung globaler Indizes wesentlich aussagekräftiger. Zum Beispiel ist der US-Markt mit einem CAPE von gut 24 aktuell sehr hoch bewertet. Die europäischen Aktienmärkte sind mit gut 15 noch recht moderat bewertet. Auch in den Schwellenländern sind die Preise noch moderat. Auch aus diesem Grund sollten Anleger nicht in hektische Betriebsamkeit verfallen.

WOLFF: Welche Rückschlüsse ziehen Sie daraus für die Entscheidungen, die Sie für Ihre Kundendepots treffen?

FOMM: Grundsätzlich halten wir aufgrund des relativ hohen CAPE aktuell die US-Aktienmärkte für etwas überteuert. Deshalb untergewichten wir die USA derzeit zugunsten von anderen Regionen wie Europa. Japan ist etwas höher bewertet als die europäischen Aktienmärkte, die aus unserer Sicht auch auf dem aktuellen Niveau noch immer fair bewertet sind. Auch Schwellenländer sehen wir derzeit noch als attraktiv an. Privatanlegern würde ich aber davon abraten, Einzelinvestments in diesen Regionen zu tätigen. Mit qualitativ guten Fonds sind sie da besser aufgestellt.

WOLFF: Da der letzte Rückschlag nun schon eine ganze Weile her ist: Sollten Anleger jetzt nicht besser verkaufen und die nächste Korrektur abwarten, um dann günstiger wieder einzusteigen?

FOMM: Das würde ich nicht machen. Niemand weiß, wann die nächste Korrektur kommt. Eine kleinere Korrektur zwischen fünf und zehn Prozent ist über die Sommermonate durchaus möglich. Unseren Anlagestil LIQID Select haben wir bereits darauf eingestellt und die Aktienquote leicht untergewichtet. Wenn Sie jetzt alles verkaufen, kann es sein, dass Ihnen langfristig Gewinne entgehen. Studien haben nachgewiesen, dass Anlegern, die nur an den zehn besten Tagen eines guten Börsenjahres nicht investiert sind, der Großteil der Jahresrendite verloren geht oder sie sogar Verluste erleiden.

WOLFF: Also dabeibleiben und die nächste Korrektur einfach aussitzen?

FOMM: Wenn Sie Ihr Geld selbst verwalten, ist das wahrscheinlich das Sinnvollste, was Sie tun können. Denn Privatanleger, die ständig ihr Depot umschichten, zahlen am Ende drauf, allein schon aufgrund der Transaktionskosten. Hierzu zählen nicht nur die von der Bank in Rechnung gestellten Kosten, sondern zum Beispiel auch die Geld-Brief-Spanne, die man beim Handel verliert.

WOLFF: Ich weiß, „hin und her macht Taschen leer.“ Eine alte Börsenregel.

FOMM: Richtig. Sie können aber ausgeschüttete Dividenden einbehalten und einen aus ihrer Sicht günstigen Zeitpunkt abwarten, um das Geld wieder anzulegen. Für Privatanleger, die unbedingt ein bisschen versuchen wollen, von den Bewegungen am Markt zu profitieren, ist das eine Strategie, mit der sie nicht viel riskieren. Generell empfehle ich Anlegern aber, an ihrer Anlagestrategie festzuhalten und nicht zu versuchen, den Markt zu timen.

WOLFF: Wie handhaben Sie das bei LIQID? Sichern Sie die Depots Ihrer Kunden gegen mögliche Kursverluste ab?

FOMM: Ja. Unsere regelbasierten Anlagestile LIQID Global und LIQID Index haben sozusagen eine eingebaute Kursabsicherungsstrategie. Wir nennen sie Rebalancing.

WOLFF: Wie funktioniert Rebalancing?

FOMM: Jeder Kunde legt am Anfang fest, welchen Anteil seiner Anlagesumme er in stärker schwankende Papiere wie Aktien investieren möchte. Hier hat der Kunde die Wahl zwischen einer Bandbreite von zehn bis 100 Prozent. Nehmen wir an, ein Kunde wählt basierend auf seinem Risikoprofil einen Aktienanteil von 50 Prozent. Kräftige Kurssteigerungen der Aktien wie zuletzt sorgen nun dafür, dass der Aktienanteil auf 60 Prozent steigt. LIQID wird daraufhin einen Teil der Aktien verkaufen und sie durch Anleihen ersetzen, um wieder zur ursprünglichen Gewichtung von 50/50 zu gelangen. Dieses Rebalancing erfolgt in regelmäßigen Abständen. Es führt dazu, dass Aktien verkauft werden, wenn sie teuer sind und nachgekauft werden, wenn sie günstig sind. Das reduziert die Risiken – gerade in einer Phase wie der derzeitigen, ohne auf Chancen zu verzichten.

WOLFF: Ihr Anlagestil LIQID Select verzichtet aber auf Rebalancing. Warum? Gehen Sie hier bewusst höhere Risiken ein?

FOMM: Nein. LIQID Select ist ja ein aktiver Anlagestil, der nicht automatisch, sondern von Menschen gesteuert wird. Wenn wir zum Beispiel wie aktuell der Meinung sind, dass auf Basis unserer Kapitalmarktmodelle eine zeitweise Über- oder Untergewichtung von Aktien Chancen bietet oder Risiken reduzieren kann, dann tun wir das. Langfristig orientieren wir uns aber immer an der vom Kunden gewünschten Gewichtung. Wir setzen hier auch taktisch Put-Optionsscheine als Absicherungsinstrumente gegen fallende Kurse ein. (Siehe unser Gespräch im März). Das aber nur in geringem Maße, denn solche Absicherungsinstrumente sind auf Dauer teuer.

WOLFF: Wie sieht es mit anderen Anlageklassen aus? Sollten Anleger zur Risikostreuung auch in Gold und Rohstoffe investieren?

FOMM: In moderatem Maße halte ich das durchaus für sinnvoll. Auch wir legen einen kleinen Teil der Kundenvermögen zur Diversifikation in Gold und Rohstoffen an. Denn sie sind relativ unkorreliert mit Aktien. Das heißt, sie bieten einen guten Beitrag zur Diversifikation eines Portfolio, weil sie auch bei fallenden Aktienkursen eine positive Rendite erwirtschaften können. Gerade Gold ist häufig ein Krisenschutz für das Portoflio. Allerdings sollten Sie sich immer vergegenwärtigen: Gold und Rohstoffe bringen weder Zinsen noch Dividenden ein und sind deshalb Aktien und in normalen Zeiten auch Anleihen gegenüber eigentlich als Anlageklasse unterlegen.

WOLFF: Was ist mit Immobilien?

FOMM: Eine Immobilie, in der Sie selbst wohnen, ist fast immer eine sinnvolle Geldanlage. Bei Immobilien, die lediglich angeschafft werden, um sie zu vermieten und um damit Wertsteigerungen zu erzielen, bin ich dagegen skeptisch. Erstens binden sie sehr viel Kapital. Gerade beim Kauf einer Eigentumswohnung machen sich viele mit einem großen Teil Ihres Vermögens abhängig von einem einzigen Mieter. Wenn der ausfällt, können Sie monate- oder sogar jahrelang keine Mieten einnehmen. Wurde die Immobilie auch noch teilweise fremdfinanziert, verschärft das die Probleme noch, weil Zins und Tilgung weiterhin fällig werden. Zweitens ist sie – wie das Wort „immobil“ schon sagt – unbeweglich. Verschlechtert sich zum Beispiel aus unerfindlichen Gründen die Gegend, in der sie steht, kann sie drastisch an Wert verlieren. Drittens kommen bei Immobilien laufend Reparatur- und Renovierungskosten hinzu, was die Rendite drückt. Viertens konnten die Mieten in den attraktiven Lagen häufig nicht proportional zu den Preisen zulegen. Die Folge sind sehr hohe Bewertungen, insbesondere am Markt für Wohnimmobilien.

WOLFF: Herr Fomm, ich danke Ihnen für das Gespräch.

FOMM: Vielen Dank auch, es hat mir Spaß gemacht.

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