Der Zinseszins-Effekt sorgt dafür, dass sich investiertes Geld schnell vermehrt, wenn die Erträge sofort wieder angelegt werden. Im Zinstief kommt der Effekt für Sparer und Anleihen-Inhaber seit Jahren zwar nicht mehr zum Tragen, doch Besitzer von Aktien und Aktienfonds profitieren weiterhin voll davon.

Albert Einstein soll ihn als das achte Weltwunder bezeichnet haben: den Zinseszins-Effekt. Er beschreibt, wie sich Geld im Laufe der Zeit enorm vermehrt, wenn es renditeträchtig angelegt wird und die Erträge sofort wieder reinvestiert werden. Je länger der Zeitraum und je höher der Zinssatz, desto stärker fällt er aus. Viele Anleger unterschätzen den Effekt zu ihrem Nachteil.

Die Reiskornlegende

Um zu erläutern, wie der Zinseszins-Effekt funktioniert und wie wir ihn unterschätzen, sei an die berühmte Reiskornlegende (oder auch Weizenkornlegende) erinnert. Demnach soll der Brahmane Sissa einen Weg gesucht haben, um den indischen Tyrannen Shihram auf seine Fehler aufmerksam zu machen, ohne ihn zu erzürnen. Er erfand daher ein Spiel, in welchem der König als wichtigste Figur zwingend auf die Hilfe anderer Spielfiguren angewiesen ist: Schach. Shihram fand großen Gefallen an dem Spiel und gewährte dem Erfinder einen Wunsch. Dieser forderte, ihm die 64 Spielfelder mit Reiskörnern zu füllen: Auf das erste Feld sollte ein Korn gelegt werden, auf das zweite zwei, also immer doppelt so viele Reiskörner wie auf das vorherige Feld. Shihram wunderte sich über die vermeintliche Bescheidenheit Sissas. Doch die 64-malige Verdoppelung hätte aus dem einen einzigen Reiskorn fast 18,5 Trillionen gemacht – soviel hätte Shirhram in seinem ganzen Reich nicht aufbringen können. Sein unermesslicher Reichtum reichte also nicht aus, um Sissas bescheiden scheinenden Wunsch zu erfüllen.

Die Anekdote entspricht dem Zinseszins-Effekt bei einem Zinssatz von 100 Prozent über einen Zeitraum von 64 Jahren. Zugegeben, ein solch hoher Zinssatz ist absolut unrealistisch und auch der Anlagezeitraum ist für die meisten Menschen viel zu lang. Dennoch verdeutlicht sie, welch ungeheure exponentielle Wirkung im Zinseszins-Effekt steckt: Ohne Wiederanlage der Erträge, aber bei einem gleichbleibenden Zinssatz von 100 Prozent (was in der Anekdote einem Reiskorn Rendite pro Jahr entspricht) würde die Zahl der Reiskörner in 64 Jahren nämlich nur auf kümmerliche 65 steigen.

Kleine Unterschiede mit großer Tragweite

Aktuell kommen Zinseszinsen allerdings für Anleger kaum zum Tragen – wenn sie sich auf Anlageformen wie Festgeld oder Anleihen beschränken. So werden aus 100.000 Euro bei einem Zinssatz von einem Prozent (was für Festgeld oder eine Anleihe aktuell schon viel ist) nach 30 Jahren knapp 135.000 Euro. Das ist ein sehr bescheidener Zuwachs für einen so langen Anlagezeitraum, zumal die Erträge noch versteuert werden müssen und das Vermögen durch Inflation an realer Kaufkraft verliert.

Wer dagegen auf Aktien setzt, kann sein Geld auf lange Sicht deutlich stärker vermehren. Bei einer durchschnittlichen Rendite von vier Prozent nach Kosten (und das ist für Aktien eine ziemlich vorsichtige Prognose) wachsen die 100.000 Euro im selben Zeitraum dank des Zinseszins-Effekts auf gut 320.000 Euro. Tatsächlich konnten Anleger mit einem breit gestreuten Aktiendepot in den vergangenen 30 Jahren Jahresrenditen von durchschnittlich etwa acht Prozent erzielen. Diese Renditen erzielten sie einerseits durch Kursgewinne, andererseits durch Dividenden. Bei regelmäßiger Wiederanlage der Erträge hätten sie ihr Startkapital von 100.000 Euro damit auf eine Million Euro verzehnfacht.

Anders betrachtet: Beim Festgeld oder bei Anleihen dauert es bei einem Prozent Zinsen 70 Jahre, bis sich bei regelmäßiger Wiederanlage der Erträge das Geld verdoppelt, bei Aktien 18 Jahre, wenn die durchschnittliche Rendite vier Prozent beträgt und sogar nur neun Jahre bei einer Rendite von acht Prozent.

Je höher die Rendite, desto stärker macht sich der Zinseszins-Effekt also bemerkbar. Das wird besonders deutlich, wenn man sich einmal ansieht, was in 30 Jahren aus 100.000 Euro wird, wenn die Erträge stets entnommen und nicht wieder angelegt werden. Bei einprozentigen Anleihen oder Festgeld ist der Unterschied noch sehr gering: Hier werden aus 100.000 Euro in 30 Jahren 130.000 Euro und damit nur 5.000 Euro weniger als bei stetiger Wiederanlage der Erträge. Bei Aktien mit vier Prozent Rendite ist der Unterschied schon deutlicher: Hier werden ohne Zinseszins aus den 100.000 Euro in 30 Jahren 220.000 Euro (statt 320.000 Euro bei Wiederanlage der Erträge). Gewaltig wird der Unterschied aber, wenn man eine achtprozentige Rendite unterstellt: Hier werden aus 100.000 Euro nach 30 Jahren bei laufender Entnahme der Erträge nur 340.000 Euro und nach 60 Jahren auch nur 580.000 Euro – damit konnte trotz dieser hohen Rendite seit 1956 die Inflation, gespiegelt im Deutschen Verbraucherpreisindex (VPI) des Statistischen Bundesamts, nur knapp geschlagen werden. Das Vermögen hat demnach real kaum an Wert zugelegt – weil ihm laufend die Erträge entnommen wurden. Bei stetiger Wiederanlage der Erträge ist die Endsumme nach 30 Jahren mit einer Million Euro dreimal höher und nach 60 Jahren mit zehn Millionen Euro sogar 17 mal höher als im Vergleich zur Endsumme ohne Wiederanlage!

Auswirkung des Zinseszins-Effekts auf ein Vermögen von 10.000 Euro seit 1956

Quelle: LIQID-Berechnungen

Die Erträge regelmäßig wieder anlegen

Genauso wichtig wie die grundsätzliche Entscheidung für Aktien ist es aber auch, Erträge unmittelbar zu reinvestieren, damit der Zinseszins-Effekt zum Tragen kommt und für Anleger keine realen Verluste entstehen. Um den Zinseszins-Effekt optimal zu nutzen, sollten Anleger ausgeschüttete Dividenden sofort in neue Aktien investieren. Wer das nicht tut und sich von den Dividenden lieber eine Reise oder oder einen anderen Konsumwunsch erfüllt, muss sich aber auch keine Sorgen machen. Denn bei den meisten Unternehmen macht die Dividende nur einen Teil der Erträge aus. Den Rest des Gewinns investieren erfolgreiche Unternehmen in das eigene Wachstum, was die Gewinne weiter steigen lässt. Insofern erzeugen gute Unternehmen durch eine umsichtige und langfristige Geschäftspolitik von selbst für einen Zinseszins-Effekt für ihre Aktionäre.

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