Dubiose Investoren streuen immer öfter böswillige Gerüchte über börsennotierte Unternehmen, um Aktienkurse zu manipulieren. Anleger die breit gestreut investieren, müssen sich aber keine Sorgen machen.

Am deutschen Aktienmarkt spielt sich derzeit ein Krimi ab, wie ihn sich selbst Hollywood-Regisseure kaum dramatischer hätten ausdenken können: Er dreht sich um die Aktie des Zahlungsabwicklers Wirecard, die dank eines rasanten Kursanstiegs 2018 in den DAX aufgestiegen war. Die renommierte britische Wirtschaftszeitung Financial Times berichtete Anfang 2019 mehrmals über angebliche Verfehlungen und Ungereimtheiten bei Wirecard. Jedes Mal stürzte der Aktienkurs daraufhin ab. Jedes Mal dementierte das Unternehmen die Vorwürfe vehement und drohte mit Schadenersatzforderungen gegen die Zeitung. Doch der Aktienkurs erholte sich nur zaghaft. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen einen Journalisten der Financial Times wegen des Verdachts der Kursmanipulation zulasten von Wirecard und seiner Anleger.

Noch ist nichts bewiesen. Trotzdem hat nicht nur der Aktienkurs, sondern auch das Image des DAX-Neulings heftig unter den Vorwürfen gelitten. Profitiert haben davon Leerverkäufer (englisch Short-Seller): Anleger also, die auf fallende Kurse bei Wirecard gesetzt haben. Um weitere Spekulationen gegen Wirecard zu unterbinden hat die Finanzaufsicht BaFin am 18. Februar 2019 neue Leerverkäufe in Wirecard-Aktien für zwei Monate verboten. Ein Leerverkäufer soll zugegeben haben, von den Berichten der Financial Times vor Veröffentlichung informiert gewesen zu sein.

Nicht zum ersten Mal ist Wirecard Opfer von Short-Sellern: Schon 2016 geriet der Aktienkurs kräftig unter die Räder, nachdem ein dubioses Analyse-Haus namens Zatarra dem Wirecard-Management Betrug vorgeworfen und behauptet hatte die Wirecard-Aktien seien wertlos. Daraufhin war der Aktienkurs von Wirecard eingebrochen, hatte sich aber später wieder erholt und sogar immer neue Höhen erklommen – bis das Unternehmen 2018 an der Börse so viel wert geworden war, dass es die Commerzbank im DAX ablöste.

Wirecard ist zwar der bislang spektakulärste, bei weitem aber nicht der einzige Fall in Deutschland, bei dem sich Anleger auf eine Aktie eingeschossen haben, um den Kurs zum Absturz zu bringen. 2017 ereilte die Münchner Beteiligungsgesellschaft Aurelius und ihre Aktionäre das gleiche Schicksal: Wie aus heiterem Himmel stürzte der Kurs innerhalb weniger Minuten um mehr als 30 Prozent ab. Ein bis dahin kaum bekannter Hedgefonds namens Gotham City hatte eine Studie über Aurelius veröffentlicht und auf angebliche Ungereimtheiten bei der Bilanzierung verwiesen.

Aurelius prüft rechtliche Schritte

Aurelius-Chef Dirk Markus wies die Vorwürfe zwar unmittelbar zurück. Die Studie von Gotham City bestehe aus bekannten Fakten, die bewusst in irreführender Weise und mit falschen Behauptungen und Annahmen präsentiert worden seien, um den Aktionären des Unternehmens zu schaden, teilte er mit. Aurelius prüfe deshalb Schadenersatzforderungen und eine Strafanzeige wegen Marktmanipulation gegen Gotham City. Auch die Wertpapieraufsicht schaltete sich ein und erklärte, sie werde den Handel mit Aurelius-Aktien prüfen. Doch das half alles nichts. Der Kurssturz der Aurelius-Aktie war nicht aufzuhalten. I

Kursentwicklung der Aurelius-Aktie seit 2014 in Euro

Quelle: Yahoo Finance (Stand: 28.04.2017)

Gotham: Nutznießer des Kurseinbruchs

Für Gotham selbst hat sich das Manöver gelohnt: Der Hedgefonds hatte nämlich zuvor mit Leerverkäufen (englisch: short selling) auf fallende Kurse von Aurelius gewettet und damit den Kurssturz eingeleitet. Andere Investoren hingen sich dran und tätigten ebenfalls Leerverkäufe auf Aurelius, was den Kursverfall beschleunigte. Gotham löste einen großen Teil der Leerverkaufspositionen nach einigen Tagen mit hohem Gewinn wieder auf. Bei Leerverkäufen leihen sich Investoren Aktien und verkaufen diese gleich wieder. Fällt bis zur vereinbarten Rückgabe der Aktienkurs, deckt sich der Leerverkäufer günstig am Markt wieder mit den Aktien ein. Die Differenz ist sein Gewinn.

Leerverkäufe an sich nichts Verwerfliches

Leerverkäufe sind an sich nichts Verwerfliches. Wenn ein Investor eine Aktie für überbewertet hält und damit rechnet, dass ihr Kurs bald fallen wird, ist es legitim, mit dieser Methode zu versuchen, an fallenden Kursen zu verdienen. Kürzlich standen zum Beispiel auch die Aktien des Düngemittelherstellers K+S, der Deutschen Bank und der Commerzbank im Visier von Short-Sellern, die angesichts der schwachen Geschäftsentwicklung dieser Unternehmen auf fallende Kurse setzten. Auch beim Windturbinenhersteller Nordex antizipierten Short-Seller eine Gewinnwarnung des Unternehmens und strichen auf diese Weise satte Gewinne ein. Solche Deals lassen sich Schwarz auf Weiß nachlesen: So müssen alle Nettoleerverkaufspositionen, die mehr als 0,5 Prozent des ausstehenden Aktienvolumens des betroffenen Unternehmens ausmachen, im Bundesanzeiger gemeldet werden.

Im Fall von Gotham aber geht es möglicherweise um verbotene Kursmanipulation. Zumindest dann, wenn sich herausstellen sollte, dass die gezielt gestreuten Gerüchte über Aurelius frei erfunden waren und nur dem Zweck dienten, das Münchner Unternehmen in Misskredit zu bringen, um daraus Profit zu schlagen. Schon der Name Gotham City lässt Finanzexperten an der Seriosität des Hedgefonds zweifeln: Gotham City ist ursprünglich der fiktive Handlungsort der Geschichten um die Superheldenfigur Batman.

Auch andere Unternehmen Ziel von Kursmanipulationen

Ähnliche dubiose Shortseller-Attacken wie gegen Wirecard und Aurelius gab es auch schon gegen den Werbevermarkter Ströer. Auch hier rauschte der Aktienkurs deutlich nach unten. In den darauf folgenden Monaten konnten sich die Aktien von Ströer aber deutlich erholen. Auch die Aurelius-Aktie erlebte übrigens ein Comeback und erreichte im Mai 2018 fast wieder ihr altes Rekordhoch, ehe es wieder kräftig nach unten ging.

Anleger sollten sich durch die Häufung der Shortseller-Attacken in jüngster Zeit nicht verunsichern lassen, aber daraus die richtigen Schlüsse ziehen: Die Attacken sind nämlich ein weiterer Beleg dafür, wie riskant es ist, sein Vermögen in nur wenige verschiedene oder gar nur eine einzige Aktie zu investieren. Wer sein Vermögen stattdessen breit über verschiedene Anlageklassen, Branchen und Regionen streut, für den fällt es kaum ins Gewicht, wenn eines der Wertpapiere, in die er investiert hat, heftige Kursverluste erleidet oder sogar wertlos wird.

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