Investieren? Oder doch lieber noch ein bisschen warten? Viele Menschen, die Geld anlegen möchten, scheuen den Sprung ins kalte Wasser. Sie fürchten, einen schlechten Einstiegszeitpunkt an den Börsen zu erwischen. Doch wer langfristig anlegt, hat beste Chancen ein gutes Ergebnis zu erzielen – unabhängig vom Investitionszeitpunkt. Anleger, die dagegen lange zögern oder schrittweise investieren, müssen mit geringeren Gewinnen rechnen.

Seit dem Jahr 2009 läuft die derzeitige Aktienhausse schon. Aktuell notieren die meisten Aktienindizes in der Nähe ihrer Rekordhochs. Da fragen sich viele Anleger natürlich, ob es nicht schon zu spät ist, jetzt noch an der Börse einzusteigen oder zusätzliches Geld zu investieren. Diese Zweifel beschlichen Anleger allerdings auch schon vor ein, zwei, drei oder vier Jahren. Doch wer damals auf den nächsten Kurseinbruch gewartet hat, um einzusteigen, tat dies vergeblich und ließ sich dadurch eine Menge Gewinne entgehen.

Befinden sich die Börsen im Abschwung, verunsichert das übrigens ebenfalls viele Anleger. Sie glauben dann, dass es noch zu früh für Käufe sein könnte. Schließlich könnten die Märkte ja noch weiter fallen. Dann warten sie auf deutlich sichtbare Zeichen einer Erholung. Sind die erkennbar, haben die Börsen meistens schon wieder einen großen Teil des nächsten Aufschwungs hinter sich – und da stellt sich dann wieder die Frage, ob es für einen Einstieg nicht schon wieder zu spät ist.

Optimale Einstiegszeitpunkte lassen sich nicht zuverlässig bestimmen

Wer aus diesem Teufelskreis nicht ausbricht und sich nur von Zweifeln leiten lässt, wird möglicherweise gar nicht investieren – und verzichtet damit auf die langfristig guten Renditenchancen, die die internationalen Wertpapiermärkte bieten. Auch diejenigen, die nur dann anlegen wollen, wenn das Marktumfeld sehr günstig erscheint, verlieren Geld. Das verdeutlicht eine Beispielrechnung des amerikanischen Vermögensverwalters J.P. Morgan Asset Management. Unter dem Strich führte diese
Schönwetter-Strategie zu einem deutlich niedrigeren Vermögen im Vergleich zum Buy-and-hold-Investor.
Die Analysten untersuchten die Wertentwicklung eines Portfolios aus Aktien und Anleihen zwischen 1948 und 2012 sowie zwischen 1980 und 2012. Sie kalkulierten das Endvermögen für zwei Anlegertypen: Der erste kaufte das Portfolio und behielt es über beide Zeiträume (Buy-and-hold-Strategie). Der zweite Anleger hat immer nur dann investiert, wenn Aktienmarktbewertung, Arbeitslosenzahlen und Inflation bestimmte Werte nicht überschritten oder sanken. Unter dem Strich führte diese Schönwetter-Strategie in beiden Zeiträumen zu einem deutlich niedrigeren Vermögen im Vergleich zum Buy-and-hold-Investor. Zwischen 1948 und 2012 fiel der Kapitalzuwachs des Schönwetter-Investors um mehr als 50 Prozent geringer aus. Das unterstreicht eine triviale Erkenntnis: Wer nicht investiert, kann auch nichts verdienen.

Anlegern bleibt nichts anderes übrig, als sich mit der Tatsache anzufreunden, dass sich immer erst im Nachhinein offenbart, ob ein Investitionszeitpunkt gut gewählt war oder nicht. Und das ist bei genauerer Betrachtung weniger problematisch als es auf den ersten Blick erscheint. Der Einstiegszeitpunkt ist nämlich gar nicht so wichtig – zumindest für diejenigen, die nicht kurzfristig spekulieren, sondern ihr Geld langfristig investieren möchten. Für Aktien gilt: Je länger die Anlagedauer, desto geringer die Verlust-Wahrscheinlichkeit. Wer in den vergangenen 50 Jahren beispielsweise in den Deutschen Aktienindex DAX investierte und die Papiere 15 Jahre oder länger hielt, erlitt in keinem Fall einen nominalen Verlust – egal, wann er ein- und ausgestiegen ist.

Rendite-Differenzen zwischen verschiedenen Investitionszeitpunkten nehmen mit zunehmender Anlagedauer ab

Allerdings waren die Differenzen zwischen den durchschnittlichen Jahresrenditen, die sich bei einem Anlagehorizont von 15 Jahren erzielen ließen, erheblich: Im besten Fall erwirtschafteten Anleger jährlich 15,4 Prozent (1985-1999), im schlechtesten 2,4 Prozent (1965-1979) – eine Differenz von 13 Prozent. Sie schrumpft mit zunehmendem Anlagezeitraum: Bei 20 Jahren liegt sie noch bei 10,2 Prozent und bei 30 Jahren nur noch bei 4 Prozent. Das zeigt: Je länger die Anlagedauer, desto unbedeutender wird das Timing. Hinzu kommt: Die Wahrscheinlichkeit die beste oder schlechteste Anlageperiode zu erwischen, ist deutlich geringer als die, ein durchschnittliches Ergebnis zu erzielen.

Wie eine zunehmende Anlagedauer die Renditeschwankungen glättet, verdeutlicht die folgende Abbildung, die auf der Wertentwicklung des Weltaktienindex MSCI World in Euro inklusive Dividenden basiert. Jeder Punkt auf den Kurven zeigt die durchschnittliche Jahresrendite, die ein deutscher Anleger vor Kosten in den zurückliegenden fünf beziehungsweise 25 Jahren erzielt hätte. Die Schwankungen über 5-Jahreszeiträume waren recht hoch und Verluste keine Seltenheit. Dagegen sind die Rendite-Differenzen über 25 Jahre deutlich geringer. Verluste gab es über diesen Zeitraum seit 1970 gar nicht.

Weltaktienindex MSCI World seit 1970: Kurz- und langfristige Durchschnittsrenditen im Vergleich

Quelle: MSCI, LIQID-Berechnungen, Stand: 31. Oktober 2017

Zudem dürften die Rendite-Differenzen zwischen einzelnen Einstiegszeitpunkten bei einem gut aufgestellten Wertpapierdepot geringer ausfallen. Der Dax besteht lediglich aus 30 Unternehmen und war in der Vergangenheit schwankungsanfälliger als ein global diversifizierter Aktienanteil in gemischten Anlage-Portfolios. Ein solches Depot sollte einen Anteil an sicheren Anlagen wie Anleihen oder Termingeld enthalten, entsprechend der Risikoneigung des Anlegers. Eine solche Diversifizierung senkt ebenfalls die Schwankungsbreite eines Portfolios.

Einen größeren Geldbetrag nach und nach anzulegen, senkt meistens den Gewinn

Bankberater, Verbraucherschützer und Medien raten unentschlossenen Anlegern gebetsmühlenartig, das zur Verfügung stehende Anlagekapital aufzuteilen und nach und nach zu verschiedenen Zeitpunkten zu investieren. Wer beispielsweise 500.000 Euro hat, könne jedes Quartal ein Viertel der Summe anlegen. Das Geld könne auch in kleinere Tranchen eingeteilt und die Investitionen über einen längeren Zeitraum gestreckt werden. Auf diese Weise werde ein ungünstiger Einstiegszeitpunkt vermieden. Das klingt im ersten Moment plausibel, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung allerdings nicht Stand. Denn der schrittweise Einstieg in den Markt führt in der Regel zu einem geringeren Endvermögen. Ursache ist die kürzere Kapitalbindungsdauer.

Die bessere Strategie: Gleich vollständig in ein diversifiziertes Portfolio investieren

Das legt beispielsweise eine Untersuchung der Universität Mannheim nahe. Die Autoren Thomas Langer und Niels Nauhauser vergleichen zwei Strategien: Im ersten Fall besitzt ein Anleger 1200 Euro und investiert ein Jahr lang jeden Monat 100 Euro in den Aktienmarkt. Das jeweils verbleibende Kapital ist festverzinst am Geldmarkt angelegt. Im zweiten Fall werden zu Beginn des Betrachtungszeitraum 700 Euro in Aktien und 500 Euro am Geldmarkt investiert. Dieses Portfolio wird über das ganze Jahr gehalten (Buy-and-hold-Strategie). Die 700 Euro in Aktien entsprechen in etwa der Kapitalbindung der Nach-und-nach-Strategie.

Ergebnis: Die Buy-and-hold-Strategie liefert sowohl ein höheres Endvermögen als auch niedrigere Wertschwankungen. Dieses Resultat ließe sich systematisch für alle Portfolios mit einem Aktienanteil zwischen 655 und 732 Euro nachweisen. Demnach sind Anleger besser beraten, wenn sie ihr zur Verfügung stehendes Kapital nicht schrittweise, sondern von Anfang an vollständig in ein diversifiziertes Portfolio investieren, das zu ihrer Risikoeinstellung passt. Der Einstieg sei „grundsätzlich umso erfolgversprechender, je früher und je umfangreicher er geschieht“, stellt auch der Finanzexperte und Buchautor Gerd Kommer fest.

Die richtigen Kennzahlen helfen, extreme Überbewertungen zu erkennen

Gleichwohl sollten Anleger nicht blindlings in Aktien investieren. Ein Blick auf die Bewertung kann bei extremen Marktentwicklungen ein guter Hinweis dafür sein, die Aktienquote zu senken oder zu erhöhen. Der Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller sagt: „Es wäre verrückt, nicht auf die Bewertungen zu achten.“ Anfang 2000 beispielsweise als die weltweite Aktieneuphorie auch hierzulande ihren Höhepunkt erreichte und die Bewertungen historische Höchststände markierten, war in der Geschichte der Börsen einer der schlechtesten Zeitpunkte, um in den Aktienmarkt einzusteigen oder die -quote hochzuschrauben. Vor dem Crash, der dann folgte, hatte Shiller gewarnt.

Zwar lassen sich mit Bewertungskennzahlen keine Wendepunkte an den Börsen vorhersagen. Aber die richtigen Bewertungsmaßstäbe können zumindest dabei helfen, extreme Über- oder Unterbewertungen zu erkennen – und das Portfolio entsprechend anzupassen. Das klassische Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), das Aktienpreis und Unternehmensgewinn in Relation setzt, ist allerdings ein schlechter Ratgeber. Es wird entweder auf Basis der Unternehmensgewinne der zurückliegenden zwölf Monate oder der prognostizierten Gewinne für die kommenden zwölf Monate berechnet.

Das Manko dieser kurzfristigen Betrachtungsweise sind Verzerrungen wegen zyklischer Schwankungen. Im Aufschwung, wenn die Gewinne hoch sind, erscheinen Aktien billig, im Abschwung, wenn die Erlöse dahinschmelzen, dagegen teuer. Um solche Verzerrungen zu glätten, hat Shiller ein alternatives KGV entwickelt, das sogenannte Cyclically adjusted Price-to-Earnings-Ratio, kurz CAPE oder auch Shiller-KGV genannt. Es basiert auf den inflationsbereinigten Unternehmensgewinnen der zurückliegenden zehn Jahre. Den Unterschied zum klassischen KGV verdeutlicht ein Beispiel während der Finanzkrise. Im Frühjahr 2009 zeigte es auf Basis der Gewinne des zurückliegenden Jahres einen historischen Höchstwert und damit eine extreme Überbewertung der Aktienmärkte an, weil die Gewinne der Unternehmen heftig eingebrochen waren. Das Shiller-KGV signalisierte dagegen eine Unterbewertung des amerikanischen Aktienmarktes, wie die folgende Abbildung zeigt. Tatsächlich wäre es damals optimal gewesen, Aktien zu kaufen.

Shiller-KGV-Entwicklung des S&P 500 seit 1881

Quelle: Robert Shiller, Stand: November 2017

Seit 1871 betrug das Shiller-KGV für den amerikanischen Aktienmarkt gemessen am S&P-500-Index im Schnitt rund 16,5. Historische Spitzenwerte erreichte es vor den Börsencrashs 1929 und 1999. Mit einem Wert von rund 31 ist der Markt derzeit zwar relativ teuer, aber noch weit entfernt von seinem Höchststand um die Jahrtausendwende. Andere Regionen wie Europa und die Schwellenländer sind gemessen am Shiller-KGV noch immer fair bewertet. Die aktuellen Werte für eine Reihe von Ländern und Regionen können Anleger auf der Website von Research Affiliates abrufen.

Der digitale Vermögensverwalter LIQID hat aufgrund der relativ hohen Bewertung der US-Aktienmärkte in seinen aktiv gemanagten Select-Portfolios aktuell denn auch US-Aktien untergewichtet, Europa und Japan dafür leicht übergewichtet. Insgesamt ist das Investment-Team von LIQID für Aktien weiterhin positiv gestimmt: „Das Kursniveau ist in den USA relativ hoch, in den anderen Märkten bewegen wir uns aber auf historisch neutralem Niveau. Zusätzliche Unterstützung sehen wir bei steigenden Unternehmensgewinnen, die durch die global robuste Konjunktur gestützt werden. Auch die Geldpolitik treibt weiterhin die Kapitalmärkte an“, sagt LIQID-Geschäftsführer Christian Neuhaus.

Unser kostenloser Newsletter.

Wenn Sie mehr über das Thema Geldanlage und LIQID erfahren möchten, melden Sie sich hier für unseren monatlichen Newsletter an.

Sie können diese kostenlosen Informationen jederzeit abbestellen und der Verwendung Ihrer Daten für Werbezwecke widersprechen.