Laut der Finanzaufsicht BaFin könnte mehr als jeder dritte Lebensversicherer in Deutschland finanzielle Schwierigkeiten bekommen. Grund sind die seit Jahren niedrigen Zinsen. In ihrer Not wollen einige Anbieter nun hochverzinste Altverträge an chinesische Finanzinvestoren verkaufen. Für die Kunden bedeutet das nichts Gutes. Sie sollten darüber nachdenken, ihren Vertrag zu kündigen oder zu veräußern und ihr Geld besser anlegen.

Früher waren Kapital-Lebensversicherungen und private Rentenversicherungen für den Kunden eine prima Sache: Die Renditen waren attraktiv, die Risiken gering und darüber hinaus profitierten Anleger noch von erheblichen Steuervorteilen. Dafür nahmen die Kunden bereitwillig hohe Gebühren und lange Vertragslaufzeiten in Kauf.
Diese Zeiten sind schon lange vorbei. Die Niedrigzinsphase hat die Situation radikal verändert. Heute können die Anbieter nur noch mickrige Zinsen in Aussicht stellen. Die Überschussbeteiligungen bestehender Versicherungen sind seit Jahren rückläufig. Zudem sind die Steuervorteile zu großen Teilen weggefallen. Geblieben sind aber die hohen Gebühren und die langen Vertragslaufzeiten.

Anbieter stehen stark unter Druck

Unter der Entwicklung leiden aber nicht nur die Kunden, sondern auch die Anbieter selbst. Die Finanzaufsichtsbehörde schlägt nun Alarm: Mehr als jeder dritte Lebensversicherer in Deutschland könnte finanzielle Schwierigkeiten bekommen, warnt die Behörde. Laut dem Magazin Der Spiegel hat sie zahlreiche Unternehmen der Branche unter die sogenannte „intensivierte Aufsicht“ gestellt. Demnach unterliegen einem Evaluierungsbericht des Finanzministeriums zufolge derzeit 34 von insgesamt 37 Lebensversicherern in Deutschland dieser intensivierten Aufsicht. Betroffen seinen Unternehmen, bei denen es sich aus der jährlichen Prognoserechnung ergibt, dass sie mittel- bis langfristig finanzielle Schwierigkeiten haben könnten.

Die Versicherer stehen nämlich erheblich unter Druck: Aufgrund der schon seit Jahren unattraktiven Verzinsung verkaufen sie heute deutlich weniger Neuverträge als zu ihren goldenen Zeiten, die von den 50er Jahren bis zum Ende der 90er andauerten. Hinzu kommt ein Problem, auf das die Frankfurter Allgemeine Zeitung aufmerksam macht: die hohen Verwaltungskosten. Dem Blatt zufolge haben die Versicherer allein 2017 rund 4,7 Milliarden Euro Provision an Vermittler gezahlt. Das waren mehr als fünf Prozent ihrer Beitragseinnahmen. Früher, als sie noch hohe Erträge erwirtschafteten, waren solche üppigen Provisionszahlungen für die Anbieter noch kein Problem. Doch mittlerweile fressen sie einen Großteil ihrer nur noch spärlichen Gewinne auf.

Verschärfend kommt hinzu, dass die Versicherer noch immer zahlreiche Altverträge bedienen müssen, die ihre Kunden vor vielen Jahren abgeschlossen haben und für die noch Mindestzinsen von bis zu vier Prozent pro Jahr zuzüglich etwaiger Überschussbeteiligung fällig werden.

Wenn ein Investor diese Bestände kauft, dann tut er das mit dem Ziel, möglichst viel Rendite zu erwirtschaften. Das geht aber nur, wenn er den Versicherten möglichst viele Überschüsse vorenthält und in die eigene Tasche steckt.

Diese Altverträge machen vielen Versicherern mittlerweile enorm zu schaffen, denn ihnen fällt es zunehmend schwer, die hohen Zinsen zu erwirtschaften, die sie ihren Kunden versprochen haben – zumal das jüngst reformierte Aufsichtsrecht Solvency II die Anbieter zwingt, teure Eigenmittel bereitzustellen, um die Garantien aus den Verträgen aufrechtzuerhalten. „Das Problem verschärft sich zunehmend, denn hochverzinste ältere Anleihen, die sie für das Geld ihrer Kunden früher kaufen konnten, laufen sukzessive aus und müssen entsprechend durch deutlich niedriger verzinste Anleihen ersetzt werden“, erklärt Kim Felix Fomm, Head of Investment Product beim digitalen Vermögensverwalter LIQID.

Deshalb suchen einige Versicherer nun nach Auswegen aus der Zinsfalle und spielen mit dem Gedanken, die Notbremse zu ziehen: Sie wollen die Verträge an Finanzinvestoren verkaufen, vorrangig aus China. Der Verkauf von Lebensversicherungsverträgen von einem Unternehmen zu einem anderen kam auch schon früher vor, doch eher vereinzelt. Im großen Stil wie jetzt geplant, ist er ein Novum.

Mehr als zehn Millionen Verträge betroffen

Zu den Anbietern, die die Reißleine ziehen wollen, zählen ausgerechnet, große, traditionsreiche Versicherungskonzerne wie Ergo (mit den Marken Hamburg-Mannheimer und Victoria), Axa, Generali und AachenMünchener. Insgesamt wollen diese Unternehmen mehr als zehn Millionen klassische Lebensversicherungsverträge abstoßen. Allein der Düsseldorfer Ergo-Konzern, eine Tochter des DAX-Konzerns Münchener Rück, sucht nach einem Käufer für sechs Millionen alte Policen. „Wir sondieren den Markt und prüfen, was es überhaupt für Möglichkeiten gibt", so eine Ergo-Sprecherin.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Der Bund der Versicherten (BdV), der als unabhängige verbraucherpolitische Organisation für die Rechte der Versicherten eintritt, läutet deshalb die Alarmglocken. Er sieht in diesem Vorgang ein „Erdbeben in der deutschen Versicherungslandschaft“ und warnt vor den Folgen für die Kunden. „Wenn ein Investor diese Bestände kauft, dann tut er das mit dem Ziel, möglichst viel Rendite zu erwirtschaften. Das geht aber nur, wenn er den Versicherten möglichst viele Überschüsse vorenthält und in die eigene Tasche steckt“, befürchtet BdV-Chef Axel Kleinlein. Die betroffenen Verbraucher hätten keine Möglichkeit, dies zu verhindern. [1]

Der Finanzaufsicht BaFin sind weitgehend die Hände gebunden. Denn für die Versicherer gibt es zwei legale Wege, die alten Policen loszuwerden: Entweder sie übertragen die Bestände an ein Abwicklungsunternehmen, das diese weiterführt und alle Rechte und Pflichten übernimmt. Oder die Versicherer wechseln gleich als Ganzes den Eigentümer.

Kunden haben mehrere Optionen

Kunden, die über einen hochverzinsten Altvertrag verfügen, sollten sich aufgrund dieser Risiken dem BdV zufolge deshalb Gedanken über einen Ausstieg machen. Denn streicht ein Aufkäufer zum Beispiel die gewohnte Überschussbeteiligung, drückt das die Rendite des Vertrages erheblich. „Den Versicherungskunden bieten sich fünf Optionen: die Kündigung, die Beitragsfreistellung, die Laufzeitverkürzung, der Verkauf oder auch die Fortführung des Vertrages, aber unter Ausschluss von Zusatzversicherungen oder automatischen Erhöhungen (Dynamik)“, erklärt BdV-Sprecherin Bianca Boss im Gespräch mit dem LIQID Magazin. Den Versicherungskunden bieten sich fünf Optionen: die Kündigung, die Beitragsfreistellung, die Laufzeitverkürzung, der Verkauf oder auch die Fortführung des Vertrages.
Für alle Versicherungskunden hat der BdV ein Informationsblatt verfasst, anhand dessen sich Betroffene orientieren können. Jeder Interessierte kann hier über einen Online-Rechner individuell ermitteln, ob sich ein Ausstieg für ihn grundsätzlich lohnt oder nicht. Das Risiko einer Weiterveräußerung des Vertrages durch den Anbieter ist in dieser Kalkulation allerdings noch nicht enthalten.
[2]

Den Erlös sinnvoller anlegen

Unabhängig vom Testergebnis kann sich in vielen Fällen ein Verkauf der Police lohnen. Denn diese Lösung hat einen besonderen Charme: Durch die relativ gute Verzinsung der Altverträge haben diese Policen oft auch einen hohen Verkaufswert. Mehrere Unternehmen bieten Kunden den Ankauf ihrer Kapital-Lebensversicherung oder ihrer privaten Rentenversicherung zu attraktiven Konditionen an. Oft springt für die Kunden hier ein höherer Preis heraus, als wenn sie den Vertrag kündigen und nur den Rückkaufwert von der Versicherungsgesellschaft erhalten. Sobald die Police verkauft ist, übernimmt der Käufer die laufenden Beitragszahlungen. Der BdV empfiehlt Kunden, ihre Police nur an Anbieter zu verkaufen, die Mitglied im Bundesverband Vermögensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherungen sind. [3]

Der Verkaufserlös kann dann sinnvoller angelegt werden: zum Beispiel in Form eines global diversifizierten Depots aus Aktien- und Anleihenfonds. Wer sich die Zusammenstellung eines solchen Depots nicht selbst zutraut oder keine Zeit hat, sich regelmäßig darum zu kümmern, der ist bei einem digitalen Vermögensverwalter gut aufgehoben. Seriöse Anbieter wie LIQID teilen das Geld ihrer Kunden systematisch auf verschiedene Anlageklassen auf und wenden erfolgserprobte Strategien an, um die Risiken zu minimieren. Die Anlagen der Kunden werden zudem laufend überwacht und bei Bedarf angepasst. Dennoch sind die für die Kunden anfallenden Gebühren sehr gering. Einen solchen Service bieten Versicherungen und Banken in aller Regel nicht – und falls doch, dann zu deutlich höheren Kosten.

  1. [1] Bund der Versicherten: Erdbeben in der Deutschen Lebensversicherung gefährdet Altersvorsorge von 10 Millionen Versicherten (Um in den Fließtext zurückzukehren, drücken Sie bitte die Zahl.)
  1. [2] Bund der Versicherten: Ausstieg aus Kapitallebens- und privaten Rentenversicherungen (Um in den Fließtext zurückzukehren, drücken Sie bitte die Zahl.)
  1. [3] Bund der Versicherten: Bundesverband Vermoegensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherungen (Um in den Fließtext zurückzukehren, drücken Sie bitte die Zahl.)