Börsianer pflegen eine sehr blumige Sprache. Vor allem was ihre Bezeichnung für negative Ereignisse angeht, sind sie kreativ. Es hilft ihnen, mit schlechten Nachrichten umzugehen. Ein Überblick über die skurrilsten Begriffe des Finanzjargons – damit sie auf der nächsten Party glänzen können.

Börsenhändler, Aktienanalysten und Investmentbanker sind nicht nur die nüchternen Zahlenmenschen, für die sie viele halten. Sie haben auch einen ganz eigenen Jargon entwickelt, um bestimmte Phänomene zu beschreiben, die an den Kapitalmärkten immer wieder vorkommen. Auffällig ist: Überwiegend handelt es sich um Begriffe, die negative Ereignisse beschreiben. Hierbei bedienen sie sich mit Vorliebe bestimmten Metaphern. Die Begriffe sollten durchaus mit einem Augenzwinkern verstanden werden. Denn, ob Sie es glauben oder nicht: Auch die Akteure an den Finanzmärkten können humorvolle Menschen sein. Und mit Humor lassen sich, wie in vielen anderen Lebenslagen, an der Börse auch die schlimmsten Ereignisse am besten überstehen.

Trügerische tote Katzen

Ein besonders drastischer Begriff aus diesem Börsenjargon ist der Dead cat bounce. Der Begriff ist abgeleitet von dem zynischen englischen Sprichwort: „Even a dead cat will bounce if it is dropped from high enough” – wörtlich übersetzt: „Selbst eine tote Katze wird hochprallen, wenn sie aus ausreichend großer Höhe fallen gelassen wird.” Umgemünzt auf die Börse lautet die Aussage: Selbst eine Aktie, die stark gefallen ist, wird sich noch einmal erholen, bevor sie noch tiefer stürzen wird. Denn immer gibt es an der Börse Schnäppchenjäger, die zuschlagen, wenn eine Aktie in kurzer Zeit stark nachgegeben hat und damit für eine kurzzeitige Kurserholung sorgen. Eine solche gezielte Suche nach Schnäppchen an der Börse wird übrigens als Bottom fishing bezeichnet – also dem Versuch eine Aktie vom Boden abzufischen. Doch allzu häufig erweisen sich solche Käufe als Flopp und der Kurssturz setzt sich anschließend fort. Der Begriff Dead cat bounce will Anleger also vor solchen vermeintlichen Schnäppchen warnen. Er sagt aus: Eine schlechte Aktie bleibt eine schlechte Aktie, auch wenn ihr Kurs nach dem Absturz noch einmal kurzzeitig nach oben geht. Anleger sollten sich davon nicht täuschen lassen und einen weiten Bogen um diese Aktie machen.

Salami-Crash, goldener Handschlag und Haircut

Eine Variante des Dead cat bounce ist der Salami-Crash: Der läuft ähnlich ab, wie das Scheibe-für-Scheibe-Aufschneiden einer Salami – also nicht plötzlich und massiv, sondern über einen langen Zeitraum gestreckt, vielleicht mit leichten zwischenzeitlichen Erholungen, dafür aber um so nachdrücklicher. Denn am Schluss ist nichts von der Salami übrig – im übertragenen Sinn bedeutet das: Die Kurse sind am Tiefpunkt angelangt.

Ein verwandter Begriff des Salami-Crash ist übrigens die Salami-Taktik. Sie wird mit Vorliebe von Managern börsennotierter Unternehmen angewandt, deren Geschäfte alles andere als rund laufen. Ihre Salami-Taktik besteht darin, Analysten und Aktionären die bittere Wahrheit über die Lage der Firma nicht schonungslos aufzutischen, sondern scheibchenweise zu servieren, also sukzessive immer nur in dem Ausmaß, wie es sich nicht mehr vermeiden lässt oder wie es gerade opportun erscheint. Bekanntlich ist die Salami-Taktik nicht nur unter Konzernlenkern weit verbreitet, sondern erfreut sich auch unter Politikern, Fußballtrainern, Funktionären und natürlich auch ertappten Kriminellen großer Beliebtheit. Der Begriff stammt übrigens – wie könnte es auch anders sein – aus Ungarn, dem Mutterland der Salami. Zoltán Pfeiffer, damals Chef der Kleinlandwirtepartei, prägte ihn 1947, als die kommunistische Partei scheibchenweise immer mehr Macht übernahm, indem sie ihre Gegner sukzessive ausschaltete oder sie dazu brachte, sich ihr anzuschließen.

Trotz aller Salami-Taktik – manche Manager (oder auch wieder Fußballtrainer) fahren den Karren dermaßen an die Wand, dass sie sich dann doch nicht mehr auf ihrem Posten halten können. Doch da ihre Verträge meist noch eine ganze Weile lang laufen, zahlt man ihnen eine großzügige Abfindung, damit sie einer Vertragsauflösung zustimmen. Der vorzeitige Abschied wird ihnen also im übertragenen Sinne mit einem goldenen Handschlag versüßt. So erhielt zum Beispiel Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, der im Zuge des Abgasskandals abtreten musste, Medienberichten zufolge über 28 Millionen Euro Abfindung.

Wenn eine Privatperson oder ein mittelständisches Unternehmen einen Kredit nicht mehr zurückzahlen kann, kennt die Bank in der Regel kein Pardon. Erst verwertet sie die hinterlegten Sicherheiten. Wenn die nicht ausreichen und der Kunde auch sonst keine Vermögenswerte mehr hat, schickt sie den Gerichtsvollzieher. Am Ende muss der Kunde dann üblicherweise Insolvenz anmelden. Anders läuft es meist, wenn ein Staat oder ein großer Konzern seinen Kreditverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Gläubiger bekommen im übertragenen Sinn einen Haarschnitt verpasst, also einen Haircut. Dieser Begriff wurde während der Griechenland-Krise geprägt. Gemeint ist: Gläubiger und Schuldner einigen sich auf einen Schuldenerlass, mit dem Ziel, dass der Schuldner dadurch wieder zahlungsfähig wird und seine restlichen Verbindlichkeiten zurückzahlen kann. Bei einem Haircut von beispielsweise 30 Prozent erhalten die Gläubiger nur noch 70 Prozent des Nominalwerts einer Anleihe zurückgezahlt. So kam es im überschuldeten Griechenland 2012 zu einem Haircut: Private Gläubiger verzichteten auf gut 100 Milliarden Euro. Doch auch dieser gigantische Schuldenerlass half dem Land nicht richtig auf die Beine: Ende 2017 belief sich die Schuldenlast Griechenlands auf 317 Milliarden Euro und damit auf 179 Prozent des jährlichen
Bruttoinlandsprodukts (BIP) des Landes. Für Euro-Staaten gilt eigentlich eine Verschuldungsgrenze von 60 Prozent des BIP.

Vor der Griechenland-Krise wurde der Begriff Haircut noch nicht als Synonym für Schuldenschnitt verwendet, sondern er bezeichnete die Differenz zwischen dem Marktwert einer Sicherheit und dem Wert, den ein Gläubiger dieser Schicherheit zuschreibt – die er also bei einer Veräußerung für erzielbar hält.

Bullen und Bären in der Falle

Doch von der großen Politik zurück zur Börse. Fallen die Kurse, erliegen Anleger häufig der Bullenfalle. Hierfür muss man wieder wissen, dass der Bulle an der Börse für steigende Kurse steht – im Gegensatz übrigens zum Bären, der für fallende Kurse steht. Deshalb ist auch von einem Bullenmarkt die Rede, wenn die Kurse steigen und von einem Bärenmarkt, wenn die Kurse fallen. In eine Bullenfalle tappt nun ein Anleger, der nach einer leichten Erholung der Kurse (diese wiederum vielleicht ausgelöst von Schnäppchenjägern nach einem Dead cat bounce) meint, dass ein Wertpapier oder der Aktienmarkt als ganzes seinen Tiefpunkt durchschritten hat und kauft. Wenn es dann mit den Kursen wieder nach unten geht, ist der Anleger in die Bullenfalle getappt.

Analog dazu tappt ein Anleger in die Bärenfalle, der nach einem Kursrücksetzer damit rechnet, dass der Markt oder ein Wertpapier stark nachgibt. Also verkauft er. Dann aber steigen die Kurse entgegen seiner Erwartungen stark an, doch er ist nicht mehr dabei und ihm entgehen enorme Gewinne. Noch schlimmer erwischt es den Anleger, der in die Bärenfalle tappt, wenn er nicht nur Wertpapiere verkauft, sondern wenn er in Erwartung starker Verluste Leeverkäufe tätigt oder Put Optionen kauft. Dann entgehen ihm bei steigenden Kursen nicht nur Gewinne, er erleidet hohe Verluste.

Tsunamis, Milchmädchen und Hexen

Überhaupt lieben Börsianer eine starke, bildhafte Sprache. Wenn sich an den Finanzmärkten die Lage plötzlich massiv eintrübt, dann wird gern der Begriff vom drohenden Finanz-Tsunami bemüht – analog der sich mit hoher Geschwindigkeit ausbreitenden Flutwelle nach einem Seebeben, die verheerende Folgen nach sich ziehen kann, wenn sie an Land trifft.

Und wenn es dann tatsächlich zu einem Kurszusammenbruch an der Börse kommt, ist schnell von einem schwarzen Freitag die Rede. Er geht zurück auf ein Ereignis, das lange zurückliegt, nämlich auf den 6. Dezember 1745. An diesem Tag erreichte London die Nachricht, dass der Kronprätendent Charles Edward Stuart, der mit zwei Schiffen in Schottland gelandet war, erfolgreich bis zur Stadt Derby hatte vordringen können. Daraufhin verfielen die Finanzakteure in London in Panik, denn sie befürchteten eine französische Invasion und eine Restauration der Herrschaft der Stuarts. Diese Angst löste einen vorübergehenden Kollaps des Bankwesens und des Wirtschaftslebens aus.

Als schwarzer Freitag wird vielfach auch der folgenreichste Börsenkrach der Geschichte bezeichnet, der 24. Oktober 1929. Der Crash löste die große Depression in den USA und die Weltwirtschaftskrise aus. Der 24. Oktober 1929 war in Wahrheit ein Donnerstag – aber wer wird es denn schon so genau nehmen?

Ist eine Aktie nach einem Crash ganz unten gelandet und kann sich nicht mehr erholen, ist sie nur noch ein Penny-Stock: Sie ist also weniger als einen Dollar (oder einen Euro) und daher nur noch ein paar Pennys wert.

Gern verwendet wird im Börsenjargon auch der Begriff der Milchmädchen-Hausse: Er beschreibt spöttisch und auch auf etwas überhebliche Weise die Endphase einer Aufwärtsbewegung an den Börsen, wenn viele Menschen, die sich sonst nicht für die Kapitalmärkte interessieren, plötzlich Aktien kaufen, weil sie überall – zum Beispiel in der Bild-Zeitung – lesen können, dass sich damit schnell viel Geld verdienen lässt. Für erfahrene Anleger ist das oftmals ein Warnsignal. Denn dann ist aus ihrer Sicht die Euphorie viel zu groß und der Absturz nah. So geschah es beispielsweise um die Jahrtausendwende 1999/2000, als es plötzlich selbst beim Frisör und in der U-Bahn kein anderes Thema mehr gab als die Börse. Im März 2000 platzte dann die Blase und es folgte eine drei Jahre anhaltende schmerzhafte Abwärtsbewegung.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Window-Dressing hat nichts mit Fensterschmuck oder Schaufensterdekoration an der Börse zu tun. Stattdessen steht es für die Verschönerung der Bilanz zum Bilanzstichtag. Vor allem Fondsmanager verkaufen gern kurz vor Ende des Quartals oder des Jahres Aktien, die schlecht gelaufen sind und tauschen sie in Papiere um, die zuletzt stark gestiegen sind. Die Fondsmanager wollen auf diese Weise ihr Portfolio aufhübschen und damit bei den Anlegern den Eindruck entstehen lassen, dass sie auf die richtigen Pferde gesetzt haben.

Und schließlich sorgen an der Börse regelmäßig Hexen für Chaos. Viermal im Jahr ist dort nämlich Hexensabbat. So wird jeweils der große Verfallstag für Optionen und Futures genannt, der immer am dritten Freitag im März, Juni, September und Dezember stattfindet. Denn an diesen Tagen sind die Kursbewegungen oft unberechenbar und damit „verhext”. Der Grund: Einige Investoren versuchen dann gerne, den Kurs von bestimmten Wertpapieren kurzfristig in die eine oder andere Richtung zu bewegen, damit ihre Wette, die sie in Form der Futures und Optionen eingegangen sind, aufgeht. Auf Englisch nennt sich dieser Tag übrigens Triple Witching Day – wahrscheinlich in Anspielung auf die drei Hexen aus Shakespeares Macbeth.