Während eines Aktiencrashs in Panik zu verkaufen, ist keine gute Idee. Das führt häufig zu Verlusten, die sich nicht wieder aufholen lassen. Sinnvoller ist es, auch in Krisen an der ursprünglich gewählten Strategie festzuhalten und die Aktienquote weitgehend konstant zu belassen. Anleger, die das so handhaben, schreiben schneller wieder schwarze Zahlen. Ein Survival-Kit für Anleger.

Das wichtigste dieses Artikels in Kürze

Viele Anleger verkaufen, wenn die Kurse fallen. Doch damit ruinieren sie sich langfristig ihre Performance.
Anleger sollten sich deshalb bewusst machen, dass Krisen zum Aktienmarkt dazugehören.
Langfristig ließen sich an den Weltaktienmärkten Jahresrenditen von rund 7 Prozent erwirtschaften. Ein Großteil dieser Rendite entfällt aber auf relativ kurze Phasen mit stark steigenden Kursen.
Solche Phasen lassen sich nicht seriös vorhersagen. Anleger sollten deshalb stets voll investiert bleiben.

Wenn an den Aktienmärkten die Kurse fallen und sich die Medien mit schlechten Nachrichten füllen, geraten viele Anleger ins Grübeln, manche sogar in Panik. Im Angesicht fortschreitender Verluste schreit eine innere Stimme: „Verkaufen, verkaufen, verkaufen!“ Wer diesem Drang nachgibt und der erschreckten Herde folgt, trifft meistens die falsche Entscheidung. Anleger sind in der Regel besser beraten, dem Erfolgsrezept des ehemaligen Dauerbundeskanzlers Helmut Kohl zu folgen, der berühmt und berüchtigt dafür war, politische Krisen einfach auszusitzen.

Die Strategie des Nichtstuns ist an der Börse noch Erfolg versprechender als in der Politik. Nur fällt es vielen Anlegern schwer, diesem Konzept zu folgen. Sie reagieren allzu oft allergisch auf Verluste und verkaufen. Doch für Anleger gibt es eine einfache Methode, diesen Impuls unter Kontrolle zu halten: Sie müssen nur einen nüchternen Blick auf die Fakten werfen.

Kursstürze sind Teil des Aktienmarktes

Krisen sind nichts Außergewöhnliches. Sie gehören zu den Aktienmärkten wie die Wettervorhersage zur Tagesschau. In der Vergangenheit hat es reichlich Crashs gegeben und das dürfte auch in Zukunft so bleiben. Aktien sind eine riskante Geldanlage, die auf lange Sicht von allen liquiden Anlageklassen die höchsten Renditen lieferte. Am Weltaktienmarkt waren das in den vergangenen rund 50 Jahren im Schnitt immerhin etwa 7 Prozent pro Jahr.

Eine plausible Finanzmarkttheorie besagt, dass Risiko und Rendite untrennbar miteinander verknüpft sind. Risiko, das sich nicht von Zeit zu Zeit in Form von Verlusten materialisiert, wäre keins. Je höher das Risiko, desto höher sollte auch die Rendite ausfallen. Risiko, das sich nicht von Zeit zu Zeit in Form von Verlusten materialisiert, wäre keins. Insofern sollte sich jeder Anleger vor dem Aktienkauf bewusst machen, dass es über kurz oder lang zu schmerzhaften Kurseinbrüchen kommen wird. Doch die sind an den Weltaktienmärkten immer nur vorübergehender Natur

Wie groß die Schwankungen am internationalen Aktienmarkt sind, lässt sich aus verschiedenen Perspektiven am Beispiel des MSCI-World-Index veranschaulichen. Das Kursbarometer fasst die Entwicklung von mehr als 1600 Unternehmen aus 23 Industriestaaten zusammen. Von jedem Land bildet der Index etwa 85 Prozent des börsennotierten Gesamtmarktes ab. Der weltweit mit Abstand größte Aktienmarkt ist die USA, deren Konzerne mit einem Anteil von derzeit mehr als 60 Prozent den MSCI World dominieren. Schwellenländer wie China und Brasilien sind in dem Index nicht enthalten. Allen folgenden Berechnungen liegt der sogenannte Total-Return-Net-Index auf Euro-Basis zugrunde. Er enthält alle Dividendenzahlungen nach Abzug der Quellensteuer, welche die Finanzbehörden der einzelnen Länder einbehalten.

Der Weltaktienmarkt in Zahlen

Der MSCI World wird seit Anfang 1970 berechnet – eine Periode von inzwischen 50 Jahren. Im Durchschnitt betrug die Monatsrendite knapp 0,7 Prozent. Im besten Monat (März 1986) warf der Index 16 Prozent Rendite ab, im schlechtesten (Oktober 1987) betrug der Verlust 22 Prozent. Gewinn- und Verlustmonate wechseln sich immer wieder ab, wie die folgende Abbildung zeigt.

Monatsrenditen des MSCI-World-Index seit 1970 in Euro

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net, LIQID-Berechnungen, Stand: 7. Januar 2020.

Die Renditeschwankungen über Ein-Jahres-Zeiträume fallen deutlich höher aus. Es gab Gewinne von mehr als 60 Prozent und Verluste von 40 Prozent – und das innerhalb von nur zwölf Monaten. Die folgende Grafik bildet alle Ein-Jahres-Zeiträume jeweils fortlaufend um einen Monat verschoben ab.

Jahresrenditen des MSCI-World-Index seit 1970 in Euro

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net, LIQID-Berechnungen, Stand: 7. Januar 2020.

Die maximalen Verluste, gemessen von einem erreichten Hochpunkt zum nächsten Tiefpunkt, waren noch größer. Der höchste betrug 54 Prozent. Der Abschwung setzte im Frühjahr 2000 ein, als viele Anleger rund um den Globus das Vertrauen in astronomisch bewertete Technologieunternehmen verloren. 31 Monate dauerte die Talfahrt. Danach gingen 13,5 Jahre ins Land, bis die Verluste wieder ausgeglichen waren.

Die verlustreichsten Abstürze des MSCI-World-Index

Verlust in % Dauer des Abschwungs Beginn Ende Auslöser Verlust-Ausgleich nach …
-54 31 Monate September 00 März 03 Geplatzte Technologieblase 13 Jahren und 6 Monaten
-52 24 Monate Januar 73 Dezember 74 1. Ölkrise 8 Jahren und einem Monat
-48 16 Monate November 07 Februar 09 Weltweite Finanzkrise 5 Jahren und 3 Monaten
-36 13 Monate September 89 September 90 Rezession in den USA, Irak-Krise 3 Jahren und 11 Monaten
-28 3 Monate September 87 November 87 Börsencrash in den USA 16 Monaten
-21 20 Monate Juli 76 Februar 78 4 Jahren

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net in Euro, LIQID-Berechnungen, Stand: 7. Januar 2020.

Trotz solcher gewaltigen Rückschläge stieg der MSCI World Total Return Net seit seinem Start im Durchschnitt um 7 Prozent pro Jahr. Denn auf jeden Crash folgte in der Vergangenheit eine Erholung, bei der der Index neue Höchststände erreichte. Die attraktiven Langfristrenditen kommen vor allem dank der zuvor beschriebenen außerordentlich starken Steigerungen über relativ kurze Phasen zustande. Diese gilt es als Anleger auf keinen Fall zu verpassen. Deshalb ist es so wichtig, dass Anleger stets investiert bleiben – über alle guten und schlechten Börsenphasen hinweg.

Wertentwicklung des MSCI World inklusive Dividenden nach Quellensteuern in Euro (logarithmierte Skala)

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net, Stand: 7. Januar 2020.

Anleger, die in den Index investierten und 15 Jahre an ihrer Anlage festhielten, machten keinen Verlust, egal wann sie eingestiegen waren (siehe Abbildung unten). Jeder Punkt auf der roten Linie zeigt die durchschnittliche Rendite pro Jahr, die ein Anleger in den zurückliegenden 15 Jahren erzielt hätte. Im besten Fall war das ein Gewinn von 15 Prozent pro Jahr, im schlechtesten 1,5 Prozent. Im Schnitt betrug die Rendite über alle 15-Jahres-Zeiträume rund acht Prozent. Zum Vergleich sind noch einmal die Jahresrenditen abgebildet. Die Daten zeigen: Aktien sind eine langfristige Anlage. Über kurze Zeiträume ist die Verlustgefahr sehr hoch. Doch je länger ein Anleger investiert ist, desto geringer wird das Risiko.

Die langfristige

MSCI World: Durchschnittliche Renditen über 15 Jahre und Jahresrenditen im Vergleich in Euro

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net, Summit-Berechnungen, Stand: 7. Januar 2020.

Der Versuch, Crashs zu umgehen, kostet meistens Rendite

Nun werden sich viele die Frage stellen, warum sie nicht einfach verkaufen sollten, wenn die Aktienkurse zu fallen beginnen, um dann später wieder zu günstigeren Preisen einzusteigen, wenn der Crash vorüber ist. Auf diese Weise ließe sich die Rendite erheblich anheben – zumindest theoretisch.

In der realen Welt lassen sich Aktienkursentwicklung aber nicht mit Sicherheit vorhersagen. Nehmen wir an, der Markt fällt um fünf Prozent. Dann weiß niemand, ob die Kurse nicht noch um weitere 40 Prozent fallen werden oder schon morgen wieder nach oben drehen. Das gleiche Problem stellt sich beim Wiedereinstieg. Angenommen der Markt ist um 25 Prozent gefallen und dann wieder um vier Prozent angestiegen: Ist das die Trendwende oder nur eine sogenannte Zwischenerholung, nach der es noch einmal viel tiefer bergab geht? Seriöse Berater und Marktbeobachter können solche Fragen nur mit einem Achselzucken beantworten.

Das Bestreben, mit geschickten Ein- und Ausstiegen oder Umschichtungen in andere Anlageklassen höhere Renditen zu erzielen, nennen Fachleute Market-Timing. Ein riskantes Unterfangen, an dem so gut wie alle Anleger auf Dauer scheitern. Und wenn sie daneben liegen, ist der Schaden oft erheblich: Die Rendite des Investors sinkt unter den Durchschnitt. In der Praxis verkaufen die meisten Privatanleger zu spät und steigen zu spät wieder ein – oder geben schlimmstenfalls sogar ganz auf und bleiben auf ihren Verlusten sitzen.

Wie gefährlich Market-Timing ist, illustriert eine weitere Analyse des MSCI World Total Return Net. Rechnet man nur die zehn besten Monate mit den höchsten Kursgewinnen heraus, sinkt die Durchschnittsrendite von sieben auf 4,6 Prozent. Bemerkenswert sind die Relationen: Wer bis Ende 2015 nur zehn von insgesamt 557 Monaten dem Markt fernblieb, das entspricht 1,8 Prozent der Gesamtzeit, verlor 35 Prozent der Durchschnittsrendite. Anleger, die in den besten 20 Monaten nicht investiert waren, büßten sogar 60 Prozent der Durchschnittsrendite ein. Statt 7 Prozent erzielten sie nur 2,8 im Jahr.

Ein Großteil der Index-Rendite wird in nur wenigen Monaten erwirtschaftet

Quelle: MSCI, Index: Total Return Net, LIQID-Berechnungen, Stand: 7. Januar 2020.

Man könnte einwenden, dass es schon mit dem Teufel zugehen müsste, ausgerechnet in den besten Monaten kein Aktienportfolio zu halten. Tatsache ist jedoch, dass die großen Gewinne, die die Durchschnittsrendite nach oben ziehen, an wenigen Handelstagen erzielt werden, die häufig kurz nach Kurstiefs folgen. Also dann, wenn viele Anleger nicht investiert sind, weil sie wenige Wochen oder Monate zuvor in Panik verkauften.

Im August 1990 verlor der MSCI World beispielsweise zehn Prozent. Im darauffolgenden September noch einmal elf Prozent. Dann ging es ein bisschen rauf und runter. Und im Februar und März 1991 schoss der Markt schließlich um zwölf und acht Prozent nach oben. Wer versucht, Krisen zu umschiffen und ehrlich zu sich selbst ist, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit eingestehen müssen, dass er diese Spitzenmonate verpasst hätte. Zuvor ausgestiegen wären die Meisten aber vermutlich erst nach einem Minus von 15 Prozent. Denn in dieser Größenordnung schwankte der Index in der Vergangenheit im Durchschnitt um seinen Mittelwert.

Generell wird bei Kursverlusten von bis zu 20 Prozent von Korrekturen gesprochen. Sie kommen meist abrupt. Ihre Ursache ist häufiger in der Psychologie von in Panik verfallenen Anlegern zu suchen als in wirtschaftlichen Gründen. Übersteigen die Verluste 20 Prozent, handelt es sich nach gängiger Definition um einen Bärenmarkt. Diese haben meist tatsächlich wirtschaftliche Ursachen – zum Beispiel eine lang anhaltenden Rezession.

Was die Daten nahelegen, fasst Charles D. Ellis, einer der großen Weisen unter den Anlagestrategen Sie müssen unbedingt engagiert sein, wenn der Blitz einschlägt.und Finanzbuch-Autoren, in seinem Bestseller „Winning the Loser's Game“ zusammen: „Die Lektion ist klar: Sie müssen unbedingt engagiert sein, `wenn der Blitz einschlägt´. Aus diesem einfachen Grund ist Market-Timing eine wirklich abwegige Idee.“

Dennoch gibt es zumindest einen vernünftigen Grund, den Aktienmärkten zeitweise den Rücken zu kehren. Nämlich dann, wenn man die Bewertungen für hoffnungslos überzogen hält. Wer davon überzeugt ist, sollte einen Teil seiner Aktien verkaufen. Um die Jahrtausendwende gab es beispielsweise so eine Phase, in der Anteilsscheine an zum Teil wertlosen Unternehmen zu absurd hohen Preisen gehandelt wurden. Davon kann aktuell aber keine Rede sein.

So meistern Anleger jede Krise

Auf Market-Timing zu verzichten, bedeutet aber nicht, dass sich Anleger den Aktienmärkten schicksalsergeben ausliefern müssen. Wer konsequent an einer gut durchdachten Strategie festhält, meistert jede Krise. Dazu gehört bei passiv verwalteten Anlageportfolios ein regelmäßiges Rebalancing. Es sorgt dafür, dass die Aktienquote im Depot weitgehend konstant bleibt. Bei einem Börsenabsturz geht der Aktienanteil im Portfolio zurück, weil die Anteilsscheine weniger wert sind. Mit Umschichtungen oder frischem Kapital werden beim Rebalancing im Abschwung Aktien nachgekauft. Das führt ein Portfolio schneller wieder in die Gewinnzone im Vergleich zu einem Depot, das ein Anleger einfach laufen lässt.

Wer aktives Portfolio-Management betreibt, kann Aktien nachkaufen, wenn die Märkte ein attraktives Bewertungsniveau erreicht haben, und dabei auch die Aktienquote erhöhen. Das ist ebenfalls eine Form von Market-Timing, aber sie ist auf lange Sicht nicht schädlich. Wer mit neuen Käufen so lange wartet, bis die Märkte wieder angestiegen sind, hat möglicherweise das Beste verpasst."Der Nachteil dieser Strategie ist, dass sich die Verluste zunächst kurzzeitig vergrößern können. Denn wer mit neuen Käufen so lange wartet, bis die Märkte wieder angestiegen sind, hat möglicherweise das Beste bereits verpasst (siehe oben). Jedenfalls sollten Anleger nicht darauf hoffen, dass sie exakt den Tiefpunkt treffen. Falls das doch einmal gelingen sollte, war es Glück.

Wichtig ist auch, die Verluste einzelner Anlageklassen nie isoliert zu betrachten. Entsprechend ihrer Risikoneigung verteilen vernünftige Anleger ihr Geld auf stark schwankende Anlageklassen wie Aktien und weniger stark schwankende Anlageklassen wie Anleihen. Bei einem Crash an den Aktienbörsen fällt der Verlust für den Anleger dann deutlich geringer aus.

Fazit: Anleger, die in Aktien investieren, sollten sich bereits vor dem Kauf bewusst machen, dass es früher oder später zu einer Marktkrise kommen und nicht nur nach oben gehen wird. Wer im Abschwung verkaufen muss, weil er dringend Kapital benötigt, hat ein schwerwiegendes Problem: Er muss Buchverluste realisieren, die dann nicht mehr aufholbar sind. Um solche Verluste zu vermeiden, sollte Anleger nur Geld in Aktien investieren, das sie für die nächsten fünf bis zehn Jahre nicht benötigen. Nur so lässt sich eine Krise entspannt durchstehen.