Es liegt in der menschlichen Natur, dass man sich mit Erfolgen gerne brüstet, über Misserfolge aber zumeist den Mantel des Schweigens ausbreitet – erst recht bei der Geldanlage. Nicht so die renommierte Beteiligungsgesellschaft Bessemer: Sie bekennt sich offen zu grandiosen Anlagechancen, die sie verpasst hat. Ihr sind damit gigantische Gewinne entgangen. Aus diesen verpassten Chancen hat Bessemer ein „Anti-Portfolio” zusammengestellt.

Wenn zwei Anleger auf einer Party auf das Thema Aktien zu sprechen kommen, dann überbieten sie sich gerne gegenseitig mit den Erfolgen, die sie an der Börse erzielt haben. Stets hatten beide den richtigen Riecher, haben zugegriffen als die Gelegenheit günstig war und sind selbstverständlich wieder rechtzeitig ausgestiegen, bevor sich der Wind gedreht hat – natürlich nicht ohne zuvor einen dicken Gewinn einzustreichen. Misserfolge haben Anleger, die sich auf Partys unterhalten, nie erlebt – jedenfalls können sie sich bei solchen Anlässen beim besten Willen nicht daran erinnern.

Dabei erleiden Privatanleger in Wahrheit überdurchschnittlich viele Misserfolge an der Börse. Das hat weniger mit mangelndem Wissen als mit psychologischen Faktoren zu tun. So halten sie vielfach an schwachen Aktien fest, weil diese nachdem sie stark gefallen sind, günstig zu sein scheinen oder weil die Anleger es nicht übers Herz bringen, sich von einer Verlustposition zu trennen.

Entgangene Gewinne oft noch schlimmer als Verluste

Doch Misserfolge erleiden Anleger an der Börse nicht nur mit Kursverlusten, sondern auch mit entgangenen Gewinnen: Wer eine Chance nicht nutzt oder sich zu früh von einer Aktie trennt, die später stark steigt – macht unter Umständen ein noch schlechteres Geschäft als ein Anleger, der dabei zusieht, wie seine Aktien immer weiter fallen.

Nur wenige Anleger gestehen sich das ein – und noch weniger tun das öffentlich. Doch es gibt wohltuende Ausnahmen. Eine davon ist Bessemer Venture Partners, eine der ältesten US-amerikanischen Beteiligungsgesellschaften, die nach eigenen Angaben ein Vermögen von 4,5 Milliarden Dollar verwaltet – ein Unternehmen also, das durchaus einen Ruf zu verlieren hat.

Einstieg bei Apple und Google verpasst

Auf seiner Webseite hat Bessemer ein „Anti-Portfolio” veröffentlicht. Wobei der Begriff Anti-Portfolio etwas irreführend ist: Misserfolge erleiden Anleger an der Börse nicht nur mit Kursverlusten, sondern auch mit entgangenen Gewinnen Er klingt nach Wertpapieren, die man unbedingt meiden sollte. Stattdessen listet Bessemer namhafte, sehr erfolgreiche Firmen auf, die alle eines gemeinsam haben: Die Beteiligungsgesellschaft hat es versäumt, frühzeitig in sie zu investieren. Zum Teil hätte sie schon vor deren Börsengang nennenswerte Anteile an diesen Unternehmen erwerben können und die Aktien damit zu einem noch günstigeren Preis als Anleger bekommen können, die im Zuge des Börsengangs eingestiegen sind.

Der Beteiligungsgesellschaft sind damit gigantische Gewinne entgangen, wie sie freimütig einräumt. Zu den Unternehmen, bei denen Bessemer den rechtzeitigen Einstieg verpasst hat, zählen unter anderem Apple, Google, Facebook, Tesla, Ebay, Intel und Paypal.

Drei der genannten Unternehmen zählen heute zu den teuersten Konzernen der Welt. So bringt es der iPhone-Hersteller Apple aktuell auf einen Börsenwert von über eine Billion Dollar und ist damit das wertvollste Unternehmen überhaupt. Alphabet, die Holding des Suchmaschinenbetreibers Google, kommt auf gut 700 Millionen Dollar und das soziale Netzwerk Facebook auf knapp 400 Milliarden Dollar. Doch auch die anderen genannten Unternehmen sind ein sehr vielhübsches Sümmchen wert: Der Chiphersteller Intel bringt es auf rund 210 Milliarden Dollar, der Bezahldienstleister Paypal auf gut 100 Milliarden Dollar, Der Elektroautohersteller Tesla auf rund 45 Milliarden Dollar und das Auktionshaus Ebay immerhin auf rund 30 Milliarden Dollar (Stand: 23.10.2018)

Nicht ohne Selbstironie bemerkt Bessemer auf seiner Webseite: „Hätten wir in irgend eines dieser Unternehmen investiert, würden wir heute möglicherweise nicht mehr arbeiten.”

Fatale Fehleinschätzungen

Doch Bessemer belässt es nicht bei dieser launigen Bemerkung, sondern beschreibt im gleichen selbstironischen Tonfall für jedes dieser Unternehmen, wie sich die Gelegenheit zum Einstieg ergab und warum sie nicht genutzt wurde. Bessemer: Hätten wir in irgend eines dieser Unternehmen investiert, würden wir möglicherweise heute möglicherweise nicht mehr arbeiten. Demnach hatte Bessemer die Chance, ein Apple-Aktienpaket noch vor dem Börsengang im Jahr 1980 zu erwerben. Damals lag die Bewertung von Apple bei rund 60 Millionen Dollar – also in etwa um den Faktor 18.000 niedriger als heute. Doch Bessemer-Mitgründer Neill Brownstein bezeichnete Apple damals als „sündhaft teuer” und lehnte den Einstieg bei den Kaliforniern ab.

Ebenso fatal verlief die Fehleinschätzung von Facebook. Im Sommer 2004, also im Gründungsjahr des sozialen Netzwerks, traf der Bessemer-Manager Jeremy Levine auf einem Wochenend-Workshop auf Facebook-Mitbegründer Eduardo Saverin. Der versuchte hartnäckig, ihn von dem Facebook-Projekt zu überzeugen, doch Levine winkte nur ab. Als Saverin nicht locker ließ, kanzelte Levine ihn regelrecht ab: „Junge, hast du noch nicht von Friendster gehört? Lass dir etwas anderes einfallen, es ist vorbei”. Dazu muss man wissen: Friendster war zu der Zeit als Facebook entstand schon zwei Jahre alt und galt damals als das wichtigste soziales Netzwerk weltweit. Das Unternehmen brachte es aber später nie zu herausragender Bedeutung und wurde schließlich aufgelöst.

Auch von Google wollte Bessemer anfangs nichts wissen. Dabei hätte sich eine perfekte Gelegenheit geboten, schon ganz früh einzusteigen: Das war 1999, also nur zwei Jahre nach der Gründung von Google. Eine Studienfreundin von Bessemer-Manager David Cowan hatte sich vorgenommen, diesen unbedingt mit den Google-Gründern Sergey Brin und Larry Page bekannt zu machen. Die beiden werkelten damals noch buchstäblich in einer Garage, die Cowans Freundin ihnen vermietet hatte. „Diese beiden wirklich smarten Stanford-Studenten arbeiten gerade an einer Suchmaschine”, warb die Freundin für die Google-Gründer. Doch Cowan reagierte nur voller Sarkasmus: „Wie kann ich dieses Haus verlassen, ohne in die Nähe der Garage zu kommen”, fragte er sie.

Im Jahr 2006 traf Byron Deeter, ein anderer ranghoher Bessemer-Mitarbeiter, das Team von Tesla und machte eine Testfahrt. Von dem Auto war er begeistert, er wollte es unbedingt haben und tätigte sofort eine Anzahlung. Doch in das Unternehmen, das rote Zahlen schrieb, wollte er nicht investieren. „Es ist eine Win-Win-Situation”, schrieb Deeter. „Ich bekomme ein tolles Auto und andere Investoren bezahlen dafür”.

Auch Warren Buffett räumt immer wieder Fehler ein

Bessemer steht übrigens nicht allein mit seiner Beichte. Auch ein noch berühmterer Investor hat schon mehrmals zugegeben, Fehler begangen zu haben. Die Rede ist von keinem Geringeren als Warren Buffett, einem der erfolgreichsten Investoren der Gegenwart. Auf dem jährlichen Aktionärstreffen seiner Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway 2018 erklärte Buffett: „Ich habe die falschen Entscheidungen zu Google und Amazon getroffen. Wir haben uns diese beiden Unternehmen angeschaut. Ich habe den Fehler gemacht, nicht zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass die Perspektive für diese beiden Unternehmen deutlich über ihren Bewertungen lagen.” Spätestens als Microsoft-Gründer Bill Gates ihm empfahl, nicht mehr die damals noch gebräuchliche Suchmaschine Altavista, sondern Google zu verwenden, hätte ihm ein Licht aufgehen müssen, bemerkte Buffett selbstkritisch.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Buffett räumte auf dem Aktionärstreffen auch ein, Amazons Potenzial sowohl das Einzelhandelsgeschäft als auch das Cloud Computing, revolutionieren zu können, völlig unterschätzt zu haben. „Schon als ich Jeff (gemeint ist Amazon-Chef Jeff Bezos) traf, hatte ich eine sehr hohe Meinung von seinen Fähigkeiten und trotzdem habe ich ihn unterschätzt”, gab Buffett zu. Er habe Amazon von Anfang an verfolgt und war der Meinung, dass das was Jeff geschafft habe, mit einem Wunder zu vergleichen sei. „Das Problem ist, wenn ich denke, dass etwas wie ein Wunder ist, dann neige ich dazu, nicht darauf zu wetten”, so Buffett.

Doch Buffett sparte auch schon früher nicht mit Selbstkritik. So wirft er sich noch heute vor, bei einem seiner Lieblingsinvestments, dem Getränkehersteller Coca-Cola, nicht früher eingestiegen zu sein.Buffett wirft sich heute noch vor, bei einem seiner Lieblingsinvestments, dem Getränkehersteller Coca-Cola, nicht früher eingestiegen zu sein Nachdem Buffet den Schuhhersteller Dexter im Jahr 1993 kaufte, urteilte er 2008, dass er viel zu viel bezahlt habe – statt dem eigentlichen Kaufpreis von 433 Millionen Dollar zahlte Buffett effektiv 3,5 Milliarden Dollar. Der Grund: Er beglich den Kaufpreis nicht in bar, sondern zahlte mit eigenen Aktien, die im Zeitverlauf an Wert gewannen. Rückwirkend war der Schuhhersteller so im Jahr 1993 mit 216 Milliarden US-Dollar bewertet. Ziemlich viel für ein Unternehmen, das nur wenige Jahre später seine Produktion einstellen sollte.

Noch härter mit sich selbst ins Gericht ging Buffett im Jahr 1999. Damals erklärte er, seine Aktienkäufe- und -verkäufe seien so schlecht gewesen, dass es für die Aktionäre seines Unternehmens besser gewesen wäre, wenn er stattdessen zu den Börsenhandelszeiten einfach ins Kino gegangen wäre.

Was Anleger daraus lernen können

Von den Beichten Bessemers und Buffetts können alle Anleger lernen – vor allem demütig zu sein. Niemand ist vor Fehleinschätzung gefeit, selbst der erfolgreichste Investor nicht. Anleger, die sich dessen bewusst sind, agieren vorsichtiger, hinterfragen sich öfter und lernen schneller aus ihren Fehlern. Bisweilen kommen sie dabei zu dem Schluss, dass es für sie auf Dauer sinnvoller sein kann, die Verwaltung ihres Vermögens nicht mehr selbst in die Hand zu nehmen, sondern Profis zu überlassen.