ETF sind enorm beliebt. Kein Wunder, denn ihre Vorteile liegen auf der Hand: günstige Kosten und die Sicherheit für den Anleger, praktisch 1:1 an der Marktentwicklung zu partizipieren. Doch so paradox es klingt: Von der zunehmenden Beliebtheit der ETF werden am Ende die aktiven Fonds profitieren.

Der Boom der börsengehandelten Indexfonds (ETF) scheint unaufhaltsam. Jahr für Jahr stecken die Anleger rund um den Globus mehr Geld in diese passiven Anlageprodukte. Eine Entwicklung, die nicht wirklich verwundert angesichts der klaren Vorteile von ETF: Weil sie keinen teuren Fondsmanager benötigen, sind sie sehr kostengünstig (in der Regel fallen nur 0,5 Prozent Jahresgebühren an, oft auch noch deutlich weniger), sie sind transparent, weil sie Indizes wie zum Beispiel den DAX genau abbilden und bieten Anlegern damit die Sicherheit, an der Entwicklung dieses Index ziemlich genau zu partizipieren.

Steigt zum Beispiel der DAX in einem Jahr um zwölf Prozent, kann der Anleger davon ausgehen, dass ein DAX-ETF in etwa auch in diesem Maße zulegt. Fällt der DAX dagegen um zehn Prozent, vollzieht der ETF die Abwärtsbewegung ebenfalls. Die Konstruktion und Funktionsweise von ETF macht sie für Anleger also berechenbar und vertrauenswürdig. Denn Anleger, die auf ETF setzen, können sich darauf verlassen, dass ihr Investment mit dem Gesamtmarkt mithält. Allerdings ist damit auch ausgeschlossen, dass sie mit ETF Überrenditen zum Marktdurchschnitt erzielen. (Faktisch schneiden ETF aufgrund der Gebühren in der Regel auf lange Sicht minimal schwächer als die Indizes ab, an denen sie sich orientieren, aber das fällt für Anleger nicht besonders stark ins Gewicht).

Über vier Billionen Dollar Volumen

ETF gibt es erst seit zwei Jahrzehnten. Dennoch haben sie sich längst durchgesetzt und bringen es bereits auf ein globales Volumen von über vier Billionen Dollar.
Leidtragende des ETF-Booms sind die Emittenten von aktiv gemanagten Fonds. Kein Wunder. Denn die Kosten von aktiven Fonds sind in der Regel wesentlich höher. Üblicherweise behalten die Emittenten von Kleinanlegern 1,5 Prozent Verwaltungsgebühren pro Jahr ein. Darüber hinaus ist beim Erwerb ein Ausgabeaufschlag von bis zu fünf Prozent auf die eingesetzte Summe üblich. Hinzu kommt: Sofern es sich um Aktienfonds handelt, gelingt es nur wenigen aktiven Fonds dauerhaft, den Index zu schlagen, an dem sie sich messen. Die meisten aktiven Aktienfonds schneiden sogar schlechter ab als ihr Vergleichsindex, nicht wenige sogar deutlich. Bei Anleihenfonds sehen die Statistiken etwas anders aus: Ihnen gelingt es deutlich häufiger den Markt zu schlagen.
Dennoch: Die Kosten und auch zu großen Teilen die Performance sind zwei Argumente, die insgesamt eindeutig gegen aktive Fonds sprechen – und für ETF.

Quelle: Morningstar Direct

Was für den einzelnen Anleger also durchaus sinnvoll ist, kann aber für den Gesamtmarkt problematisch werden. Davor hat ausgerechnet der Vater des passiven Investments, John Bogle, ausdrücklich gewarnt. Bogle, der als erster großer Vermögensverwalter mit seiner Fondsgesellschaft Vanguard konsequent auf ETF setzte, sagt nun: „Wenn jeder nur noch in Indizes investiert, dann kann man das nur als Chaos, Katastrophe beschreiben.“ Das klingt nach einer radikalen Kehrtwende Bogles. Schließlich hatte er sein Konzept zuvor jahrelang gegen Kritiker verteidigt.

Vernünftige Preisbildung an den Märkten wird erschwert

Bogle steht mit seiner Warnung nicht allein. Srichander Ramaswarmy von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnte schon vor Jahren, dass ETF zunehmend zum Problem für die Marktstabilität werden könnten. Und der berühmte Spekulant Carl Icahn warnte sogar, dass der weltgrößte ETF-Anbieter Blackrock eine Gefahr für das Finanzsystem darstelle.
Hinter solch düsteren Prophezeiungen steckt die Sorge, dass die Märkte irgendwann nicht mehr funktionieren, wenn immer mehr Anleger nur noch auf Indexfonds setzen und nicht mehr zwischen guten und schlechten Aktien unterscheiden, sondern einfach den Markt abbilden.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Denn wenn immer weniger Marktteilnehmer eine eigene Meinung zu ihren Anlageobjekten hätten, werde eine vernünftige Preisbildung am Markt irgendwann unmöglich, so die ETF-Kritiker. Denn ein funktionierender Markt brauche Anleger mit positiver und mit negativer Meinung zu jedem Wertpapier. Indexfonds aber seien meinungsneutral. Sie kauften lediglich, wenn ihnen Mittel zufließen und verkauften, wenn Anleger Geld abziehen. Dadurch entstehe ein Herdentrieb, der dazu führe, dass sich Trends an der Börse und damit die Kursausschläge (Volatilitäten) verstärken.

Und kämen die Kurse erst einmal kräftig ins Rutschen, drohten ETF aufgrund ihrer Marktmacht den Absturz noch zu beschleunigen, befürchten die Kritiker. Denn dann gebe es keine oder nicht mehr genügend aktive Anleger, die sich dem Trend entgegenstemmen. Erschwerend komme hinzu, dass Indexfonds im Gegensatz zu aktiven Fonds immer voll investiert seien: Würden die Anleger infolge eines Kurssturzes Geld abziehen, bekämen die ETF ein Liquiditätsproblem und müssten sofort Wertpapiere verkaufen. Damit verstärkten sie den Abwärtstrend. Bei einem besonders heftigen Kurssturz könne es sogar passieren, dass sie es gar nicht schaffen, alle Verkaufswünsche von Anlegern zeitnah zu erfüllen. Denn schließlich müssten sie ja auf der Gegenseite Käufer finden, die ihnen in großer Anzahl Wertpapiere abnehmen.

Ein Ereignis vom August 2015 bestätigte die ETF-Kritiker. Damals stürzten die Märkte an einem Tag massiv ab. Weil viele ETF es nicht schafften, so viele Wertpapiere zu verkaufen, wie die Anleger wünschten, trat die Situation ein, dass die Kurse dieser ETF noch deutlich stärker fielen als die Indizes, an denen sie sich messen. Nach wenigen Tagen kam der Kurs dieser ETF aber wieder ins Lot.

Psychologische Falle

Aktiven Fonds kann das, zumindest in diesem Ausmaß, nicht passieren. Denn anders als ETF halten sie meistens eine bestimmte Menge an Liquidität. Damit verhindern sie, dass sie bei fallenden Kursen sofort Wertpapiere abstoßen müssen oder können solche Gelegenheiten sogar nutzen, um billiger Wertpapiere hinzuzukaufen. Sie können also gegen einen Abwärtstrend wirken oder einen solchen zumindest abschwächen.

Darüber hinaus entpuppten sich ETF für viele Anleger als psychologische Falle, monieren Kritiker. Denn die Tatsache, dass bei ihnen keine Ausgabeaufschläge, sondern nur niedrige Börsentransaktionsgebühren anfallen verleite viele Anleger dazu, mit ihnen zu zocken, um minimale Kursbewegungen auszunutzen. Doch der Schuss gehe meist nach hinten los. Das paradoxe Ergebnis: Obwohl ETF eigentlich den Markt abbilden, schafften es viele Privatanleger mit ETF noch weniger als mit aktiven Fonds, mit der Marktentwicklung mitzuhalten.

Was bedeutet das ganze nun für Anleger? Auch ETF sind nicht völlig risikolos. Doch die Risiken bedrohen eher das System und die Märkte, weniger den einzelnen Investor – sofern er sich nicht dazu verleiten lässt, mit ETF zu zocken. Um gar nicht erst in Versuchung zu geraten, das zu tun, können Anleger ihr Geld einem digitalen Vermögensverwalter anvertrauen, der es ihrer individuellen Risikotragfähigkeit entsprechend weltweit auf ausgesuchte ETF oder auch auf aktive Fonds verteilt. Denn aktive Fonds können trotz der höheren Kosten in bestimmten Situationen einen Mehrwert bieten.

Eine Frage der persönlichen Präferenz

Zudem erwachsen aus der Flut von ETF wieder neue Chancen für aktive Fonds. Denn deren Fondsmanager können künftig zum Beispiel übertriebene Kursstürze, die, wie oben beschrieben, durch die Wirkung von ETF noch verstärkt werden, nutzen, um sich günstig mit Wertpapieren einzudecken. Noch aussichtsreicher als in der Vergangenheit könnte es für aktive Fonds künftig auch sein, sich auf Wertpapiere zu spezialisieren, die nicht in den bedeutenden Indizes vertreten sind und deshalb von den ETF links liegen gelassen werden. Solche Wertpapiere können allein aus diesem Grund unterbewertet sein und deshalb eine Chance auf Überrendite bieten.

Letztlich ist es eine Frage der persönlichen Präferenz des Anlegers, ob er auf eine reine ETF-Strategie setzen will oder auf eine Strategie, die ETF sinnvoll mit aktiven Fonds kombiniert. Digitalen Vermögensverwaltern, die ausschließlich Anlagen in ETF oder nur in aktiven Fonds anbieten, sollten Anleger deshalb mit Skepsis begegnen. Denn auch in der Welt der Fonds ist nicht alles schwarz oder weiß.