In zahllosen Liedern schwärmen Männer von schönen Frauen. Doch wovon schwärmen schöne Frauen, wenn sie singen? Nicht von gutaussehenden Männern, sondern von funkelnden Diamanten. „Diamonds are a girl’s best friends“, klärte uns Marilyn Monroe 1953 auf. „Diamonds are forever“ lobpries Shirley Bassey 1971 und „Shine bright like a diamond“ schmetterte Rihanna 2012 – um nur einige der bekanntesten Lieder aus unterschiedlichen Jahrzehnten zu erwähnen, in denen es um den begehrtesten aller Edelsteine geht.

Was die Edelsteine für die Damenwelt – und auch für einige gut betuchte Herren – so anziehend macht, ist neben ihrer Schönheit ihre Seltenheit, ihre Beschaffenheit und ihre Eigenschaften. Denn Diamanten entstehen durch das Zusammenspiel gewaltiger Naturkräfte im glühenden Erdinneren in mehreren Hundert Kilometern Tiefe. Bei der Abkühlung der Schmelze des Vulkangesteins Kimberlit bilden sich Hohlräume, in denen Kristalle wachsen können – die Wiege der Diamanten. Wie sie an die Erdoberfläche gelangen, ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Die ältesten Diamanten sind über vier Milliarden Jahre alt und damit fast so alt wie die Erde selbst. Diamanten sind der härteste Naturstoff überhaupt und dadurch auch für die Verwendung in der Industrie von großer Bedeutung.

Der Preis steigt exponentiell mit dem Gewicht

Das erklärt den hohen Preis von Diamanten, der exponentiell mit dem Gewicht und der Qualität steigt. Ein winziger lupenreiner Drittelkaräter (ein Karat entspricht nur 0,2 Gramm) ist im Handel schon für etwa 800 Euro zu haben, für einen lupenreinen Halbkaräter muss man aber schon mehr als 2.000 Euro bezahlen. Ein lupenreiner Dreiviertelkaräter kostet über 4.000 Euro, ein lupenreiner Einkaräter über 8.000 Euro und ein lupenreiner Zweikaräter sogar rund 30.000 Euro. Der bislang teuerste Diamant der Welt ist der „Pink Star“, der bei einer Auktion in Hongkong im Frühjahr 2017 den Rekordpreis von 71,2 Millionen Dollar (rund 60 Millionen Euro) erzielte. Der Edelstein ist 59,6 Karat schwer und wurde vor 18 Jahren in Südafrika entdeckt. Zum Vergleich: eine Unze (31,1 Gramm) Gold ist aktuell für gut 1.000 Euro zu haben. Damit ist Gold im Vergleich zu Diamanten geradezu ein Schnäppchen.

Synthetische Konkurrenzprodukte

Ob das auch in Zukunft so bleibt, ist nicht gewiss. Denn die Exklusivität des Edelsteins gerät in Gefahr: Heute werden Diamanten auch synthetisch in Fabriken hergestellt. Sie werden so exakt kopiert, dass sie von den mehrere Milliarden Jahre alten Originalen kaum mehr unterschieden werden können: Ihr Aussehen und ihre Beschaffenheit ist vollkommen identisch.

Das streiten auch diejenigen nicht ab, die mit den natürlichen Diamanten ihr Geld verdienen, so wie Ulrich Freiesleben, Chef von Diamondas, einem der größten Händler für Anlagediamanten Europas mit Sitz im belgischen Antwerpen. Zwar gebe es in der Natur unterschiedliche Klassen von Diamanten und die synthetischen Diamanten könnten nur eine dieser Klassen abbilden. Zwischen der entsprechenden Klasse an natürlichen Diamanten und den synthetischen Erzeugnissen gebe es aber mineralogisch keine Unterschiede.

Diamondas vertreibt Diamanten als Geldanlage. Denn in Zeiten von Nullzinsen suchen immer mehr Menschen verzweifelt nach Anlagealternativen. Teure Edelsteine wie Diamanten erscheinen hier vielen als prädestiniert. Wer einen Diamanten zur Geldanlage erwirbt, will sich in der Regel gar nicht an seiner Schönheit erfreuen, sondern lagert ihn in einem dunklen Bankschließfach und holt ihn erst wieder heraus, wenn er ihn – hoffentlich mit Gewinn – wieder verkaufen möchte.

Unterschiede mit bloßem Auge nicht zu erkennen

Ein gutes Geschäft also für Händler wie Diamondas. Wären da nicht die synthetischen Imitate, die den Markt zunehmend überschwemmen und immer billiger werden. „Mit bloßem Auge und auch mit der Lupe sind diese Fabrikate von echten, natürlichen Diamanten nicht zu unterscheiden“, räumt Freiesleben ein. „In besonderen Labors, die Spezialmikroskope einsetzen, können natürliche von synthetischen Diamanten allerdings klar unterschieden werden.“

Dieter Hahn, Chef von Deutschlands ältester Diamantenschleiferei, Ph. Hahn und Söhne im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein, kann genau erklären, wie das gemacht wird: „Bei der Graduierung geschliffener Diamanten werden verschieden Geräte benutzt, um festzustellen, ob der vorliegende Stein natürlichen Ursprungs ist, eventuell Behandlungen unterzogen wurde oder ob er sogar synthetisch ist“, erklärt er. So gebe es Instrumente mit denen man die „Wuchsstruktur“ der Steine erkennen könne. „Bei synthetischen Steinen ist die Wachstumsstruktur eine völlig andere als bei natürlichen“, so Hahn. Und er ergänzt: „Es ist absolut und zwingend vorgeschrieben, dass man alle Behandlungen deutlich offen legt“.

Jeder natürliche Diamant, der den Test besteht, bekommt ein Echtheitszertifikat. Ob so ein Papier aber ausreicht, um den Status des Diamanten auch in Zukunft als werthaltige Vermögensanlage zu erhalten? Oder wird der synthetische Diamant den Mythos des Diamanten zerstören? Nervös ist die Branche jedenfalls. Wie anders ließe sich erklären, dass sie nichts unversucht lässt, um die unliebsame Konkurrenz zu schwächen. So wehrt sie sich zum Beispiel erbittert gegen die Bezeichnung von synthetischen Diamanten als „man-made“, also als „menschengemacht“.

Imageprobleme durch "Blutdiamanten"

Noch haben die synthetischen Diamanten der Nachfrage nach Naturdiamanten nicht geschadet. Nach einem jahrzehntelangen kontinuierlichen Preisanstieg, erfolgte in den letzten Jahren zwar eine kräftige Korrektur. Dieser Preisrückgang hat aber in erster Linie damit zu tun, dass es 2011 zu einer gewissen Übertreibung gekommen war, als Diamanten aus China schlagartig in Mode kamen und dort Schmuckläden wie Pilze aus dem Boden schossen. Dieser Boom kam in den folgenden Jahren zum Erliegen woraufhin der Diamantenpreis wieder deutlich nachgab. (siehe Chart).

Der Preis für Diamanten

Preisentwicklung von hochwertigen 1-Karätern⎮Quelle: Rapaport Diamond Index

Doch was, wenn zum Beispiel die Schmuckindustrie künftig auf die billigeren Kunstdiamanten zurückgreifen sollte, da sie ja von echten nicht zu unterscheiden sind? Diamondas-Chef Freiesleben hält das für ausgeschlossen: „Wer einen Schmuckdiamanten kauft oder verschenkt, will doch einen echten Stein und keinen synthetischen“, ist er überzeugt. Von der jüngsten Preisentwicklung sieht er sich bestätigt: „Sie zeigt, dass nicht Naturdiamanten billiger werden, sondern die synthetischen Produkte“. So hätten künstlich hergestellte Diamanten vor einigen Jahren noch fast so viel wie echte Steine gekostet, inzwischen aber liege ihr Preis bei nur noch etwa 15 Prozent von vergleichbaren Naturdiamanten. Diese Preisentwicklung werde sich fortsetzen, denn die synthetischen Diamanten seien ja beliebig reproduzierbar. Durch den günstigeren Preis würden diese sich natürlich für die Industrie eignen, nicht aber für Anleger.

Ein weiteres Ärgernis für die Branche sind Imageprobleme durch sogenannte „Blutdiamanten“, mit deren Erlös gewalttätige Konflikte in Krisenländern finanziert werden. Seriöse Anbieter wie seine Firma würden gewährleisten, dass ihre Steine von ethisch einwandfreier Herkunft seien, betont Freiesleben – und lenkt das Gespräch wieder auf eine weit sinnlichere Ebene: „Ein Diamant ist wie ein Ferrari“, sagt er. „Sie können ihn in der Garage stehen lassen und einfach auf Wertsteigerung warten oder damit herumfahren“. Damit seine Kunden ihre Steine – analog dem Ferrari-Besitzer – auch nutzen können, statt sie ins Schließfach zu legen, bietet er deshalb über einen Kooperationspartner an, Diamanten zu Schmuck umzuarbeiten.

Nur für Langfristanleger geeignet

Doch auch als reine Geldanlage lohne sich ein Diamant, so Freiesleben: „Aktien und festverzinsliche Wertpapiere sind gut, aber wer sich noch breiter aufstellen möchte, sollte auch Diamanten in Erwägung ziehen.“ In Betracht kämen Diamanten allerdings nur für Langfristanleger, räumt er ein. Denn die Transaktionskosten sind bei Diamanten sehr hoch. Da es sich bei jedem Diamanten um ein Unikat handelt, muss der Händler den Stein genau prüfen, bevor er ihn ankauft.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Diese Prüfung ist durch das Erscheinen der synthetischen Konkurrenzdiamanten noch aufwendiger geworden. Die Diamanten müssen deshalb an Speziallabore geschickt werden. Existiert ein Echtheitszertifikat, entfällt zwar die Laborprüfung, dann muss nur die Authentizität des Zertifikats überprüft werden. Aber auch das verursacht selbstverständlich Kosten und die zahlt der Kunde. Zudem will der Händler natürlich auch etwas verdienen. „Bei uns liegt die Spanne zwischen An- und Verkauf bei ungefähr zehn Prozent“, sagt Freiesleben.

Noch stärker als die Händlerspanne schlägt beim Diamantenkauf für den Kunden allerdings ein weiterer Kostenfaktor zu Buche: die Mehrwertsteuer. Wie bei anderen Konsumgütern auch fallen hier 19 Prozent an. Die bekommt der Kunde nicht zurück, wenn er den Stein später wieder verkauft. Allein wegen der Mehrwertsteuer muss der Diamant also 19 Prozent im Wert zulegen, ehe der Anleger seine Anschaffungskosten wieder hereingeholt hat.

Keine Mehrwertsteuer bei Einlagerung

Es gibt aber eine Alternative für Anleger, die sich die Mehrwertsteuer sparen wollen: „Wer auf den physischen Besitz verzichten kann, für den bieten wir ab 25.000 Euro Anlagebetrag eine zollfreie Lagerung der Diamanten an“, sagt Freiesleben. Die Dienstleistung kostet den Anleger allerdings 1,2 Prozent Gebühren pro Jahr. Die Diamanten werden dann in einer Börse in Antwerpen aufbewahrt. Eigentümer können ihr persönliches Exemplar sogar besichtigen kommen, wenn sie dies wünschen. Andere Händler haben ähnliche Angebote.

Diamanten seien als Geldanlage mit Immobilien zu vergleichen, sagt Freiesleben. „Beide Märkte sind nicht reguliert. Es gibt keine festen Preise. Die sind Verhandlungssache“, sagt er. Der Unterschied: Während ihr Eigentümer auf Wertsteigerungen wartet, muss die Immobilie nicht sinnlos herumstehen. Sie kann zum Wohnen oder für ein Gewerbe genutzt werden. Der Diamant dagegen kann in der Zwischenzeit lediglich die Sinne erfreuen – und im Idealfall vielleicht dazu inspirieren, unvergessliche Lieder zu schreiben.