Die meisten großen technologischen Errungenschaften, welche die Menschheit seit dem Beginn der Industrialisierung hervorgebracht hat, wären ohne sie wahrscheinlich nie realisiert worden: die Aktie. Denn sie ermöglichte es, die enormen Summen aufzubringen, die für die Entwicklung und Optimierung der Eisenbahn, des Automobils, des Flugzeugs, des Computers oder der Smartphones nötig waren.

Am Anfang dieser Geschichte steht eine über 700 Jahre alte Schwedin: die im Jahr 1288 gegründete Kupfermine Stora Kopparbergs Bergslags im Städtchen Falun. Um die Ausbeutung der Mine zu finanzieren, kamen die Gründer auf die Idee, Investoren zu beteiligen. Zu diesem Zweck ließen sie acht Urkunden anfertigen. Jede von ihnen verbriefte ein Achtel der Besitzrechte an der Mine.

Damit war die Aktie praktisch erfunden, auch wenn es noch ein paar Jahrhunderte dauern sollte, bis sie auch so genannt wurde. Die Aktie fußt auf einem ebenso einfachen wie genialen Prinzip: Das Eigentum an einem Unternehmen wird über die Ausgabe von Aktien auf verschiedene Anleger verteilt. Im Gegenzug bringen die Anleger gemeinsam im Verhältnis zur Zahl ihrer Aktien das nötige Kapital auf, um Investitionen zu finanzieren. Was noch vergleichsweise bescheiden mit der schwedischen Kupfermine begann, sollte im Laufe der Jahrhunderte eine einzigartige Erfolgsgeschichte werden. Denn dank der riesigen Mengen an Kapital, die man damit aufbringen konnte, sollte die Aktie maßgeblich an der Entwicklung von bahnbrechenden Erfindungen und der Umsetzung von gewaltigen Projekten erforderlich sind.

Die alte schwedische Kupfermine gibt es übrigens noch heute, sie ist allerdings stillgelegt und zählt zum Weltkulturerbe der Unesco. Auch das Unternehmen, das die Mine betrieb, existiert noch: Nach einer Fusion mit dem finnischen Unternehmen Enso im Jahr 1998 firmiert es mittlerweile unter dem Namen Stora Enso und ist heute das zweitgrößte Forstunternehmen der Welt und eine börsennotierte Aktiengesellschaft. In gewisser Weise existiert die erste Aktie der Welt also noch heute.

Woher der Begriff “Aktie” stammt

Der Begriff “Aktie” entstand im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Er stand für “Anteilsschein” und “Wertpapier”. Zugrunde liegt der lateinische Rechtsbegriff “actio”. Mittels der actio agierte man vor Gericht. Die Aktie ist also begriffsetymologisch so etwas wie ein einklagbarer Anspruch am Vermögen einer Aktiengesellschaft.

Als erste echte Aktiengesellschaft im eigentlichen Sinne gilt die im Jahr 1602 gegründete Verenigde Oostindische Compagnie (VOC). Sie geht auf die Initiative von Amsterdamer Gewürzhändlern zurück, die sich zusammenschlossen, um die Konkurrenz untereinander auszuschalten. Der Aufforderung, Anteile zu erwerben, folgten nicht nur wohlhabende Kaufleute, sondern Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung. Gewürze waren damals sehr kostbar, der Handel damit entwickelte sich zu einem einträglichen Geschäft. Die in dieser Zeit spöttisch als “Pfeffersäcke" bezeichneten Gewürzhändler schickten jährlich bis zu 70 Schiffe auf die Reise bis nach Indonesien – also sprichwörtlich dorthin, wo der Pfeffer wächst.

Um den Bau der Schiffe und die Expeditionen zu finanzieren, wurden private Investoren aufgefordert, Anteile zu zeichnen. Zu diesem Zweck gründete die VOC eine sogenannte Wagnisgesellschaft. Der Aufforderung, Anteile zu erwerben, folgten nicht nur wohlhabende Kaufleute, sondern Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung. Selbst Haushälterinnen und Dienstboten waren dabei. Die Mindestbeteiligung lag bei 50 Gulden. Das entspricht etwa 800 Euro nach heutiger Kaufkraft. Dabei deutete der Begriff Wagnisgesellschaft schon darauf hin, dass es sich um ein mit Risiken behaftetes, spekulatives Vorhaben handelte.

Anteile waren beliebig veräußerbar

Und in der Tat war das Investment ein riskantes Unterfangen für die rund 2.000 Erstanleger. Es war schließlich völlig unklar, ob das Unternehmen Erfolg haben würde und ob die Schiffe überhaupt zurückkommen würden. Für die Anleger war also alles drin: Von gigantischen Gewinnen bis hin zum Totalverlust. Anfangs sah es düster aus. Die ersten Jahre mussten die Anteilseigner ganz auf eine Dividende verzichten. Doch dann gab es kurz hintereinander zwei große Ausschüttungen, die dafür sorgten, dass sich der Wert des Einsatzes der Erstanleger verdoppelte.

Die Anteile an der VOC konnten beliebig weiterveräußert werden. Verkaufte ein Anleger, wurde sein Anteil im Register auf den neuen Eigner umgeschrieben. Die Gesellschaft musste die Anteile nicht zurücknehmen und konnte deshalb dauerhaft mit dem Kapital der Anteilseigner planen. Denn die Anteile an der VOC hatten keine Laufzeit. Zudem waren die Anteilseigner Teilhaber der Gesellschaft und nicht Gläubiger. Das waren die beiden entscheidenden Unterschiede zu den damals schon üblichen Anleihen, bei denen das Geld am Ende der Laufzeit von der Gesellschaft an die Anleger zurückgezahlt werden muss.

Die Ausgabe von Aktien erwies sich als ein wichtiger Faktor für den großen Erfolg der Oostindischen Compagnie in den darauffolgenden Jahrzehnten. Die Gesellschaft kontrollierte schon bald die Gewürzroute von Hinterindien bis nach Europa. Der Erfolg der VOC und ihrer Aktie war aber nicht von Dauer. Der Krieg mit England, schwere Management-Fehler und die wachsende Konkurrenz führten 1799 zur Auflösung des Unternehmens. Von unschätzbarem kulturhistorischen Wert ist, dass noch Originalaktien aus der Anfangszeit erhalten sind. Die älteste erhaltene VOC-Aktienurkunde stammt aus dem Jahr 1606 und hängt heute in der Börse von Amsterdam.

Nach dem Vorbild der Ostindischen Handels-Kompanie wählten schon bald auch andere Handelsgesellschaften den Weg der Kapitalbeschaffung über die Wagnisgesellschaft, so zum Beispiel auch deren großer Wettbewerber, die britische East India Company. Im Lauf der Zeit wurde die Bezeichnung Wagnisgesellschaft dann allmählich durch den Begriff Aktiengesellschaft abgelöst.

Erste deutsche Aktiengesellschaft 1682 gegründet

Ab 1612 wurde die VOC-Aktie an der Börse Amsterdam notiert, der damals wichtigsten Börse der Welt. Bis dahin wurden an Börsen vor allem Waren wie Rohstoffe, landwirtschaftliche Erzeugnisse und Nahrungsmittel gehandelt.Bis 1612 wurden an Börsen vor allem Waren wie Rohstoffe, landwirtschaftliche Erzeugnisse und Nahrungsmittel gehandelt. Eine Vorstufe des Aktienhandels war der Handel mit Wechseln ab dem 16. Jahrhundert. Ein Wechsel war die schriftliche Verpflichtungen eines Schuldners, dem Inhaber des Papiers bei Vorlage oder zu einem festgelegten Zeitpunkt eine bestimmte Summe zu zahlen. Diese Schuldscheine waren nicht an eine Person gebunden und folglich übertragbar. Das erleichterte enorm die Abwicklung von Handelsgeschäften.

Schon bald erkannte man, dass der Kauf und Verkauf von Wechseln einfacher wird, wenn er an einem bestimmten Ort abgewickelt wird. So entstanden Wechselbörsen.

Der Begriff Börse geht auf das niederländische Wort „beurs“ (Geldbeutel) zurück. Dieser Begriff findet sich wieder im Namen der Brügger Kaufmanns-Familie van der Beurs, die drei Portemonnaies im Wappen führte und in deren Haus sich Geschäftsleute trafen, um den Wert von Gold- und Silbermünzen als Zahlungsmittel festzulegen.

Die erste Börse eröffnete denn auch 1409 in Brügge, die zweite 50 Jahre später in Antwerpen. In den folgenden Jahrzehnten eröffneten weitere Börsen in Flandern, den Niederlanden, England und Frankreich. Im 16. Jahrhundert entstanden die ersten deutschen Börsen in den zu damaliger Zeit wichtigen Handelszentren wie Nürnberg und Augsburg, dem Sitz der Familie Fugger.

Ein Vorläufer von Aktien in Deutschland waren die so genannten Kuxe: Das waren Anteile an Bergwerken, mit denen vor allem in Thüringen und Sachsen der Betrieb des Abbaus von Bodenschätzen finanziert wurde. Der Handel mit Kuxen war aber zunächst ein Nebengeschäft an den Wechselbörsen, bevor eigenständige Aktienbörsen gegründet wurden.

Die erste deutsche Aktiengesellschaft war 1682 die von Kurfürst Friedrich Wilhelm gegründete Handelscompagnie auf denen Küsten von Guinea. Diese ging später in der Brandenburgisch Afrikanischen Compagnie auf. Sie handelte an der afrikanischen Küste mit Pfeffer, Elfenbein, Gold und Sklaven. Im 18. Jahrhundert folgten zahlreiche Versicherungsgesellschaften diesem Beispiel und gaben ebenfalls Aktien heraus.

Erstmals wurden Aktien in Deutschland ab 1756 in Berlin gehandelt. Zur wichtigsten deutschen Börse entwickelte sich aber später Frankfurt, wo der Handel im Jahr 1820 begann. Nicht immer brauchen die Börsianer ein festes Gebäude. So trafen sich die Aktienhändler in New York ab 1792 unter freiem Himmel in der Wall Street, um unter Bäumen mit Aktien und Anleihen zu handeln. Aus diesen romantisch anmutenden Zusammenkünften ist die heute größte Wertpapierbörse der Welt geworden.

Großer Durchbruch während der Industrialisierung

Zu dieser Zeit, dem Beginn der Industrialisierung, erlebten Aktien und Börsen den großen Durchbruch in Europa. Denn um Fabriken und Eisenbahnen zu finanzieren, wurde enorm viel Kapital benötigt. Zu den wichtigsten deutschen Aktiengesellschaften dieser Zeit zählte die schon 1685 gegründete Dillinger Hütte: 1809 erteilte Kaiser Napoléon Bonaparte höchstpersönlich die Genehmigung zur Ausgabe von Aktien. Ab 1792 trafen sich die Aktienhändler in New York unter freiem Himmel in der Wall Street, um unter Bäumen mit Aktien und Anleihen zu handeln. Mit den Einnahmen wurden moderne Walzanlagen und Hochöfen angeschafft und damit der Grundstein für eine der bedeutendsten wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten in Deutschland gelegt. Heute ist die Dillinger Hütte das größte Grobblechwerk Europas mit über 5.000 Mitarbeitern. Nach wie vor ist die Dillinger Hütte eine Aktiengesellschaft. Die Anteilscheine werden aber nicht mehr an der Börse notiert, größte Aktionäre sind heute die großen Stahlkonzerne Saarstahl, ArcelorMittal und Stahl-Holding Saar.

Bis 1870 kam es zur Gründung von über 400 Aktiengesellschaften auf deutschem Boden. Die große Mehrheit entfiel dabei auf Eisenbahn-Gesellschaften. Ab 1862 legte das Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch ein einheitliches Aktienrecht fest. 1870 sorgte das neue Aktiengesetz des Norddeutschen Bundes für eine Verschärfung der Regeln. Die Institution des Aufsichtsrats wurde zur Pflicht und der Mindestnennbetrag für Namensaktien wurde auf 150 Mark, für Inhaberaktien auf 300 Mark festgelegt.

Dank dieser gesetzlichen Basis erlebte der Aktienmarkt in Deutschland bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs einen regelrechten Boom. Im Jahr 1909 gab es bereits über 5.000 Aktiengesellschaften. Auch kleinere Firmen nutzten mittlerweile dieses Finanzierungsinstrument. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden die deutschen Börsen angesichts der wachsenden Kriegsgefahr geschlossen, allerdings setzten die Händler den Aktienhandel außerbörslich auch während des Krieges fort. Ab Dezember 1917, also noch vor Kriegsende wurde der Börsenhandel dann wieder zugelassen.

Dennoch war der Aktienboom in Deutschland erst einmal vorbei. Strenge Reglementierungen sorgten für sehr hohe Hürden für die Gründung von neuen Aktiengesellschaften. Ab 1921 durften erstmals auch Frauen die Börse besuchen. Die Börsenmusik spielte aber fortan vor allem in den USA. Der Wirtschaftsboom der 20er Jahre sorgte dort nämlich für kräftige Kursgewinne an der Wall Street. Viele Anleger begannen auf Pump zu spekulieren. Die Kurse kletterten in aberwitzigem Tempo nach oben.

Der Börsenkrach von 1929

Es kam wie es kommen musste: Am 24. Oktober 1929 platzte die Blase. Die Kursverluste an diesem schwarzen Freitag (der in Wahrheit ein Donnerstag war) lösten den bislang größten Börsenkrach der Geschichte aus. Schlagartig war damit das Ende der Goldenen 20er Jahre besiegelt und es folgte die wirtschaftliche Depression der 30er Jahre. Im Juni 1932 hatte der maßgebliche Dow Jones Index fast 90 Prozent im Vergleich zu seinem Hoch von 1929 verloren. Das alte Niveau von 1929 sollte der Dow erst wieder knapp 25 Jahre später erreichen.

Zu einem echten Comeback der Aktie kam es in den 50er Jahren – auch in Deutschland. Aktiengesellschaften wie Siemens, Daimler, BASF und Bayer wurden zu Triebfedern des deutschen Wirtschaftswunders. Hinzu kam eine aktienfreundliche Politik der Bundesregierung, die insbesondere vom damaligen Wirtschaftsminister und späteren Bundeskanzler Ludwig Erhard gefördert wurde. Der Staat wollte sich von einem Teil seines Industriebesitzes trennen und die Beteiligung der Bürger am Produktivkapital fördern. So wurde der Begriff der Volksaktie geprägt. Zu den wichtigsten Volksaktien wurden VW, Veba (heute Eon) und Preussag (heute TUI).

Doch in den folgenden Jahrzehnten ebbte die Begeisterung der Bundesbürger für die Aktie wieder spürbar ab. Das hatte auch damit zu tun, dass die Förderung der Aktienkultur für die Regierungen Kiesinger, Brandt, Schmidt und Kohl keine Priorität hatte. Viel verpassten die Deutschen mit ihrer Scheu vor der Aktie zunächst nicht: Die Phase Mitte der 60er bis zum Ende 70er Jahre war geprägt von einer weitgehenden Stagnation der Aktienkurse. Allerdings verpassten die meisten Bundesbürger auch den Börsenboom, der ab den 80er Jahren einsetzte. Unterbrochen wurde dieser Boom 1987, als es schlagartig zu einem heftigen Crash kam. An einem “schwarzen Montag” im Oktober brachen die Kurse in New York um über 20 Prozent ein und zogen die Aktienmärkte rund um den Globus nach unten. Wie schon 1929 waren die Kurse zuvor sehr schnell und kräftig gestiegen. Der Markt war also überhitzt und die Blase platzte. Im Unterschied zu 1929 aber folgte daraus keine Wirtschaftskrise. Auch dank des beherzten Eingreifens der US-Notenbank Fed, die schnell die Zinsen senkte, erholten sich die Kurse rasch wieder und die Wirtschaft geriet nicht in Mitleidenschaft.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Die Geburtsstunde des DAX

1988 war die Geburtsstunde des Deutschen Aktienindex (DAX). Er misst die Wertentwicklung der 30 wichtigsten deutschen börsengehandelten Unternehmen. Die Erfindung des DAX war zugleich der Startschuss für eine bis dahin nie gesehene mediale Aufmerksamkeit von Aktien und Börse in Deutschland. Der DAX startete am 1. Juli 1988 mit genau 1.000 Punkten.1988 war die Geburtsstunde des Deutschen Aktienindex. Mit den Kursen und dem Interesse der Anleger an Aktien ging es wieder steil nach oben. Ihren Kulminationspunkt erreichte die Börseneuphorie mit den drei Börsengängen der Deutschen Telekom ab 1996 und der sogenannten Dot-Com-Blase der Jahre 1999/2000. Die Bezeichnung Dot-Com-Blase bezeichnete etwas spöttisch das Phänomen, dass Unternehmen damals nur einen gut klingenden technologisch anmutenden Namen haben mussten, der im Idealfall mit “.com” endete, um an der Börse erfolgreich zu sein. Die Blase platzte jäh im März 2000. Die Weltaktienmärkte gingen daraufhin in die Knie.

Mit am schlimmsten waren die Verluste in Deutschland: In den folgenden drei Jahren verlor der DAX rund drei Viertel seines Wertes. Noch schlimmer erwischte es die jungen zuvor gehypten Tech-Aktien. Der Neue Markt, das Börsensegment, das diese Aktien zusammenfasste, verlor etwa 90 Prozent seines Wertes und wurde schließlich aufgelöst. Sein Ruf war zu stark ramponiert. Später wurde der Neue Markt durch den TecDax ersetzt – den es bis heute gibt.

Die Finanzkrise der Jahre 2008/2009 löste den nächsten Crash am Aktienmarkt aus. Noch stärker als die meisten anderen großen internationalen Aktienindizes erwischte es wieder einmal den DAX. Zwischen Ende 2007 und März 2009 verlor er rund 55 Prozent. Am stärksten betroffen waren diesmal Finanzkonzerne. Einige von ihnen haben sich von dieser Krise bis heute nicht erholt. Dem Dow Jones, dem DAX und den anderen großen Aktienindizes rund um den Globus aber geht es heute, trotz zwischenzeitlicher starker Kursschwankungen, wieder blendend – zur Freude all jener Anleger, die ihr Geld breit gestreut am Aktienmarkt investiert haben.