Manche Menschen, die zu Wohlstand kommen, verjubeln ihr Vermögen schnell wieder. Andere bewahren, vermehren und vererben es; und deren Nachkommen handeln genauso. Auf diese Weise entstehen erfolgreiche Dynastien. Gelingt es ihnen, ihren Reichtum dauerhaft zu mehren, festigen sie auch ihre Macht und ihren Einfluss – und überdauern bisweilen Jahrhunderte. Die größten und interessantesten Dynastien der Menschheitsgeschichte wollen wir im Rahmen dieser Serie beleuchten.

Die Wohlhabenden und Mächtigen üben eine einzigartige Faszination auf die Menschen aus – für Jahrhunderte alte Dynastien gilt das ganz besonders. Eines der berühmtesten Familienimperien der Geschichte sind die Medici, die gut 350 Jahre lang die Geschicke von Florenz bestimmten und Einfluss auf ganz Europa ausübten. Mit ihnen wollen wir diese Serie eröffnen.

Die Medici haben alles zu bieten: unvorstellbaren Reichtum, Päpste, Kardinäle, Königinnen und einen Sinn für die schönen Künste und die hohen Wissenschaften. Sie förderten Größen wie Michelangelo, Botticelli, Leonardo da Vinci oder Galilei. Doch zur Geschichte der Medici gehören auch unvorstellbare Abgründe: Intrigen, Verbrechen, sogar Mord und Totschlag – Stoff für unzählige Kriminalromane und düstere Thriller. Bis heute gehen Historiker und Mediziner den Geheimnissen der Medici nach. Sie analysieren Erbgut aus Skeletten und suchen nach verdächtigen Stoffen darin, um herauszufinden, welch unnatürlichen Todes das eine oder andere Familienmitglied gestorben ist.

Die Geschichte der Medici ist untrennbar mit der italienischen Stadt Florenz verbunden. Ende des 13. Jahrhunderts wanderten die ersten Medici aus dem Mugello, einer Region im Norden der Toskana, in die Stadt am Arno. Dort brachten sie es dank erfolgreichem Textilhandel zu Wohlstand und zugleich erlangten einige Familienmitglieder Ämter in der Signoria, der Stadtregierung.

Der Aufstieg

Salvestro de Medici (1331-1388)

Erstmals öffentlich in Erscheinung traten die Medici in Gestalt von Salvestro de Medici, dem es es gelang, das einflussreiche Amt des Gonfaloniere zu erklimmen, dem höchsten Posten in der Signoria. Kurzzeitig übte Salvestro sogar diktatorische Macht aus, allerdings wurde er 1382 aus Florenz verbannt. Die Medici waren damals zwar eine wohlhabende, aber noch nicht die führende Kaufmannsfamilie in Florenz. Das waren zu dieser Zeit die Bardi und die Peruzzi.

Giovanni di Bicci De Medici (1360-1429)

Zu nennenswertem Ruhm und Reichtum brachte es als erster Medici erst etwa 100 Jahre später Giovanni di Bicci. Ende des 14. Jahrhunderts gründete er in Florenz eine Bank und legte damit den Grundstein für ein Familienimperium, das ganze Epochen entscheidend prägen sollte. Seine Medici-Bank sollte es später zur ersten Finanzmacht in Europa bringen: Gemeinsam mit seinem Sohn Cosimo knüpfte di Bicci ein Bankennetz, das fast ganz Europa umspannte und von London bis Konstantinopel reichte. Wichtigster Kunde der Bank: der Papst. Giovanni di Bicci brachte es zum zweitreichsten Mann der Stadt und übernahm Stück für Stück die Macht in Florenz.

Dabei sollte es uneingeschränkte Machthaber in Florenz eigentlich gar nicht geben. Denn die Stadt war damals ein republikanischer Stadtstaat mit oligarchischen Strukturen: Die Mitglieder der Signora wurden nicht gewählt, sondern aus einer Liste von 2.000 Bürgern aus einem amtlichen Lederbeutel per Los ermittelt.

Stammbaum der Medici

Cosimo de Medici (1389-1464)

Mit Beharrlichkeit sorgten die Medici dafür, dass dieses “Wahlsystem” in ihrem Sinne verändert wurde. Die Liste der potenziellen Kandidaten für die Signora wurde auf nur noch rund 70 Personen verkleinert – alles treu ergebene Gefolgsleute der Medici. Treibende Kraft war Cosimo von Medici. Er lieh einflussreichen Familien Geld und machte sie damit gefügig. Denn sie mussten das Geld nicht zurückzahlen, sondern durch politische Gefälligkeiten abarbeiten. Die Zeitschrift Wirtschaftswoche hat sich übrigens den Spaß erlaubt, das Vermögen Cosimos nach heutiger Kaufkraft zu errechnen und kommt auf sagenhafte 450 Milliarden Dollar. Demzufolge war sein Vermögen mehr als dreimal mehr wert als das des heute reichsten Menschen der Erde, Amazon-Gründer Jeff Bezos.

Lorenzo de Medici (1449-1492) und Giuliano de Medici (1453-1478)

Doch wer so mächtig ist, hat auch Feinde. Diejenigen in der Florentiner höheren Gesellschaft, die am perfiden Machtsystem der Medici nicht teilnehmen konnten, sannen nach Rache. Dies mussten die Brüder Lorenzo (genannt “Il Magnifico” - “der Prächtige”) und Giuliano de Medici am eigenen Leibe erfahren. Sie waren die vierte Generation des Bankier-Clans der Medici und zählen zu den einflussreichsten Medici überhaupt. Durch die Unterstützung großer Künstler wie Sandro Botticelli trugen sie maßgeblich zum Renommee von Florenz als eine der wichtigsten Kulturmetropolen Europas bei. Ostern 1478 wurden die beiden Brüder im Dom von Florenz Opfer eines Mordanschlags, bei dem Giuliano starb, Lorenzo sich aber schwerverletzt retten konnte. Seine Rache war fürchterlich: Lorenzo sorgte dafür, dass etwa 100 Hintermänner, Mitläufer und Missliebige hingerichtet wurden. Zur Abschreckung wurden ihre Leichen in die Fenster des Palazzo della Signoria gehängt.

Giulio de Medici alias Clemens VII. (1478-1534) und Giovanni dalle Bande Nere (1498-1526)

Unter den Medici gab es jedoch nicht nur mächtige Geschäftsleute, sondern auch Söldner, die sich dem meistbietenden Feldherren verdingten, wie Giovanni dalle Bande Nere. Der wurde 1526 vom französischen König Franz I. angeworben, um gegen die Soldaten von Kaiser Karl V. zu kämpfen. Auf dem Schlachtfeld wurde Giovanni so schwer verletzt, dass er amputiert werden musste und bald darauf starb. Später stellte sich heraus, dass an ihm absichtlich gepfuscht worden war. Als Drahtzieher wird kein geringerer als Giulio de Medici vermutet, der 1523 zu Papst Clemens dem VII. gekrönt worden war.

Der Höhepunkt

Cosimo I (1519-1574)

Cosimo I gilt als derjenige, der die Macht der Medici auf ihren Zenit führte. Bei seiner Geburt steckte der Familienclan in einer tiefen Krise: 1494 waren die Medici aus Florenz vertrieben, ihr Palazzo geplündert und ihr Vermögen konfisziert worden. Zugleich festigten sie in Rom ihre Macht: 1513 wurde Lorenzos Sohn Giovanni zu Papst Leo X. gekrönt, zehn Jahre später folgte ihm der bereits erwähnte Clemens VII. Es handelte sich um den unehelichen Sohn des im Dom von Florenz ermordeten Giuliano. 1530 ließ Clemens VII. Florenz mithilfe kaiserlicher Truppen erobern und setzte seinen (mutmaßlichen) Sohn Alessandro als Herzog ein. Der wurde allerdings sechs Jahre später von Lorenzino – einem anderen Medici – ermordet, der damit seinen Anspruch auf den Thron durchsetzen wollte. Nach der Ermordung Alessandros wurde der damals 17-jährige Cosimo an die Macht gewählt und später vom Papst zum Großherzog der Toskana ernannt. Damit hatten die Medici endlich erreicht, was sie schon immer wollten: Nicht mehr nur heimliche Strippenzieher sein, sondern legitime Machthaber. Cosimo I. führte die Erbherrschaft der Medici ein. Damit war die Macht des Clans vorerst gefestigt.

Cosimo stand zwar auf der einen Seite für ein Florenz in einer nie dagewesenen Pracht und Reichtum, andererseits aber auch für hässliche Gewaltorgien. Zahlreiche Verwandte Cosimos I. segneten innerhalb kürzester Zeit das Zeitliche. Offiziell waren sie alle an Malaria gestorben, doch viel spricht dafür, dass dies nur ein Vorwand war und Cosimo die Verwandten – wohl aus selbstsüchtigen Motiven – ermorden ließ.

Caterina de Medici (1519-1589)

Was wäre eine berühmte Dynastie ohne ihre Frauen? Die bedeutendste Vertreterin der Medici war wahrscheinlich Caterina. Immerhin brachte sie es dank ihrer Heirat mit Heinrich dem II. auf den Thron der Königin von Frankreich. Nach dem Tod Heinrichs 1559 regierte sie das Land faktisch, da ihre Söhne noch minderjährig waren. In Erinnerung geblieben von ihrer Herrschaft ist allerdings in erster Linie eine Gräueltat: in der Bartholomäusnacht vom 23. August 1572 ließ Caterina tausende französische Protestanten (die sogenannten Hugenotten) ermorden. Immerhin steht Caterina auch für einige kulturelle Errungenschaften Frankreichs. So wird der Damensattel, der es ihr erlaubte, an Jagden teilzunehmen, auf sie zurückgeführt. Auch sorgte Caterina dafür, dass die bis dahin als eher rustikal geltende französische Küche von der italienischen Kochkunst beeinflusst wurde und begründete damit ihren bis heute andauernden Weltruhm.

Der Abstieg

Ferdinando I (1549-1609)

In Sachen Verwandtenmord stand Cosimos Sohn Ferdinando I seinem Vater in nichts nach. Zumindest weisen starke Indizien darauf hin, welche durch eine Exhumierung, die erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts vorgenommen wurde, zum Vorschein kamen: Viel spricht dafür, dass er seinen Bruder Francesco und dessen Frau Bianca vergiften ließ, um selbst an die Macht zu gelangen. In den Geweberesten der beiden Toten – die ebenfalls angeblich an Malaria gestorben waren – wurde jedenfalls Arsen nachgewiesen. Als Herrscher galt Ferdinando aber als gerecht, tolerant und großzügig. Von den Naturwissenschaften war er so fasziniert, dass er seinen Sohn Cosimo II. vom berühmten Astronomen Galileo Galilei in Mathematik unterrichten ließ und ihn dafür großzügig honorierte. Galileo dankte den Medici, in dem er die Jupitermonde, die er entdeckt hatte, “Mediceische Gestirne” nannte.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Ferdinando gilt als der letzte wirklich bedeutende Vertreter der Medici. Nach seinem Tod ging es allmählich bergab mit der schillernden Dynastie. Auch wenn es den Medici weiterhin gelang, einige ihrer Familienmitglieder in europäische Königshäuser einzuheiraten. So ging Maria, die Tochter des (wahrscheinlich) von Ferdinando ermordeten Francesco, die Ehe mit Heinrich IV. von Frankreich ein und wurde so nach Caterina die zweite aus der Medici-Dynastie stammende Königin von Frankreich. Die aus dieser Verbindung stammenden Töchter Henrietta Maria und Elisabetta wiederum heirateten in das englische und spanische Königshaus ein.

Anna Maria Ludovica (1667-1743)

Doch dann ging es mit den Medici zu Eende – weil ihnen die Nachkommen ausgingen. Als letzte Medici gilt Anna Maria Ludovica, die wie ihre Geschwister kinderlos blieb. Als Ehefrau von Johan Wilhelm war Anna Maria Kurfürstin von der Pfalz. Sie starb 1743 angeblich an Syphilis. Späteren Erkenntnissen zufolge war die tatsächliche Todesursache aber Brustkrebs. Mit ihrem Tod fand die schillernde Familiengeschichte des Medici-Clans ein jähes Ende. Die Paläste und Kunstschätze der Familie hinterließ Anna Maria der Stadt Florenz, die vor allem dank der Medici bis heute als eine der Welthauptstädte der Kultur gilt.