Am 15. September 2018 jährte sich zum zehnten Mal die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers. Sie wurde zum Sinnbild der Finanzkrise, deren Folgen bis heute nachwirken. Auch die Aktienmärkte gerieten infolge der Krise gewaltig unter Druck. Doch Anleger, die einfach investiert blieben, steckten die Verluste gut weg und stehen heute sogar deutlich besser da als vor der Krise.

Die Bilder gingen um die Welt und haben sich tief in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation eingegraben: Angestellte der US-Investmentbank Lehman Brothers, die mit Umzugskartons und Einkaufstüten in den Händen fluchtartig die Zentrale des Geldhauses an der 7th Avenue in New York verlassen.

Es war Montag, der 15. September 2008. Am Morgen desselben Tages hatte das 158 Jahre alte Traditionsinstitut, das weltweit rund 25.000 Mitarbeiter beschäftigte und zu den größten Investmentbanken überhaupt zählte, Insolvenz angemeldet.
Fast alle Mitarbeiter wurden auf der Stelle entlassen. Sie mussten sofort ihre persönlichen Habseligkeiten zusammenpacken und aus dem Bankgebäude herausschaffen. Einige hatten ihre Sachen, gewissermaßen im vorauseilenden Gehorsam, schon am Vortag weggebracht, am Sonntag, als die Gerüchte über eine unmittelbar bevorstehende Insolvenz immer konkreter wurden.

Die Lehman-Pleite wurde wie kein anderes Ereignis Sinnbild der Finanzkrise, die gut ein Jahr zuvor ihren Anfang genommen hatte. Sie beschleunigte den Absturz an den Aktienmärkten, der schon zu Beginn des selben Jahres begonnen hatte auf massive Weise und zog rund um den Globus dramatische wirtschaftliche Verwerfungen nach sich. Diese sind bis heute nicht gelöst. Die anhaltende Euro-Krise und die noch immer historisch einmalig niedrigen Zinsen sind ihre sichtbarsten Zeichen in der Gegenwart.

In Deutschland waren die Folgen besonders stark zu spüren. Zahlreiche Banken gerieten auch hier in Not. So stand zum Beispiel die Commerzbank am Rande der Pleite und konnte nur dank massiver Staatshilfen gerettet werden. Aber auch andere Branchen bekamen gewaltige Probleme. Autobauer wie Daimler und BMW meldeten massive Gewinneinbrüche. Ihre Aktienkurse rauschten in den Keller.

Die Ursachen der Krise reichen Jahrzehnte zurück

Doch wie konnte es zu dieser dramatischen Finanz- und Wirtschaftskrise kommen? Um das zu verstehen, muss man weit zurückgehen – und zwar bis in die 70er Jahre, als der Demokrat Jimmy Carter US-Präsident war.

Carter setzte sich zum Ziel, dass sich möglichst jeder Amerikaner sein eigenes Häuschen leisten können sollte und wollte insbesondere wirtschaftlich benachteiligten Minderheiten per Gesetz dazu verhelfen, sich den Traum von den eigenen vier Wänden zu erfüllen. Kurz nach seinem Amtsantritt unterschrieb er 1977 den Community Reinvestment Act, der US-Banken dazu verdonnerte, bestimmte Bevölkerungsgruppen bei der Kreditvergabe nicht mehr zu benachteiligen. Denn besonders für Afroamerikaner war es damals fast unmöglich, ein Darlehen zu erhalten: Sie galten als unsichere Kunden, denn sie hatten kaum Vermögen.

So hatten viele Banken damals ganze Stadtviertel mit hohem Schwarzen-Anteil auf die rote Liste gesetzt. Dieses „Redlining“ wollte Carter beenden. Banken, die das neue Gesetz nicht befolgten, mussten damit rechnen, dass ihnen Steine bei der Eröffnung neuer Filialen in den Weg gelegt oder Fusionsanträge nicht bewilligt würden.

Für Kritiker hatte Carter damit den ersten Schritt in die Krise getan: „Man hat die Banken praktisch gezwungen, Leuten Geld zu leihen, die kein Geld hätten bekommen dürfen, weil sie nicht kreditwürdig waren“, sagte der frühere republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus, Ron Paul.

Auch Reagan, Clinton und Greenspan ebneten der Krise den Weg

Verantwortliche lassen sich allerdings auch im anderen politischen Lager finden. So verschärfte Carters republikanischer Nachfolger Ronald Reagan die unheilvolle Entwicklung – obgleich er eigentlich ein ganz anderes Ziel verfolgte. Im Gegensatz zu Carter ging Reagan davon aus, dass sich der Staat möglichst aus der Wirtschaft heraushalten sollte. Sein Credo lautete: „Die Regierung löst keine Probleme, sie ist das Problem“. Unter Reagan erhielten die Banken mehr Freiraum, die staatliche Aufsicht über sie wurde gelockert. Das ermöglichte es ihnen, weniger restriktiv bei der Kreditvergabe zu werden.

Carters Parteigenosse Bill Clinton wiederum griff in den 90er Jahren dessen Idee wieder auf, auch die Ärmeren zu Hausbesitzern zu machen. Als Clinton Präsident wurde, lebten 70 Prozent der Weißen in ihren eigenen vier Wänden, aber nur 40 Prozent der Schwarzen. Um das zu ändern, drängte Clinton die halbstaatlichen Großbanken Fannie Mae und Freddie Mac – die übrigens von seinem Vorgänger George Bush (Senior) gegründet wurden – dazu, billige Kredite an Minderheiten zu vergeben.

Zugleich führte Clinton auch Reagans Deregulierungspolitik fort. Auf seine Initiative hin wurde die seit mehr als sechs Jahrzehnten geltende Trennung von Geschäfts-, Investmentbanken und Versicherern beendet. Banken, die sich bis dahin auf Spar- und Girokonten beschränkt hatten, durften nun plötzlich mit riskanten Finanzprodukten wie Derivaten und Credit Default Swaps (CDS), mit denen sich Käufer normalerweise gegen die Zahlungsunfähigkeit eines Kunden schützen, handeln. Zudem entzog Clinton den Handel mit Derivaten der staatlichen Kontrolle – ein Fehler, wie er heute zugibt. Er habe damals geglaubt, dass Derivate derart komplex seien, dass sie nur für eine Hand voll Investoren in Frage kämen und deshalb keiner besonderen Aufsicht bedürften.

Doch auch der damalige Chef der US-Notenbank (Fed) Alan Greenspan, der einen geradezu ikonenhaften Ruf genoss, trug seinen Teil dazu bei, der Finanzkrise den Weg zu bereiten. Unter seiner Führung senkte die Fed den US-Leitzins zwischen 2001 und 2003 drastisch von 6,5 Prozent auf nur noch 1,0 Prozent. Greenspan wollte damit die US-Wirtschaft wieder ankurbeln, die nach dem Platzen der Dot-Com-Blase kurz nach der Jahrtausendwende in die Rezession gerutscht war. Dank des niedrigen Leitzinses, durch den sie sich nun extrem günstig refinanzieren konnten, wurden die Banken in die Lage versetzt, ihrerseits die Hypothekenzinsen massiv zu senken. Baufinanzierungen gab es teilweise jetzt schon für 1,5 Prozent. Zum Vergleich: In den 70er Jahren mussten die Amerikaner noch Hypothekenzinsen im zweistelligen Bereich zahlen. Durch die billigen Kredite wurde plötzlich für viele Menschen ein Eigenheim scheinbar erschwinglich, die sich das vorher nicht leisten konnten.

Carter, Reagan, Clinton und Greenspans Politik schufen also die Voraussetzungen für einen beispiellosen Boom am Immobilienmarkt: Die lockeren Regeln und das billige Geld verführten die Banken dazu, aggressiv für Hypothekenkredite zu werben. Bei Zinssätzen, die nur noch um die ein Prozent betrugen, musste sich die Kundschaft nicht lange bitten lassen. Was viele Häuslebauer dabei nicht bedachten: Diese super-niedrigen Zinsen wurden nur für die ersten drei bis fünf Jahre festgeschrieben. Danach waren oftmals deutlich höhere Zinsen vorgesehen. Und das sollte vielen das Genick brechen.

Faule Kreditpakete machen die Lage explosiv

Viele Jahre ging aber alles gut. Von 1997 bis 2006 stiegen die Hauspreise um rund 125 Prozent. Nicht nur die meisten Käufer, auch viele Banken hielten den Kauf eines Eigenheimes deshalb für ein risikoloses Investment. Bei der Kreditvergabe wurden sie immer leichtfertiger. Selbst wer kein Eigenkapital und kein festes Einkommen hatte, bekam in der Regel jetzt problemlos einen Kredit. Diese Darlehen an zweifelhafte Kunden wurden später als Subprime Mortgages bezeichnet, also als Hypotheken schlechter Bonität. Darin sah kaum jemand ein ernsthaftes Risiko, da die Immobilienpreise ja permanent stiegen. Dadurch war der Kredit zunächst immer durch das Häuschen abgedeckt.

Das ganze System ging also von ewig steigenden Immobilienpreisen aus. Für die Banken bedeutete das, dass sie keinen Anreiz mehr dazu hatten, der Insolvenz der Kreditnehmer durch sorgfältige Prüfung vorzubeugen. Sollten Kunden pleitegehen, bräuchten sie nur deren im Wert gestiegene Häuser zu verkaufen und würden immer noch Profite machen. Die Hauskäufer fühlten sich angesichts der scheinbar ewig steigenden Preise ebenfalls sicher, obwohl sie immer mehr für ihr Häuschen bezahlen mussten: Kostete ein Eigenheim 2001 noch etwa das Dreifache eines Jahreseinkommens, war es 2006 schon fast das Fünffache. Das konnte nicht ewig gut gehen.

Eine Erfindung vom Ende der 80er Jahre sorgte zusätzlich dafür, dass die Banken trotz immer leichtfertigerer Kreditvergabe und der stetig sinkenden Bonität der Kreditnehmer nicht unruhig wurden. Sie hatten nämlich einen Weg gefunden, zweitklassige Hypotheken zu Wertpapieren(Mortgage-backed Securities – MBS) zu bündeln und diese weiterzuverkaufen, womit sie sich auch gleich neue Einkommensquellen erschlossen. Im Grunde stand dahinter ein sinnvoller Gedanke. Denn durch die Bündelung minimieren sich theoretisch die Risiken: Fällt ein Kredit aus, wird das durch die anderen Kredite in dem Paket aufgefangen. Die Ausfallwahrscheinlichkeit der einzelnen Kredite ist im Preis einkalkuliert.

Während des Immobilienbooms nach der Jahrtausendwende stieg die Zahl der MBS sprunghaft an, aber die Qualität dieser Papiere wurde immer bedenklicher. Doch das beunruhigte die Banker nicht. Stattdessen trieben sie das Spiel weiter und schnürten noch riskantere Kreditpakete: Collateralized Debt Obligations – CDOs. Das waren Wertpapiere, die mit MBS besichert waren und das Kunststück fertigbrachten, durch Bündelung aus einer Vielzahl riskanter Wertpapiere ein gutes zu machen – zumindest in der Theorie. Faktisch wurden auf diese Weise nur faule Kredite, die diesen Wertpapieren zugrunde lagen, in eine saubere Verpackung gesteckt. Doch das änderte nichts daran, dass die Kredite faul waren. Durch dieses Manöver gelang es aber mehrere Jahre lang, die Risiken, die in diesen faulen Krediten steckten, zu verschleiern. Selbst hoch angesehene Ratingagenturen wie Moody’s und Standard & Poor’s gingen den findigen Subprime-Pakete-Tüftlern auf den Leim und vergaben den CDOs unangemessen hohe Ratings.

Gier treibt Deutsche Geldinstitute in den Subprime-Markt

Für die Banken hatten die CDOs noch einen weiteren Vorteil. Sie konnten diese in eigens dafür gegründete Zweckgesellschaften auslagern. Dadurch erschienen sie nicht mehr in der Bankbilanz und das gab ihnen die Möglichkeit, wieder neue Kredite vergeben zu können, ohne ihr Eigenkapital zu erhöhen. Der Verkauf dieser strukturierten Kreditpakete war für sie dadurch ein nahezu risikoloses Geschäft, mit dem sie hohe Provisionserträge erzielen konnten. Allein im Jahr 2007 wurden CDOs im Volumen von 634 Milliarden Dollar ausgegeben. Das entsprach ironischerweise in etwa der Bilanzsumme der Lehman-Bank.

Doch die Banken wurden noch kreativer. Aus Sorge, Investoren könnten durchschauen, welch faule Kredite hinter den CDOs stecken, entwickelten sie im Jahr 2005 noch undurchschaubarere Anlagevehikel mit der Bezeichnung CDO-Squared. Es handelte sich um CDOs, die durch die Tranchen anderer CDOs besichert waren. Ihre Struktur war so komplex, dass Käufer keinen Überblick mehr darüber hatten, welche Wertpapiere überhaupt enthalten waren. Einigen Investmentbanken gelang es über diese Instrumente, sich noch von einem großen Teil ihrer faulen Kredite zu trennen. Neben den CDOs und CDO-Squared setzten die Banken auch in inflationärem Ausmaß CDS ein, also die Instrumente zur Absicherung von Zahlungsausfällen, die Clinton in unbegrenztem Maße zugelassen hatte. Sie sorgten dafür, dass sich die Banken, die enorme Kreditrisiken eingegangen waren, sicher fühlten. Doch es war eine trügerische Sicherheit.

Denn all diese Maßnahmen ließen die Immobilienblase weiter anschwellen und verschärften die ohnehin schon explosive Gemengelage. Insgesamt soll der Markt für synthetische Kreditpapiere aller Art, die sich später als wahrer Giftmüll in den Bilanzen derjenigen herausstellen sollten, die sie erwarben, unmittelbar vor Ausbruch der Finanzkrise ein Volumen von über 4.000 Milliarden Dollar gehabt haben. Das entsprach fast einem Drittel des damaligen Bruttoinlandsprodukts der USA.

Zu den eifrigsten Käufern dieser toxischen Kreditpakete gehörten übrigens deutsche Banken – und zwar ausgerechnet solche, die eigentlich dafür bekannt waren, ein grundsolides Geschäft zu führen, wie zum Beispiel die börsennotierte Düsseldorfer Industriekreditbank (IKB). Die Manager der Bank konnten der Verlockung der hohen Renditen, die damit zu erzielen waren, schlicht nicht widerstehen. Ließen sich die bis dahin eher bescheidenen Erträge der Bank damit doch so wunderbar aufpäppeln und die Aktionäre beglücken. Doch auch deutsche Großbanken, Sparkassen und fast alle Landesbanken engagierten sich bei Subprime-Krediten. Nicht selten wurden sie dazu von Politikern gedrängt, die in ihren Aufsichtsräten saßen. Verschont davon blieb einzig allein die Hessische Landesbank, die zu dieser Zeit knapp bei Kasse war, weil sie gerade die Frankfurter Volksbank gekauft hatte.

Warum das Risiko der Giftpapiere unterschätzt wurde

Doch wie konnte so vielen ausgewiesene Experten, angefangen bei den Rating-Agenturen bis hin zu den Spezialisten bei Banken und Versicherungen rund um den Globus eine derart grobe Fehleinschätzung der Risiken von CDOs und anderen verbrieften Kreditpaketen unterlaufen? Eine These lautet: Eine mathematische Formel war schuld. Genauer gesagt, nicht die Formel selbst, sondern die falsche Anwendung dieser Formel. Diese war von dem aus China stammenden Finanzexperten David X. Li entwickelt worden, um es Banken und institutionellen Anlegern zu ermöglichen, abzuschätzen, wie riskant die Anlage in korrelierte Wertpapiere ist – also in Wertpapiere, von denen zu erwarten ist, dass ihre Wertentwicklung von Kennzahlen abhängt, die zwischen den Wertpapieren zum Gleichlauf tendieren. Dabei sei aber nicht zur Kenntnis genommen worden, dass diese Formel nicht für extreme Situationen geeignet ist. Li war für seine Formel ähnlich wie Versicherungsmathematiker vorgegangen, die zum Beispiel berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass zwei Ehepartner im gleichen Jahr sterben. Analog schätzte Li die Wahrscheinlichkeit ein, dass mehrere Investoren, die im Besitz von gebündelten Hypotheken sind, simultan insolvent würden.

Die Formel war einfach zu interpretieren. Deshalb wurde sie an der Wall Street gerne genutzt. Li hatte als Indikator für die Risikobelastung von Unternehmen historische Daten über die Zinsen, die diese für Darlehen zahlen müssen, benutzt. Doch diese historischen Daten führten nun in die Irre. Denn insbesondere für den US-Hypothekenmarkt stammten sie aus einem Jahrzehnt, in dem die Preise für Immobilien in die Höhe schnellten und noch keine Krisensignale vorhanden waren. So ist es in normalen Zeiten sehr unwahrscheinlich, dass eine große Zahl von Eigenheimbesitzern gleichzeitig zahlungsunfähig wird. Diese Gefahr war aber in der Spätphase des Immobilienbooms ungleich höher. Doch das berücksichtigten die Anwender der Formel nicht. Eine Formel für die katastrophalen Folgen ihres inkorrekten Gebrauchs verantwortlich zu machen, sei genauso absurd wie Newtons Bewegungsgesetz die Schuld für tödliche Unfälle zuzuschreiben, spottete Li über die Finanzmanager, die nicht richtig mit seiner Formel umgingen.

Doch nicht alle Finanzprofis waren so sorglos. Einige sahen das Unheil durchaus kommen. Manche Banker verwendeten intern für Subprime-Schuldner voller Verachtung den Begriff Ninja – in Anspielung an die Kämpfer des vorindustriellen Japans, die als Meister der Tarnung, der Spionage und des Meuchelmordes galten. Jetzt stand Ninja für „no income, no job, no assets”, also für Menschen, die kein Einkommen, keine Arbeit und kein Vermögen besaßen – außer einem Häuschen, das sie auf Pump gekauft hatten, teils ohne auch nur einen einzigen Dollar Eigenkapital investiert zu haben. Wie der Kredit funktionierte, den man ihnen oft aufgeschwatzt hatte, hatten viele gar nicht verstanden: dass der niedrige Einstiegszinssatz nur ein Köderinstrument war, dieser Zinssatz nach einigen Jahren aber stark steigen würde. Das konnte nicht lange gut gehen.

Wie die Blase platzte

Ab 2006 begannen die Häuserpreise erstmals seit vielen Jahren wieder zu sinken. Etwa zur gleichen Zeit konnten zahlreiche Kreditnehmer den plötzlichen Zinsanstieg nach dem Ende ihrer billigen Köderzins-Phase nicht verkraften. Die Ausfallraten für Hypothekenkredite stiegen. Immer mehr Menschen gerieten in Zahlungsnot und mussten ihr Häuschen an die Bank abtreten. Das brachte 2007 schließlich die Immobilienblase zum Platzen: 2007 wurden 2,2 Millionen Häuser zur Zwangsversteigerung angeboten, 2008 schon 3,2 Millionen und 2009 sogar 4,0 Millionen.

Der Markt brach zusammen, Immobilien verloren schlagartig im Schnitt ein Viertel ihres Wertes. Häuser wurden zur Ramschware. Die Banken blieben auf enormen Summen plötzlich wertlos gewordener strukturierter Kreditprodukte sitzen und hatten dadurch kein Geld mehr, um die Wirtschaft mit Krediten zu versorgen.

Im Juli 2007 erreichte die Subprime-Krise schlagartig Deutschland: Völlig unerwartet musste die Düsseldorfer Industriekreditbank (IKB) eingestehen, dass sie aufgrund von Spekulationen am im CDO-Markt in Schieflage geraten war. Die Pleite der IKB konnte nur durch ein milliardenschweres staatliches Rettungspaket verhindert werden. Im September 2007 geriet der britische Hypothekenkreditgeber Northern Rock durch die Liquiditätsverknappung am Geldmarkt infolge der Subprime-Krise in Liquiditätsprobleme. Daraufhin kam es zu einem Bank-Run: Verunsicherte Kunden zogen massenhaft ihr Geld ab. Erst als die Regierung eine Staatsgarantie für die Kundeneinlagen aussprach, beruhigte sich die Lage.

Im März 2008 geriet dann die US-Investmentbank Bear Stearns, die bereits für drei von ihr aufgelegte Hedge-Fonds Insolvenz hatte anmelden müssen, in einen akuten Liquiditätsmangel. Die US-Notenbank Fed rettete die Bank, indem sie ihr Kredite zur Verfügung stellte. Anschließend übernahm JP Morgan den Konkurrenten. Anfang September 2008 waren es dann die beiden großen US-Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac, denen der Zusammenbruch drohte, weil ihre Hypothekenkredite in großem Umfang notleidend wurden. Auch hier eilte die Regierung zur Hilfe und stellte die beiden Institute unter staatliche Zwangsverwaltung.

Dann kam der 15. September, der Tag als Lehman Insolvenz anmelden musste. Lehman war beim Verkauf von CDOs führend gewesen. Und das hatte der Bank das Genick gebrochen. Diesmal eilte der Staat nicht zur Hilfe. Und das obwohl bis dahin für Giganten wie Lehman immer der Grundsatz “too big to fail” gegolten hatte – zu groß, zu wichtig für das System, um sie fallen zu lassen.

Warum Lehman fallen gelassen wurde

Es gibt unterschiedliche Ansicht darüber, warum man Lehman dennoch über die Klinge springen ließ. Der damalige US-Notenbankchef Ben Bernanke erklärte später, die Fed wäre gar nicht befugt gewesen, Lehman zu helfen. Doch diese Darstellung wird zunehmend in Zweifel gezogen. Als wahrscheinlicher gilt heute: Nach der Rettung von Bear Stearns, Fannie Mae und Freddy Mac wollten Bernanke und der damalige US-Finanzminister Henry Paulson – der pikanterweise früher Chef von Goldman Sachs gewesen war – an dem Erzrivalen von Lehman Brothers bewusst ein Exempel statuieren. Vermutlich fürchteten Paulson und Bernanke um ihre Glaubwürdigkeit, wenn sich der Eindruck verfestigt hätte, dass Bank-Manager risikolos Gewinne einfahren können, Verluste aber vom Staat ausgebügelt werden. Auch die persönliche Abneigung von Paulson und Lehman-Chef Richard Fuld könnte eine Rolle gespielt haben.

Dass ihre Entscheidung womöglich falsch war, ahnten die Verantwortlichen wohl schon nach wenigen Stunden. Denn weltweit reagierten die Aktienmärkte mit einem massiven Kurssturz auf die Lehman-Pleite. Wohl auch deshalb entschloss man sich nur einen Tag später, den angeschlagenen Versicherungsriesen AIG, der auf Kreditausfallversicherungen für Banken spezialisiert war und auch viele Kreditrisiken von Lehman übernommen hatte, zu retten.

Doch auch damit konnten sie die Lawine nicht mehr aufhalten, die sie durch die Insolvenz von Lehman ausgelöst hatten und die in die schlimmste Finanz- und Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg münden sollte. Eine Krise, die bis heute nachwirkt.

Die Folgen in Deutschland

Im Oktober 2008 mussten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück vor laufenden Kameras die Sicherheit der Einlagen der Sparer bei deutschen Kreditinstituten garantieren, um in Deutschland einen Bank-Run zu verhindern. Im November traf sich die G20-Gruppe der Staats- und Regierungschefs der führenden Industrie- und Schwellenländer, um ein umfangreiches Maßnahmenpaket zu beschließen, mit dem ein Absturz der Weltwirtschaft verhindert werden und das Finanzsystem stabilisiert werden sollte. Anfang 2009 musste sich die schwer angeschlagene Commerzbank in die Hände des Staates begeben: Der übernahm 25 Prozent plus eine Aktie an dem Institut und erlangte damit eine Sperrminorität. Bis heute ist der Bund an der Commerzbank, die sich noch immer nicht richtig von ihrer damaligen Krise erholt hat, beteiligt.

Weniger glimpflich kam der deutsche Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) davon, damals wie die Commerzbank immerhin auch ein DAX-Konzern. Die HRE hatte ein waghalsiges Geschäft betrieben. Sie hatte langfristige Darlehen vergeben und diese kurzfristig über den Interbankenmarkt refinanziert. Das ging lange gut. Doch nach der Lehman-Pleite trocknete der Interbankenmarkt nahezu aus, weil sich die Banken gegenseitig nicht mehr über den Weg trauten. Das brachte die HRE in existenzielle Schwierigkeiten. Die Bank wurde zunächst mit staatlichen Garantiezusagen in dreistelliger Milliardenhöhe am Leben erhalten, später aber abgewickelt und unter dem Namen Deutsche Pfandbriefbank neu gegründet. Die Aktionäre der HRE-Bank gingen leer aus und verloren praktisch ihr gesamtes Kapital.

Unter den Landesbanken traf es die WestLB besonders hart. 2009 entsorgte sie Wertpapiere im Volumen von 77 Milliarden Euro in eine Bad Bank, eine Deponie für toxische Kredite. Von ihren Verlusten erholte sich die WestLB dennoch nicht mehr. Mit staatlichen Milliardenhilfen wurde die Bank notdürftig am Leben gehalten und schließlich im Jahr 2012 in drei selbstständige Institute aufgespalten.

Die Folgen für die Weltwirtschaft

Unterdessen fielen die Aktienkurse weltweit in atemberaubender Geschwindigkeit. Bis März 2009 verlor zum Beispiel der Deutsche Aktienindex (DAX) mehr als die Hälfte seines Wertes, verglichen mit dem Jahresbeginn 2008. Von da an ging es mit den Kursen wieder bergauf.

Da die Banken ihre Kreditvergabe infolge der Krise stark einschränkten, kamen viele Unternehmen rund um den Globus nicht mehr an wichtige Finanzierungen heran. Das hinterließ deutliche Spuren in der gesamten Weltwirtschaft. Die globale Konjunktur erlitt einen kräftigen Dämpfer, konnte sich aber wieder relativ schnell erholen. Die Krise war damit aber noch lange nicht gelöst, im Gegenteil. In den Folgejahren verlagerte sich ihr Schwerpunkt zunehmend nach Europa. Griechenland, Italien, Spanien und Portugal, später auch Frankreich gerieten in eine schwere Schuldenkrise. Um die Lage zu stabilisieren, startete die Europäische Zentralbank (EZB) erstmals in ihrer Geschichte ein Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen – das bis heute andauert. Um den Euro zu retten, kündigte EZB-Präsident Mario Draghi 2012 an, die EZB werde alles was nötig ist tun, um den Euro zu retten. Dieses Versprechen gilt heute als der Wendepunkt der Krise. Seitdem haben die Schwankungen an den Finanzmärkten deutlich abgenommen. Die meisten wichtigen Aktienindizes notieren heute auf auf Rekordniveau oder nicht weit davon entfernt. Doch die Krise ist längst noch nicht beigelegt. Das stärkste sichtbarste Zeichen sind die noch immer außerordentlich niedrigen Zinsen, vor allem in der Euro-Zone. Ob diese in absehbarer Zeit wieder auf das Vorkrisenniveau steigen werden, scheint noch immer unwahrscheinlich.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit einer neuen Finanzkrise?

Eine strenge Regulierung der Banken soll heute verhindern, dass es wieder zu Exzessen und zu einer neuen Krise wie damals kommt. Doch erste Bestrebungen gehen dahin, diese Regelungen schon wieder zu lockern. Einer, der dies besonders forciert, ist US-Präsident Donald Trump.

Bleibt die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass heute, zehn Jahre nach der Lehman-Pleite oder in absehbarer Zukunft erneut eine schwere Finanzkrise die Welt erschüttert. Es ist eine Frage, die sich nur schwer beantworten lässt, denn Geschichte wiederholt sich nie – jedenfalls nicht auf die genau gleiche Weise. Krisenanzeichen gibt es auch heute zahlreiche: Immobilien- und Aktienpreise sind wieder hoch, die amerikanischen Banken vergeben wieder leichtfertiger Immobilienkredite. Doch gut möglich ist auch, dass die verantwortlichen Politiker und Notenbanker angesichts der Erfahrungen aus der Vergangenheit rechtzeitig gegensteuern. Heute jedenfalls scheint es unwahrscheinlich, dass man eine systemrelevante Bank wie Lehman Brothers noch einmal sehenden Auges untergehen lassen würde.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Wie Anleger sich darauf einstellen sollten

Und was bedeutet das alles aus Sicht von Anlegern? Hätten sie rechtzeitig vor der Lehman-Pleite ihr Geld von der Börse abgezogen, hätten sie sich erhebliche Verluste ersparen können. Sollte also, wer heute das Gefühl hat, eine ähnliche Krise könnte erneut auf die Welt zukommen, seine Anlagen an den Kapitalmärkten verkaufen oder erst gar nicht investieren?
Eine Reihe von Gründen spricht dagegen: So lässt sich – wie oben beschrieben – zu keinem Zeitpunkt exakt vorhersagen, ob erneut eine Krise droht und falls ja, wann sie ausbricht. Wer heute sein Geld aus Angst vor einem Crash nicht an der Börse investiert, der geht statistisch gesehen ein viel höheres Risiko ein: dass ihm enorme Gewinne entgehen. Zwar sind an den Aktienmärkten immer schwere Rückschläge möglich, auch in dem Ausmaß, wie in der Finanzkrise geschehen. Und einzelne Märkte brauchen viele Jahrzehnte, um sich zu erholen. So notiert zum Beispiel der japanische Nikkei-Index aktuell noch immer nur auf gut der hälfte des Niveaus, das er erreicht hatte, als dort im Jahr 1989, also vor mittlerweile fast 30 Jahren, eine gigantische Spekulationsblase am Aktien- und Immobilienmarkt platzte. Auch haben sich einige Unternehmen nie wieder von einem Kurszusammenbruch erholt, zum Beispiel weil sich die Zeiten geändert hatten und ihr Geschäftsmodell nicht mehr funktionierte.

Doch in ihrer Gesamtheit haben die Welt-Aktienmärkte auf lange Sicht auch die gravierendsten Krisen immer weggesteckt. Aktuell notiert der MSCI World Index, der die Kursentwicklung der wichtigsten Aktien in allen Regionen der Welt widerspiegelt, deutlich über dem Rekordniveau, das er vor Ausbruch der Finanzkrise 2007 erreicht hatte. Anleger, die also seit vielen Jahrzehnten breit diversifiziert weltweit an den Aktienmärkten investiert sind, konnten den Crash nach der Finanzkrise, wie im Übrigen auch den Crash nach dem Platzen der Internet-Blase im Jahr 2000 längst wegstecken. Die Aktienmärkte bieten also trotz starker Schwankungen und gelegentlicher scharfer Rückgänge auf lange Sicht die höchsten Renditen unter den liquiden Anlageklassen. Das aber nur für Investoren, die breit diversifiziert anlegen,langfristig investiert bleiben und in Krisenzeiten einen kühlen Kopf bewahren.

Genauso schwer wie den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg zu finden ist es, den richtigen Zeitpunkt für die Wende zum Positiven zu erkennen. Nur die allerwenigsten Privatanleger und Profis schätzten im März 2009 die Situation so ein, dass es von da an mit den Aktienmärkten wieder langfristig aufwärts gehen würde. Doch genauso kam es: Damals begann ein Aufschwung an den Aktienmärkten, der trotz so mancher kleinerer Rückschläge bis heute andauert.

Für Anleger bedeutet das: Die größte Gefahr für sie ist nicht ein drohender Crash, sondern die, nach einem Ausstieg am Aktienmarkt den richtigen Zeitpunkt für den Wiedereinstieg zu verpassen. Deshalb sollten Anleger mit dem Teil ihres Vermögens, das sie langfristig entbehren können, immer voll investiert bleiben – immer natürlich in dem Maße, wie es die eigene Risikotragfähigkeit zulässt. Ist diese Toleranz hoch, darf der Aktienanteil (oder Aktienfondsanteil) in einem Depot auch hoch sein. Ist sie niedrig, sollte ein Depot überwiegend aus Anleihen (oder Anleihenfonds) bestehen.