Sneakers sind Sportschuhe, die auch im Alltag getragen werden. Um sie ist ein gigantischer Hype entstanden. Bestimmte Exemplare sind so begehrt, dass Liebhaber Tausende von Euro dafür zahlen. Daraus haben Spekulanten ein einträgliches Geschäft gemacht: Sie kaufen die Schuhe zum Listenpreis und verkaufen sie mit Riesengewinn weiter an solvente Sammler. Mühelos lässt sich der schnelle Gewinn allerdings nicht erzielen.

Khalaf Binhamadah [1] kommt regelmäßig nach Berlin. Der 37 Jahre alte Kuwaiter interessiert sich aber weniger für Sehenswürdigkeiten wie das Brandenburger Tor oder das Pergamonmuseum. Vielmehr zieht es Binhamadah immer wieder in einen kleinen, von außen fast unscheinbaren Laden im Stadtteil Charlottenburg. Das Geschäft heißt Solebox und verkauft nur Schuhe – keine gewöhnlichen Schuhe, sondern Sneakers. Das sind sportlich aussehende Schuhe, die im Alltag getragen werden. Sneakers sind schwer angesagt. Um sie ist ein gigantischer Hype entstanden.

James Dean machte die Sneakers in den 50er Jahren populär

Geprägt hat den Begriff Sneakers bereits 1917 ein New Yorker Werbefachmann namens Henry Nelson McKinney: Die Schuhe der Firma Keds, für die McKinney sich einen griffigen Namen ausdenken sollte, waren die ersten, die statt einer Ledersohle eine Gummisohle hatten. Das ermöglichte ihren Trägern ein leises Anschleichen (englisch: to sneak). Das brachte McKinney auf den Begriff Sneakers. Populär wurden sie allerdings erst in den 50er Jahren als das Schauspielidol James Dean sich mit Sneakers ablichten ließ. Millionen Teenager ließen sich davon inspirieren. Von da an trugen Sportschuhe nicht mehr nur beim Sport, sondern auch im Alltag. In den 80er Jahren bekamen Sneakers einen neuen Schub, als der Basketball Star Michael „Air” Jordan eine eigene Kollektion herausbrachte. Er löste einen Boom aus, der bis heute andauert.

Anhänger in jeder Altersklasse

Längst haben Sneakers nicht mehr nur Jugendliche Anhänger. Menschen jeden Alters begeistern sich für die Alltagssportschuhe. Khalaf Binhamadah ist einer von ihnen. „Ich weiß gar nicht genau, wieviel Paar Sneakers ich habe”, sagt der 37-Jährige. „Ich schätze mal es sind so zwischen 100 und 200”. Für das wertvollste Paar das er besitzt, hat er stolze 13.000 Dollar bezahlt: Ein Paar „Nike Air Mags“ aus dem Jahr 2011 Für das wertvollste Paar das er besitzt, hat er stolze 13.000 Dollar bezahlt: Ein Paar „Nike Air Mags“ aus dem Jahr 2011. Um die wertvollen Treter zu erstehen, ist er extra nach Los Angeles gereist. Ursprünglich kosteten diese Schuhe einmal um die 100 Dollar. Ein gutes Geschäft also für den Vorbesitzer, sofern er sie zum Originalpreis erstanden hat.

Doch 13.000 Euro für ein paar Sneakers sind längst noch nicht das Ende der Fahnenstange. So erzielte ein in einem NBA-Finale von Michael Jordan getragenes Paar „Nike Air Jordan 12 Flu Game” bei einer Auktion den Rekordpreis von 104.765 Dollar. Für ein Modell des Schuhs „Nike Air Yeezy 2 Red October” des Rappers Kanye West soll ein Interessent im Internet sogar zwölf Millionen Euro geboten haben.

Sammler beschränken sich auf limitierte Ausgaben

Natürlich sind diese ganz besonderen Modelle die ganz große Ausnahme. Aber nicht selten kommt es vor, dass Sneakers, deren offizieller Ladenpreis bei vielleicht 150 Euro liegt, unter Sammlern sofort für mehrere 1.000 Euro gehandelt werden. Was liegt da für geschäftstüchtige Menschen näher als zu versuchen, an solchen spektakulären Preissprüngen zu verdienen? Und dafür nehmen sie einiges in Kauf. Immer wieder bringen Hersteller so genannnte „Limited Editions“ auf den Markt. Das sind Modelle, die nur in einer streng limitierten Stückzahl gefertigt und verkauft werden. Manchmal sind es weltweit ein paar Hundert, in anderen Fällen nur wenige Dutzend, gelegentlich sind es auch weniger als zehn oder sogar Unikate. Je geringer die Auflage, desto wertvoller der Schuh. Doch nicht immer geben die Hersteller die Stückzahl bekannt. Denn die Unklarheit darüber macht die Sneaker bisweilen noch begehrlicher. Davon kommt natürlich auch dem Image des Herstellers zugute.

Die Shops werden regelrecht belagert

Wird eine „Limited Edition” Sneakers „released”, also kommt sie auf den Markt, erhalten nur ausgewählte Geschäfte wie Solebox einige wenige Exemplare. Diese kündigen den „Release” dann ein paar Tage vorher im Internet an. Das führt dazu, dass oft Dutzende, manchmal sogar Hunderte Interessenten schon in der Nacht vor dem Verkaufsstart oder sogar mehrere Tage lang das Geschäft belagern, in der Hoffnung zum Zuge zu kommen. In der Szene wird dieses Belagern der Shops „Campen” genannt. Manchmal legen die Geschäfte bei solchen „Campouts” (Belagerungen) Checklisten an, auf denen sich die Interessenten zu bestimmten Zeiten immer wieder abhaken lassen müssen.

  • Passioninvestments Sneaker

    Limited Editions werden nur in ausgewählten Geschäften, wie z.B. Solebox verkauft

  • Passioninvestments Sneakers

    Das unterschriebene Paar Sneakers von Justin Timberlake ist unverkäuflich


Um solche „Campouts” (Belagerungen) einzuschränken, kommt es auch vor, dass die Geschäfte die Schuhe unter den Interessenten im Internet verlosen. Das nennt sich dann „Raffle”. In manchen Fällen müssen die glücklichen Gewinner der Raffle zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt in den Laden kommen, um die Schuhe zu erwerben – sonst verfällt ihr Kaufrecht wieder. „Nicht wir bestimmen, auf welche Weise diese Limited Editions verkauft werden, sondern die Hersteller”, sagt ein Verkäufer bei Solebox. In einer abgeschlossenen Glasvitrine gleich neben dem Eingang des Ladens steht ein einzelnes Paar Sneakers. „Das ist unverkäuflich”, stellt der Händler klar. „Justin Timberlake war vor ein paar Tagen hier und hat dieses Paar aus seiner eigenen Kollektion signiert“, erzählt der Verkäufer stolz. In ein paar Tagen wird die Limited Edition des Schauspielers und Sängers offiziell released. Noch steht nicht fest, ob es ein Campout oder ein Raffle geben wird.

BVG verkaufte Sneaker mit integriertem Jahresticket

Obwohl solche Events für den Laden ein einträgliches Geschäft sind, wird der Solebox-Verkäufer an dieser Stelle nachdenklich: „Früher kamen nur echte Fans zu den Campouts oder Raffles. Mitten im Winter harrten Hunderte Menschen tagelang vor einem Schuhgeschäft im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aus, in der Hoffnung, ein Paar zu ergattern Heute wollen 90 Prozent der Leute, die bei sowas mitmachen, die Schuhe weiterverkaufen, um damit schnelles Geld zu machen.” Bereitwillige Abnehmer sind dann Leute wie zum Beispiel Khalaf Binhamadah, die viel Geld haben, aber wenig Lust, sich die Beine in den Bauch zu stehen. „Die ursprüngliche Idee der Campouts und Raffles wird damit ein bisschen ad absurdum geführt”, sagt der Händler.

Über ein Campout haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Anfang 2018 anlässlich ihres 90. Geburtstages gemeinsam mit dem Hersteller Adidas einen Sneaker im Look der Berliner U-Bahn-Sitzbezüge herausgebracht. Das Interesse daran war gewaltig. Mitten im Winter harrten Hunderte Menschen tagelang vor einem Schuhgeschäft im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aus, in der Hoffnung, ein Paar zu ergattern. Die Auflage war auf 500 Stück limitiert. Der Clou an dem Schuh: Mit ihm verbunden war ein Jahresabonnement für die Berliner Verkehrsbetriebe. Das allein kostet normalerweise mehr als 700 Euro. Schon deshalb waren die Schuhe, die für 180 Euro angeboten wurden, ein echtes Schnäppchen.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Von Prominenten getragene Sneakers sind noch wertvoller

Doch auch sonst ist der Andrang auf Limited Editions groß, denn nur sie versprechen Wertsteigerungen. Wer solche Schuhe ergattert, verkauft sie entweder weiter oder bewahrt sie in der Regel ungetragen zuhause auf. Denn getragene Schuhe verlieren deutlich an Wert – es sei denn ein Prominenter wie der Basketballstar Michael Jordan hat ihn nachweislich getragen. Das erhöht den Wert eines seltenen Sneaker-Paars nochmals erheblich. Manche Sammler verwandeln ihre Wohnung in regelrechte Sneakers-Ausstellungsräume.

Die meisten Spekulanten, die schnelles Geld mit Sneakers verdienen wollen, sind auch selbst Sammler. Wollen sie in der Szene ernst genommen werden, müssen sie sich hin und wieder mit teuren Sneakers auf der Straße zeigen. Nüchtern betrachtet, ist das gewissermaßen eine notwendige Investition für sie.

Mit der regulären Ware, die es im Laden zu kaufen gibt, sind für Anleger dagegen keine Gewinne drin, gibt der Solebox-Verkäufer zu. Die Schuhe werden deshalb nur von Leuten gekauft, die sie auch wirklich tragen wollen. Und das ist ja nicht das Schlechteste.



  1. [1] Khalaf Binhamadah möchte sein Gesicht nicht zeigen. Aber es kommt ja auf die Schuhe an. (Um in den Fließtext zurückzukehren, drücken Sie bitte die Zahl.)

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