Wer eine Stiftung ins Leben ruft, kann die Verwendung seines Vermögens über den Tod hinaus steuern. Doch auch diejenigen, deren Vermögen für eine eigene Stiftung nicht groß genug ist, können mit ihrem Geld dauerhaft Gutes bewirken.

Er ist der wahrscheinlich berühmteste Stifter der Welt: Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, verfügte 1895 in seinem Testament, dass sein Vermögen zur Gründung einer Stiftung dienen solle, die alljährlich die besten Wissenschaftler auszeichnet. Damit war der Nobel-Preis geboren, die wichtigste und prestigeträchtigste Auszeichnung, die ein Wissenschaftler erhalten kann.

Bis heute wird der Nobelpreis, bei dem der oder die jeweiligen Preisträger auf den Feldern der Physik, der Chemie, der Medizin, der Literatur, der Friedensbemühungen und der Wirtschaft neben der Ehre auch eine stattliche Geldsumme erhält, aus den Erträgen des Stiftungskapitals finanziert – so wie es Alfred Nobel verfügt hatte. Der Stiftungsgründer hat sich damit einen bedeutenden Platz in den Geschichtsbüchern gesichert – was ihm in dieser Dimension allein mit seinen Leistungen als Wissenschaftler und Erfinder des Dynamits kaum gelungen wäre.

Oft eine Herzensangelegenheit

Der Wunsch, in der Nachwelt seine Spuren zu hinterlassen und auch von künftigen Generationen nicht vergessen zu werden, ist es, der auch viele andere Hochvermögende antreibt, eine Stiftung zu gründen. Diese Motivation paart sich meist mit dem Ansinnen, etwas Gutes bewirken zu wollen. So ist es zahlreichen Stiftern eine Herzensangelegenheit, ein bestimmtes soziales oder medizinisches Projekt anzustoßen, wie zum Beispiel Microsoft-Gründer Bill Gates, dessen nach ihm und seiner Ehefrau benannte Stiftung sich dafür einsetzt, den ärmsten Menschen der Welt dabei zu helfen, Hunger und Armut zu entkommen und Krankheiten zu überwinden.

Stark verbreitet sind Stiftungen in den USA, aber auch in Deutschland. Allein hierzulande gibt es Schätzungen zufolge rund 50.000 Stiftungen. Die genaue Zahl kennt allerdings niemand. Offiziell gezählt werden nur rechtsfähige Stiftungen bürgerlichen Rechts. Allein hierzulande gibt es Schätzungen zufolge rund 50.000 Stiftungen Laut dem Bundesverband Deutscher Stiftungen gibt es davon rund 23.000. Hinzu kommen jedoch zahlreiche Treuhandstiftungen, die aber nicht rechtsfähig und deshalb schwer zu erfassen sind. Sie sind auch nicht verpflichtet, sich in eine Datenbank eintragen zu lassen. Der Bundesverband schätzt, dass es davon zwischen 10.000 und 20.000 gibt. Darüber hinaus gibt es noch andere Stiftungsformen wie Stiftungsvereine, zu denen zum Beispiel viele parteinahe Stiftungen, wie die Friedrich-Ebert-Stiftung, gehören.

Genauso unklar wie die Zahl der Stiftungen ist die Höhe des Vermögens, das sie besitzen. Der Stiftungsverband verfügt hierzu aber immerhin über die Angaben für 12.000 Stiftungen, die er über die Stiftungsverzeichnisse der Länder und eigene Befragungen gesammelt hat. Demnach beträgt das Gesamtvermögen dieser 12.000 Stiftungen aktuell 68 Milliarden Euro. „Diese Zahl ist aber mit einer großen Unsicherheit behaftet, denn nicht immer ist die Bewertung des Vermögens realistisch”, gibt Verbandssprecherin Katrin Kowark im Gespräch mit dem LIQID-Magazin zu bedenken. So verfügten zum Beispiel einige Stiftungen in Großstädten über einen erheblichen Immobilienbesitz. „Doch die Immobilien sind oft nicht nach den heutigen Preisen angesetzt, sondern nach denen von vor einigen Jahrzehnten.”

Relativ zuverlässig sind andere interessante Zahlen: Rund 95 Prozent der Stiftungen sind gemeinnützig. Das bedeutet, sie dienen dem Gemeinwohl und der Empfängerkreis für Stiftungszuwendungen ist unbegrenzt. Wer eine Stiftung errichtet, trifft eine endgültige Entscheidung: Er trennt sich als Person für immer von seinem Vermögen Die restlichen fünf Prozent sind Familienstiftungen, die sich um das Vermögen von einzelnen Familien kümmern oder Firmenstiftungen, die lediglich für die Belegschaft eines Unternehmens tätig sind. Etwa zwei Drittel der Stifter sind Privatpersonen, der Rest sind Organisationen, Unternehmen oder der Staat. Wer eine Stiftung errichtet, trifft eine endgültige Entscheidung: Er trennt sich als Person für immer von seinem Vermögen. Die Entscheidung ist also irreversibel.

Um eine Stiftung zu gründen, reichten früher 50.000 Euro Kapital aus. Doch heute sind die Auflagen strenger – und je nach Bundesland unterschiedlich. So verlangt zum Beispiel das Land Hamburg mindestens 100.000 Euro Kapital, Baden-Württemberg sogar 250.000 Euro. Darüber hinaus schauen sich die entsprechenden Aufsichtsbehörden, genau an, welchen Zweck eine Stiftung verfolgt und entscheiden dann, ob die Mittel dafür ausreichen.

Nur die Erträge verwenden, nicht das Vermögen

Das Prinzip einer Stiftung ist es, das Vermögen sicher und gewinnbringend anzulegen. Ziel ist es, das Vermögen des Stifters für die Finanzierung des Stiftungszwecks nicht anzugreifen, sondern dies ausschließlich mit den erwirtschafteten Erträgen zu bewerkstelligen. Denn nur wenn das gelingt, kann sichergestellt werden, dass die Stiftung dauerhaft bestehen bleibt und ihr nicht irgendwann das Geld ausgeht.

Es gibt riesige Stiftungen mit Milliardenkapital wie die Bertelsmann Stiftung oder die Robert Bosch Stiftung. Auch viele andere große Konzerne haben eigene Stiftungen. Sie erfüllen zwar meist einen guten Zweck, dienen aber natürlich immer auch der Imagepflege sowie der Mitarbeiter- und Kundenbindung. Das übergeordnete Ziel vieler Unternehmer, die eine Stiftung gründen ist es indes, dadurch den langfristigen Erhalt des Unternehmens zu sichern.

Die meisten Stiftungen sind aber relativ klein – wie zum Beispiel die C/O Berlin Foundation. Im Amerika Haus in Berlin zeigt sie wechselnde Ausstellungen aus den Bereichen Fotografie und visuelle Medien und fördert junge Talente. C/O Berlin arbeitet unabhängig von kommerziellen Interessen. Das Stiftungskapital beträgt 223.000 Euro, eine typische Größenordnung für eine deutsche Stiftung: Laut dem Bundesverband haben zwei Drittel aller rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts ein Kapital von weniger als einer Million Euro.

Um seine Kosten zu decken, reichen die Erträge aus dem Stiftungskapital von C/O Berlin allerdings nicht aus. Deshalb setzt die Stiftung neben den Erlösen aus Eintritt und Buchverkäufen auch auf Sponsoring und Spenden. Denn C/O Berlin erhält keine regelmäßige öffentliche Förderung und muss eine ortsübliche Miete für die Nutzung des Amerika Hauses an das Land Berlin zahlen. Lediglich für bestimmte Projekte erhält die Stiftung Fördergelder.

Wie kleine Stiftungen kämpfen müssen

„Wir agieren als operative, gemeinnützige Stiftung ohne kommerzielle Interessen”, bekräftigt Rania von der Ropp im Gespräch mit dem LIQID-Magazin. Sie ist bei C/O Berlin für das Fundraising zuständig, also für das Einwerben von Sponsor- und Spendengeldern. Außer der Möglichkeit, ihre Spende steuerlich abzusetzen, haben Privatleute nichts davon So können Unternehmen beispielsweise ihr Logo bei bestimmten Ausstellungen platzieren und damit etwas für ihr Image tun. Doch die Stiftung ist auch auf private Spender, die meist ganz uneigennützig handeln und oft „unsichtbar” bleiben, angewiesen. Außer der Möglichkeit, ihre Spende steuerlich abzusetzen, haben Privatleute nichts davon. Bei Firmen handelt es sich meist um Sponsoring, bei Privatleuten um Spenden.

Einige der privaten Spender sind hier sehr großzügig: Wer sich verpflichtet, mindestens 25.000 Euro pro Jahr zu spenden, erhält den Status des „Trustees”. Es gibt sogar „High End Großspender”, die 100.000 Euro oder mehr pro Jahr zur Verfügung stellen. Doch bei C/O Berlin geht es auch für den kleinen Geldbeutel: Schon für 250 Euro im Jahr kann jedermann Fördermitglied werden. Fördermitglieder erhalten freien Eintritt zu allen Ausstellungen, eine Einladung zum jährlichen Freundeskreis-Dinner und dürfen zum Beispiel an Previews teilnehmen.

Wer selbst eine Stiftung gründen will, kann sich beim Bundesverband Deutscher Stiftungen in Berlin kostenlos beraten lassen. Reicht das Vermögen nicht für eine eigene Stiftung aus, schlagen die Experten Alternativen vor. Eine Möglichkeit ist es zum Beispiel, eine Namensstiftung unter dem Dach einer großen Stiftung wie zum Beispiel Greenpeace zu gründen. Die Namensstiftung fördert dann nur bestimmte Projekte, die in das Profil – im Fall von Greenpeace Umwelt- und Tierschutzprojekte – passen. Eine andere Option sind Zustiftungen: Hier zahlt der Stifter einen bestimmten Betrag in das feste Vermögen einer bestehenden Stiftung ein. Auch eine Kombination aus Namensstiftung und Zustiftung ist möglich.

Das Versprechen der Milliardäre

Nach diesem Prinzip verfährt auch Warren Buffett. Dabei könnte sich der legendäre Investor locker seine eigene Stiftung leisten. Doch der Multi-Milliardär zieht es vor, sein Vermögen der Stiftung seines Freundes Bill Gates zur Verfügung zu stellen. Einen Teil davon hat er der Bill & Melinda Gates Stiftung schon zukommen lassen. Den Löwenanteil von Buffetts Vermögen soll die Stiftung nach seinem Ableben erhalten. Bis dahin will sich Buffett weiterhin um das kümmern, was er am besten kann: aus seinem großen Vermögen ein noch größeres machen.

Gates und Buffett gehen nicht nur mit gutem Beispiel voran, sie animieren auch konkret andere Hochvermögende, ihnen nachzueifern. The Giving Pledge: Milliardäre sollen sich verpflichten, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden Zu diesem Zweck haben sie 2010 die Initiative The Giving Pledge (Das Spenden-Versprechen) ins Leben gerufen. Das Ziel: Milliardäre sollen sich verpflichten, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Mit großem Erfolg: Mittlerweile haben sich rund 150 Wohlhabende aus der ganzen Welt der Initiative angeschlossen. Zu ihnen zählen auch Apple-Chef Tim Cook, Facebook-Chef Mark Zuckerberg und – als erster Deutscher – SAP-Gründer Hasso Plattner.

Die niedrigen Zinsen machen den Stiftungen zu schaffen

Das Gros der Stiftungen hat allerdings keinen edlen Großspender und leidet unter der nun schon seit vielen Jahren andauernden Niedrigzinsphase. Während man sich früher nur nebenbei um das Thema Vermögensanlage kümmern musste, weil die Erträge „praktisch aus der Steckdose flossen”, wie es Verbandssprecherin Kowark formuliert, schaffen es viele Stiftungen heute kaum noch, das Geld zu erwirtschaften, das sie zur Erfüllung ihres Zwecks benötigen. „Die Nachwirkungen der Finanzkrise sind mit Verzögerung bei den Stiftungen angekommen”, erklärt Kowark. Viele Stiftungen legten ihr Vermögen sehr konservativ überwiegend in lang laufenden Anleihen an. Das brachte ihnen bis vor kurzem noch attraktive Zinserträge. Doch mittlerweile sind fast alle dieser gut verzinsten Anleihen ausgelaufen. Dadurch sind die Erträge deutlich gesunken.

Viele Stiftungen seien denn auch für die Zukunft nicht besonders optimistisch, was die Ertragslage angehe, so Kowark. Der Verband führt zu diesem Thema alle zwei Jahre eine Umfrage unter rund 500 Stiftungen durch. Demnach lag noch 2015 die Rendite bei 83 Prozent der befragten Stiftungen nach Abzug aller Kosten oberhalb der Inflationsrate. 2017 war das nur noch bei 65 Prozent der Stiftungen der Fall. „Aktuell führen wir die Umfrage 2019 durch”, sagt Kowark. „Wir rechnen damit, dass die Zahl diesmal noch deutlich niedriger liegen wird.” Man könne aber nicht alle Stiftungen über einen Kamm scheren. Nicht allen Stiftungen gehe es heute finanziell schlecht. Zahlreiche Stiftungen seien zum Beispiel an Unternehmen gekoppelt, denen es wirtschaftlich gut gehe.

Stiftungen setzen heute verstärkt auf Aktien und Aktienfonds

Die meisten Stiftungen sind aber nicht in dieser glücklichen Lage. In ihrer Not denken sie allmählich um und setzen bei der Vermögensanlage zunehmend nicht mehr nur auf Festgeld und Anleihen, sondern auch auf Aktien, Aktienfonds und Private Equity. Denn bei diesen Anlageklassen konnte der Wertverlust durch Inflation in der Vergangenheit nicht nur aufgefangen werden, sondern es waren auch real deutliche Zuwächse drin. Insbesondere Private Equity sei allerdings nur für Stiftungen interessant, die professionelle Vermögensverwalter im Haus oder an der Hand haben und bei denen sich das Risiko auch besser abschätzen lasse, so Kowark.

An Bedeutung zugenommen hat für die Stiftungen auch der Faktor Kosten bei der Vermögensanlage. Sie müssen möglichst niedrig und transparent sein. Auch tun sich häufig mehrere Stiftungen zusammen und legen das Vermögen gemeinsam an, zum Beispiel in Investmentfonds. Durch dieses sogenannte Pooling bekommen sie oft bessere Konditionen.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Viele legen Wert auf Nachhaltigkeit

„Die niedrigen Zinsen zwingen die Stiftungen, sich bei der Vermögensanlage weiter zu professionalisieren”, bestätigt Kowark. Das schließe aber nicht aus, dass Stiftungen wählerisch bei der Wahl ihrer Anlagen seien. „Sie stellen sich häufig die Frage, ob die Form, wie das Geld angelegt wird, mit dem Zweck der Stiftung zu vereinbaren ist”, sagt Kowark. Das Stichwort lautet wirkungsorientiertes Investment. Sie nennt ein einprägsames Beispiel: „Eine Stiftung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Bedürftigen Sozialimmobilien zur Verfügung zu stellen, wird zugleich ihr Geld vielleicht in soziale Immobilienprojekte investieren wollen, bei denen nicht nur auf Gewinnmaximierung geachtet wird.” Solche Entwicklungen seien ein positiver Nebeneffekt der Niedrigzinsphase. Auch auf nachhaltige Kriterien legen ihr zufolge viele Stiftungen bei der Anlage ihres Vermögens großen Wert.

Auch die Nobel-Stiftung ist durch die niedrigen Zinsen in Schwierigkeiten geraten. 2012 sah sie sich daher gezwungen, das Preisgeld für jede Disziplin von zuvor jeweils zehn Millionen auf acht Millionen Kronen zu senken – umgerechnet gut 900.000 Euro. Auch die Nobelstiftung investiert mittlerweile teilweise am Aktienmarkt und in Alternative Anlageklassen Lars Heikensten, der Exekutivdirektor der Nobel-Stiftung, bezeichnet es denn auch als Herausforderung, das Stiftungsvermögen von rund drei Milliarden Kronen nicht nur nominal, sondern auch inflationsbereinigt zu erhalten. Auch die Nobelstiftung investiert mittlerweile deshalb teilweise am Aktienmarkt und in Alternative Anlageklassen – auch wenn es für sie eine Gratwanderung ist. Denn Stiftungsgründer Alfred Nobel hat in seinem Testament ausdrücklich verfügt, dass das Vermögen sicher angelegt werden muss.

Doch mittlerweile legt die Nobel-Stiftung den Begriff „sichere Anlagestrategie” großzügiger aus als damals der Stifter Alfred Nobel. Heute strebt sie eine Nettokapitalrendite von 3,5 Prozent an – und damit etwas mehr als die drei Prozent, die für Preisgelder und laufende Kosten anfallen. Etwa die Hälfte des Stiftungsvermögens entfällt heute auf Aktienfonds und rund ein Drittel auf alternative Anlageklassen wie Immobilien und Hedgefonds. Doch mittlerweile denkt auch die Nobel-Stiftung darüber nach, Spenden einzusammeln und Partnerschaften mit Unternehmen einzugehen – ganz nach dem Vorbild von kleineren Stiftungen wie C/O Berlin.

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