In Deutschland spielt sich gerade einer der spannendsten Wirtschaftskrimis in der Geschichte der Bundesrepublik ab. Im Zentrum des Geschehens: der DAX-Konzern Wirecard aus Aschheim bei München, die altehrwürdige Finanzzeitung Financial Times (FT) und zahlreiche Anleger, die auf fallende Kurse spekulieren (Shortseller). Es geht um angebliche kriminelle Machenschaften und Bilanzmanipulationen. Zwischenzeitlich schien es so als habe Wirecard die Angriffe der Zeitung erfolgreich abwehren können. Doch nun meldet sich die FT mit neuen schweren Vorwürfen gegen Wirecard zurück. Und der Kurs der Aktie, der sich zuvor erholt hatte, bricht erneut ein. Eine Chronologie der Ereignisse.

30. Januar 2019 // Die Financial Times, eine der renommiertesten Zeitungen der Finanzwelt, veröffentlicht einen Artikel, in dem Autor Dan McCrum schwere Vorwürfe gegen den Zahlungsabwickler Wirecard erhebt. Es geht unter anderem um angeblichen Finanzbetrug in der Wirecard-Niederlassung in Singapur. Der Aktienkurs des DAX-Konzerns bricht zeitweise um über 30 Prozent ein. Leerverkäufer (Shortseller), die an fallenden Kursen verdienen, schießen sich auf die Aktie ein. Wirecard-Chef Markus Braun weist die Vorwürfe zurück. Daraufhin erholt sich der Aktienkurs ein wenig. Wirecard galt bis dahin als schillernder Star der deutschen Wirtschaft: Das 1999 gegründete Unternehmen hatte an der Börse fulminante Kurszuwächse erzielt und war Mitte 2018 in DAX aufgestiegen. 2016 waren zwar schon einmal Vorwürfe gegen Wirecard laut geworden, die den Aktienkurs zwischenzeitlich stark unter Druck setzten. Doch die Vorwürfe wurden nie bewiesen und Wirecard erholte sich schnell davon. Schon damals hatte FT-Autor McCrum negativ über Wirecard berichtet.


1. Februar // McCrum veröffentlicht einen weiteren Bericht über Wirecard in der FT, in denen die Vorwürfe gegen das Unternehmen konkretisiert werden. Daraufhin bricht der Aktienkurs erneut um gut 30 Prozent ein. Wirecard dementiert erneut alle Vorwürfe, woraufhin sich der Aktienkurs wieder etwas erholt. Das gleiche Spiel wiederholt sich noch einmal einige Tage später nach einem dritten negativen Bericht der FT. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zufolge sollen Shortseller vorab über die bevorstehenden FT-Berichte informiert gewesen sein. Mit diesem Insiderwissen könnten sie auf illegale Weise viel Geld durch Leerverkäufe verdient haben. Die FAZ beruft sich auf die Staatsanwaltschaft München. Wirecard verklagt die FT wegen “unethischer Berichterstattung”.


8. Februar// Die Polizei durchsucht Büroräume von Wirecard in Singapur. Ergebnisse werden aber nicht bekannt. US-Anleger drohen mit Sammelklagen gegen Wirecard. Auch in Deutschland werden Klagen gegen das Unternehmen geprüft. Der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock reduziert seine Beteiligung an Wirecard deutlich. Der Aktienkurs gibt weiter nach. Zeitweise notiert die Aktie fast 50 Prozent unter dem Niveau vor Veröffentlichung des ersten FT-Berichts Ende Januar.


18. Februar // Die Finanzaufsicht BaFin verbietet ab sofort Leerverkäufe der Wirecard-Aktie. Es ist das erste Mal, dass die BaFin mit einer derart drastischen Maßnahme bei einem Unternehmen vorgeht. Der Hedgefonds Odey Asset Management, der seit Jahren gegen einen Kursverfall der Aktie spekuliert, droht daraufhin juristische Schritte gegen die BaFin an. Zugleich leitet die Staatsanwaltschaft München ein Ermittlungsverfahren gegen FT-Autor McCrum ein wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Für Ermittlungen gegen Wirecard sieht die Staatsanwaltschaft bislang keine Anhaltspunkte. Der Aktienkurs von Wirecard erholt sich deutlich, die Aktie notiert allerdings noch immer weit unter dem Niveau, das sie vor dem ersten FT-Bericht erreicht hatte. Ein Aktionär erstattet Anzeige gegen McCrum und wirft ihm Falschberichterstattung vor.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.


22. Februar // In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beteuert Wirecard-Chef Markus Braun, an den Vorwürfen gegen sein Unternehmen sei nichts dran. Schon bald werde die Sache aufgeklärt und der Aktienkurs sich wieder deutlich erholen. Das operative Geschäft von Wirecard laufe nach wie vor sehr gut. Daraufhin erholt sich der Aktienkurs, der in den Tagen zuvor erneut geschwächelt hatte, wieder etwas.


25. Februar // Die Hintergründe für das Leerverkaufs-Verbot treten allmählich ans Licht: Die Staatsanwaltschaft München teilt mit, ernstzunehmende Hinweise lägen vor, dass Wirecard mit negativer Berichterstattung erpresst werden sollte und eine neue Attacke durch Leerverkäufer geplant sei. Dies sei ein Grund für das Verbot von Leerverkäufen durch die BaFin. Ein Mittelsmann habe versucht, Journalisten in Großbritannien mit einem Millionenbetrag zu bestechen, um negativ über Wirecard zu berichten. Zugleich habe er Wirecard gegen die Zahlung eines Schweigegeldes in ähnlicher Höhe angeboten, die negative Berichterstattung zu verhindern.


12. März // Nachdem es seit einigen Tagen auffällig ruhig um Wirecard geworden war, nimmt nun das renommierte Wall Street Journal das Geschäftsmodell von Wirecard kritisch unter die Lupe. Das Unternehmen habe auf seinem Expansionszug immer höhere Schulden angehäuft, heißt es in dem Artikel. Die Mischung aus Akquisitionen, Finanzierungen und Krediten lasse Zweifel an der Nachhaltigkeit des Umsatzwachstums und der Stärke des Cashflows aufkommen. Daraufhin gibt der Kurs der Wirecard-Aktie, der sich seit dem Leerverkaufsverbot kräftig erholt hatte, wieder nach. Am selben Abend berichtet dann die Financial Times, Wirecard habe den Kontakt zu dem Mitarbeiter verloren, der im Zentrum der Ermittlungen steht. Zudem hätten Ermittler in Singapur das Vorgehen von Wirecard als kriminell und ohne rechtliche Grundlage bezeichnet, um die Untersuchungen zu behindern oder einzugrenzen. Sechs Mitarbeiter von Wirecard seien in die Sache verwickelt. Die Straftaten sollen sogar so schwer sein, dass Gefängnis drohe.


29.März // Zu Beginn der Woche stellt Wirecard endlich die Ergebnisse des lang ersehnten Abschlussberichts der Compliance-Kanzlei von Rajah & Tann vor. Der Bericht kommt zwar zu dem Ergebnis, dass es zu falschen Buchungen gekommen ist, diese hätten aber keine wesentlichen Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse von Wirecard gehabt. Zudem entkräftet der Bericht die wesentlichen Vorwürfe der Financial Times. Insbesondere gebe es keine Hinweise auf Korruption. Es ist der erhoffte Befreiungsschlag für die Aktie. Der Kurs klettert um fast 30 Prozent. Die Ernüchterung folgt wenige Tage später: Am Freitag, den 29. März veröffentlicht die Financial Times einen neuen Artikel, der die Glaubwürdigkeit von Wirecards Geschäftspartnern in Frage stellt. Demnach beruhe ein Teil des Geschäfts von Wirecard in Asien auf Scheinumsätzen mit zweifelhaften Partnerfirmen. Der Kurs der Aktie bricht erneut ein. Wirecard dementiert sofort und wirft der Zeitung vor, absichtlich falsch zu zitieren, um Tatsache und Fiktion zu verzerren. Doch das Dementi hilft dem Kurs nicht auf die Sprünge – ebensowenig wie eine Schadenersatzklage, die Wirecard am Vortag gegen die Zeitung und den Autor der Berichte eingereicht hat.

April bis September // Es wird wieder ruhiger um Wirecard. Das Unternehmen scheint die Vorwürfe der FT weitgehend entkräftet zu haben. Nun stehen wieder die Geschäftsaussichten von Wirecard im Mittelpunkt. Und die sind weiterhin sehr positiv. Der Aktienkurs erholt sich.

15. Oktober // Die Financial Times meldet sich in Sachen Wirecard zurück. Und wie! Der Zeitung zufolge soll Wirecard laut interner Dokumente Verkäufe und Profite in Dubai und Irland frisiert haben, womöglich auch um das Wirtschaftsprüfungsunternehmen EY in die Irre zu führen. Der Aktienkurs von Wirecard stürzt um bis zu 23 Prozent ab. Eine Wirecard-Sprecherin dementiert die Vorwürfe umgehend. Daraufhin erholt sich der Aktienkurs nur zögerlich.

Für Anleger bedeutet das: Sie sollten sich vom Fall Wirecard nicht abschrecken lassen, in die Anlageklasse Aktien zu investieren. Denn Aktien sind langfristig die renditestärkste liquide Anlageklasse. Am Beispiel Wirecard zeigt sich aber auch sehr sehr deutlich, wie gefährlich es ist, hohe Summen auf Einzelaktien zu setzen. Deutlich geringer sind die Risiken mit einem weltweit diversifizierten Depot, bei dem in verschiedene Anlageklassen, Branchen und Regionen investiert wird.

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