Vielen Anlegern ist es völlig egal, wie erfolgreich die Unternehmen oder wie solvent die Staaten sind, in die sie investieren. Sie treffen ihre Anlageentscheidungen einzig anhand von Kursentwicklungen der Vergangenheit, aus denen sie bestimmte Formationen und Muster ableiten. Diese sehen sie als zuverlässige Indikatoren für künftige Entwicklungen. Doch was ist tatsächlich dran an der Chartanalyse?

Haben Sie schon einmal von der Doppel-Top-Formation, von der V-Formation oder von der Schulter-Kopf-Schulter-Formation gehört?

Nein, es handelt sich nicht um Yoga-Stellungen für Fortgeschrittene und auch nicht um waghalsige Programmpunkte eines Auftritts von Zirkusartisten. Es sind Begriffe aus der Chartanalyse. Eine ganze Armada von Börsenexperten beschäftigen sich mit ihr. Mit ihrer Hilfe meinen sie zuverlässige Prognosen über die künftige Kursentwicklung von Aktien oder Aktienmärkten abgeben zu können.

Chartanalysten (auch Charttechniker genannt) interessieren sich nicht dafür, wie ein Unternehmen oder ein Markt aufgestellt sind. Umsatz, Gewinn und Profitabilität spielen für sie bei der Beurteilung eines Wertpapiers keine Rolle. Sie stützen sich allein auf vergangene Kursverläufe und indikatoren, die sie als mathematisch-statistisch bezeichnen, die tatsächlich aber meist weder auf mathematischen, noch auf statistischen Grundlagen beruhen. Höchst umstritten ist deshalb, ob ihre Methoden wissenschaftlichen Kriterien standhalten.

Grundannahme der Charttechniker ist, dass sich historische Kursverläufe wiederholen. Deshalb schreiben sie die Kursentwicklung anhand von markanten Punkten im Chart in die Zukunft fort. Sie sind überzeugt, dass es an der Börse bestimmte Kursmuster gibt, aus denen sich wiederkehrenden Trends ableiten lassen. Entscheidend für Chartanalysten ist deshalb die Frage, wie lange ein Trend anhält und wann es zu einer Trendumkehr kommt. Eine solche gilt es aus ihrer Sicht rechtzeitig zu erkennen, um daraus Kapital zu schlagen.

Blumige Begrifflichkeiten

Für ihre Methoden haben Chartanalysten ein blumiges Vokabular entwickelt, wie die eingangs genannten Beispiele verdeutlichen. Diese Begriffe gehören zu den Kernelementen der Chartanalyse. So beschreibt die V-Formation eine Situation, die nach einer rasanten Abwärtsbewegung zu einem steilen Anstieg führt, wodurch sich im Chart ein Dreieck mit einem sehr spitzem Winkel ergibt – was durch die Form des Buchstabens V symbolisiert wird. Wer eine V-Formation rechtzeitig erkennt, also im Idealfall zu dem Zeitpunkt, an dem das Kurstal seinen tiefsten Punkt erreicht, könne sein Vermögen sehr schnell rasant vermehren, glaubt der Charttechniker. Denn das ist für ihn das Signal, im großen Stil am Markt einzusteigen, um anschließend innerhalb kürzester Zeit kräftige Gewinne einzufahren.

Ein spektakuläres Beispiele für eine solche Konstellation ist die Trendwende, die im März 2003 einsetzte, als die wichtigsten Aktienindizes nach drei Jahren mit massiven fallenden Kursen plötzlich ins Plus drehten und einen mehrjährigen Aufwärtstrend einleiteten, der bis zum Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 andauerte.

Das Problem: Die meisten Charttechniker haben diese Konstellation im März 2003 nicht erkannt. Und nicht nur das: Selbst Monate später, als die Kurse schon kräftig gestiegen waren, hielten einige von ihnen diese Entwicklung nur für eine zwischenzeitliche Erholung, die in eine Fortsetzung des Abwärtstrends münden werde, wie aus einem Artikel der FAZ Oktober 2003 hervorgeht.

Auch die Doppel-Top-Formation (oder einfach nur das Doppel-Top) ist ein beliebtes technisches Kursmuster für eine Trendumkehr. Anders als die V-Formation signalisiert das Doppel-Top aber das Ende einer Aufwärtsbewegung. Wahlweise wird das Doppel-Top auch als M-Formation bezeichnet, denn es ist durch zwei Kursspitzen gekennzeichnet. Entscheidend für Chartanalysten ist, dass die zweite Spitze nicht mehr höher liegt als die erste. Zudem muss der Kurs im Anschluss an die zweite Spitze unter das Zwischentief der M-Bewegung fallen. Dann ist der Trendwechsel aus Sicht der Chartanalysten vollzogen.

Angeblich untrügliche Zeichen

Die Doppel-Boden-Formation ist das Gegenstück zum Doppel-Top. Sie signalisiert Anlegern, dass ein negativer Trend sich bald drehen wird und die Kurse wieder steigen werden. Spiegelbildlich zum Doppel-Top folgt auf den ersten Tiefpunkt eine kurze Erholung. Anschließend folgt ein erneuter Rückschlag. Allerdings ist wichtig, dass der Tiefpunkt dieser neuerlichen Abwärtsbewegung nicht unter dem ersten Kursboden liegt. Anschließend kommt es zu einem starken Kursanstieg, der stärker ausfällt als die Zwischenerholung. Deshalb muss man sich die Doppel-Boden-Formation wie ein umgedrehtes M, also wie ein W vorstellen.

Fakt ist allerdings: Für einen bevorstehenden Trendwechsel gibt es empirisch keine verlässlichen Indikatoren. Ein Kurstal und die darauf folgende positive Trendumkehr lässt sich genauso immer erst im Nachhinein feststellen, wie das Ende einer Aufwärtsbewegung und ein darauf folgender Abschwung.

Das wohl berühmteste Kursmuster der Charttechnik ist die Kopf-Schulter-Formation. Bisweilen wird sie auch als Schulter-Kopf-Schulter-Formation bezeichnet, was sie noch eindrucksvoller erscheinen lässt. Ihr billigen Charttechniker eine enorme Aussagekraft zu. Sie zeichnet sich durch drei Kursspitzen im Chart aus: Auf einen ersten Höhepunkt folgt ein Rücksetzer, der in einen erneuten Kursanstieg übergeht. Dieser Anstieg führt zu einem weiteren Hoch, dem so genannten Kopf oder Scheitelpunkt, der höher liegt als die erste Kursspitze. Daraufhin folgt ein neuer Rückschlag und dann nochmals eine Gegenbewegung, die aber nicht mehr auf das vorher erreichte höhere Kursniveau führt. Abgeschlossen wird die Kopf-Schulter-Formation schließlich durch den Bruch der Nackenlinie, welche die Tiefpunkte der beiden Rücksetzer im Verlauf des Kursmusters verbindet. Ein weiteres Charakteristikum ist, dass die Handelsumsätze kontinuierlich zurückgehen. Dann ist die Kopf-Schulter-Formation perfekt – zur Freude der Charttechniker, weil sie darin ein untrügliches Zeichen für die weitere Kursentwicklung sehen.

Eine Dreiecks-Formation wiederum signalisiert Charttechnikern zufolge im Gegensatz zu den zuvor beschriebenen Formationen nicht das Ende eines Trends, sondern die Fortsetzung einer Aufwärts- oder Abwärtsbewegung. Er charakterisiert eine Entwicklung, bei welcher der Kurs in tendenziell steigender oder fallender Richtung hin und herpendelt und damit dreieckige Muster hinterlässt. Eine Dreiecksformation gilt als abgeschlossen, wenn die Kurse eindeutig über oder unter der Dreieckslinie tendieren.

Gerne arbeiten Charttechniker auch mit sogenannten Unterstützungen und Widerständen. So dienen ihnen Hoch- und Tiefpunkte im Kursverlauf nicht nur dazu, an ihnen entlang Trendlinien oder Formationen (wie oben beschrieben) zu definieren. Erreicht der Chart beispielsweise in der Abwärtsbewegung ein Tief und dreht von dort aus wieder nach oben, wird dieses Tief zur Unterstützung. Erreicht der Chart analog in der Aufwärtsbewegung ein Hoch und dreht von dort aus wieder nach unten, handelt es sich um einen Widerstand. Die Idee dahinter ist, dass sich Kursverläufe wiederholen. Deshalb gehen Charttechniker davon aus, dass eine Kursmarke, an der es bereits einmal eine Wende gab, auch künftig schwer zu durchbrechen sein wird. Und je öfter eine Unterstützung oder ein Widerstand gehalten hat, umso bedeutender wird dieser Wendepunkt aus Sicht der Charttechniker.

Wann es sinnvoll ist, die Chartanalyse einzubeziehen

Doch was ist von alledem zu halten? Anleger, die ihre Investitionsentscheidungen anhand von fundamentalen Daten wie Umsatz, Gewinn, Wachstum oder Verschuldungsgrad treffen, rümpfen jedenfalls nur die Nase über die Charttechnik: „Chartlesen ist eine Wissenschaft, die vergebens sucht, was Wissen schafft”, spottete der legendäre Börsenaltmeister André Kostolany. Noch deutlicher wird Christoph Bruns von der Fondsgesellschaft Loys. Er bezeichnet die Chartanalyse als „nutzlose Wissenschaft”. Sie habe sich „sowohl theoretisch als auch empirisch als unbrauchbar erwiesen”. Ob allerdings der Begriff Wissenschaft in Zusammenhang mit Chartanalyse überhaupt angebracht ist, steht auf einem anderen Blatt.

Ob Wissenschaft oder nicht – eine gewisse empirische Relevanz hat die Chartanalyse für Bruns doch. Und zwar bestehe diese in ihrer Eigendynamik. Wenn viele Anleger sich nach der Chartanalyse richten und nach ihren Signalen handeln, funktioniere sie am Ende in einem bestimmten Maße doch: als eine sich selbsterfüllende Prophezeiung oder – anders ausgedrückt – als eine spezielle Form des Herdentriebs.

Tatsächlich berücksichtigen manche Anleger, die sonst eigentlich nur auf fundamentale Kennzeichen achten, in bestimmten Situationen Signale der Charttechnik bei ihren Investmententscheidungen – möglicherweise auch, indem sie genau das Gegenteil von dem machen, was die Charttechniker empfehlen. Ihre Annahme: Der von den Chartanalysten ausgelöste Herdentrieb kann kurzfristig zu Übertreibungen führen, von denen man profitieren könne, wenn man sich dagegen positioniere. Allerdings lässt sich die Erfolgsaussicht dieser ganz speziellen Strategie, genauso wie die Charttechnik selbst, empirisch nicht belegen. Genauso gut kann es passieren, dass auch hier Signale fehlinterpretiert werden.

Die Chartanalyse ist übrigens Teil der technischen Analyse, aber mit ihr nicht gleichzusetzen. Denn die technische Analyse umfasst auch viele andere Kriterien, von denen zumindest einige auch von Wissenschaftlern durchaus ernst genommen werden. So hat sich beispielsweise durch empirische Studien gezeigt, dass sich an der Börse Phasen mit höherer Volatilität mit Phasen niedrigerer Volatilität in einer bestimmten Regelmäßigkeit abwechseln. Dieser Zusammenhang wird Volatility Clustering genannt. Anlagestrategien, die gezielt darauf setzen, diese Unterschiede bei den Volatilitäten auszunutzen, konnten hier in der Vergangenheit tatsächlich Überrenditen im Vergleich zum Marktdurchschnitt erzielen. Mit einer gewissen Zuverlässigkeit funktioniert das beispielsweise mit dem computergesteuerten Hochfrequenzhandel, bei dem sehr viele Umsätze generiert werden, um minimale Preisänderungen auszunutzen. Ein solcher Aufwand ist für Privatanleger allerdings in der Regel viel zu hoch.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Einige Begriffe werden sowohl von der auf wissenschaftlichen Methoden fußenden quantitativen Analyse (die ein anderes Teilgebiet der technischen Analyse ist) als auch von der Chartanalyse verwendet. Dazu zählen zum Beispiel die gleitenden Durchschnitte. Sie zeigen an, ob ein Trend begonnen hat oder nicht. So wird ein Aufwärtstrend (also ein Kaufsignal) dann angezeigt, wenn der Kurs über die Durchschnittslinie steigt. Ein Abwärtstrend (Verkaufssignal) wird entsprechend dann angezeigt, wenn der Kurs unter die Durchschnittslinie fällt. Der bekannteste gleitende Durchschnitt ist die 200-Tage-Linie. Diese wird ermittelt, indem die einzelnen Durchschnittskurse über ein rollierendes Zeitfenster von 200 Tagen gemittelt werden. Eine steigende 200-Tage-Linie signalisiert also eine Aufwärtsbewegung, eine fallende dagegen eine Abwärtsbewegung. Neben der 200-Tage-Linie wird auch häufig eine 38-Tage-Linie oder eine 90-Tage-Linie verwendet. Im Prinzip ist die Wahl der beobachteten Tage aber völlig beliebig.

Quantitative Analysten verwenden die gleitenden Durchschnitte, um Kursentwicklungen an der Börse nachträglich zu veranschaulichen. Charttechniker nutzen sie dagegen, um daraus Prognosen abzuleiten. So deutet sich aus deren Sicht stets eine Trendumkehr beim Kurs eines Index oder eines Wertpapiers an, wenn sich der Kurs weit von der Durchschnittslinie entfernt hat.

Und wenn es doch ganz anders kommt als von den Charttechnikern vorausgesagt? Dann hilft es immer noch, sich auf ein schönes Bonmot zu berufen, das wahlweise Mark Twain, Winston Churchill, Kurt Tucholsky oder auch dem Komiker Karl Valentin zugeschrieben wird: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.”