Düstere Propheten

Selbst ernannte Börsenexperten warnen für 2017 vor einem großen Crash

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LIQID Investments GmbH

Die E-Mail, die im elektronischen Postfach Tausender Anleger aufpoppte, ließ aufhorchen: „Eilmeldung“, hieß es darin in gelb umrandeten dicken schwarzen Lettern. „Diese Ereignisse werden 2017 die Börsen nachhaltig erschüttern und ganz Deutschland in den Abgrund reißen!“ Und weiter: „2017 wird ein gefährliches Jahr“, sowie: „Die Welt gerät immer mehr aus den Fugen“. E-Mails wie diese verfolgen natürlich einen klaren Zweck: Sie sollen beim Anleger Angst um ihr Vermögen erzeugen.

Und diese Angst soll sie dazu verleiten, ihr Geld am besten komplett umzuschichten – und zwar auf die Weise, wie es der Absender der Mail am Ende seines düsteren Textes empfiehlt: „Handeln Sie jetzt, heißt es da. Und schützen Sie sich vor der Unberechenbarkeit der Märkte“. Ein „Dominostein“ nach dem anderen werde 2017 fallen. Jeder einzelne könnte ein „unberechenbares Börsenbeben“ auslösen und „den Tag der Abrechnung in Europa, also auch hier in Deutschland, einläuten.“ 2017 werde Chaos bringen. Chaos, auf das kaum ein Anleger vorbereitet sei.

Noch dramatischer liest sich folgende Mail, die ebenfalls an zahlreiche Anleger versandt wurde: „Megakrise in 2017 – letzte Warnung – letztes Interview“ lautet die düstere Überschrift. Darunter folgender Furcht einflößender Text: „Wenn jetzt bald in Italien die ersten Euro-Banken zusammenbrechen, wird ein vernichtender Sturm losbrechen. Der Finanz-Tsunami. Dagegen war die Krise von 2008 mit der großen Lehman-Brothers-Pleite ein Ponyhof.“

Die Angstmacher nennen sich selbst „Dr.“, „Professor“ oder „Chefanalyst“, um möglichst seriös und informiert zu erscheinen. Häufig fügen sie ihrer Angst-Mail ein Video bei. In dem erscheint dann der selbst ernannte Börsenexperte in Anzug und Krawatte und erklärt mit todernstem Gesicht und staatstragendem Tonfall noch einmal in aller Ausführlichkeit, warum dem auf diese Weise Angesprochenen (angeblich) der Totalverlust seines Vermögens droht. Glücklicherweise könne er Abhilfe schaffen – allerdings nur „für einen kleinen, exklusiven Kreis von Anlegern“.

Was Untergangspropheten wollen

Damit ist der Untergangsprophet dann bei seinem eigentlichen Anliegen angekommen: In dem eingangs beschriebenen Fall fordert er den Anleger auf, gleich online eine Beitrittserklärung zu seinem Börsen-Club auszufüllen, die mit düsteren Sätzen wie diesen eingeleitet wird: „Ja! Ich möchte mich vor dem kommenden Tag der Abrechnung schützen“. Anschließend werden dem Anleger erst einmal vier Reports als „Gratis-Geschenke“ versprochen, dann ist von „kostenlosen Club-Leistungen“ die Rede und dann von einer „100 Prozent risikolosen Probemitgliedschaft“.

Erst ganz zum Schluss kommt die entscheidende Information: Der Anleger soll das „Club Communiqué“ für stolze 29,95 Euro pro Ausgabe abonnieren – und zwar am besten sofort per Mausklick auf das entsprechende Bestellfeld. Es erscheint zwölfmal im Jahr zuzüglich sechs Sonderausgaben. Für insgesamt 18 Publikationen zahlt der Anleger also pro Jahr satte 539 Euro. Ein Gewinner steht damit schon fest – egal, was an der Börse passiert: Es ist nicht der Anleger, sondern der Absender der E-Mail, der kräftig abkassiert.

Wer im Internet gelegentlich zu Themen wie „Börse“, „Aktien“ oder „Geldanlage“ recherchiert und dabei irgendwo seine E-Mail-Adresse hinterlässt, bekommt das ganze Jahr über solche fragwürdigen Mails. Der Grund ist die von Suchmaschinen wie Google praktizierte personalisierte Werbung, die dazu führt, dass Nutzer Reklame bekommen, die zu den von ihnen bei der Suche eingegebenen Schlagwörtern passt – in diesem Fall eben die Werbebotschaften von selbst ernannten Börsenexperten. Zu Jahresbeginn erreicht die Flut ihrer aggressiven Reklame-Mails jeweils einen Höhepunkt. Denn das ist für sie immer eine besonders gute Gelegenheit, mit angeblich im neuen Jahr bevorstehenden Katastrophen Ängste zu schüren: Die Untergangspropheten nutzen die unter Anlegern weitverbreiteten beiden größten Schwächen schamlos für sich aus – die Angst und die Gier. Nachdem sie erst die Angst der Anleger mit ihren düsteren Prognosen so richtig geschürt haben, wecken sie deren Gier. Sie stellen ihnen Empfehlungen in Aussicht, mit denen sie ihr Vermögen nicht nur retten sollen, sondern dank derer sie ihr Kapital angeblich sogar vervielfachen können. „Diese Aktienperlen“, heißt es dann zum Beispiel, „überstehen jeden Börsen-Orkan und bieten ihnen die Chance auf 300 Prozent Rendite in kürzester Zeit“.

Anlegerschützer warnen

Anlegerschützer warnen eindringlich vor solchen zweifelhaften Anlage-Offerten: „Manche dieser Marktschreier buhlen lediglich um die mediale Aufmerksamkeit, andere wollen gezielt ihre Produkte verkaufen“, so Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Grundsätzlich hätten Untergangspropheten einen entscheidenden Vorteil: „Man kann ihnen nie nachweisen, dass sie falsch liegen. Denn wenn der Kurseinbruch doch nicht komme, dann verzögere er sich aus ihrer Sicht eben nur. „Bis sie dann irgendwann doch noch Recht bekommen, denn irgendwann kommt es an der Börse immer mal zu einem Absturz“, so Kurz.

Aktuell hätten Börsen-Pessimisten für 2017 durchaus gute Argumente auf ihrer Seite, sagt Kurz. Denn politisch sei die Unsicherheit groß: Der unberechenbare US-Präsident Donald Trump, der bevorstehende EU-Austritt Großbritanniens (Brexit), der zunehmende islamistische Terror und die anstehenden Wahlen in mehreren europäischen Ländern mit aufstrebenden Rechtspopulisten könnten noch zu erheblichen Turbulenzen an den Aktien- und Devisenmärkten führen.

Aus diesen Gründen seien sehr negative Prognosen für das Börsenjahr 2017 nicht völlig aus der Luft gegriffen. Doch plumpe Untergangsszenarien nach dem Motto: „Sie werden alles verlieren“, seien völlig unseriös. „Anleger sollten ihre Entscheidungen nie von ihren Gefühlen und schon gar nicht von Angst leiten lassen“, mahnt der Anlegerschützer. „Doch leider gibt es offenbar immer Leute, die auf so etwas hereinfallen und damit solchen Crash-Propheten in die Hände spielen.“ Sein Rat an alle Anleger, der in jeder Börsenphase gelte, lautet deshalb „Vor jeder Entscheidung den Kopf einschalten.“

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