In seinen Schriften verurteilte Karl Marx die Geldgier der Kapitalisten. Doch privat lief der Urvater des Kommunismus zeitlebens erfolglos dem schnöden Mammon hinterher. In seiner Verzweiflung versuchte er sich auch als Börsenspekulant – und scheiterte grandios.

Gibt es eine Geldanlage, die zu Karl Marx (1818–1883) passen würde, dem Autor des „Kapitals” und Wegbereiter des Kommunismus? Schließlich ist die unmäßige Akkumulation von Kapital für Marx problematisch.
Akzeptabel, möchte man meinen, ist aus Sicht des Philosophen und Ökonomen allenfalls das gute alte Sparbuch. Denn dieses, obgleich etwas aus der Mode geraten, gilt traditionell als die Anlageform schlechthin des kleinen Mannes. Es steht für Redlichkeit, Bescheidenheit und Sicherheit.

Chronische Geldknappheit

Doch Marx, dessen Geburtstag sich am 5. Mai 2018 zum zweihundertsten Mal jährt, ließ das Sparbuch links liegen und tat etwas, was nach seinem Verständnis eigentlich nur die schlimmsten, gierigsten Kapitalisten tun: Er spekulierte an der Börse. Sein Motiv war fast ebenso verblüffend, wie die Tat selbst: Der Mann, der mit seinen Schriften postum die halbe Welt verändern sollte, litt nämlich zeitlebens unter chronischer Geldknappheit. Zwar stammte der Sohn eines Rechtsanwalts keineswegs aus einfachen Verhältnissen, doch während der jahrzehntelangen Arbeit an seinem Hauptwerk „Das Kapital” verfügte er nur über sehr geringe Einnahmen. Über Wasser hielten ihn lediglich bescheidene Honorare, die er als Journalist verdiente. Eine Tätigkeit, die Marx im Übrigen nur widerwillig ausübte: "Das beständige Zeitungsschmieren langweilt mich. Es nimmt mir viel Zeit weg, zersplittert und ist doch nichts", klagte er.

Kostspieliger bürgerlicher Lebensstil

Marx’ privater Umgang mit Geld verhielt sich jedoch in einem eklatanten Widerspruch zu seinen finanziellen Möglichkeiten und zu seiner philosophischen Anschauung. Seit jeher führte er einen kostspieligen bürgerlichen Lebensstil. Und auf diesen Lebensstil wollte Marx auch dann nicht verzichten, als seine wirtschaftliche Lage extrem angespannt wurde. Dieses Verhalten führte dazu, dass er maßlos über seinen Verhältnissen lebte. Marx’ privater Umgang mit Geld verhielt sich jedoch in einem eklatanten Widerspruch zu seinen finanziellen Möglichkeiten und zu seiner philosophischen Anschauung.

Zu seinem Glück hatte Marx einen solventen Freund und Förderer, der ihm immer wieder aus den schlimmsten finanziellen Nöten heraus half: Friedrich Engels, mit dem er gemeinsam das berühmte „Kommunistische Manifest” verfasst hatte und die Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie entwickelte, die heute als Marxismus bezeichnet wird. Engels war nicht nur wie Marx Philosoph und Revolutionär, er war auch ein erfolgreicher Unternehmer in der Textilindustrie. Finanziell war Engels also ganz anders aufgestellt als sein Mitstreiter für die kommunistische Sache. Engels bewunderte Marx. Um sicherzustellen, dass dieser die Kritik des Kapitalismus und die Theorie des Kommunismus voranbrachte, unterstützte er ihn finanziell. In manchen Jahren soll Engels seinem Freund sogar mehr Geld zur Verfügung gestellt haben, als er selbst verbrauchte.

Doch selbst mit den großzügigen Finanzspritzen seines Freundes reichte das Geld für Marx und seine Familie hinten und vorn nicht aus. Der mittlerweile nach London emigrierte Philosoph ging daher in Pfandhäuser, um sein Hab und Gut gegen ein bisschen Bares zu versetzen. „Seit einer Woche habe ich den angenehmen Punkt erreicht”, teilte Marx voller Sarkasmus Engels in einem Brief mit, „wo ich aus Mangel an den im Pfandhaus untergebrachten Röcken nicht mehr ausgehe.”

Woher genau das Geld stammte, das Marx an der Börse einsetzte, ist unklar. Doch mit großer Wahrscheinlichkeit handelte er auf Pump. Dabei hatte Engels ihn und den Rest der Menschheit eindringlich vor der Börse gewarnt, wenn auch eher aus moralischen Gründen. Sie sei der „Herd der äußersten Korruption”.

Gezielt auf riskante Papiere gesetzt

Marx legte nicht breit gestreut an der Börse an, sondern spekulierte gezielt mit riskanten Papieren. Sein Vorhaben deutete er 1859 in einem weiteren Brief an Engels erstmals an. Marx vermittelte dabei den Eindruck, es sei geradezu kinderleicht, dabei reich zu werden. Er schrieb, er wolle „irgendeinen Finanzcoup machen”. In kurzer Zeit, so Marx, wolle er seine Einnahmen verdoppeln.

Mit seinen Spekulationen an der Börse antizipierte Marx ein Bonmot, das erst rund 100 Jahre nach seinem Tod entstand und vom berühmten ungarischen Börsenguru André Kostolany geprägt wurde. Es lautet: „Wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren, Wer viel Geld hat, kann spekulieren, wer aber kein Geld hat, der muss spekulieren”.

Will heißen: Nur wer sehr reich ist, kann es sich leisten, an der Börse zu spekulieren. Der Normalanleger aber sollte sein Geld breit gestreut am Kapitalmarkt investieren, was im Sinne Kostolanys das Gegenteil von spekulieren ist. Nur wer praktisch nichts hat, der hat auch nichts zu verlieren und muss deshalb an der Börse auf Alles oder Nichts gehen, wenn er noch eine Chance haben will, im Leben zu Geld zu kommen. Genau das waren vermutlich Marx’ Beweggründe: Die Börse war für ihn so etwas wie der letzte Strohhalm, um finanziell wieder auf einen grünen Zweig zu kommen.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Anfängliche Erfolge

Anfangs hatte Marx mit seinen Spekulationen offenbar Erfolg. In einem Brief an seinen Onkel Lion Philips prahlte er damit, 400 Pfund an der Börse mit „amerikanischen Funds” und „englischen Aktienpapieren” gewonnen zu haben. Eine nicht unbeträchtliche Summe Geld für die damalige Zeit. Zum Vergleich: Das Jahresgehalt eines Bankdirektors belief sich damals auf 300 bis 350 Pfund.

In besagtem Brief an seinen Onkel rechtfertigte Marx seine Aktivitäten an der Börse mit einem klassenkämpferischen Argument: „Man kann schon etwas riskieren, um seinen Feinden das Geld abzunehmen.” Voller Überheblichkeit ging Marx offenbar fatalerweise davon aus, die Mechanismen des Aktienmarktes durchschaut zu haben und sie einfach nur anwenden zu müssen, um hohe Gewinne damit zu erzielen. Das ganze bedürfe nicht einmal einer besonderen Anstrengung. „Da der Arzt mir angestrengte und vielstündige geistige Arbeit untersagt hatte, habe ich, was Dich nicht wenig wundern wird, spekuliert”, spottete er.

Marx Anfangserfolg an der Börse ließ seine Selbstüberschätzung weiter wachsen. ein typischer Anfängerfehler. Er werde „jetzt, wo die Verwicklung der politischen Verhältnisse neuen Spielraum bietet, von neuem [mit Börsengeschäften] anfangen”, heißt es in dem Brief an seinen Onkel weiter. Marx Anfangserfolg an der Börse ließ seine Selbstüberschätzung weiter wachsen. ein typischer Anfängerfehler. Ziemlich unverhohlen brachte er seine Gier nach schnellen Börsengewinnen ein paar Tage später Engels gegenüber zum Ausdruck, als er einer verpassten Gelegenheit nachtrauerte: „Hätte ich während der letzten 10 Tage das Geld gehabt, so hätte ich viel Geld auf der hiesigen Börse gewonnen. Jetzt ist wieder die Zeit, wo mit wit [englisch für Gewitztheit] und very little money Geld gemacht werden kann in London.”

Zu dieser Zeit, in den 1860er Jahren, herrschte in England ein regelrechter Börsenboom. Zahlreiche neue Aktiengesellschaften entstanden. Die Stimmung muss ein bisschen so gewesen sein wie in den Zeiten der New Economy und des Neuen Marktes Ende der 1990er Jahre in Deutschland, als Dutzende kleine Firmen mit gut klingenden Namen fantastische Erfolge an der Börse feierten.

Ein kleines Vermögen verloren

Wahrscheinlich ist, dass Marx schon bald die nächste Gelegenheit nutzte, um an der Börse zuzuschlagen – und dabei herbe Verluste erlitt. Damit muss es ihm so ergangen sein, wie vielen vor und nach ihm, die an der Börse nur das schnelle Geld machen wollen, aber nicht die Geduld für ein langfristiges, breit diversifiziertes Engagement aufbringen.

Beweise gibt es für Marx’ Scheitern als Spekulant nicht. Denn Schriftstücke von ihm, in denen er seine Verluste an der Börse thematisiert, sind nicht bekannt. Das ist nachvollziehbar. Denn es liegt in der Natur des Spekulanten, dass er sich gern mit seinen Erfolgen brüstet, aber über seine Misserfolge schweigt. Marx’ auch weiterhin desolate Finanzlage spricht allerdings dafür, dass seine finanziellen „Coups” letztlich erfolglos blieben. Verschiedenen Quellen zufolge soll er am Ende mindestens 1.000 Pfund an der Börse verloren haben, für damalige Verhältnisse also ein kleines Vermögen.

Seiner Finanznot entkam Marx auch nach Erscheinen des ersten Bandes des „Kapitals” im Jahr 1867 nicht. Denn von dem bahnbrechende Werk des Philosophen wurden in den ersten Monaten gerade einmal 200 Exemplare verkauft. Viel Hoffnung auf einen Geldsegen hatte er sich ohnehin nicht gemacht: „Das „Kapital” wird mir nicht einmal so viel einbringen, als mich die Zigarren gekostet, die ich beim Schreiben geraucht”, schrieb er seinem Schwiegersohn Paul Lafargue.

Immerhin, seinen Lebensabend musste Marx nicht in Armut verbringen. Engels „belohnte” ihn für das „Kapital” mit einer jährlichen Rente von 350 Pfund. Sparen konnte er von dieser regelmäßigen, üppigen Zuwendung aber nichts. Als Marx 1883 in London starb, hinterließ er praktisch nichts außer seinen Büchern und Manuskripten.