Viele Anleger lassen sich bei der Geldanlage von ihrer Psyche leiten – und begehen dadurch große Fehler. Warum LIQID-Kunden das nicht passieren dürfte, erläutert Martin Friedrich, ehemals Co-Chief-Investment-Officer von LIQID im Interview.

LIQID MAGAZIN: Warum fällt es vielen Menschen bei der Geldanlage so schwer, nüchtern rationale Entscheidungen zu treffen?

FRIEDRICH: Menschen neigen generell dazu, irrational zu agieren. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der modernen Verhaltenspsychologie. Diese Neigung tritt generell besonders in Situationen in Erscheinung, in denen Entscheidungen getroffen werden müssen, von denen man erst viel später wissen wird, ob sie gut waren oder nicht.

LIQID MAGAZIN: An welche Situationen denken Sie?

FRIEDRICH: Vergleichen wir unterschiedliche Situationen, auf welche obige Beschreibung zutrifft: ob bei medizinischen Diagnosen, in der Meteorologie, der Erdbebenforschung oder bei Pokerspielen. Allen diesen Disziplinen ist gemeinsam, dass in einer unsicheren Situation Entscheidungen getroffen werden müssen. Bei der Vermögensanlage, ähnlich wie in der Medizin, dauert es viele Monate oder sogar Jahre, um beurteilen zu können ob eine Entscheidung richtig war oder nicht. Der Unterschied liegt darin, dass zum Beispiel für einen Pokerspieler die Folgen einer Fehlentscheidung relativ rasch zu Tage treten. In der Meteorologie dauert es häufig auch nur wenige Tage bis man weiß ob man richtiggelegen hat. Bei der Vermögensanlage, ähnlich wie übrigens in der Medizin, dauert es hingegen viele Monate oder sogar Jahre, um beurteilen zu können ob eine Entscheidung richtig war oder nicht. Und deshalb ist das Maß an Irrationalität, das viele Menschen erfasst, wenn sie Entscheidungen zum Thema Geldanlage treffen, auch so hoch.

LIQID MAGAZIN: Inwiefern spielen Emotionen speziell bei der Geldanlage eine Rolle?

FRIEDRICH: Eine sehr große! Man kann mit wissenschaftlichen Methoden zeigen, dass Investoren, die Geld verlieren, schon bei relativ kleinen, unrealisierten Verlusten medizinische Symptome von hohem mentalem Stress zeigen. Eine solche Verlustposition durchzuhalten erzeugt dann eine ständige Spannung: eine so genannte kognitive Dissonanz. Doch leider sind Emotionen bei der Geldanlage ein ganz schlechter Ratgeber.

LIQID MAGAZIN: Welche sind die häufigsten Fehler, die Anleger deshalb begehen?

FRIEDRICH: Im Einzelnen hängt das auch vom jeweiligen Marktumfeld ab. Viele Menschen lassen sich hier zum Beispiel vom Herdentrieb leiten. Und das hat dann zur Folge, dass sie heute zum Beispiel zu aberwitzigen Preisen in die Kryptowährung Bitcoin investieren, nur weil das gerade schwer in Mode ist. Denn aus den hohen Preissteigerungen der Vergangenheit ziehen sie den Trugschluss, dass der Bitcoin einfach immer stärker an Wert gewinnen muss.

LIQID MAGAZIN: Sind LIQID-Kunden vor solchen Trugschlüssen geschützt, weil der Computer die Emotionen ausschaltet?

FRIEDRICH: Was den Anlagestil Global angeht: ja, absolut! Denn hier werden die Portfolios nach vordefinierten Regeln an die Marktentwicklung angepasst. Es entstehen keine Spielräume für menschliche Fehlinterpretationen. Deshalb können auch verhaltenspsychologisch bedingte Fehlentscheidungen keinen Einfluss auf die Performance nehmen.

LIQID MAGAZIN: Im Gegensatz zu den Global-Portfolios, die algorithmisch gesteuert werden und bei denen die menschliche Komponente weitgehend ausgeschaltet wird, werden die Select-Portfolios bei LIQID von menschlichen Experten gesteuert. Wie schalten die LIQID-Experten die Psyche aus, um nicht dem gleichen Fehlverhalten wie Privatanleger zu unterliegen?

FRIEDRICH: Es stimmt: Im Gegensatz zu Global gibt es beim Anlagestil LIQID-Select zumindest theoretisch die Möglichkeit von Fehleinschätzungen. Wir sind als Vermögensverwalter aber so erfahren, dass uns solche Fehler in aller Regel nicht unterlaufen. Und falls es doch einmal passieren sollte, gibt es ein wirksames Korrektiv: Unser Expertenteam besteht aus 18 Personen, jede Entscheidung wird vorher im Team diskutiert.

LIQID MAGAZIN: Lassen Sie uns das anhand eines konkreten Beispiels näher ansehen. Nehmen wir das Phänomen des Home Bias, das dazu führt, dass Anleger Wertpapiere aus dem Heimatland bevorzugen, weil sie diese kennen.

FRIEDRICH: Das stimmt, ein wichtiger Aspekt! Interessenten, die bei LIQID investieren wollen, wird ja eine kostenlose Analyse ihrer bestehenden Depots angeboten. Oft liegen in diesen Depots nur deutsche Aktien wie Allianz, Telekom oder Siemens. Das halten wir für sehr bedenklich.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

LIQID MAGAZIN: Warum?

FRIEDRICH: Weil eine solche Strategie jedem Grundsatz der breiten Streuung zuwiderläuft und deshalb sehr riskant ist. Bei LIQID investieren wir dagegen über Fonds in einen breiten, nach Branchen und Regionen gestreuten Korb von Aktien und Anleihen. Das mindert die Risiken erheblich, ohne die Chancen zu beeinträchtigen. Zusätzlich sorgt im automatisch gesteuerten Anlagestil Global ein regelbasiertes Rebalancing dafür, dass die Gewichtung der Anlageklassen zueinander immer dem individuellen Risikoprofil des Anlegers entspricht. Im Experten-gesteuerten Anlagestil Select übernehmen wir selbst diese Aufgabe und nutzen darüber hinaus Chancen, die sich am Markt ergeben.

LIQID MAGAZIN: Ein weiteres häufiges Fehlverhalten ist die Selbstüberschätzung, die unter anderem dazu führt, dass Anleger ihr Portfolio ständig umschichten, weil sie glauben, damit ihr besonderes Näschen unter Beweis stellen zu können. Im Ergebnis erzielen sie damit unterdurchschnittliche Ergebnisse, schon allein wegen der hohen Transaktionskosten: Ist diese Gefahr aktuell nach fast neun Jahren Bullenmarkt besonders groß?

FRIEDRICH: Das stimmt, die Neigung zur Selbstüberschätzung ist nach einer langen Phase mit steigenden Kursen wie wir sie derzeit haben größer als sonst. Das ist erwiesen. In einer Krise ist es dagegen oft leichter, seine eigenen Fähigkeiten realistisch einzuschätzen.

LIQID MAGAZIN: Kann dieser Fehler bei LIQID nicht passieren? Wie häufig werden die Kunden-Portfolios umgeschichtet?

FRIEDRICH: Die Select-Portfolios wurden in der Vergangenheit im Schnitt etwa zehnmal pro Jahr angepasst. Allerdings handelt es sich dabei selten um große Veränderungen am Portfolio, sondern es werden häufig lediglich Arrondierungen vorgenommen. Ein Beispiel ist der Wechsel von einem währungsgesicherten zu einem klassischen ETF bei unserer Japan-Position.

LIQID MAGAZIN: Ein anderes Beispiel für typische Verhaltensfehler ist die Regret-Aversion, die unter anderem zur Folge hat, dass Anleger es nicht übers Herz bringen, sich von Verlustbringern im Depot zu trennen, dafür aber gute Wertpapiere mit weiterhin hohem Potenzial verkaufen, nur weil sie damit bereits im Plus liegen. Wie gehen die LIQID-Experten diesem häufigen Fehler aus dem Weg?

FRIEDRICH: Die Regret-Aversion ist eher für die Einzeltitelauswahl relevant als für die taktische Gewichtung von Anlageklassen. In Fall von Select halten wir in der Tat an Positionen, die hinten liegen, in der Regel fest oder erhöhen sie noch. Eines ist klar: wenn sich die Fakten ändern, dann ändern wir auch unsere Meinung – anders als viele Privatanleger. Allerdings beruht dies auf einer ständigen Analyse der Chancen und Risiken, welche sich in der jeweiligen Situation ergeben. Und eines ist klar: wenn sich die Fakten ändern, dann ändern wir auch unsere Meinung – anders als viele Privatanleger, die in solchen Situationen dann oft immer noch stur an ihrer Position festhalten.

LIQID MAGAZIN: Die Repräsentativitäts-Heuristik wiederum führt dazu, dass Anleger besonders häufig Aktien kaufen, die ihre Aufmerksamkeit durch hohe Umsätze oder extreme Preisausschläge erregen. Was ist falsch an dieser Strategie?

FRIEDRICH: Privatanleger wissen bei der Kaufentscheidung oft nicht, auf welche Kriterien sie achten sollen. Deshalb lassen sie sich häufig von den Medien beeinflussen. Und die berichten natürlich gern über Dinge, die in Bewegung sind – also zum Beispiel über Aktien wie Amazon, Tesla oder Alphabet, weil sie enorm gestiegen sind. Das führt dazu, dass Anleger ausgerechnet bevorzugt Wertpapiere kaufen, die schon viel zu hoch bewertet sind. Dieses Verhalten trägt entscheidend dazu bei, dass Privatanleger mit ihren Depots meist deutlich schlechter abschneiden als der Marktdurchschnitt. Das lässt sich sogar wissenschaftlich belegen [1].

SUMMIT: Dieses weit verbreitete Verhalten führt auch dazu, dass Fonds, die im vergangenen Jahr besonders gut abgeschnitten haben, besonders hohe Zuflüsse von Anlegern erhalten. Dabei ist hinlänglich bekannt, dass starke Kurssteigerungen oder eine gute Performance in der Vergangenheit – zumal über einen solch kurzen Zeitraum – nichts über künftige Ertragschancen aussagen. Wie geht LIQID hier vor?

LIQID MAGAZIN: Unser Investment-Team ist mit dem von Ihnen angesprochenen Phänomen bestens vertraut. Bei uns ist es aber eher umgekehrt: wird ein Fonds aufgrund der Zuflüsse zu groß, dann steigt unsere Sorge, denn wir wissen auch, dass ein großer Fonds weniger manövrierfähig ist. In manchen Fällen bekommt der Manager irgendwann Probleme, die Anlagestrategie erfolgreich umzusetzen. Wir haben schon einmal einen Fonds verkauft, weil er zu groß wurde. Danach hat der Manager tatsächlich ein Jahr lang ziemlich miserabel performt.


  1. [1] Quantitative Analysis of Investor Behavior (Um in den Fließtext zurückzukehren, drücken Sie bitte die Zahl.)



Hinweis – Die Vermögensanlage an den Kapitalmärkten ist mit Risiken verbunden und kann im Extremfall zum Verlust des gesamten eingesetzten Kapitals führen. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Indikator für die Wertentwicklung in der Zukunft. Auch Prognosen haben keine verlässliche Aussagekraft für künftige Wertentwicklungen. Wir erbringen keine Anlage-, Rechts- und/oder Steuerberatung. Alle Inhalte auf unserer Webseite und im LIQID-Magazin dienen lediglich der Information.