Der Historiker Robert Muschalla, Kurator der Ausstellung Sparen – Geschichte einer Deutschen Tugend im Deutschen Historischen Museum Berlin, erklärt im Interview mit LIQID-Finanzredakteur Sebastian, warum die Deutschen eine ganz besondere Beziehung zum Sparen haben.

Herr Muschalla, aus welchem Grund haben Sie eine Ausstellung über das Sparen ins Leben gerufen? War das Ihre eigene Idee?

Das Deutsche Historische Museum hat mich nach Berlin geholt, damit ich dort eine Ausstellung kuratiere, in der es darum geht was Geld eigentlich ist. Als ich dann – mit einem Ausstellungskonzept in der Tasche – im Haus angekommen war, hatte man seitens des DHM festgestellt, dass gerade in mehreren Häusern geldbezogene Ausstellungen gelaufen sind. Ich wurde daraufhin gefragt, ob ich mir eine Akzentverschiebung vorstellen könnte. Irgendjemand hatte dann die Idee, das Sparen in den Blick zu nehmen, ohne dass damit genauere Vorstellungen verknüpft waren. Ich habe mir etwas Zeit genommen um mich mit dem Sparen zu befassen und habe festgestellt, dass dieses Thema bisher erstaunlicherweise nie Gegenstand kulturhistorischer Forschung war und erst recht nicht das Thema einer solch exponierten Ausstellung. Das hat mich sehr neugierig gemacht und ich habe ein erstes Konzept entwickelt.

Welcher ist Ihr eigener Hintergrund?

Ich bin Historiker und habe meiner akademischen Ausbildung entsprechend – überwiegend museal – zu Themen aus dem Bereich der Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts gearbeitet. Vor der aktuellen Ausstellung habe ich eine bildungs- und forschungsgeschichtliche Ausstellung für das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum kuratiert. Auch hier ging es allerdings nicht unwesentlich auch um Sozialgeschichte. Generell interessieren mich Themen, die mit der Genese unserer Gesellschaft und ihren Krisen verbunden sind. Neben der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte interessieren mich vor allem Themen aus dem Bereich der Philosophie, sowie der Sozialwissenschaften. Ich mag die Herausforderung, die sich aus dem Ausstellen abstrakter Sachverhalte ergibt.

Was hat Sie im Laufe Ihrer Arbeit an der Ausstellung über das Sparen am meisten überrascht?

Ob ich überrascht worden bin weiß ich nicht, aber ich habe einiges gelernt. So etwa, dass das Sparen in Deutschland gezielt als Mittel sozialer Kontrolle von oben herab popularisiert wurde und sich dabei eng mit dem im 19. Jahrhundert immer brutaler artikulierten Antisemitismus verbunden hat. Nicht zufällig ist der Nationalsozialismus die Hochzeit des Sparens in Deutschland.

Wie gut ist die Ausstellung besucht?

Trotz des heißen Sommers ist die Ausstellung so gut besucht, dass sich das DHM im Sommer entschieden hat, das Laufzeitende vom 26. August auf den 4. November zu verlegen. Sparen in Deutschland wurde gezielt als Mittel sozialer Kontrolle von oben herab popularisiert Übertroffen wurde das Zuschauerinteresse allerdings noch vom internationalen Medieninteresse. Zu unserem Erstaunen haben viele der internationalen Leitmedien – Print, Radio, Fernsehen – zum Teil sehr exponiert über die Ausstellung berichtet. Auch viele Kolleginnen und Kollegen aus der Forschung haben mich erfreulicherweise kontaktiert und es resultieren sogar mehrere Forschungsprojekte aus der Ausstellung.

Wie setzt sich das Publikum der Ausstellung zusammen?

Ich kann dazu noch keine gesicherten Erkenntnisse weitergeben. Generell kommt etwa die Hälfte der jährlich 800.000 Besucher des DHM aus dem Ausland. Die Alters-Spannbreite in der Sparen-Ausstellung reicht von Schulklassen bis zu Senioren. Sicher erreichen wir, was den Bildungshintergrund angeht, keine gleichmäßige Verteilung, aber die Ausstellung ist als inklusive Ausstellung – als Ausstellung für alle – angelegt. Mir ist es wichtig, dass die Besucher unabhängig vom Bildungshintergrund in der Ausstellung einen Zugang zum Thema finden.

Unterscheiden sich die Deutschen tatsächlich fundamental von allen anderen im Sparverhalten?

Ich bin von vielen Journalisten gefragt worden, warum die Deutschen Sparweltmeister sind. Ich muss dann leider die ernüchternde Erkenntnis weitergeben, dass das gar nicht zutrifft. Es gibt etliche Länder, in denen die Haushalte mehr sparen. So etwa in China oder in der Schweiz um einmal in der Nähe zu bleiben. Die französische Sparquote ist ähnlich hoch wie die deutsche.

Woher kommt dann der Ruf der Deutschen als Sparweltmeister?

Was in Deutschland einzigartig ist, ist die kulturelle Bedeutung des Sparens, die sich in der Frage nach der Sparweltmeisterschaft manifestiert. Besonders sparsam zu sein ist in erster Linie einmal das Selbstbild der Deutschen. Selbstredend sind dennoch die Ersparnisse hierzulande beträchtliche. Sie sind aufgrund der niedrigen deutschen Investitionsquote sogar ein Exportgut, das international für Kritik sorgt.

Woran liegt das begründet? Warum sind wir ein Volk von Sparern?

Das Entstehen von Sparinstitutionen in Deutschland im ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhundert ist eng verbunden mit dem Versuch, eine aus der (schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts) sich ausbreitenden Massenarmut resultierende instabile soziale und damit potentiell politische Lage zu stabilisieren. Mir ist es wichtig, dass die Besucher unabhängig vom Bildungshintergrund in der Ausstellung einen Zugang zum Thema finden. In Frankreich entluden sich die sozialen Spannungen in einer Revolution und die bürgerliche Gesellschaftsform setzte sich durch, in Deutschland installierte man von oben herab Sparinstitutionen und versuchte zunehmend die Bürger zu einem arbeitsamen und sparsamen Lebensstil zu erziehen. Wer so lebt und etwas zu verlieren hat – so der Gedanke – macht keine Revolution. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich die soziale Frage zu einer Arbeiterfrage entwickelt hatte, ist die Sparerziehung – inzwischen von einer regelrechten Sparbewegung getragen – als Mittel gegen die revolutionären Umtriebe der sich formierenden Arbeiterbewegung eingesetzt worden. Dabei sind ab den 1870er Jahren die Aufrufe zum Sparen eng mit dem nationalen Projekt der Deutschen verknüpft worden.

Das Sparen ist also gezielt als Mittel der sozialen Kontrolle installiert worden?

Richtig. Noch im 18. Jahrhundert gehörte es keineswegs zum Selbstverständnis der Deutschen, sparsam zu sein. Spätestens im 20. Jahrhundert war die Lage dann ganz anders. Der arbeitsame, sparsame Deutsche wurde stilisiert und ins Selbstbild übernommen. Das Herrschaftsinstrument wurde zur deutschen Tugend verklärt.

Warum haben die Deutschen andererseits so entsetzlich viel Angst vor Aktien?

Die Ablehnung gegenüber Aktien resultiert aus der tiefen Ablehnung der abstrakten (wirtschaftlichen) Verkehrsformen der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland. Seit dem 19. Jahrhundert setzte man dem die Fixierung auf die vermeintlich deutsche Arbeit entgegen. Da passt das Sparbuch oder der Bausparvertrag besser zum eigenen Selbstbild. Man spart hier den Ertrag der eigenen konkreten Arbeit.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Einerseits verteufeln wir Deutsche also die Aktie, andererseits lassen wir uns auf viel riskantere Investments ein wie Schiffsfonds oder Container ein. Wie passt das zusammen?

In der Finanzwelt kursiert der Begriff Dumb German Money seit langem. Aus den angedeuteten Vorbehalten resultiert ein wenig reflektierter Umgang mit den Investitionen, die dann doch getätigt werden. Besonders riskant ist dabei aber wohl besonders das Investment in die Schulden der anderen. Bezeichnend ist es dazu auch noch.

Sind viele Bundesbürger aufgrund dieses irrationalen und widersprüchlichen Sparverhaltens von Altersarmut bedroht?

Nein. Für bedrohlicher halte ich da den politisch motivierten Umbau der sozialen Sicherungssysteme und die viel zu niedrigen Löhne.

Wie stehen Sie persönlich zum Sparen?
Ich mache Ausstellungen dazu, publiziere, spreche und gebe Interviews zum Thema.

Worauf ich mit der vorigen Frage hinauswollte: Ich möchte gerne wissen, wie Sie selbst Ihr Geld anlegen.

Es tut mir leid, hier muss ich mich auf das Bankgeheimnis berufen.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich erwäge gerade eine Ausstellungsprojekt zu einem ganz anderen aktuellen Thema. Aber am Ende berühren sich die Themen, zu denen ich arbeite, doch wieder an der ein oder anderen Stelle.

Herr Muschalla, herzlichen Dank für das Gespräch.


Die Bilder wurden uns mit freundlicher Unterstützung von Robert Muschalla zu Verfügung gestellt.