Die Vermögensteuer erhitzt die Gemüter – wieder einmal. Diejenigen, die sie am meisten beträfe, hat niemand in die Diskussion einbezogen. Deshalb hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag des Vermögensverwalters LIQID die Deutschen und vor allem vermögende Deutsche zur Dreiecksbeziehung von Vermögen, Leistung und Besteuerung befragt. Für die Studie befragt wurden zum einen ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung und zum anderen Personen, mit einem liquiden Vermögen von mindestens 100.000 Euro befragt (im Folgenden als Vermögende bezeichnet). Mit ihren Antworten zeigen beide Gruppen zwar Gemeinsamkeiten, aber auch erstaunliche Unterschiede. Dabei wird eines klar: Die Vermögenden entsprechen überhaupt nicht ihrem Klischee.

Schon die Frage, wer in Deutschland Besonderes leistet, bringt überraschende Antworten. Nicht etwa nur Manager und Führungskräfte gelten den Deutschen als herausragende Leistungsträger, sondern auch Menschen abseits von Spitzengehältern und Dienstwagen: beispielsweise Krankenschwestern und alleinerziehende Mütter. Während weniger als zwei Drittel der breiten Bevölkerung dem zustimmt, honorieren die Vermögenden die Leistungen in der Familie und der Gesundheitspflege deutlich mehr: Fast drei Viertel der Befragten sehen das so. Leistung hat in Deutschland also viele Gesichter, doch nicht immer wird sie entsprechend entlohnt. Den Vermögenden scheint dieser Umstand noch bewusster zu sein als allen anderen.

Ob vermögend oder nicht – bei der Frage, ob wir in einer Neidgesellschaft leben, sind sich alle einig: Nicht einmal ein Zehntel stimmt der Aussage „überhaupt nicht“ oder „eher nicht“ zu. Mehr als 90 Prozent fühlen sich im Umkehrschluss also mehr oder weniger von Neid umgeben – ob als Neider oder Beneidete. Für Letztere mag es tröstlich sein, sich eines Zitats des Philosophen Arthur Schopenhauer zu besinnen, der für seine prägnante Sicht auf die Dinge bekannt ist: „In Deutschland ist die höchste Form der Anerkennung der Neid.“

Kurios: Die Neidgesellschaft glaubt an Solidarität

Der allseits gefühlte Neid hält die Deutschen aber glücklicherweise nicht davon ab, Gutes tun zu wollen: Die Hälfte aller Befragten setzt sich für gelebte Solidarität ein. Die Deutschen und ihre Vermögenden plädieren gleichermaßen je zur Hälfte dafür, dass Vermögende von ihrem Profit, den sie hierzulande erwirtschaftet haben, auch etwas an die Gesellschaft zurückgeben. Wie diese Rückgabe im Einzelnen zu geschehen hat, wird immer wieder kontrovers und zuweilen auch äußerst populistisch geführt. Dabei wird gerne übersehen, dass Vermögende nicht dazu neigen, ihr Geld wie Dagobert Duck in haushohen Speichern zu lagern. Manchmal gezwungenermaßen, meistens aber freiwillig, geben sie ohnehin einen Teil an die Gesellschaft zurück und wollen so helfen, sie positiv mitzugestalten.

Zunächst tun sie das, weil sie Menschen mit ganz normalen Bedürfnissen sind, die dank ihres Vermögens nur mehr Möglichkeiten dazu haben: Sie konsumieren, kaufen Lebensmittel, Bekleidung, Autos, Immobilien oder Yachten, je nach persönlichem Gusto. Oft mit den höchsten Einkommenssteuersätzen belastet, tragen die Vermögenden außerdem überdurchschnittlich zum Steueraufkommen bei, mit dem nicht zuletzt Straßen und Schulen finanziert werden. Erstaunlicherweise sind sie dabei bereit, noch mehr zu geben als bisher: Laut der Umfrage ist die Hälfte von ihnen der Meinung, Vermögende würden von der aktuellen Steuergesetzgebung eher geschont werden. Und der vielleicht wichtigste Beitrag, den Vermögende leisten: In ihrer Eigenschaft als Investoren stellen sie beim nachvollziehbaren Versuch, ihr Vermögen zu erhalten oder zu mehren, ihr Kapital anderen zur Verfügung. Diese leisten damit wiederum einen weiteren volkswirtschaftlichen Beitrag, in dem sie investieren, Arbeitsplätze schaffen und Steuern zahlen.

Ja zu Steuern – aber bitte nicht übertreiben

Die Selbstlosigkeit in Steuerfragen hat natürlich ihre Grenzen: Eine Vermögensteuer sehen die Vermögenden kritischer als andere. Doch diese Haltung ist weit weniger absolut, als das Klischee erwarten ließe: Nur etwas mehr als ein Fünftel lehnt eine Vermögensteuer kategorisch ab, bei der übrigen Bevölkerung ist es rund ein Zehntel. Je höher aber das Vermögen, desto mehr nähern sich die beiden Gruppen an: Gefragt, ob die Steuer bereits ab einem liquiden Vermögen von 500.000 Euro gelten soll, gehen die Meinungen noch deutlich auseinander. Wird die Grenze auf eine Million Euro hochgesetzt, herrscht nahezu Einigkeit.

So kritisch, wie vielleicht erwartet, stehen die Deutschen und ihre Vermögenden steigenden oder zusätzlichen Steuern also gar nicht gegenüber. Nur übertreiben sollte es der Finanzminister nicht: Ein Viertel aller Befragten würde bei weiter steigenden Steuern eine Auswanderung erwägen, bei den Vermögenden ist es fast ein Drittel.

Über die Studie hat übrigens auch das Handelsblatt (Paywall) berichtet, dem Sie weitere interessante Aspekte entnehmen können.




Über die Umfrage
Die verwendeten Daten beruhen auf einer Online-Umfrage der YouGov Deutschland GmbH, an der 2.006 Personen zwischen dem 09. und 11.09.2019 teilnahmen. Die Ergebnisse wurden gewichtet und sind repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren.