Expertengespräch

Kommt die Inflation zurück?

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LIQID Investments GmbH

Herr Fomm, trotz des beispiellosen Gelddruckens durch die großen Notenbanken seit der Finanzkrise gab es bislang keinen Inflationsdruck in den großen Industrienationen. Doch die Anzeichen mehren sich, dass die Teuerung nun doch deutlich anziehen könnte. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Nicht übermäßig. Der Inflationsdruck ist aktuell nicht sehr hoch.

Ich bitte Sie, die Teuerung ist in der Eurozone in den vergangenen Jahren von praktisch null auf zwei Prozent gestiegen. Selbst Bundesbank-Chef Jens Weidmann spricht inzwischen ganz offen davon, dass die Inflation anzieht. Diese Entwicklung können Sie doch nicht abstreiten.

Das ist eher eine Rückkehr zur Normalität. Eine Inflation von 0 Prozent birgt Deflationsgefahren! Der jüngste Anstieg der Teuerung hat im Wesentlichen nur zwei Ursachen: die steigenden Mieten und die hohen Ölpreise. Alle anderen Bestandteile des Warenkorbes, der für die Messung der Inflationsrate herangezogen wird, haben sich nur moderat verteuert. Trotz sehr guter Konjunkturdaten erwartet die EZB für die nächsten Jahre eine Inflation von 1,5 Prozent, also deutlich weniger als der Zielwert von 2 Prozent. Ich bleibe dabei: eine erhebliche Zunahme der Inflation ist aktuell nicht absehbar, von einer Ausnahme abgesehen.

Die wäre?

Ich meine den Anstieg der Vermögenspreise, also die kräftige Wertsteigerung von Aktien, Anleihen und Immobilien. Den kann man durchaus als Beleg für inflationäre Tendenzen heranziehen. Im Warenkorb spielen die Vermögenspreise aber keine Rolle – und damit haben sie auch keine Auswirkung auf die offizielle Inflationsrate. Die für den Warenkorb maßgeblichen Preise für Lebensmittel, Kleidung oder andere Güter des täglichen Bedarfs steigen dagegen kaum.

Woran liegt es, dass die Preise für diese täglichen Bedarfsgüter trotz der Geldflut durch die Notenbanken stabil bleiben?

Die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung, auch in der klassischen Industrie, wirkt wie eine Inflationsbremse. Die Produktionskoste im verarbeitenden Gewerbe sinken, da die Prozesse immer effizienter werden. Auch im Servicebereich sehen wir das mittlerweile, das drückt dann eben auch für viele Dienstleistungen die Preise.

Außerdem gibt es einen ganz langfristigen Trend, der die Preisinflation in den Industrieländern dämpft: die Globalisierung führt zur Angleichung der Lohnstückkosten, da Produktionsprozesse zunehmend international verknüpft sind. Während das auf der positiven Seite für Arbeitnehmer in Schwellenländern Lohnzuwächse bedeutet, dämpft es zumindest die Entwicklung der Löhne in den Industrieländern.

Gibt es nicht noch einen anderen Grund für die stabilen Preise?

Doch – und zwar einen sehr erfreulichen: Die Marktwirtschaft funktioniert. Bei fast allen Gütern ist der Wettbewerb der Hersteller und des Handels enorm. Ein großes Angebot stößt auf eine begrenzte Nachfrage. Und die Nachfrage nach Nahrungsmitteln oder Textilien ändert sich auch in geringem Umfang, wenn die Löhne steigen. Denn der Mensch kann nun einmal nur eine begrenzte Menge an Nahrung aufnehmen. Und wenn der Kleiderschrank schon voll ist, dann passt eben kein weiterer Anzug hinein.

Was müsste denn passieren, damit Inflationsdruck aufkommt?

Eine sehr hohe Inflation kann entstehen, wenn die Güter knapp sind, wenn die Preise für Rohstoffe stark steigen oder wenn unkontrolliert Geld gedruckt wird. Das war zum Beispiel nach dem ersten Weltkrieg der Fall. Vor allem direkt nach dem Krieg trieben die Güterknappheit und steigende Rohstoffpreise aufgrund der abwertenden Währung die Inflation. Das dann einsetzende unkontrollierte Gelddrucken kulminierte dann in der Hyperinflation von 1923. Für all das gibt es aktuell keine Anzeichen.

Es gibt aber auch heute noch knappe Güter.

Das ist richtig. Neben einigen knappen Rohstoffen sind das heute aber besonders Luxusgüter. Hier sorgen die Hersteller teilweise für eine künstliche Verknappung, um die Preise hoch zu halten. Für manche Uhren beträgt die Wartezeit aktuell zum Beispiel bis zu vier Jahre. Das führt dazu, dass Sie für eine gebrauchte Uhr teilweise mehr bezahlen müssen als für eine neue, weil Sie die einfach nicht bekommen. Ein ähnliches Phänomen können Sie auch bei manchen Auto-Modellen beobachten. Die Inflation der Preise für Luxusgüter war in den letzten Jahren in der Tat höher als die Preiszunahme der Güter des durchschnittlichen Warenkorbs. Hieraus ergibt sich für vermögende Anleger ein interessanter Befund: wenn Teile des Einkommens für Luxusgüter ausgegeben werden, ist die persönliche Inflation möglicherweise höher. Abgemildert gilt das natürlich für jeden, dessen Konsum nicht dem durchschnittlichen Warenkorb entspricht.

Bedeutet das, die Wohlhabenden leiden stärker unter der Teuerung als die Masse der Bevölkerung?

Ja, das ist so. Die Wohlhabenden geben im Schnitt einen deutlich geringeren Prozentsatz ihres verfügbaren Einkommens für Güter des täglichen Bedarfs aus als Durchschnittsbürger, dafür leisten sie sich mehr Luxusprodukte und spüren die entsprechende Inflation dadurch wesentlich stärker.

So gesehen hat die aktuelle Preisentwicklung durchaus etwas positives für die Gesellschaft: Sie wirkt der sich sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich entgegen.

Das kann man durchaus so sehen. Ein wichtiger Grund, warum sich die Schere trotzdem weiter öffnet, ist übrigens das unterschiedliche Anlegerverhalten: Der Anteil der Wohlhabenden, die ihr Vermögen an den Kapitalmärkten anlegen, ist deutlich höher als im Durchschnitt der Bevölkerung. Nur an den Kapitalmärkten sind in Zeiten von niedrigen Zinsen noch attraktive Renditen zu erzielen.

Zu den Folgen für die Geldanlage kommen wir gleich, Herr Fomm. Ich möchte aber noch einmal zurück zum Thema Inflation. Nicht nur bei Luxusgütern, auch bei bestimmten Rohstoffen bahnt sich eine Knappheit an. Droht von der Seite kein inflationärer Schub?

Nein, die Gefahr sehe ich nicht. Die Weltwirtschaft boomt schon seit Jahren und dennoch sind die Rohstoffpreise – mit Ausnahme von Öl und einigen bestimmten Metallen, die zum Beispiel für die Fertigung von Batterien für Elektroautos benötigt werden wie Kobalt, Graphit oder Lithium – kaum gestiegen. Sollte sich die globale Konjunktur wieder etwas abkühlen, wofür derzeit aus meiner Sicht einiges spricht, gibt es erst recht keinen Grund, warum die Rohstoffpreise auf breiter Front steigen sollten.

Warum rechnen Sie mit einer Abkühlung der Konjunktur?

Vor allem die weiter steigende globale Verschuldung ist eine Gefahr für die Konjunktur. Auch die Verschuldung in Schwellenländern sehen wir kritisch, da Staaten und Unternehmen oft Schulden in US-Dollar haben. Wertet der Dollar auf, zum Beispiel im Zuge weiterer Leitzinsanhebungen der US-Notenbank (Fed), kann es zu Problemen kommen. Die USA nutzen mit ihrer aktuellen Steuerpolitik bereits Spielräume, die man eher für Rezessionen wahren sollte.

Sind die Zinserhöhung in den USA nicht Gift für die Kapitalmärkte?

Nein. Dass die Zinsen in den USA steigen, ist insgesamt eine gesunde Entwicklung und zeigt, dass die Zinsen zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise allmählich wieder zur Normalität zurückkehren. In Europa dürfte es bis zur geldpolitischen Wende angesichts der noch immer schwierigen Lage in Ländern wie Italien und Griechenland allerdings noch etwas dauern.

Führt ein konjunktureller Abschwung nicht auch zwangsläufig zu einem heftigen Dämpfer an den Aktienmärkten?

Im Falle einer Rezession wäre sicherlich eine Korrektur zu erwarten. Neben den oben genannten Risiken könnte auch eine Eskalation des Handelsstreits die Rezessionsgefahr erhöhen. Die Wahrscheinlichkeit hierfür ist zuletzt gesunken. Da der US-Präsident mittlerweile die ersten negativen Konsequenzen seiner Zollpolitik am eigenen Leib spürt, haben die USA und die EU zuletzt eine Art Waffenstillstand geschlossen. Abgesehen vom US-Markt, den wir untergewichten, sind die meisten Regionen aktuell fair bewertet und bieten, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis, deutlich attraktivere Renditen als die jeweiligen Anleihenmärkte. Solange das so bleibt, sind größere Rücksetzer bei Aktien unwahrscheinlich.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Wie sehen die Aussichten für Anleihen aus?

Da sind wir nicht ganz so optimistisch wie für Aktien. Wenn die Zinsen steigen, drückt das zwangsläufig die Kurse von Anleihen. Deshalb ist es heute umso wichtiger, diese Anlageklasse in einem Portfolio breit gestreut über verschiedene Regionen und Emittenten abzubilden. In ein solches Portfolio gehören auch Hochzins- und Fremdwährungsanleihen, bei denen die Risiken etwas höher sind als bei deutschen Staatsanleihen, die aber auch deutlich höhere Zinsen abwerfen. Anleihen bleiben auch für Krisenzeiten ein wichtiger Baustein für die Diversifikation und Risikosenkung des Portfolios.

Es kommt vor, dass Schuldner solche Anleihen nicht bedienen oder dass der Kurs einer Währung abstürzt.

Das stimmt, aber selbst in Rezessionsphasen sind das wenige Schuldner, die dank der breiten Streuung des Portfolios dann nur einen geringen Einfluss haben. Die Fremdwährungs-Anleihen in unseren Portfolios sind bis auf wenige Ausnahmen gegen Währungsverluste abgesichert. Daraus ergibt sich also kein Risiko. So kann man auch in Zukunft noch akzeptable Renditen mit Anleihen erzielen. Wer aber sein Vermögen real (also nach Steuern und Inflation) nicht nur erhalten, sondern vermehren möchte, kommt heute an einem nennenswerten Aktienanteil im Portfolio nicht vorbei.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Fomm. Es war mir wie immer ein Vergnügen.

Dem kann ich nur uneingeschränkt zustimmen, Herr Wolff.