Meinungsbeitrag

Wirtschaft als Schulfach

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Die übertriebene Angst vieler Deutscher vor Aktien und Fonds hat auch mit mangelnden ökonomischen Kenntnissen zu tun. Dagegen muss dringend etwas getan werden.

Es ist schon seltsam: Seit jeher lernen Schüler die Integralrechnung, die Mendelschen Regeln oder die Newtonschen Gesetze und bekommen zumindest ansatzweise erklärt, worum es in der Einsteinschen Relativitätstheorie geht. Über die Metapher von der unsichtbaren Hand des Ökonomen Adam Smith hinaus wird an volkswirtschaftlichen Themen aber leider wenig vermittelt.

Noch schlimmer ist es bei betriebswirtschaftlichen Themen. Kommen sie nicht von einem Wirtschaftsgymnasium haben Abiturienten häufig Probleme, den Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn zu erklären, ganz zu schweigen von Buchführung oder Kostenrechnung. Denn Wirtschaft fristet in Deutschland als Schulfach ein absolutes Schattendasein. Lediglich in Baden-Württemberg gibt es seit dem Schuljahr 2016/17 ein Fach ökonomische Allgemeinbildung. Geplant ist ein solches Fach auch in Nordrhein-Westfalen. In allen anderen Bundesländern herrscht diesbezüglich Fehlanzeige.

Dabei ist Wirtschaft im späteren „richtigen” Leben für alle Schulabgänger allgegenwärtig – viel mehr noch als die Mathematik, Biologie oder Physik. Es müssen ja nicht gleich die großen volkswirtschaftlichen Theorien sein. Einige Bundesbürger haben schon mit der Prozentrechnung und einfacher Wirtschaftsmathematik ihre Schwierigkeiten. Sie kennen den Unterschied zwischen einer Bilanz und einer Gewinn- und Verlustrechnung nicht und haben keine Vorstellung darüber, welchen Zweck die Körperschaftsteuer erfüllt. Grundelemente der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung werden selbst von einigen Politikern, die oft mit den entsprechenden Zahlen argumentieren, völlig falsch verstanden Während es meist ein grobes Verständnis des Bruttoinlandsprodukts gibt, fehlt dieses öfter in Bezug auf Inflation und Deflation sowie deren Folgen. Grundelemente der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung – die Leistungs- und die Kapitalbilanz mit ihren Unterbilanzen – werden selbst von einigen Politikern, die oft mit den entsprechenden Zahlen argumentieren, völlig falsch verstanden. Auch die wirkliche Bedeutung des Zinseszinseffekts wird häufig nicht erkannt und was eine Aktie von einer Anleihe unterscheidet, können manche auch nicht erklären.

Fatale Folgen im Hinblick auf die Altersvorsorge

Kein Wunder deshalb, dass die Deutschen, im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn, auch meist wenig von Geldanlage verstehen. Investitionen am Kapitalmarkt, also in Aktien, Anleihen und Investmentfonds sind vielen fremd bis suspekt. Stattdessen fühlen sie sich mit dem guten, alten Sparbuch oder Tages- und Festgeld wohl – Anlageformen, die lange ihre Berechtigung hatten, aber in Zeiten des niedrigen Zinses fatale Risiken für Vermögensaufbau und -erhalt bergen. Denn real, also nach Inflation und Steuern, erzeugen sie einen schleichenden Verlust. Vielen Menschen, die ihr Geld in dieser Weise anlegen, drohen schlimme Folgen im Hinblick auf ihre Altersvorsorge.

In den meisten anderen Industrieländern sind die Menschen den Kapitalmärkten gegenüber viel positiver gestimmt. In den USA, Frankreich und Großbritannien zum Beispiel ist der Anteil der Bevölkerung, der Aktien hält, deutlich höher als in Deutschland.

Ich bin davon überzeugt, dass die positivere Einstellung zum Kapitalmarkt in diesen Ländern auch mit besseren Wirtschaftskenntnissen zusammenhängt. In Großbritannien und Frankreich zum Beispiel gibt es ein Schulfach Wirtschaft. Leider ist dieses Fach auch dort nicht Pflicht oder kann abgewählt werden.

Den meisten Bundesbürgern sind ihre gravierenden Wissenslücken durchaus bewusst: Einer Umfrage der Targobank Stiftung unter 1.000 Personen in den zehn größten Ruhrgebietsstädten förderte zutage, dass 55 Prozent der Befragten beim Thema Geldanlage in Wertpapieren und immerhin 44 Prozent beim Thema Immobiliendarlehen, Haus- und Wohnungskauf der Ansicht sind, nur ein geringes Wissen zu haben.

An das Thema spielerisch heranführen

Deshalb brauchen wir dringend ein Schulfach Wirtschaft, das Kindern und Jugendlichen die grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhänge erläutert. Und zwar kein Wahlfach, sondern ein Pflichtfach, dem die gleiche Bedeutung beigemessen wird wie Deutsch, Mathematik oder Englisch.

Spätestens ab der weiterführenden Schule sollte es mit der Vermittlung von Wirtschaftskenntnissen losgehen. Doch meiner Ansicht nach spricht auch nichts dagegen, schon früher damit zu beginnen. Warum nicht schon, sobald die Schüler vernünftig lesen und schreiben können und die Grundrechenarten beherrschen, also etwa in der 4. Klasse Grundschule? Die Wissensvermittlung kann am Anfang spielerisch erfolgen. Dann werden die Kinder nicht abgeschreckt, sondern haben von Beginn an Spaß daran. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Börsenspiel, um die jungen Leute an das Thema Geldanlage heranzuführen?

Geldanlage und Börse wird bis heute in der Schule praktisch überhaupt nicht thematisiert – es sei denn, die Schüler haben zufällig einen Lehrer, der sich persönlich dafür interessiert und das Thema deshalb im Unterricht aufgreift. Doch selbst wenn das der Fall ist, müssen die Schüler noch das Glück haben, auf einen Lehrer zu treffen, der sie unideologisch an das Thema heranführt. Meine Beobachtung ist jedoch, dass ein Großteil des Lehrkörpers leider sehr wirtschaftskritisch eingestellt ist und den Schülern deshalb ein negatives Bild vermittelt. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Börsenspiel, um die jungen Leute an das Thema Geldanlage heranzuführen? Für sie ist Wirtschaft gleichbedeutend mit Neoliberalismus: Unternehmer und Vermieter sind aus ihrer Sicht leider häufig nichts anderes als gierige Kapitalisten, die Arbeitnehmer, Verbraucher und Mieter ausbeuten. Die Geldanlage in Aktien – die zum Beispiel junge US-Amerikaner noch in der Schule als positiv kennenlernen – ist aus Sicht solcher Lehrer viel zu riskant. Wenn Schüler als Konsequenz nur geringes Vertrauen in die Marktwirtschaft und die Finanzmärkte haben und auch im Elternhaus Skepsis herrscht, wachsen Jugendliche heran, die später keinerlei Interesse an einer wirtschaftlich sinnvollen Geldanlage zeigen.

Lehrer sollten vor Konsum auf Pump warnen

Die Risiken von Verbraucherkrediten und Konsum auf Pump, wie er für viele Menschen immer mehr zur Selbstverständlichkeit wird, kommen ebenfalls zu kurz. Einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem eigenen Einkommen müssen ebenfalls die Eltern lehren. Geschieht dies nicht, drohen schon vielen jungen Erwachsenen Schulden. Allzu verlockend ist es, das schicke Smartphone oder den neuesten Laptop sofort zu kaufen und in Raten abzustottern. Doch ein solches Konsumverhalten ist bedenklich, denn es führt Verbraucher erwiesenermaßen in die Schuldenfalle. Oft endet das in der Privatinsolvenz. Dabei wäre es für die Lehrer so einfach, den Schülern zu erklären, dass es eine wirtschaftlich viel vernünftigere Entscheidung ist, sich einen Konsumwunsch erst zu erfüllen, wenn man sich das Geld dafür vorher zusammengespart hat. Wie ernst das Problem ist, zeigen Zahlen des Vereins für Existenzsicherung: Demnach waren 2015 bereits 31 Prozent der 14- bis 24-Jährigen schon einmal in ihrem Leben verschuldet.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Ich selbst hatte das große Glück, in der Oberstufe einen Lehrer im Fach Politik und Wirtschaft zu haben, der seine politische Meinung aus dem Unterricht heraushielt und der uns stattdessen wichtige wirtschaftliche Grundlagen auf spannende Weise vermittelte. Besonders sinnvoll finde ich noch heute ein Gründungsspiel, das wir in der zwölften Klasse veranstaltet haben: Einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem eigenen Einkommen müssen ebenfalls die Eltern lehren Wir haben Geschäftsideen entwickelt und diese auch tatsächlich umgesetzt. Meine Gruppe hat zum Beispiel Partys organisiert und damit auch ordentlich Geld verdient. Dafür mussten wir uns zumindest ein grundlegendes Verständnis von Betriebswirtschaft aneignen. Neben diesem sehr erfreulichen praktischen Bezug vermittelte unser Lehrer einen Einblick in volkswirtschaftliche Theorien und ein grobes Verständnis für Makroökonomie und volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Diesem Lehrer verdanke ich zu einem großen Teil mein Interesse für wirtschaftliche Zusammenhänge und Finanzen. Ohne ihn hätte ich es wahrscheinlich schwerer gefunden, mich für einen Beruf zu entscheiden. Auch aufgrund dieser persönlichen Erfahrung bin ich für ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft, in dem gerne mit kritischem Blick – aber weltanschaulich neutral – Grundlagen der Volks- und Betriebswirtschaftslehre vermittelt werden.