Die große Koalition plant zahlreiche soziale Wohltaten. Finanzieren sollen das großzügige Ausgabenpaket natürlich die Steuerzahler. Noch in den Wahlprogrammen von CDU, CSU und SPD versprochene steuerliche Entlastungen bleiben weitgehend aus. Stattdessen werden die Bürger wohl zusätzlich zur Kasse gebeten. Auch Sparer und Anleger müssen damit rechnen, künftig noch mehr von ihren Erträgen an den Fiskus abzugeben. Die Anlage am Kapitalmarkt bleibt dennoch die einzige sinnvolle Möglichkeit für die langfristige Geldanlage.

Am Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD lässt der Bund der Steuerzahler (BdSt) kein gutes Haar: „Wichtige Reformen bleiben aus, Bürger werden weiter über Gebühr belastet, Betrieben werden die Rahmenbedingungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, erschwert, und zahlreiche Mehrausgaben gefährden die Schwarze Null des Bundeshaushaltes“, heißt es in einer BdSt-Stellungnahme. Das Fazit von BdSt-Chef Reiner Holznagel: „Der Koalitionsvertrag ist eine Enttäuschung“.

Auch für Sparer und Anleger seien die Pläne der Großen Koalition alles andere als erfreulich, so der Steuerzahlerbund. „Sparern geht es ans Geld: Für Sparer wird es teurer und vor allem bürokratischer“. Was den BdSt besonders ärgert, sind die Pläne der Koalition, die Abgeltungsteuer für Zinsen wieder abzuschaffen und sie wieder mit dem persönlichen Steuersatz zu belasten. Aktuell werden für realisierte Kursgewinne, Zinserträge und Dividenden pauschal 25 Prozent Abgeltungsteuer zuzüglich Solidaritätszuschlag (und ggf. Kirchensteuer) vom Fiskus einbehalten. Müssen Anleger diese Zinseinkünfte bald wieder mit ihrem individuellen Steuersatz versteuern, kommt das fast immer einer kräftigen Steuererhöhung gleich.

Auch eigene Klientel betroffen

Das Vorhaben, die Abgeltungsteuer wieder abzuschaffen, ist eines von vielen Themen, mit denen sich die SPD in den Koalitionsverhandlungen durchsetzen konnte. So haben Wissenschaftler mit Hilfe eines auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierenden Algorithmus herausgefunden, dass rund 70 Prozent des Koalitionsvertrages auf das Parteiprogramm der SPD zurückgeht, nur 30 Prozent könne dagegen der Union zugeordnet werden. [1]

Dass die SPD damit auch einem Großteil ihrer eigenen Klientel tiefer in die Tasche greifen möchte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Mehrbelastet würden nämlich bereits Sparer mit geringen Einkünften, etwa aus einer Rente. Denn schon ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von rund 16.000 Euro müssen Sparer womöglich mehr Steuern zahlen, wenn sie den Sparer-Pauschbetrag ausgereizt haben, hat der Bund der Steuerzahler errechnet. Zudem würde eine Rückkehr zur individuellen Besteuerung ein deutliches Mehr an Bürokratie bedeuten, weil jeder Anleger, seine Kapitalerträge wieder in seiner Steuererklärung angeben und von den Steuerbehörden entsprechend verarbeitet werden müsste.

Dividenden und Kursgewinne nicht betroffen

Ausdrücklich will die Koalition übrigens nur die Abgeltungsteuer für Zinsen abschaffen, nicht aber die für Dividenden und Kursgewinne. Konkret bedeutet das: Für Aktien- und Aktienfondsbesitzer bliebe alles beim Alten. Für Sparer, Anleihen- und Anleihenfondsbesitzer würde künftig die individuelle Besteuerung greifen. Ausdrücklich will die Koalition übrigens nur die Abgeltungsteuer für Zinsen abschaffen, nicht aber die für Dividenden und Kursgewinne. Dadurch würden die ohnehin minimalen Erträge für Tagesgeld oder Bundesanleihen in den meisten Fällen noch höher besteuert als heute. Sparer sollten das zum Anlass nehmen darüber nachzudenken, wenigstens einen Teil ihres Tages- oder Festgelds zu liquidieren und den Erlös am Aktienmarkt anzulegen.

Den Grund für diese Differenzierung zwischen Zins- und Aktienerträgen nennt der Koalitionsvertrag zwar nicht beim Namen. Klar ist aber, dass die Anlageform Aktie (ob direkt oder indirekt über Fonds) steuerlich bislang schon deutlich im Vergleich zu Anleihenbesitzern benachteiligt wird. Denn bevor der Anleger Abgeltungsteuer zahlt, hat das Unternehmen bereits Körperschafts- und Gewerbesteuer abgeführt. „Faktisch summiert sich dadurch die Besteuerung von Aktienerträgen auf im Durchschnitt etwa 48 Prozent, während die Steuer auf Zinserträge nur rund 27 Prozent beträgt, erklärt Gerrit Fey, Leiter Kapitalmarktpolitik des Deutschen Aktieninstituts (DAI), im Gespräch mit Summit. Fey spricht deshalb von einer „Diskriminierung der Aktie im Vergleich zu Anleihen, aber auch zum Sparbuch oder zum Festgeld und zum Tagesgeld“.

Kursgewinne waren früher steuerfrei

Würden auch Aktienerträge künftig wieder der individuellen Besteuerung unterworfen, müssten die meisten Anleger unter Berücksichtigung der bereits von den Unternehmen abgeführten Körperschafts- und Gewerbesteuern mehr als die Hälfte ihrer Erträge an den Fiskus abführen. Eine solch gewaltige Abgabenlast möchte die Regierung Aktionären dann offenbar doch nicht zumuten. Denn sie würde die Balance des Steuersystems stören, das für die Eigentümer von Personen- und Kapitalgesellschaften sehr ähnliche Gesamtsteuerbelastungen vorsieht.

Zwar wurde die Abgeltungssteuer erst im Jahr 2009 eingeführt. Zuvor unterlagen sämtliche Kapitalerträge dem individuellen Steuersatz. Doch im Gegenzug genossen Aktienbesitzer einen gewaltigen Vorteil: Kursgewinne waren steuerfrei, wenn Anleger die Aktien oder Aktienfonds mindestens ein Jahr im Depot hielten. Für Dividenden wiederum galt das Halbeinkünfteverfahren: Demnach waren 50 Prozent der Erträge von der Steuer befreit. Auch dieser Steuervorteil entfiel mit der Einführung der Abgeltungsteuer im Jahr 2009. Für DAI-Experte Fey wäre eine Abschaffung der Abgeltungsteuer auf Aktienerträge deshalb nur eine Option, wenn im Gegenzug die vor 2009 geltenden Steuervorteile wieder eingeführt würden.

Wie die Rückkehr zur individuellen Besteuerung für Zinserträge konkret erfolgen soll, bleibt im Koalitionsvertrag allerdings offen. Vor allem für diejenigen, die sich bisher nicht um die Steuern kümmern mussten, weil die Bank die 25 Prozent Abgeltungsteuer, zuzüglich Soli und ggf. Kirchensteuer, automatisch abführte, wird nun womöglich wieder eine Steuererklärung fällig.

Ich überlege
für
Jahre anzulegen.

Zinsdifferenz zwischen Deutschland und anderen Ländern bereits zurückgegangen

Eine zusätzliche Belastung droht den Sparern und Anlegern, falls die Koalition mit einem anderen Thema ernst machen sollte, das sie im Koalitionsvertrag erwähnt: die Einführung einer Finanztransaktionssteuer – ebenfalls ein Lieblingsprojekt der Sozialdemokraten. Details werden dazu allerdings nicht genannt. Experten zufolge ergäbe eine solche Steuer – wenn überhaupt – nur Sinn, wenn sie europaweit oder sogar global eingeführt würde.

Eine konkrete Auswirkung auf die Kapitalmärkte hatte die Regierungsbildung in Deutschland bereits: Die Aktienmärkte blieben davon weitgehend unberührt, aber sie hat zu einer Zinsverschiebung innerhalb der Eurozone geführt. Die Aktienmärkte bleiben davon weitgehend unberührt, aber sie hat zu einer Zinsverschiebung innerhalb der Eurozone geführt. Denn viele Marktteilnehmer rechnen damit, dass die neue Große Koalition sich für Transferzahlungen innerhalb der Eurozone stark machen wird. Davon profitierten Anleihen von Krisenländern wie Italien: Ihr Kurs stieg und die Zinsen gingen infolgedessen zurück. In Deutschland dagegen ließ die Erwartung von Transferzahlungen die Zinsen steigen. Die Zinsdifferenz zwischen Deutschland und anderen Ländern der Eurozone ist dadurch also geringer geworden.

Trotz aller Unwägbarkeiten: Anleger sollten sich von den Plänen der Großen Koalition nicht verunsichern lassen und am Aktienmarkt engagiert bleiben oder sogar ihr Engagement erhöhen. Denn auf lange Sicht, das beweisen zahlreiche Studien, sind Aktien und Aktienfonds die ertragreichste liquide Anlageklasse – egal, ob es gerade politischen Rücken- oder Gegenwind dafür gibt.




  1. [1] FAZ: Koalitionsvertrag zu 70 Prozent aus SPD-Feder (Um in den Fließtext zurückzukehren, drücken Sie bitte die Zahl.)

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