Schwellenländer wie Brasilien und China spielen in der Weltwirtschaft eine viel zu große Rolle, als dass Anleger sie in einem global diversifizierten Portfolio ignorieren könnten. Das gilt unabhängig davon, ob Aktien aus den Wachstumsmärkten gerade in Mode sind oder nicht.

Wie schnell sich das Blatt doch wenden kann: In den vergangenen fünf Jahren wollte kaum ein Anleger etwas von Schwellenländer-Investitionen wissen. Das immer langsamere Wachstum, sinkende Rohstoffpreise, die hohe Inflation und dahin dümpelnde Aktienkurse in vielen aufstrebenden Staaten hatte viele Investoren vergrault. Doch inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Anleger schichten wieder massiv Geld in Richtung Emerging Markets um. Auslöser waren die hohen Kursgewinne an vielen Schwellenländerbörsen seit Januar 2016 und möglicherweise der Brexit, der die Aussichten für Europa verdüsterte. Manche Aktienmärkte, etwa Brasilien und Russland, liegen seit Jahresbeginn mit mehr als 30 Prozent im Plus, während europäische Titel gemessen am Stoxx Europe 600 im Minus notieren.

Für langfristig orientierte Anleger, die global diversifizieren, sind solche periodischen Auf- und Ab-Bewegungen nur Momentaufnahmen, die wenig Bedeutung haben. Aktien aus den Emerging Markets sollten für sie ein fester Bestandteil ihres Portfolios sein. 70 Prozent der Weltbevölkerung leben in den Schwellenländern, die 46 Prozent der Landmasse ausmachen. Für die Finanzwissenschaftler Elroy Dimson, Paul Marsh und Mike Staunton von der London Business School ist deshalb klar: Die Schwellenländer sind viel zu groß, um sie bei der Geldanlage zu ignorieren. Allen voran die so genannten BRIC-Staaten mit Brasilien, Russland, Indien und China an der Spitze.

Die Volksrepublik nimmt neben den USA längst eine Sonderstellung in der Welt ein: Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) hat China die USA bereits vor zwei Jahren als größte Wirtschaftsnation der Welt abgelöst. Das Land erwirtschaftet mehr als 17 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes (BIP), zusammen mit den anderen BRIC-Staaten sind es rund 30 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung.

Mit Schwellenländer-Aktien global diversifizieren

Wer sein Portfolio global diversifizieren will, kommt deshalb an den Emerging Markets nicht vorbei, zumal die Aktienmärkte der Schwellenlänger weniger stark mit etablierten Aktienmärkten korrelieren als die Märkte der entwickelten Nationen untereinander. Die moderne Portfoliotheorie lässt deshalb keinen Zweifel daran, dass Schwellenländer-Aktien eine wichtiges Instrument sind, um Risiken zu streuen und die Wertschwankungen eines Portfolios zu senken – unabhängig davon, ob die internationale Anlegergemeinde den Schwellenländern nun gerade gewogen ist oder nicht.

Auch zeitweise Schwächephasen der Realwirtschaft wie derzeitOb und wann das Wachstum wieder anzieht, ist offen. in China ändern daran nichts. Ob und wann das Wachstum wieder anzieht, ist offen. Axel Weber, der ehemalige Bundesbank-Chef und heutige Verwaltungsratspräsident der Schweizer Großbank UBS, sagt den Schwellenländern beispielsweise für die kommenden Jahre eine Entwicklung im Schatten der Industrieländer voraus. Die Begründung liefert eine Studie, die Weber anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos Anfang des Jahres vorstellte: Danach seien die etablierten Wirtschaftsmächte besser auf die anstehende digitale Revolution vorbereitet und würden stärker von der Industrie 4.0 profitieren.

Zu einem genau gegenteiligen Ergebnis kommt das Analyse-Haus McKinsey Globale Institute: Die Digitalisierung ermögliche es Schwellenländer-Unternehmen, so leicht wie nie zuvor auf den Märkten der Industrienationen Fuß zu fassen und damit den Spieß umzudrehen. Unternehmen aus Emerging Markets würden etablierten Firmen sogar in ihren Heimatmärkten Konkurrenz machen, heißt es in einer Studie.

Anleger werden für höhere Risiken belohnt

Wer auch immer recht behält – Fakt bleibt: Die Schwellenländer dürften auch in Zukunft einen erheblichen Anteil zum weltweiten BIP beitragen. Allerdings schwankt das Wirtschaftswachstum in Schwellenländern stärker als in Industrienationen, und die Reaktionen der Anleger auf diese Schwankungen sind heftiger: Wenn es in Ländern wie China und Brasilien gut läuft, kommt schnell Euphorie auf. Dann spekulieren Investoren darauf, dass die Märkte der Zukunft die alten Industrienationen eines Tages überflügeln werden. Doch wenn die Maschine ins Stottern gerät werden diese hohen Erwartungen lautstark zu Grabe getragen – zumindest vorübergehend.

Wer aber das Auf und Ab durchstand, wurde in der Vergangenheit mit entsprechend hohen Renditen belohnt. Zumindest gilt dies für Investoren, die ihr Geld langfristig anlegen. Diverse Studien, etwa des Fondsanbieters Vanguard, zeigen, dass Anleger vor allem wegen des Risikos starker Kursschwankungen eine langfristig hohe Rendite erzielten. Entgegen der landläufigen Meinung trieb nicht das starke Wirtschaftswachstum die Kapitalgewinne in die Höhe.

Einer der Gründe für das höhere Risiko: Die Kapitalmärkte der Schwellenländer sind verglichen mit ihrer Realwirtschaft noch unterentwickelt. Während die Länder 39 Prozent der Weltproduktion erwirtschaften, liegt ihr Anteil am Volumen der weltweiten Aktienmärkte nur bei 22 Prozent. Die Schwellenländer dürften aufholen und das Volumen ihrer Kapitalmärkte bis 2030 deutlich zulegen. Bei Unternehmens- und Staatsanleihen sind es sogar nur 14 Prozent, so die Studie „Emerging capital markets: The road to 2030“ von Credit Suisse Research. Die Autoren gehen allerdings davon aus, dass die Schwellenländer aufholen werden und das Volumen ihrer Kapitalmärkte bis 2030 deutlich zulegen dürfte. Die regulatorischen, institutionellen und organisatorischen Rahmenbedingungen seien in vielen Ländern gut. Unternehmen würden Kapitalmarktfinanzierungen zunehmend als Alternative zur Bankkrediten entdecken. Zudem würden institutionelle Investoren wie Versicherungen und Pensionsfonds in den Schwellenländern wachsen und ihr Geld zunehmend in heimische Aktien und Anleihen investieren. Für Anleger werden diese Märkte damit nicht nur immer wichtiger – es dürfte auch leichter und kostengünstiger werden, dort Wertpapiere zu handeln, wenn das Angebot an Aktien und Anleihen und die Zahl institutioneller Marktteilnehmer wächst.

Daten zeigen eine positive Entwicklung

Die positive Entwicklung deutet sich bereits seit Jahren an: Die Aktienmarktkapitalisierung der 20 wichtigsten Schwellenländer ist der Credit Suisse zufolge von 1,8 Billionen US-Dollar im Jahr 1996 auf 13,3 Billionen US-Dollar gestiegen. Mehr als die Hälfte des Kapitalmarktwachstums ging auf das Konto der BRIC-Staaten. Zudem wuchs der Markt in Korea mit einer Billion US-Dollar ebenso stark wie der in Indien. Klare Nummer eins ist aber auch in diesem Fall China mit einem Zuwachs von 3,9 Billionen US-Dollar.
Auch der World Economic Forum Global Competitiveness Report bescheinigt 15 der 20 größten Emerging Markets Fortschritte bei der Entwicklung ihrer Kapitalmärkte in der Jahren zwischen 2006 und 2014: Die größten Sprünge nach vorne haben demnach China, die Türkei, die Philippinen, Südafrika und Saudi Arabien gemacht. Die am weitesten entwickelten Aktienmärkte sehen die Beobachter in Südafrika, Brasilien, Taiwan, Malaysia, Saudi Arabien und Indien.

Die positive Entwicklung der Schwellenländer-Kapitalmärkte zeigt sich auch bei der Finanzierung junger Das Volumen von Venture-Capital-Investitionen ist in Asien sprunghaft gestiegen. Unternehmen, die für das Wirtschaftswachstum wichtig sind: Das Volumen von Venture-Capital-Investitionen ist in Asien von 6,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2011 auf 39,7 Milliarden US-Dollar in 2015 sprunghaft gestiegen, so der „Venture Pulse“- Report der Finanzmarktanalysten von KPMG International und CB Insights. Damit liegt Asien bei der Finanzierung junger Technologie-Startups bereits heute klar vor Europa und auf Platz zwei hinter den USA.

Welche der bisherigen Emerging Markets mittel- und langfristig überhaupt noch als „Schwellenländer“ gelten können und welche als entwickelte Nationen, bleibt abzuwarten. Denn der Begriff ist keineswegs statisch. Die International Finance Corporation, eine Gesellschaft der Weltbankgruppe, hatte den Begriff Emerging Markets im Jahr 1986 eingeführt und zählte damals sechs Länder zu dieser Gruppe: Singapur, Malaysia, Hongkong, Thailand und die Philippinen. Singapur und Hongkong sind inzwischen in den Kreis der Industrieländer aufgestiegen, zugleich ist die Anzahl der Schwellenländer deutlich gewachsen.

Der MSCI Emerging Markets Index

Mittlerweile bestimmen vor allem die großen Anbieter von Börsen-Indizes, welches Land in welche Schublade gehört. Der führende Index, der MSCI Emerging Markets Index, bildet die Aktienbörsen-Entwicklung von 23 Schwellenländern ab. Darunter sind fünf Länder Amerikas: Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Peru. Hinzu kommen die europäischen Länder Tschechische Republik, Ungarn, Polen und Griechenland sowie Russland. Aus dem mittleren Osten und Afrika sind Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei, Ägypten sowie Südafrika vertreten. Asien ist neben den Schwergewichten China und Indien mit Indonesien, Korea, Malaysia, Taiwan, Thailand und den Philippinen im Index enthalten. Für jedes Land erfasst der Index etwa 85 Prozent des Aktienmarktes gemessen am Börsenwert aller gelisteten Unternehmen.

Die aktuelle Wertentwicklung aller 23 Schwellenländer-Börsen bis zu einem Zeitraum von zehn Jahren zeigt der Indexanbieter MSCI in einer interaktiven Grafik.

Fast vergessen scheinen in dem aktuell positiven Umfeld die schwachen Jahre von 2010 bis 2015. Davon waren übrigens nicht alle Schwellenländer gleichermaßen betroffen: Der IWF konstatiert in seinem aktuellen World Economic Outlook, dass die Schwellenländer, die hohe Währungsreserven und vergleichsweise geringe öffentliche Schulden haben, weniger unter Mittelabflüssen gelitten hätten als andere Emerging Markets. Zudem hätte der Abzug von Kapital die Schwellenländer insgesamt weniger getroffen als bei der Schuldenkrise der früher 1980er-Jahre und der Asienkrise Ende der 1990er-Jahre. Die Schwellenländer verschuldeten sich heute deutlich weniger in ausländischer Währung als früher. Auch das gilt als Zeichen dafür, dass Emerging Markets immer erwachsener werden.

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