Bye-bye Brüssel

Brexit hat negative wirtschaftliche Folgen

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Die Briten haben sich entschieden: Sie votierten für einen Austritt aus der Europäischen Union (EU). Doch welche Folgen hat es, wenn Großbritannien nun der EU den Rücken kehrt? Viele Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass ein Austritt keinen Sinn ergibt, wenn man allein die wirtschaftlichen Vor- und Nachteile betrachtet.

Ein unbestrittener Vorteil eines Brexits sind die Einsparungen der Überweisungen Großbritanniens an die EU. Das Land gehört zu den Nettozahlern. 2014 zahlten die Briten zum Beispiel knapp fünf Milliarden Euro mehr ein, als sie aus dem EU-Haushalt bekamen. Dies entspricht 0,23 Prozent des Bruttoinlandsprodukts oder 77 Euro pro Kopf. Diese Zahlungen fallen sofort weg und können für andere Dinge verwendet werden.

Ein weiteres beliebtes Thema der Austrittsbefürworter war die Regulierungswut der EU. Wichtig ist jedoch, die für die wirtschaftliche Entwicklung entscheidenden Bereiche der Regulierung zu betrachten. Einer davon ist sicher der Arbeitsmarkt. Tatsächlich steht Großbritannien innerhalb der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) an vierter Stelle der Länder mit den am wenigsten regulierten Arbeitsmärkten. Kein anderes EU-Land ist in diesem Bereich weniger restriktiv als Großbritannien. Auch hinsichtlich der Freiheit auf dem Produktmarkt liegt Großbritannien auf den vorderen Plätzen. Was dabei nicht vergessen werden darf: Beim Handel mit der EU müssen die Produktnormen der EU eingehalten werden, egal ob ein Exporteur Mitglied ist oder nicht.

Ausländische Direktinvestitionen in Großbritannien könnten zurückgehen

Auch die Migration innerhalb der Union wird von den Gegnern der EU sehr kritisch gesehen. Es ist zwar nicht zu bestreiten, dass viele Menschen aus der EU besonders nach deren Erweiterung 2001 nach Großbritannien gezogen sind. Aber die Beschäftigungsquote der EU-Ausländer ist wesentlich höher als die der Inländer. So hat eine Studie ergeben, dass die EU-Ausländer im Zeitraum von 2001 bis 2011 netto 20 Milliarden Pfund in den Staatshaushalt des Landes einzahlten.

Von Bedeutung ist auch, dass sich die Direktinvestitionen von Unternehmen aus anderen EU-Staaten in Großbritannien in den Über ein Viertel der ausländischen Direktinvestitionen konzentriert sich im Finanzdienstleistungssektor vergangenen zehn Jahren verdoppelt haben und nun knapp 50 Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen ausmachen. Über ein Viertel dieses Geldes konzentriert sich im Finanzdienstleistungssektor. Dabei kommt ein wichtiger Vorteil der EU zum Tragen, nämlich dass nur eine Banklizenz in einem EU-Land benötigt wird, um in allen Ländern der EU tätig sein zu können. Daher könnte ein Brexit die Investitionen in den Finanzbereich künftig deutlich erschweren.

Betrachtet man die Leistungsbilanz Großbritanniens, wird deutlich, dass knapp die Hälfte der Exporte in die EU geht. Bei einem Austritts muss die Ausgestaltung der Handelsbeziehungen neu verhandelt werden. Dass sich dies nicht positiv auf die britischen Exporte in die EU auswirken wird (sondern im besten Fall neutral), liegt nahe. Insgesamt beläuft sich das Leistungsbilanzdefizit mit der EU aktuell auf rund sechs Prozent. Dies ergibt sich zum Großteil aus der Warenverkehrsbilanz. Die Dienstleistungsbilanz mit der EU ist leicht positiv.

Brexit verunsichert britische Unternehmen

Die Unsicherheit, wie es nach dem Referendum vom 23. Juni weitergehen könnte, drückte schon im Vorfeld die Stimmung der Unternehmen. So haben sich die Aussichten des produzierenden und des dienstleistenden Gewerbes in Großbritannien laut den Umfragen von Directorate General for Economic and Financial Affairs eingetrübt. Auch war spürbar, dass viele Unternehmen ihre Investitionsentscheidungen bis zum Referendum zurückstellten.

Die rationale Bewertung der oben genannten Aspekte legt also nahe, dass ein Austritt Großbritanniens aus wirtschaftlicher Sicht keinen Sinn ergibt. Doch rein wirtschaftliche Argumente waren offenbar nur ein Aspekt, der bei den Wählern eine Rolle spielte. Die Argumentation der EU-Kritiker ist in erster Linie eine politische: Viele Engländer sorgen sich weniger um wirtschaftliche Nachteile als um die zunehmende Delegation von Hoheitsrechten an die nicht abwählbare Regierung in Brüssel (EU-Kommission). Die Briten mit ihrer ausgeprägten Tradition der Checks & Balances sind in dieser Hinsicht besonders sensibel und nehmen offensichtlich auch gewisse wirtschaftliche Nachteile in Kauf, wenn es darum geht, politisch souverän zu bleiben.

Die Folgen für die Finanzmärkte

Ein Austritt Großbritanniens aus der EU spiegelt sich auch am Finanzmarkt wider. Das britische Pfund fiel nach dem Referendum auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren. Eine dauerhaft schwächere Währung kann zu höherer Inflation führen. Allerdings liegen die Inflationserwartungen für die nächsten fünf bis zehn Jahre noch im unteren Bereich der vergangenen zehn Jahre. Bei den Inflationserwartungen für die nächsten zwölf Monate ergab sich zwar eine leichte Steigerung. Absolut liegt die Erwartung mit knapp über 1,5 Prozent aber immer noch sehr niedrig.

Eine weitere wichtige Größe sind die Zinsen. Die zehnjährigen Renditen britischer Staatsanleihen liegen derzeit bei 1,07 Prozent. Bei einem Brexit kann jedoch ein Anstieg nicht ausgeschlossen werden, beispielsweise verursacht von nachlassendem Interesse ausländischer Anleger an britischen Staatsanleihen. Die Inhaber dieser Anleihen sind zu jeweils etwa einem Viertel Versicherungen, Pensionskassen, ausländische Investoren sowie die Bank of England.

Besonders sensibel reagiert erfahrungsgemäß der Immobilienmarkt auf steigende Zinsen. Dabei ist zu beachten, dass das Preisniveau Ein steigender Zins könnte leicht zu einem Einbruch des Immobilienmarktes führenam britischen Immobilienmarkt, welches sich von Dezember 1999 bis Dezember 2007 mehr als verdoppelt hatte, nach der Finanzkrise nicht wie in Spanien und Irland gefallen, sondern sogar um weitere 22 Prozent gestiegen ist. Ein steigender Zins könnte deshalb leicht zu einem Einbruch des Immobilienmarktes führen. Zwar könnte die Bank of England gegensteuern, indem sie ihre Position in britischen Staatsanleihen weiter erhöht; ob sie dies aber tatsächlich tun würde, ist ungewiss.

Die Aktienkurse von Banken und Versicherungen dürften unter einem Brexit leiden

Auch für den Aktienmarkt bedeutet politische Unsicherheit nichts Gutes. Die Korrelation der Aktienmärkte mit den politischen Unsicherheitsindizes von Europa und Großbritannien ist deutlich negativ. Das bedeutet, wenn die Unsicherheit zunimmt, fallen die Börsenkurse.

Ein Rückgang der britischen Inlandsnachfrage infolge eines möglichen Anstiegs der Zinsen und eines Preisrückgangs am Immobilienmarkt würde sich auf einzelne Wirtschaftszweige unterschiedlich auswirken. So sind vor allem die Sektoren des Finanzbereichs wie Immobilienunternehmen, Banken und Versicherungen positiv mit der Inlandsnachfrage korreliert. Ein Fallen der Inlandsnachfrage hätte demnach einen Rückgang der Aktienkurse in diesen Branchen zur Folge.

Langfristig profitieren könnten dagegen die Kurse in den Sektoren Gesundheit, Telekommunikation sowie Nahrungsmittel und Getränke. Denn in diesen Bereichen dominieren große international ausgerichtete Konzerne, deren Absatzchancen durch eine Abwertung des Pfunds steigen würden. Die Unternehmen des britischen Standardwerteindex FTSE 100 machen rund 80 Prozent ihrer Umsätze im Ausland. Tatsächlich haben sich die Aktienkurse eher inlandsorientierter britischen Unternehmen im laufenden Jahr schon über 10 Prozentpunkte schlechter entwickelt als die international agierender Unternehmen (siehe Chart). Offensichtlich antizipiert der Aktienmarkt veränderte Umsatz- und Ertragsperspektiven meist sehr schnell.

Aktien von international orientierten Unternehmen entwickelten sich in den vergangenen Monaten besser (in Prozent)

Quelle: Bloomberg.

Vor dem Referendum war ein Brexit an den Kapitalmärkten nicht vollständig in den Kursen berücksichtigt. Insofern ist es nun nicht überraschend, dass es zu weiteren Kurseinbrüchen kommt. Es ist des Weiteren davon auszugehen, dass die Bank of England alles ihr Mögliche tun wird, um negative Effekte eines Austritts abzufedern. Inwiefern ihr das gelingen wird, ist jedoch ungewiss.

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