„Ich leihe mir privat äußerst ungern mal Geld“

Der Unternehmer Ole Tillmann über Geld, soziales Engagement und seine zwei Karrieren: erst als Schauspieler und Moderator, später als Berater und Business Coach für Start-Ups und Manager – und wie alles miteinander zusammenhängt.

Herr Tillmann, welche Bedeutung spielt Geld in Ihrem Leben?

Geld ist alles und nichts zugleich. Einerseits ist es ein Segen: Meine Frau und ich können damit unsere Familie absichern und unsere Ziele erreichen. Es ermöglicht uns, die Dinge um uns herum so zu gestalten, wie wir sie uns vorstellen. Aber Geld kann auch ein Fluch sein. In vielen Bereichen kann es ein gutes Zusammenleben erschweren und die Freude an Zwischenmenschlichem trüben. 

 Finanzielle Sicherheit ist schön und gut. Aber echte Freundschaften sind im Leben unendlich wichtiger.


Wie meinen Sie das?

Immer wenn Geld ins Spiel kommt verändert das die Beziehung zu Dingen und Menschen. Wenn mir meine Schwiegermutter zum Beispiel einen selbstgebackenen Kuchen schenkt, dann freue ich mich sehr darüber. Würde ich ihr dafür im Gegenzug Geld anbieten, würde sie das vermutlich sehr irritieren, da unsere Beziehung und die Gefallen die wir uns tun ja nicht mit Geld aufzuwiegen sind. Geld kann die Natur einer Beziehung stark verändern. 

In welchen finanziellen Verhältnissen sind Sie aufgewachsen?

Ich bin in einer klassischen Mittelschichtfamilie in einem 1.500 Seelen-Dorf im Speckgürtel von Köln aufgewachsen. Mein Vater war Lehrer, meine Mutter Erzieherin und Hausfrau. Ich hatte immer alles, was ich brauchte, aber Luxus gab es nicht.

Wie haben Sie Ihre erste Mark verdient?

Ich habe früh angefangen, mir mit diversen Jobs mein Taschengeld aufzubessern. Ich habe schon als Zehnjähriger auf dem Fußballplatz in unserem Dorf die Markierungen mit Kreide gezogen und dafür ungefähr zehn Mark bekommen, glaube ich. Dann habe ich das Gemeindeblatt ausgetragen. Später habe ich in einigen Unternehmen im örtlichen Industriegebiet gearbeitet. 

Ganz schön geschäftstüchtig.

Es war mir schon immer wichtig, mein eigenes Geld zu verdienen. Doch es ging mir nicht nur ums Geld. Später bin ich nach Köln, um dort unentgeltlich für eine Werbeagentur zu arbeiten. Ich wollte dort viel lernen und dann Grafik- und Produktdesign studieren.

Studiert haben Sie dann doch nicht. Stattdessen wurden Sie Schauspieler. 

Der TV-Sender RTL suchte damals Statisten für die Daily Soap „Unter uns“. Pro Einsatz gab es 100 Mark – egal ob es ein oder zwei Stunden oder den ganzen Tag gedauert hat. Einmal brauchten sie einen Skateboardfahrer im Hintergrund. Das konnte ich ziemlich gut. Ich bin dann angesprochen worden und wurde sofort engagiert. Ich habe dann eine Art Crash-Kurs bekommen und kam in eine Schauspiel-Nachwuchsgruppe, den New Cast. Damals war ich 17. Nach kurzer Zeit wurde mir eine Hauptrolle in „Unter uns“ angeboten. 

Für Sie muss das wie ein Lottogewinn gewesen sein.

Von wegen. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich die Rolle überhaupt annehmen soll, denn mein Wunsch war es ja, Design zu studieren. Ich habe mich dann schließlich auf einen Zweijahresvertrag eingelassen. Ein übersichtlicher Zeitraum. Danach konnte ich ja immer noch studieren. 

Die Entscheidung werden Sie nicht bereut haben.

Anfangs schon! Ich habe den Job verdammt. Es hat mir überhaupt keinen Spaß gemacht. Täglich vor der Kamera zu stehen fiel mir schwer. Aber irgendwann habe ich mich einfach daran gewöhnt. Und finanziell hat es sich natürlich auch gelohnt. Als 18-Jähriger habe ich damals schon recht gut verdient. Dieser Aspekt hat mir natürlich schon gefallen. Ich habe den Job als Schauspieler dann insgesamt 13 Jahre lang professionell ausgeübt und für alle größeren Sender in Deutschland gearbeitet. Hinzu kamen noch Auftritte in Sitcoms wie „Mein Leben & Ich“ und Gastrollen in Krimiformaten wie „Die Rosenheim-Cops“ oder „Soko 5113“.

Sie wurden dann auch Moderator von Popsendungen. Wie kam es dazu?

Als Schauspieler einer Daily Soap muss man gelegentlich auch Autogrammstunden geben und den Medien Rede und Antwort stehen. Da ich nicht auf den Mund gefallen bin, bin ich auch dabei aufgefallen. Irgendwann wurde mir dann die Moderation der damals sehr beliebten TV-Sendung „Top of the pops“ angeboten. Eigentlich sollte ich nur die Gastmoderation für eine Sendung übernehmen. Doch dann wurde ich auch dafür fest engagiert.

Sie hatten also zwei Fulltime-Jobs parallel?

Ja, richtig. Das war ganz schön anstrengend, aber auch super spannend.

… Für Ihr Bankkonto doch sicher eine prima Sache. 

Klar. Wobei mein Manager Martin Glahn damals sehr weitsichtig agiert hat. Wir haben auf einen Teil der üblichen Gage verzichtet und stattdessen mit RTL ausgehandelt, dass ich parallel journalistisch ausgebildet werde. Ich hatte über die gesamte Dauer meines Engagements Karl Wachtel vom Adolf-Grimme-Institut als Coach an meiner Seite. Ich war damals erst 18 und hätte ohne meinen Manager sicher anders entschieden und das Geld genommen. Deshalb bin ich ihm heute noch sehr dankbar. Gutes Geld habe ich dann ja glücklicherweise trotzdem noch verdient. 

Was haben Sie denn mit dem ganzen Geld gemacht?

Ich hatte auch weiterhin keine großen Bedürfnisse. Ein dickes Auto hat mich schon damals nicht interessiert. Ich habe mich mit einem Volvo Kombi begnügt. Das meiste habe ich deshalb gespart. Einen großen Teil des Geldes habe ich in Aktien investiert – zum Beispiel in US-Technologiewerte wie Amazon oder Apple, später in Tesla. Das war rückblickend keine schlechte Entscheidung. Aber da war natürlich auch viel Glück dabei, dass sich diese Aktien so positiv entwickelt haben. 

Wie kommt man als junger Mensch damit psychisch überhaupt zurecht, wenn man auf einmal so viel Geld zur Verfügung hat?

Also für mich war das kein Problem. Mir war natürlich bewusst, dass ich mehr Geld verdiente als ein Teil meiner Freunde. Aber ich habe mich stetig hinterfragt, und wenn es dann doch mal zu viel wurde, haben meine Freunde schon gewusst, wie sie mich wieder auf den Teppich holen konnten. Dafür bin ich sehr dankbar, denn diese Freundschaften halten bis heute. Etwas, das ich mir mit Geld nicht hätte kaufen können. Finanzielle Sicherheit ist schön und gut. Aber echte Freundschaften sind im Leben unendlich wichtiger. 

Nach acht Jahren bei Film und Fernsehen sind Sie dann plötzlich vom Rampenlicht verschwunden. Warum?

Irgendwann war es keine Herausforderung mehr, sondern nur noch Routine. Ich hatte das Gefühl, mich nicht mehr weiterzuentwickeln. Ich wollte mich handwerklich als Schauspieler verbessern. Ich wollte lernen, wie man sich eine Figur richtig erarbeitet. Außerdem war es schon lange mein Wunsch, nach Berlin zu gehen – für mich neben London die spannendste Stadt Europas. Also habe ich meine Jobs in Köln gekündigt und bin nach Berlin gegangen, um hier eine Schauspielausbildung zu machen. 

Sie haben ihre hochbezahlten Jobs als Serienstar und Moderator einfach aufgegeben? War das nicht einen enormer Einnahmenverlust?

Ich habe bis dahin sehr gut verdient, das stimmt, aber wie lange wäre es so weiter gegangen? Irgendwann ist man als Typ nicht mehr angesagt und dann ist man ganz schnell wieder raus aus dem Geschäft. Dem wollte ich vorgreifen. Außerdem bin ich ein risikofreudiger Mensch, der im Leben gerne mal völlig andere Dinge ausprobiert. Den Schritt habe ich nie bereut. Schon deshalb, weil ich in Berlin meine wunderbare Frau Anita kennengelernt habe. Wir bekamen relativ bald unsere beiden Kinder. Dann ist mir klar geworden, dass ich eine stabilere Einkommensquelle brauche. 

Und dann sind Sie Coach geworden. 

Ja, denn ich habe festgestellt, dass sich das, was ich in meiner Schauspielausbildung gelernt habe, sehr gut auch auf das Geschäftsleben übertragen lässt. Von 2009 bis 2014 habe ich alle Sprecherinnen und Sprecher der Innovationskonferenz TEDxBerlin, TEDxHamburg und TEDxMünchen für ihre Vorträge im TED-Stil vorbereitet. Dabei haben wir an der Darstellung ihrer Inhalte, an ihren visuellen Botschaften und an ihrem Vortragsstil gearbeitet.  

Das war aber nur der Anfang.

Richtig. Heute coache ich Wissenschaftler aus allen möglichen Fachrichtungen und Geschäftsleute aus den unterschiedlichsten Branchen. Da sind Professoren vom Max-Planck-Institut dabei oder Führungskräfte und Unternehmer. Bei mir lernen sie, wie sie ihre Botschaften so rüberbringen, dass sie auch verstanden werden. Denn was nützen die großartigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse, wenn ihr Entdecker sie nicht vermitteln kann? Und wie kann ein Manager seine Mitarbeiter und Kunden für ein Projekt begeistern, ohne das verbal richtig auszudrücken? Es kommt dabei auf das richtige Storytelling an: Um Menschen mitzureißen, muss man Geschichten erzählen können und eine Dramaturgie entwerfen. Es geht also darum, Menschen, die brillante Ideen entwickelt haben zu helfen, diese auch zu kommunizieren. Das lernen sie bei mir. Zugute kommt mir dabei auch die journalistische Ausbildung, die ich in meiner Zeit als Moderator genossen habe.

Mittlerweile haben Sie sogar eine eigene Coaching-Firma gegründet

Ja, ich habe die Firma Peak aufgebaut. Wir sind eine Innovations- und Designberatung mit Fokus auf Strategie, Branding und Präsentationen. Womit sich dann auch wieder der Kreis schließt, denn es war ja schließlich von Anfang an mein Ziel, im Design-Bereich zu arbeiten. Wir beraten Unternehmen wie Axel Springer, Google, Siemens, Airbnb oder aufstrebende Start-Ups wie eben LIQID. Wir bilden auch Führungskräfte weiter. Außerdem habe ich ein Buch über Präsentationsdesign geschrieben, gestaltet und verlegt.  

Und dann kam Corona.

Ja, und unser Geschäft hat sich dadurch stark verändert. Ein Großteil unserer Arbeit findet nun digital statt, zum Beispiel in virtuellen Workshops. Allerdings haben einige Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. Ich habe jedoch keine Kurzarbeit beantragt und die Gehälter voll weiter bezahlt. Auch in diesen schwierigen Zeiten, war es mir wichtig, meinen Mitarbeitern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Außerdem wollte ich keine unsinnigen geschäftlichen Entscheidungen aufgrund von Geldknappheit treffen müssen. 

Wie haben Sie diese Zeit überstanden? Mussten Sie sich verschulden?

Nein, in den Jahren zuvor lief es glücklicherweise so gut, dass ich genügend Rücklagen bilden konnte. Ich hasse jegliche Art von Schulden, auch wenn ich natürlich weiß, dass sie zur Entwicklung von bestimmten Geschäftsmodellen dazu gehören. Deswegen habe ich auch privat noch nie mein Konto überzogen. Wenn mir jemand Geld leiht, weil ich mal nichts dabei habe, ist mir das ganz unangenehm. Ich zahle es dann so schnell wie möglich zurück.

Womit haben Sie sich beschäftigt, als die Aufträge wegen Corona plötzlich weg blieben?  

Corona hatte für mich sogar sein Gutes: Endlich bin ich dazu gekommen, mein Angebot zu digitalisieren. Ich habe ein Studio aufgebaut, in dem ich jetzt Videos produziere und Online-Seminare anbiete. Das eröffnet mir ein riesiges Potenzial und passt natürlich hervorragend in eine Zeit, in der man persönliche Kontakte möglichst meiden sollte. Ich bin jetzt von meinem Studio aus weltweit verfügbar. Unser Angebot weltweit verfügbar zu machen, war auch schon vor Corona mein Ziel. Daher war unsere Geschäftssprache bei PEAK von Beginn an Englisch. Mittlerweile läuft das Geschäft wieder sehr gut. 

"Ich habe in Aktien investiert – zum Beispiel in Technologiewerte wie Amazon oder Apple, später in Tesla. Das war keine schlechte Entscheidung. Aber da war auch viel Glück dabei."

Sie haben mit knapp 40 Jahren schon so viel erreicht. Wo möchten Sie noch hin?

Wissen Sie, ich kann mir heute den Luxus erlauben, das zu machen, worauf ich wirklich Lust habe. In meiner Arbeit erlebe ich viele Gründer von erfolgreichen Start-Ups, die quasi mit ihrem Unternehmen verheiratet sind und dadurch teilweise einen sehr einseitigen, auf die Arbeit fokussierten Lifestyle pflegen, bei dem sie Konstant am persönlichen Limit sind. Das ist auf Dauer ein sehr auslaugender Lebensstil. Nicht wenige stehen kurz vor dem Burnout oder mussten einen solchen erleben. Ich achte darauf, dass mir das nicht passiert. 

Wie legen Sie das Geld an, das Sie verdient haben?

Breit gestreut. Einen Teil haben meine Frau und ich ganz konservativ in Immobilien angelegt, einen anderen in risikoreichere Anlageklassen: zum Beispiel als Business Angels für Startup-Unternehmen oder in Kryptowährungen. Letzteres aber vor allem aus Neugier: Wenn ich auf der Bühne stehe und Events in der Digitalwirtschaft moderiere, dann möchte ich auch verstehen, worüber ich rede. Das meiste Geld investiere ich aber nach wie vor am Aktienmarkt, denn hier sind die Renditeaussichten langfristig am höchsten.

Wie erklären Sie sich die Scheu vieler Deutscher vor Aktien?

Wenn man selbst in Aktien investiert und das Thema nicht in fremde Hände gibt, dann muss man sich schon damit beschäftigen und benötigt Finanzwissen. Das schreckt offenbar viele Menschen ab, weil sie denken, dass das alles unendlich kompliziert ist. Doch das finde ich gar nicht. Man muss nur über seinen Schatten springen und Interesse entwickeln. Mich fasziniert das. Zu verfolgen, wie sich mein Portfolio entwickelt, bereitet mir viel Freude. Dazu gehört natürlich auch eine bestimmte Risikobereitschaft. Die fehlt offenbar vielen.

 

Das Gespräch führte Sebastian Wolff.

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