Time schlägt Timing

Investieren? Oder mit dem Einstieg lieber ein bisschen warten? Die Historie lehrt: Entscheidend ist es, möglichst frühzeitig und lange investiert zu sein. Denn wer breit gestreut an den Kapitalmärkten anlegt, hat auf Dauer Erfolg – egal, wann er eingestiegen ist.

Fast elf Jahre lang kannten die Kurse an der Börse praktisch nur eine Richtung. Nach oben. Mitte Februar 2020 hat sich der Wind vorerst gedreht. Die Corona-Krise hat die Kurse stark fallen lassen. Da fragen sich Anleger, die vielleicht erst Anfang dieses Jahres eingestiegen sind, ob es nicht besser gewesen wäre zu warten und erst jetzt zu kaufen.

Natürlich wäre das besser gewesen. Doch hinterher ist man immer schlauer. Und ganz ehrlich? Würde ein Anleger, der Anfang des Jahres Zweifel hatte einzusteigen, mitten im Kurstief kaufen? Oder später, wenn sich die Kurse wieder erholt haben? Wahrscheinlich fände er immer wieder gute Gründe, es sein zu lassen. Mit der Folge, dass er am Ende  gar nicht investieren würde.

Gründe zu zweifeln, lassen sich an der Börse immer finden. Ob die Kurse gerade steigen, oder ob sie gerade fallen. Denn befinden sich die Börsen im Abschwung, glauben viele Anleger, dass es noch zu früh für Käufe sein könnte. Schließlich könnten die Märkte ja noch weiter fallen. Dann warten sie auf deutlich sichtbare Zeichen einer Erholung. Sind die erkennbar, haben die Börsen meistens schon wieder einen großen Teil des nächsten Aufschwungs hinter sich – und da stellt sich dann die Frage, ob es für einen Einstieg nicht schon wieder zu spät ist.

Der optimale Einstiegszeitpunkt lässt sich nicht bestimmen

Wer aus diesem Teufelskreis nicht ausbricht, wird möglicherweise gar nicht investieren – und verzichtet damit auf die langfristig guten Renditenchancen, die die internationalen Wertpapiermärkte bieten. Auch diejenigen, die nur dann anlegen wollen, wenn das Marktumfeld sehr günstig erscheint, verlieren Geld. Das verdeutlicht eine Beispielrechnung des amerikanischen Vermögensverwalters J.P. Morgan Asset Management.

„Unter dem Strich führte diese
Schönwetter-Strategie zu einem deutlich niedrigeren Vermögen im Vergleich zum Buy-and-hold-Investor.“ 

Die Analysten untersuchten die Wertentwicklung eines Portfolios aus Aktien und Anleihen zwischen 1948 und 2012 sowie zwischen 1980 und 2012. Sie kalkulierten das Endvermögen für zwei Anlegertypen: Der erste kaufte das Portfolio und behielt es über beide Zeiträume (Buy-and-hold-Strategie). Der zweite Anleger hat immer nur dann investiert, wenn Aktienmarktbewertung, Arbeitslosenzahlen und Inflation bestimmte Werte nicht überschritten oder sanken. Unter dem Strich führte diese Schönwetter-Strategie in beiden Zeiträumen zu einem deutlich niedrigeren Vermögen im Vergleich zum immer voll investierten Buy-and-hold-Investor. Zwischen 1948 und 2012 fiel der Kapitalzuwachs des Schönwetter-Investors um mehr als 50 Prozent geringer aus. Das unterstreicht eine triviale Erkenntnis: Wer nicht investiert, kann auch nichts verdienen.

Anlegern bleibt nichts anderes übrig, als sich mit der Tatsache anzufreunden, dass sich immer erst im Nachhinein offenbart, ob ein Investitionszeitpunkt gut gewählt war oder nicht. Und das ist bei genauerer Betrachtung weniger problematisch als es auf den ersten Blick erscheint. Der Einstiegszeitpunkt ist nämlich gar nicht so wichtig – zumindest für diejenigen, die nicht kurzfristig spekulieren, sondern ihr Geld langfristig investieren möchten. Für Aktien gilt: Je länger die Anlagedauer, desto geringer die Verlust-Wahrscheinlichkeit. Wer in den vergangenen 50 Jahren beispielsweise in den Deutschen Aktienindex DAX investierte und die Papiere 15 Jahre oder länger hielt, erlitt in keinem Fall einen nominalen Verlust – egal, wann er ein- und ausgestiegen ist.

Rendite-Differenzen zwischen verschiedenen Investitionszeitpunkten nehmen mit zunehmender Anlagedauer ab

Allerdings waren die Differenzen zwischen den durchschnittlichen Jahresrenditen, die sich bei einem Anlagehorizont von 15 Jahren erzielen ließen, erheblich: Im besten Fall erwirtschafteten Anleger jährlich 15,4 Prozent (1985-1999), im schlechtesten 2,4 Prozent (1965-1979) – eine Differenz von 13 Prozent. Diese Differenz schrumpft aber mit zunehmendem Anlagezeitraum: Bei 20 Jahren liegt sie noch bei 10,2 Prozent und bei 30 Jahren nur noch bei 4 Prozent. Das zeigt: Je länger die Anlagedauer, desto unbedeutender wird das Timing, also der Zeitpunkt des Investments. Hinzu kommt: Die Wahrscheinlichkeit, die beste oder schlechteste Anlageperiode zu erwischen, ist deutlich geringer als die, ein durchschnittliches Ergebnis zu erzielen. Zudem dürften die Rendite-Differenzen zwischen einzelnen Einstiegszeitpunkten bei einem gut aufgestellten Wertpapierdepot geringer ausfallen.

Einen größeren Geldbetrag nach und nach anzulegen, drückt meistens die Rendite

Oftmals raten Bankberater, Verbraucherschützer und Medien unentschlossenen Anlegern, das Anlagekapital aufzuteilen und nach und nach zu verschiedenen Zeitpunkten zu investieren. Wer beispielsweise 500.000 Euro hat, könne jedes Quartal ein Viertel der Summe anlegen. Das Geld könne auch in kleinere Tranchen eingeteilt und die Investitionen über einen längeren Zeitraum gestreckt werden. Auf diese Weise werde ein ungünstiger Einstiegszeitpunkt vermieden. Das klingt im ersten Moment plausibel, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung allerdings nicht Stand. Denn der schrittweise Einstieg in den Markt führt in der Regel zu einem geringeren Endvermögen. Das lässt sich einfach erklären: Die Anlagedauer ist geringer. Also hat das Kapital weniger Zeit, sich zu vermehren.

Die bessere Strategie: Gleich vollständig in ein diversifiziertes Portfolio investieren

Das legt beispielsweise eine Untersuchung der Universität Mannheim nahe. Die Autoren Thomas Langer und Niels Nauhauser vergleichen zwei Strategien: Im ersten Fall besitzt ein Anleger 1200 Euro und investiert ein Jahr lang jeden Monat 100 Euro in den Aktienmarkt. Das jeweils verbleibende Kapital ist festverzinst am Geldmarkt angelegt. Im zweiten Fall werden zu Beginn des Betrachtungszeitraum 700 Euro in Aktien und 500 Euro am Geldmarkt investiert. Dieses Portfolio wird über das ganze Jahr gehalten (Buy-and-hold-Strategie). Die 700 Euro in Aktien entsprechen in etwa der Kapitalbindung der Nach-und-nach-Strategie.

Ergebnis: Die Buy-and-hold-Strategie liefert sowohl ein höheres Endvermögen als auch niedrigere Wertschwankungen. Dieses Resultat ließe sich systematisch für alle Portfolios mit einem Aktienanteil zwischen 655 und 732 Euro nachweisen. Demnach sind Anleger besser beraten, wenn sie ihr Kapital nicht schrittweise, sondern direkt vollständig in ein diversifiziertes Portfolio investieren, das zu ihrem Risikoprofil passt. Der Einstieg sei „grundsätzlich umso erfolgversprechender, je früher und je umfangreicher er geschieht“, stellt auch der Finanzexperte und Buchautor Gerd Kommer fest.

Die richtigen Kennzahlen helfen, extreme Überbewertungen zu erkennen

Gleichwohl sollten Anleger nicht blindlings in Aktien investieren. Ein Blick auf die Bewertung kann bei extremen Marktentwicklungen ein guter Hinweis dafür sein, die Aktienquote zu senken oder zu erhöhen. Der Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller sagt: „Es wäre verrückt, nicht auf die Bewertungen zu achten.“ Anfang 2000 beispielsweise als die weltweite Aktieneuphorie auch hierzulande ihren Höhepunkt erreichte und die Bewertungen historische Höchststände markierten, war in der Geschichte der Börsen einer der schlechtesten Zeitpunkte, um in den Aktienmarkt einzusteigen oder die -quote hochzuschrauben. Vor dem Crash, der dann folgte, hatte Shiller gewarnt.

Zwar lassen sich mit Bewertungskennzahlen keine Wendepunkte an den Börsen vorhersagen. Aber die richtigen Bewertungsmaßstäbe können zumindest dabei helfen, extreme Über- oder Unterbewertungen zu erkennen – und das Portfolio entsprechend anzupassen.

Nach dem Corona-Crash sind Aktien aktuell übrigens wieder recht günstig bewertet. Anleger, die heute mit einem langfristigen Zeithorizont einsteigen, erwischen also keinen schlechten Zeitpunkt. Ihnen kann es im Prinzip egal sein, ob die Kurse kurzfristig noch weiter nachgeben oder sich schnell wieder erholen.

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