Der Ruhestand kommt – reicht das Vermögen?
7. Oktober 20267 Min. LesezeitMartin Kaelble
Ruhestand – da denken viele an Golfplätze, Enkel oder die Côte d’Azur, kaum an die Finanzierung. Doch wie groß ist die eigene Rentenlücke, und wie viel Vermögen braucht es für den gewohnten Lebensstandard? Nicht alles muss sofort durchgerechnet sein. Aber es hilft, früh zu wissen, welches Geld wann gebraucht wird.
Im Ruhestand soll das Vermögen ein regelmäßiges Einkommen liefern und gleichzeitig weiterwachsen, damit es auch über mehrere Jahrzehnte zuverlässig reicht.
Entscheidend ist die Finanzierungslücke: Wie viel fehlt monatlich, nachdem Rente und andere sichere Einnahmen abgezogen sind?
Wer früher aufhört zu arbeiten, muss mehr Jahre aus dem eigenen Vermögen finanzieren und braucht dafür entsprechend mehr Spielraum.
Frühe Planung schafft den nötigen Puffer und verhindert, dass langfristige Anlagen ausgerechnet in einer schwachen Börsenphase verkauft werden müssen.
Plötzlich zahlt das Depot den Lebensunterhalt
Während des Berufslebens hat ein Depot einen ziemlich bequemen Job: Es soll wachsen, bekommt regelmäßig neues Geld und muss nicht jeden Monat etwas auszahlen. Ein schlechtes Börsenjahr? Ärgerlich. Aber das Gehalt kommt weiterhin, und neue Einzahlungen können sogar dazu genutzt werden, günstig nachzukaufen.
Mit dem Karriereende wendet sich das Blatt – jetzt wird Geld entnommen. Gleichzeitig soll das restliche Vermögen weiter wachsen und noch viele Jahre reichen. Wie viel kann regelmäßig aus dem Vermögen entnommen werden, ohne dass es zu schnell aufgezehrt wird?
Entscheidend ist, wie viel Geld im Ruhestand tatsächlich gebraucht wird. Welche Kosten fallen weg, wenn der Beruf endet? Welche kommen vielleicht hinzu – etwa für Reisen, Freizeit oder Gesundheit? Danach werden die regelmäßigen Einnahmen gegengerechnet: gesetzliche oder private Renten, betriebliche Altersvorsorge, Mieteinnahmen oder andere Einkünfte. Was übrig bleibt, ist die Finanzierungslücke.
Wer im Ruhestand 8.000 € im Monat braucht und 3.000 € regelmäßig einnimmt, muss die fehlenden 5.000 € aus seinem Vermögen finanzieren. Das sind 60.000 € im Jahr.
Wie viel Vermögen sollte beim Ruhestandseintritt dafür vorhanden sein? Eine häufig verwendete Modellrechnung geht von einer jährlichen Entnahme von rund 4 % des Vermögens aus. Bei 60.000 € jährlichem Bedarf wären das 1,5 Mio. €:
1,5 Mio. € × 4 % = 60.000 € pro Jahr.
Die 4 % sind allerdings keine feste Vorgabe. Wie lange das Vermögen tatsächlich reicht, hängt unter anderem von Rendite, Inflation, Steuern und der Entwicklung der eigenen Ausgaben ab
Wenn die Börse im falschen Moment schwächelt
Für den Ruhestand zählt nicht nur, wie viel Vermögen vorhanden ist, sondern auch, wann dieses Vermögen gebraucht wird. Ein Börsencrash kurz vor oder nach dem Ruhestand kann deutlich stärker ins Gewicht fallen als derselbe Kursrutsch 10 Jahre zuvor. Wer bereits Geld aus dem Depot entnimmt, muss in einer solchen Phase möglicherweise Anlagen mit Verlust verkaufen. Genau das beschreibt das sogenannte Sequenzrisiko.
Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt ein vereinfachtes Beispiel:
Person A: Schwaches erstes Jahr
| Jahr | Rendite | Vermögen vor Entnahme | Entnahme | Vermögen danach |
|---|---|---|---|---|
| Start | – | 1.500.000€ | – | 1.500.000€ |
| 1 | -10% | 1.500.000€ | 60.000€ | 1.290.000€ |
| 2 | +5% | 1.290.000€ | 60.000€ | 1.294.500€ |
| 3 | +5% | 1.294.500€ | 60.000€ | 1.299.225€ |
Person B: Schwaches Jahr kommt später
| Jahr | Rendite | Vermögen vor Entnahme | Entnahme | Vermögen danach |
|---|---|---|---|---|
| Start | – | 1.500.000€ | – | 1.500.000€ |
| 1 | +5% | 1.500.000€ | 60.000€ | 1.515.000€ |
| 2 | +5% | 1.515.000€ | 60.000€ | 1.530.750€ |
| 3 | -10% | 1.530.750€ | 60.000€ | 1.317.675€ |
Hinweis: Vereinfachte Beispielrechnung vor persönlichen Steuern und Kosten. Die angenommenen Renditen sind hypothetisch und nicht garantiert. Sie lassen keinen Rückschluss auf künftige Wertentwicklungen zu.
Beide starten mit demselben Vermögen und haben über den gesamten Zeitraum dieselbe durchschnittliche Rendite. Trotzdem kann am Ende ein deutlich unterschiedlicher Betrag übrig bleiben. Der Grund: Person A muss während des Kursrückgangs Geld entnehmen und verkauft damit einen Teil ihres Depots zu niedrigeren Kursen. Wenn die Börse sich anschließend erholt, fehlt dieses Kapital für die Erholung.
Während des Berufslebens gibt es dafür einen wichtigen Puffer: das laufende Einkommen. Im Ruhestand fällt dieser weg. Deshalb sollte die Anlagestruktur schon vor dem letzten Arbeitstag berücksichtigen, welches Geld in den ersten Jahren tatsächlich gebraucht wird.
Auch die häufig zitierte 4-Prozent-Regel sollte man vor diesem Hintergrund einordnen. Sie ist eine Modellrechnung, keine feste Vorgabe. Wie lange ein Vermögen reicht, hängt unter anderem von der Reihenfolge der Renditen, der Inflation und der Höhe und Flexibilität der Entnahmen ab. Historische Analysen können dabei Orientierung geben, aber keine Garantie für die Zukunft.
Der Preis des vorzeitigen Ruhestands
Wer schon vor dem regulären Rentenalter den Laptop zuklappen möchte, hat noch eine weitere Rechnung vor sich. Für Jahrgänge ab 1964 liegt die Regelaltersgrenze bei 67 Jahren. Wer früher in Rente geht, kann das tun, muss dafür aber in der Regel dauerhafte Abschläge akzeptieren: 0,3% pro Monat des vorzeitigen Bezugs.
Und damit ist die Rechnung noch nicht vollständig: Auch Krankenversicherung und Steuern laufen weiter. Bei freiwillig gesetzlich Versicherten können neben der Rente weitere Einnahmen für die Beitragsberechnung relevant sein, privat Versicherte müssen ihre Beiträge nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben grundsätzlich ohne den bisherigen Arbeitgeberzuschuss tragen.
Und auch das Finanzamt verabschiedet sich nicht gemeinsam mit dem letzten Arbeitstag: Bei einem Rentenbeginn 2026 sind 84 % der gesetzlichen Rente steuerpflichtig. Für spätere Rentenjahrgänge steigt dieser Anteil weiter.
Deshalb sollte die Planung nicht bei der Frage stehen bleiben, wie groß das Vermögen am Karriereende ist. Entscheidend ist auch, wann welches Geld gebraucht wird und wann welche Einnahmen beginnen.
Das Vermögen braucht mehrere Jobs
Jetzt könnte die Versuchung groß sein, das Depot 10 Jahre vor dem Ruhestand möglichst sicher zu machen – bloß keine bösen Überraschungen mehr!
Das Problem: Ein sehr defensives Depot kann bei einem langen Ruhestand selbst zum Risiko werden. Wenn die Rendite kaum über der Inflation liegt, verliert das Vermögen über die Jahre an Kaufkraft.
Besser ist eine Aufteilung nach Zeithorizonten: Für die ersten Jahre kann ein ausreichender Liquiditätspuffer verhindern, dass Aktien nach einem Kursrutsch verkauft werden müssen. Für die mittlere Frist können stabilere Anlagen die Jahre bis zum Beginn von Renten oder anderen regelmäßigen Einkünften abdecken. Und das Geld, das voraussichtlich erst deutlich später gebraucht wird, kann weiter auf langfristiges Wachstum ausgerichtet bleiben.
Das Depot muss also nicht komplett auf „Ruhestand“ umgestellt werden. Es muss nur klar sein, welcher Teil des Vermögens welchen Job übernimmt.
Früh planen, später mehr Spielraum haben
Das Schöne an einem Zehnjahresplan ist: Es muss noch längst nicht jedes Detail feststehen. Gerade weil noch Zeit ist, lässt sich vieles schrittweise verändern.
Liquidität kann nach und nach aufgebaut werden. Gewinne können über mehrere Jahre verteilt realisiert werden. Künftige Renteneinkünfte lassen sich in die Planung einbeziehen. Und auch die langfristige Anlagestruktur kann angepasst werden, ohne dass eine einzige Börsenphase über die gesamte Strategie entscheidet.
Was hilft? Klarheit über die wichtigsten Eckdaten:
| Die Frage dahinter | |
|---|---|
| Ruhestandsbudget | Wie viel Geld soll monatlich tatsächlich zur Verfügung stehen? |
| Sichere Einnahmen | Was kommt später aus Rente, Altersvorsorge, Mieten oder anderen Quellen? |
| Finanzierungslücke | Wie viel muss das Vermögen zusätzlich liefern? |
| Gesamtvermögen | Was steckt im Depot, in Immobilien, im Unternehmen und in anderen Anlagen? |
| Zeitplan | Wann endet das Arbeitseinkommen und wann beginnen die jeweiligen Einnahmen? |
Das Risiko am richtigen Ort
Ziel ist also nicht, zum letzten Arbeitstag möglichst wenig Risiko im Depot zu haben, sondern genug Sicherheit für heute und genug Wachstum für später.
Was in den nächsten Jahren benötigt wird, sollte entsprechend verfügbar und schwankungsarm angelegt werden. Geld für die mittlere Frist kann die Übergangsphase finanzieren und Kapital, das erst deutlich später gebraucht wird, kann weiter auf Wachstum ausgerichtet bleiben.
Wer früher anfängt, kann Liquidität schrittweise aufbauen, die Anlagestruktur anpassen und verschiedene Szenarien durchrechnen, statt später unter Zeitdruck Entscheidungen treffen zu müssen.
Denn am Ende soll das Vermögen vor allem eines ermöglichen: den Ruhestand genau so zu gestalten, wie Sie ihn sich wünschen – ohne jeden Monat nachrechnen zu müssen, ob das Geld reicht.
Einordnung für Anleger
Betrifft mich das? Sobald das Karriereende innerhalb der nächsten 10 Jahre realistisch wird, sollte das Thema angegangen werden. Das gilt für ein klassisches ETF-Depot genauso wie für ein größeres Vermögen mit Aktien, Anleihen, Immobilien oder anderen Anlagen. Wer deutlich vor dem regulären Rentenalter aufhören möchte, sollte noch früher rechnen, schließlich muss die Zeit bis zur ersten Rente mitfinanziert werden.
Wie gehe ich vor? Am Anfang stehen die tatsächlichen Ausgaben und die späteren Einkünfte. Daraus lässt sich ableiten, wie groß die Finanzierungslücke ist, wie viel Kapital kurzfristig verfügbar sein sollte und welcher Teil langfristig investiert bleiben kann. Dabei gehört das gesamte Vermögen auf den Tisch, nicht nur das Depot.
Was muss ich beachten? Entnahmeraten sind Modellwerte und keine Garantie. Steuern, Krankenversicherung, mögliche Rentenabschläge und die eigene Lebensplanung können die Rechnung deutlich verändern. Auch illiquide Anlagen wie Private Equity oder Infrastruktur können für langfristig orientierte Anleger interessant sein. Sie binden Kapital allerdings über Jahre und sollten deshalb nicht mit dem Geld finanziert werden, das in absehbarer Zeit für den Lebensunterhalt gebraucht wird.

Martin ist seit 2026 Advisor von LIQID. Er verbindet drei Perspektiven auf die Finanz- und Contentwelt: die des Gründers, die des Medienmanagers und die des Wirtschaftsjournalisten. Seine Laufbahn begann er im Jahr 2000 in der Tech-Branche, wo er in jungen Jahren den Content-Bereich des Berliner Startups Jamba mitverantwortete. Nach dem Studium der Management and Economics an der London School of Economics and Political Science und einem Diplom der Universität der Künste Berlin wechselte er in den Wirtschaftsjournalismus. Von 2009 bis 2012 berichtete er als Korrespondent und Redakteur der Financial Times Deutschland über Weltwirtschaft und Politik. 2013 wurde er Teil des Relaunch-Teams von Capital, half das Wirtschaftsmagazin bei Gruner + Jahr neu zu konzipieren und leitete zunächst das Ressort Leben. Als Digitalchef und Leiter der Online-Redaktion prägte er anschließend bis 2021 die digitale Ausrichtung von capital.de. 2021 kehrte er auf die Unternehmerseite zurück und gründete informed mit, eine Plattform, die kuratierten Journalismus internationaler Medien in einem Abonnement bündelt. Als Mitgründer und CEO verantwortet er dort heute Produkte im B2C-Content- und B2B-KI-Bereich. Diese Kombination aus Gründer-Perspektive, digital- und KI-strategischem Know-how sowie einem journalistisch-redaktionellen Blick bringt er als Advisor bei LIQID ein.