Was ist die Europäische Zentralbank (EZB)?
18. September 20268 Min. LesezeitDr. Martin Meuter
Die EZB sichert die Preisstabilität im Euroraum und steuert dafür vor allem die Zinsen. Ihre Entscheidungen prägen Kredite, Sparzinsen und Kapitalmärkte.
Die EZB gestaltet mit den nationalen Zentralbanken die Geldpolitik für 21 Euro-Länder und strebt mittelfristig 2 % Inflation an.
Der EZB-Rat entscheidet über die Geldpolitik. Daneben beaufsichtigt die EZB bedeutende Banken und verwaltet Währungsreserven.
Leitzinsen, Offenmarktgeschäfte und Anleihenkäufe beeinflussen Kreditkosten, Nachfrage, Sparzinsen sowie Aktien- und Anleihemärkte.
Einführung
Mit dem Euro teilen 21 EU-Staaten eine Währung und eine gemeinsame Geldpolitik. Diese wird im Eurosystem von der EZB und den nationalen Zentralbanken der Euro-Länder gestaltet.
Die Europäische Zentralbank entscheidet unabhängig über die gemeinsame Geldpolitik. Wer ihre Wirkung verstehen will, muss zunächst ihren Platz in diesem System und ihr Mandat kennen.
Was ist die Europäische Zentralbank?
Die Europäische Zentralbank wurde am 1. Juni 1998 gegründet und hat ihren Sitz in Frankfurt am Main. Sie ist das Herzstück des Eurosystems und des Einheitlichen Bankenaufsichtsmechanismus. Als supranationale Institution der Europäischen Union verantwortet sie die Geldpolitik der 21 EU-Mitgliedstaaten mit dem Euro als Währung. Gemeinsam mit deren nationalen Zentralbanken bildet sie das Eurosystem. In ihrer geldpolitischen Rolle wacht sie über die Stabilität der gemeinsamen Währung.
Ein zentrales Merkmal ist ihre Unabhängigkeit. Die EZB darf weder von EU-Organen noch von nationalen Regierungen oder anderen Stellen Weisungen einholen oder entgegennehmen. So soll ihre Geldpolitik dem Ziel der Preisstabilität folgen und nicht kurzfristigen politischen Interessen.
Wie trifft die EZB Entscheidungen?
Mehrere Gremien treffen die Entscheidungen der EZB und setzen sie um. Diese Struktur soll ausgewogene und fundierte Beschlüsse ermöglichen. Zugleich bindet sie die nationalen Zentralbanken des Euroraums ein.
Das Direktorium
Das Direktorium setzt die geldpolitischen Beschlüsse um und führt das Tagesgeschäft. Es besteht aus dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten und 4 weiteren Mitgliedern. Die Mitglieder werden vom Europäischen Rat ernannt.
Der EZB-Rat
Der EZB-Rat ist das wichtigste Entscheidungsgremium. Er bestimmt die geldpolitische Linie für den Euroraum und legt unter anderem die Leitzinsen fest. Ihm gehören die 6 Mitglieder des Direktoriums sowie die Präsidenten der nationalen Zentralbanken der Euro-Länder an. Der Rat tagt in der Regel alle 2 Wochen. Über die Geldpolitik entscheidet er gewöhnlich alle 6 Wochen. Die Finanzmärkte verfolgen seine Beschlüsse und die begleitende Kommunikation genau.
Der Erweiterte Rat
Der Erweiterte Rat umfasst den Präsidenten und Vizepräsidenten der EZB sowie die Präsidenten der nationalen Zentralbanken aller 27 EU-Mitgliedstaaten. Er berät die EZB und bereitet künftige Erweiterungen des Euroraums vor.
Welche Aufgaben und Ziele hat die EZB?
Das Mandat der EZB ist im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union verankert. Es umfasst mehr als die Zinspolitik.
Preisstabilität als oberstes Ziel
Die wichtigste Aufgabe der EZB ist die Preisstabilität. Sie strebt mittelfristig eine Inflationsrate von 2 % an. Das Ziel ist symmetrisch, Abweichungen nach oben und unten sind also gleichermaßen unerwünscht. Stabile Preise schützen die Kaufkraft, erleichtern Unternehmen und Haushalten die Planung und unterstützen nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Zu hohe Inflation entwertet Geld und verringert die reale Kaufkraft. Auch eine Deflation, also anhaltend fallende Preise, schadet der Wirtschaft.
Umsetzung der Geldpolitik
Die EZB legt die Leitzinsen fest und beeinflusst damit Finanzierungskosten und Liquidität im Euroraum. Verändert sie die Zinsen, ändern sich die Kosten, zu denen Geschäftsbanken Zentralbankgeld aufnehmen. Banken geben diese Kosten über die Konditionen für Kredite und Spareinlagen an Unternehmen und Privatpersonen weiter. Damit wirken Leitzinsbeschlüsse auf Kreditnachfrage, Investitionen und Konsum. Über diese Übertragung beeinflusst die EZB schließlich Konjunktur und Preisentwicklung.
Bankenaufsicht und Finanzstabilität
Seit 2014 beaufsichtigt die EZB die als bedeutend eingestuften Banken des Euroraums direkt. Diese Aufsicht ist von ihrer Geldpolitik zu unterscheiden. Im Einheitlichen Aufsichtsmechanismus, dem Single Supervisory Mechanism (SSM), soll sie Risiken früh erkennen und die Stabilität des europäischen Bankensystems sichern.
Verwaltung der Währungsreserven
Die EZB hält und verwaltet Währungsreserven, die ihr von den nationalen Zentralbanken des Euroraums übertragen wurden. Sie bestehen vor allem aus Fremdwährungen und Gold. Die Reserven sichern die nötige Liquidität für mögliche Geschäfte am Devisenmarkt.
Welche geldpolitischen Instrumente nutzt die EZB?
Die EZB setzt konventionelle und unkonventionelle Instrumente ein, um ihre Ziele zu erreichen.
Leitzinsen als zentrales Steuerungsinstrument
Die EZB legt 3 Leitzinsen fest. Für die Steuerung der Geldpolitik ist vor allem der Einlagesatz maßgeblich, den Banken für Guthaben über Nacht beim Eurosystem erhalten. Über wöchentliche Hauptrefinanzierungsgeschäfte können sich Banken zudem Geld gegen Sicherheiten leihen. Höhere Leitzinsen verteuern Kredite und dämpfen die Nachfrage. Das wirkt der Inflation entgegen. Niedrigere Leitzinsen verbilligen Kredite und regen die Wirtschaft an.
Offenmarktgeschäfte
Mit Offenmarktgeschäften versorgt das Eurosystem Banken mit Zentralbankgeld und steuert kurzfristige Zinsen. Im Mittelpunkt stehen befristete Kredite gegen Sicherheiten. Auch Käufe und Verkäufe von Wertpapieren sind möglich.
Mindestreserven
Geschäftsbanken müssen einen bestimmten Anteil ausgewählter Einlagen und anderer Verbindlichkeiten als Mindestreserve bei ihrer nationalen Zentralbank halten. Dieses Instrument stabilisiert die Geldmarktsätze und schafft eine strukturelle Nachfrage nach Zentralbankgeld.
Anleihenkaufprogramme
In Phasen sehr niedriger Zinsen setzte die EZB umfangreiche Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen ein. Das reguläre Kaufprogramm APP sollte langfristige Zinsen senken und einer zu niedrigen Inflation entgegenwirken. Während der Pandemie ergänzte das Pandemie-Notfallankaufprogramm PEPP die Käufe, um die geldpolitische Übertragung zu sichern. Die Nettokäufe endeten 2022. Beim APP endeten die Wiederanlagen im Juli 2023, beim PEPP Ende 2024. Seither sinken die Bestände mit den Tilgungen. Anleihenkäufe bleiben grundsätzlich ein mögliches Instrument.
Was gibt es bei der Geldpolitik der EZB zu beachten?
Nach einer langen Phase sehr niedriger Zinsen und der Bekämpfung von Deflationsrisiken musste die EZB auf den starken Inflationsanstieg ab 2021 reagieren. Es folgte eine der schnellsten Zinswenden ihrer Geschichte. Die Herausforderung besteht darin, die Inflation nachhaltig auf das 2-%-Ziel zurückzuführen, ohne die Konjunktur übermäßig zu bremsen. Zugleich muss die EZB die Stabilität des Finanzsystems wahren und eine Fragmentierung der Zinslandschaft im Euroraum verhindern. Ihre Politik muss deshalb Preisentwicklung, Wachstum und Finanzierungsbedingungen im gesamten Währungsraum zusammen betrachten.
Wie beeinflussen EZB-Entscheidungen Ihr Geld?
Die Beschlüsse der EZB wirken auf Sparzinsen, Kreditkosten, Kapitalmärkte und die reale Kaufkraft von Vermögen.
Sparzinsen und Kredite
Die Leitzinsen geben den Banken eine wichtige Referenz für ihre Kundenzinsen. Senkt die EZB die Zinsen, fallen in der Regel auch die Zinsen auf Tages- und Festgeld. Kredite für Immobilien oder Konsumgüter werden zugleich günstiger. Bei steigenden Leitzinsen kehrt sich dieser Zusammenhang um. Sparen wird attraktiver, Kredite werden teurer. Die Zinsentscheidung verändert damit sowohl die Erträge liquider Rücklagen als auch die Kosten einer Finanzierung.
Aktien- und Anleihenmärkte
Sinkende Marktzinsen erhöhen meist die Kurse bestehender Festzinsanleihen. Neu ausgegebene Papiere bieten dann niedrigere Renditen. Anleger investieren möglicherweise mehr Kapital in risikoreichere Anlageklassen wie Aktien, was deren Kurse tendenziell stützt. Steigende Marktzinsen belasten dagegen die Kurse bestehender Anleihen, während neue Papiere höhere Renditen bieten. Sie können Aktien belasten, weil sich die Finanzierungskosten der Unternehmen erhöhen. Die Geldpolitik verändert daher Renditechancen und Bewertungen an beiden Märkten.
Inflation und reale Kaufkraft
Indem die EZB Preisstabilität anstrebt, trägt sie zum Schutz der realen Kaufkraft von Ersparnissen und Vermögen bei. Hohe Inflation entwertet Geldvermögen, dessen Rendite unterhalb der Inflationsrate liegt. Die Geldpolitik ist daher ein wichtiger Faktor für den langfristigen realen Vermögenserhalt.
Ein breit diversifiziertes Portfolio verteilt Risiken auf verschiedene Anlageklassen und Renditequellen. Das erleichtert es, wechselnde Zins- und Inflationsphasen im langfristigen Vermögensaufbau zu berücksichtigen.
Fazit
Die EZB gestaltet die Rahmenbedingungen, unter denen Menschen im Euroraum sparen, investieren und Kredite aufnehmen. Ihr Mandat, ihre Instrumente und ihre Kommunikation wirken auf Inflation, Finanzierungskosten und Kapitalmärkte. Wer diese Zusammenhänge versteht, kann Marktbewegungen und deren Bedeutung für die eigene Anlagestrategie besser einordnen.


Dr. Martin Meuter leitet das Portfolio Management und ist Geschäftsführer der LIQID Asset Management. Er ist seit 2022 bei LIQID und steuert unser Investmentteam sowie die Zusammenarbeit mit den Partnern LGT, HQ Capital, VenCap und Neuberger Berman. Zuvor beriet er Banken und Versicherungen im Bereich Investment- und Risikomanagement. Er hat einen Bachelor der TU München, einen Master der Erasmus Universität Rotterdam und einen Doktortitel in Finanzwirtschaft der Universität zu Köln.
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