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Was ist Geldpolitik?

18. September 20268 Min. LesezeitDr. Martin Meuter

Zentralbanken verändern mit ihren Zinsen die Kosten und Verfügbarkeit von Geld. Geldpolitik wirkt so auf Inflation und Konjunktur. Wer ihren Kurs versteht, kann Kredite, Sparzinsen und Kapitalmärkte besser einordnen.

Key Takeaways
  1. Geldpolitik beeinflusst die Kosten und Verfügbarkeit von Geld. Das vorrangige Ziel der EZB ist eine mittelfristige Inflation von 2 %.

  2. Den Kurs steuert die EZB vor allem über den Einlagesatz. Refinanzierungsgeschäfte und Wertpapierkäufe beeinflussen die Liquidität.

  3. Zinsentscheidungen wirken mit Verzögerung über Banken, Erwartungen, Vermögenspreise und Wechselkurse auf Nachfrage und Inflation.

  4. Steigende Zinsen belasten meist bestehende Anleihen und Kredite, erhöhen aber oft Sparzinsen. Zinssenkungen kehren diese Impulse um.

Einführung

Nach Pandemie, Lieferengpässen und Energiepreisschock stieg die Inflation im Euroraum stark und plötzlich an. Die EZB wechselte deshalb in ungewöhnlichem Tempo den Kurs. Von Juli 2022 bis September 2023 erhöhte sie den Einlagesatz in zehn Schritten von –0,50 auf 4,00 %.

Der Kurswechsel zeigt, wie Geldpolitik wirkt: Zentralbanken setzen den Preis für kurzfristiges Zentralbankgeld und verändern damit die Finanzierungsbedingungen für Banken. Bis daraus andere Kredit-, Konsum- und Investitionsentscheidungen werden, vergeht Zeit. Geldpolitik ist daher eine Übertragungskette – keine punktgenaue Steuerung.

Welche Ziele verfolgt die Geldpolitik?

Die gesetzlichen Mandate unterscheiden sich. Die meisten Zentralbanken verfolgen jedoch mehrere Kernziele mit einer klaren Gewichtung. Diese Hierarchie bestimmt, welches Ziel bei einem Konflikt Vorrang erhält.

Preisstabilität als oberstes Ziel

Das vorrangige Ziel der EZB ist Preisstabilität. Sie strebt mittelfristig eine Inflationsrate von 2 % an. Das Ziel ist symmetrisch, Abweichungen nach oben und unten sind also gleichermaßen unerwünscht. Eine niedrige, stabile Inflation schützt die Kaufkraft und erleichtert Unternehmen und Haushalten die Planung. Sie begrenzt auch willkürliche Umverteilungen durch starke Veränderungen des Geldwerts. Unkontrollierte Inflation untergräbt dagegen das Vertrauen in die Währung und hemmt die wirtschaftliche Entwicklung.

Wirtschaftswachstum und Beschäftigung

Die EZB unterstützt die allgemeine Wirtschaftspolitik der Europäischen Union, solange dies die Preisstabilität nicht gefährdet. Mit ihrer Zinspolitik kann sie konjunkturelle Schwächephasen abfedern oder einer Überhitzung entgegenwirken. Niedrigere Zinsen fördern typischerweise Kreditnachfrage, Investitionen und Konsum. Höhere Zinsen dämpfen diese Größen.

Die Federal Reserve (Fed) hat dagegen ein duales Mandat. In der Praxis stehen maximale Beschäftigung und Preisstabilität gleichrangig nebeneinander. Ihr gesetzlicher Auftrag nennt zusätzlich moderate langfristige Zinsen.

Finanzstabilität als Voraussetzung

Finanzstabilität ist nicht dasselbe wie Preisstabilität, aber eine Voraussetzung für wirksame Geldpolitik. Zentralbanken können Banken in Krisen Liquidität bereitstellen und als Kreditgeber der letzten Instanz systemische Engpässe begrenzen. Stabile Finanzmärkte sind zugleich nötig, damit geldpolitische Impulse die Realwirtschaft erreichen. Stockt diese Übertragung, verändern Leitzinsen Kreditbedingungen und Nachfrage nicht im beabsichtigten Maß.

Welche Instrumente nutzt die Geldpolitik?

Zentralbanken setzen vor allem Leitzinsen und Refinanzierungsgeschäfte ein. In besonderen Lagen kommen weitere Instrumente wie Wertpapierkäufe, längerfristige Kredite oder Forward Guidance hinzu.

Leitzinsen

Die EZB setzt drei Leitzinsen. Seit September 2024 steuert sie ihren geldpolitischen Kurs vor allem über den Zinssatz der Einlagefazilität. Zu diesem Satz können Banken überschüssiges Zentralbankgeld über Nacht anlegen. Der Satz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte und der Zinssatz der Spitzenrefinanzierungsfazilität bestimmen die Konditionen für Zentralbankkredite.

Leitzinsen übertragen sich auf Geldmarkt-, Kredit- und Sparzinsen, aber nicht eins zu eins. Wettbewerb, Laufzeit, Bonität und die Kreditnachfrage beeinflussen, welche Konditionen Banken ihren Kunden anbieten.

Offenmarkt- und Refinanzierungsgeschäfte

Regelmäßige Offenmarktgeschäfte des Eurosystems sind vor allem besicherte Kredite. Banken erhalten Zentralbankgeld befristet und hinterlegen dafür notenbankfähige Sicherheiten. Die wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäfte und dreimonatigen längerfristigen Geschäfte decken ihren Liquiditätsbedarf. Seit September 2024 liegt der Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte 15 Basispunkte über dem Einlagesatz. Die EZB teilt zum festen Satz alle Gebote zu, sofern Banken genügend Sicherheiten stellen.

Davon zu unterscheiden sind direkte Wertpapierkäufe ohne Rückkaufvereinbarung. Sie erhöhen die Wertpapierbestände der Zentralbank, bis die Titel fällig werden oder verkauft werden. Sie gehören nicht zur laufenden Liquiditätsbereitstellung über besicherte Kredite.

Mindestreserven

Banken im Euroraum müssen im Durchschnitt einer Reserveperiode 1 % bestimmter kurzfristiger Verbindlichkeiten bei ihrer nationalen Zentralbank halten. Das stabilisiert die Geldmarktzinsen und schafft Bedarf an Zentralbankgeld. Die Mindestreserve ist jedoch kein fester Topf, der das Kreditvolumen mechanisch begrenzt. Banken können benötigtes Zentralbankgeld am Geldmarkt oder gegen Sicherheiten beim Eurosystem beschaffen.

Quantitative Easing und Forward Guidance

Bei sehr niedrigen Leitzinsen oder gestörter geldpolitischer Übertragung kann die Zentralbank ihre Bilanz einsetzen. Beim Quantitative Easing (QE) kauft sie Anleihen und andere Wertpapiere in großem Umfang. Die zusätzliche Nachfrage hebt deren Kurse, senkt längerfristige Renditen und lockert die Finanzierungsbedingungen.

Ein reales Beispiel ist das Pandemie-Notfallankaufprogramm PEPP. Die EZB startete es im März 2020 und weitete den vorgesehenen Rahmen auf 1,85 Billionen € aus. Diese Käufe sind inzwischen beendet. Beim regulären Kaufprogramm APP reinvestiert das Eurosystem seit Juli 2023 keine Tilgungsbeträge mehr. Beim PEPP endeten die Wiederanlagen Ende 2024. Die Bestände sinken deshalb mit den Tilgungen.

Der Abbau einer durch Käufe vergrößerten Bilanz heißt Quantitative Tightening (QT). Er kann durch ausbleibende Wiederanlagen oder aktive Verkäufe erfolgen. Mit Forward Guidance kommuniziert die Zentralbank ihre wahrscheinliche künftige Ausrichtung. So beeinflusst sie Zinserwartungen, bevor ein späterer Beschluss fällt.

Wie unterscheiden sich expansive und restriktive Geldpolitik?

Die Ausrichtung richtet sich nach Inflationsaussichten, Konjunktur und Stärke der Übertragung. Geldpolitik kann expansiv, also locker, oder restriktiv, also straff, sein.

Expansive Geldpolitik

Bei zu niedriger Inflation oder einer schweren Nachfrageschwäche verfolgt eine Zentralbank typischerweise eine expansive Politik. Sie senkt Leitzinsen, stellt mehr Liquidität bereit oder kauft Wertpapiere. Das verbessert die Finanzierungsbedingungen und soll Investitionen, Konsum und damit die Wirtschaft anregen. Die höhere Nachfrage wirkt zugleich einem zu geringen Preisdruck entgegen.

Restriktive Geldpolitik

Bei anhaltend zu hoher Inflation wechselt die Zentralbank zu einem restriktiven Kurs. Sie erhöht Leitzinsen und kann zugleich ihre Bilanz verkleinern. Kredite werden teurer, Unternehmen und Haushalte verschieben eher Ausgaben und die Nachfrage sinkt. Kurzfristig bremst dieser Kurs meist das Wirtschaftswachstum. Er soll verhindern, dass sich hoher Preisdruck in Erwartungen, Löhnen und Preisen verfestigt.

Wie gelangt Geldpolitik in die Realwirtschaft?

Geldpolitik wirkt über mehrere Kanäle. Leitzinsen verändern Geldmarkt- und Bankzinsen. Finanzierungsbedingungen beeinflussen, ob Haushalte sparen oder konsumieren und ob Unternehmen investieren. Veränderte Renditen verschieben zugleich Anleihekurse, Aktienbewertungen und Wechselkurse. Ankündigungen prägen Erwartungen an künftige Inflation und Zinsen.

Diese Kanäle wirken weder gleichzeitig noch immer gleich stark. Laut EZB sind die Verzögerungen lang, variabel und unsicher. Deshalb orientiert sich Geldpolitik an der mittelfristigen Inflationsentwicklung. Eine heutige Entscheidung richtet sich nicht allein nach der zuletzt gemessenen Rate.

Wie beeinflusst Geldpolitik Sparer und Anleger?

Geldpolitische Maßnahmen verändern Zinsen, Finanzierungskosten und Erwartungen. Finanzmärkte reagieren deshalb oft schon auf neue Daten oder Kommunikation und nicht erst auf den formalen Zinsbeschluss.

Anleihen: Steigen Marktzinsen, fallen die Kurse bestehender Festzinsanleihen grundsätzlich. Neu ausgegebene Papiere bieten dann höhere Renditen. Je länger die Laufzeit und je niedriger der Kupon, desto stärker reagiert der Kurs typischerweise. Bei sinkenden Marktzinsen gilt das Umgekehrte.

Aktien: Niedrigere Zinsen verringern Finanzierungskosten und erhöhen den heutigen Wert künftiger Gewinne. Das kann Aktienbewertungen stützen. Der Effekt ist jedoch nicht isoliert. Erwartungen zu Wachstum, Inflation und Unternehmensgewinnen wirken gleichzeitig.

Sparkonten und Tagesgeld: Veränderte Leitzinsen übertragen sich meist mit Verzögerung und unterschiedlich stark auf Tages- und Festgeld. Steigende Zinsen verbessern tendenziell die Angebote für Sparer. Sinkende Zinsen schwächen sie.

Immobilien und Kredite: Höhere Marktzinsen verteuern Baufinanzierungen und andere Kredite. Das dämpft meist die Nachfrage nach Immobilien und kann Bewertungen belasten. Niedrigere Zinsen wirken grundsätzlich in die Gegenrichtung.

Währungen: Steigende Zinsen können eine Währung aufwerten, wenn Anlagen in dieser Währung relativ attraktiver werden. Wechselkurse hängen jedoch auch von Erwartungen, Risiken und der Politik anderer Zentralbanken ab.

Fazit

Geldpolitik sichert vor allem die Preisstabilität. Über Leitzinsen, Refinanzierungsgeschäfte, Erwartungen und die Zentralbankbilanz verändert sie Finanzierungsbedingungen und wirtschaftliche Nachfrage. Ihre Wirkung kommt mit Verzögerung und hängt vom Umfeld ab. Wer den Kurs und seine Übertragung versteht, kann die Rahmenbedingungen für Sparen, Kredite und Anlageklassen fundierter beurteilen.

Autor

Dr. Martin Meuter

Managing Director und Head of Portfolio Management

Dr. Martin Meuter leitet das Portfolio Management und ist Geschäftsführer der LIQID Asset Management. Er ist seit 2022 bei LIQID und steuert unser Investmentteam sowie die Zusammenarbeit mit den Partnern LGT, HQ Capital, VenCap und Neuberger Berman. Zuvor beriet er Banken und Versicherungen im Bereich Investment- und Risikomanagement. Er hat einen Bachelor der TU München, einen Master der Erasmus Universität Rotterdam und einen Doktortitel in Finanzwirtschaft der Universität zu Köln.


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