Wie funktionieren Optionsscheine?
18. September 20267 Min. LesezeitDr. Martin Meuter
Mit Optionsscheinen können Anleger auf steigende oder fallende Kurse etwa einer Aktie oder eines Index setzen. Da sie mit einem Hebel wirken, fallen mögliche Gewinne, aber auch Verluste deutlich stärker aus als die Kursbewegung des zugrunde liegenden Werts.
Call-Optionsscheine verbriefen ein Kaufrecht und setzen auf steigende Kurse. Put-Optionsscheine verbriefen ein Verkaufsrecht und setzen auf fallende Kurse.
Der Preis eines Optionsscheines besteht aus innerem Wert und Zeitwert. Volatilität, Restlaufzeit, Zinsen und Dividenden wirken ebenfalls auf ihn ein.
Die Hebelwirkung von Optionsscheinen ermöglicht hohe prozentuale Gewinne, verstärkt aber auch Verluste bis hin zum eingesetzten Kapital.
Optionsscheine eignen sich vor allem für erfahrene Anleger, die spekulieren oder bestehende Positionen gezielt absichern (hedgen) möchten.
Einführung
Wer eine Aktie kauft, beteiligt sich direkt an ihrer Kursentwicklung. Steigt sie um 5 %, gewinnt auch die Position 5 % an Wert. Bei einem Optionsschein kann dieselbe Kursbewegung eine deutlich größere prozentuale Veränderung auslösen – nach oben wie nach unten.
Der Grund liegt in seiner Konstruktion. Ein Optionsschein verbrieft nicht den Basiswert selbst, sondern ein befristetes Recht, ihn zu einem festgelegten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Sein Wert hängt deshalb davon ab, wie sich der Basiswert entwickelt und wie attraktiv dieses Recht bis zum Laufzeitende wird. Um Optionsscheine zu verstehen, sind daher zwei Aspekte entscheidend: das verbriefte Recht und die daraus entstehende Preisbildung.
Was ist ein Optionsschein?
Ein Optionsschein, auch Warrant genannt, verbrieft das Recht, einen Basiswert wie eine Aktie zu vorab bestimmten Konditionen zu kaufen oder zu verkaufen. Anders als beim direkten Aktienkauf erwirbt der Anleger nur ein Recht auf einen späteren Handel. Er darf dieses Recht ausüben, ist dazu aber nicht verpflichtet.
Vier Merkmale bestimmen den Optionsschein:
- Basiswert: Das Gut, auf das sich der Optionsschein bezieht. Üblich sind Aktien, Indizes, Währungen oder Rohstoffe.
- Basispreis oder Strike: Der Preis, zu dem der Basiswert gekauft oder verkauft werden darf.
- Laufzeit: Der Zeitraum, in dem das Recht ausgeübt werden darf. Wenn das Recht nicht vor Ende der Laufzeit ausgeübt wurde, verfällt der Optionsschein.
- Bezugsverhältnis: Die Zahl der Optionsscheine, die für eine Einheit des Basiswerts nötig ist. Ein Bezugsverhältnis von 0,1 bedeutet beispielsweise, dass 10 Optionsscheine zum Kauf einer Aktie berechtigen.
Optionsscheine werden von Emittenten, meist Banken, ausgegeben und sind an der Börse handelbar. Der Emittent legt Basispreis, Laufzeit und Bezugsverhältnis für jedes Produkt fest. Sein Preis hängt vor allem von der Kursentwicklung des Basiswerts und der verbleibenden Laufzeit ab.
Wie unterscheiden sich Call- und Put-Optionsscheine?
Calls und Puts bilden entgegengesetzte Erwartungen an die Kursentwicklung ab:
Call-Optionsscheine: Eine Wette auf steigende Kurse
Ein Call-Optionsschein gibt seinem Inhaber das Recht, den Basiswert zum festgelegten Basispreis zu kaufen. Anleger erwerben einen Call, wenn sie einen steigenden Kurs erwarten. Liegt der Kurs am Laufzeitende über dem Basispreis, kann ein Gewinn entstehen.
Ein Beispiel verdeutlicht den Mechanismus. Ein Anleger kauft einen Call auf die Aktie X mit einem Basispreis von 100 € und 6 Monaten Laufzeit. Steigt die Aktie auf 120 €, darf er sie für 100 € kaufen. Der Gewinn beträgt 20 € je Aktie, abzüglich des Preises für den Optionsschein.
Put-Optionsscheine: Eine Wette auf fallende Kurse
Ein Put-Optionsschein gibt seinem Inhaber das Recht, den Basiswert zum festgelegten Basispreis zu verkaufen. Anleger nutzen einen Put, wenn sie eine negative Kursentwicklung erwarten. Fällt der Kurs unter den Basispreis, kann ein Gewinn entstehen.
Auch hier zeigt ein Beispiel den Mechanismus. Ein Anleger kauft einen Put auf die Aktie Y mit einem Basispreis von 50 €. Fällt die Aktie auf 40 €, kann er sie am Markt kaufen und für 50 € an den Emittenten verkaufen. Der Gewinn beträgt 10 € je Aktie, abzüglich der Kosten des Optionsscheins.
Worin unterscheiden sich Optionsscheine und Optionen?
Aus Sicht des Anlegers erfüllen Optionsscheine und standardisierte Optionen grundsätzlich dieselbe Funktion. Trotz dieses gemeinsamen Prinzips unterscheiden sich beide Instrumente in mehreren Punkten:
Emittent: Optionsscheine werden von Finanzinstituten ausgegeben. Optionen sind standardisierte Termingeschäfte an Terminbörsen wie der Eurex, wobei die Börse als Vertragspartner fungiert.
Standardisierung: Bei Optionen sind Basispreise und Laufzeiten stark standardisiert. Bei Optionsscheinen legt der Emittent die Bedingungen fest. Dadurch entsteht eine große Produktvielfalt.
Handelbarkeit: Mit Optionen können Anleger als Käufer oder Verkäufer, also als Stillhalter, auftreten. Bei Optionsscheinen nehmen sie nur die Käuferposition ein.
Wie wird der Preis eines Optionsscheins bestimmt?
Der Preis setzt sich aus innerem Wert und Zeitwert zusammen. Beide Komponenten helfen, die Wertentwicklung einzuordnen:
Innerer Wert
Der innere Wert ergibt sich aus der Differenz zwischen dem aktuellen Kurs des Basiswerts und dem Basispreis.
Call: Innerer Wert = (aktueller Kurs des Basiswerts – Basispreis) × Bezugsverhältnis
Ein Call hat nur dann einen inneren Wert, wenn der Kurs über dem Basispreis liegt.
Put: Innerer Wert = (Basispreis – aktueller Kurs des Basiswerts) × Bezugsverhältnis
Ein Put hat nur dann einen inneren Wert, wenn der Kurs unter dem Basispreis liegt. Ein Optionsschein „im Geld“, auf Englisch „in the money“, hat einen positiven inneren Wert. Andernfalls beträgt dieser null.
Zeitwert
Der Zeitwert ist der Aufschlag für die Chance, dass der Optionsschein während seiner Restlaufzeit einen höheren inneren Wert entwickelt. Er bildet damit die noch verbleibende Möglichkeit einer günstigen Kursbewegung ab. Am höchsten ist er bei langer Restlaufzeit und bei Optionsscheinen „am Geld“, deren Basispreis ungefähr dem aktuellen Kurs entspricht.
Bis zum Verfallstag sinkt der Zeitwert auf null. Dieser Prozess heißt Zeitwertverfall. Auch die Volatilität des Basiswerts, das allgemeine Zinsniveau und mögliche Dividendenzahlungen beeinflussen den Preis.
Was gibt es bei Optionsscheinen zu beachten?
Optionsscheine verbinden durch ihren Hebel hohe prozentuale Gewinnchancen mit erheblichen Verlustrisiken. Für die Beurteilung zählt deshalb nicht nur die erwartete Kursrichtung. Auch Stärke und Zeitpunkt der Bewegung entscheiden über das Ergebnis.
Die Chancen: Hebelwirkung und Absicherung
Für einen Optionsschein ist weniger Kapital nötig als für den direkten Kauf des Basiswerts. Deshalb kann schon eine kleine Bewegung des Basiswerts eine vervielfachte prozentuale Preisbewegung auslösen. Put-Optionsscheine können zudem ein Portfolio absichern. Ein Anleger mit einer größeren Aktienposition setzt dafür mit einem Put auf fallende Kurse. Dessen Wertentwicklung kann mögliche Kursverluste im Depot teilweise ausgleichen.
Die Risiken: Totalverlust und komplexe Preisbildung
Das Hauptrisiko ist der Totalverlust des eingesetzten Kapitals. Entwickelt sich der Basiswert nicht wie erwartet, kann der Optionsschein wertlos verfallen. Der Zeitwertverfall wirkt auch bei seitwärts laufenden Kursen gegen den Anleger. Eine richtige Richtung allein genügt daher nicht, wenn die Bewegung zu spät oder zu schwach ausfällt. Volatilität und Zinsen machen die Preisentwicklung zusätzlich schwer prognostizierbar. Weil Banken die Optionsscheine emittieren, hängt die Rückzahlung zudem von der Zahlungsfähigkeit des Emittenten ab.
Für wen eignen sich Optionsscheine?
Optionsscheine richten sich vor allem an erfahrene, risikobewusste Anleger. Sie sollten Funktionsweise, Preisbildung und die Wirkung des Zeitwerts vollständig verstehen. Ebenso müssen sie einen Totalverlust des eingesetzten Kapitals tragen können und eine klare Strategie für den Einsatz verfolgen.
Zwei Anwendungen stehen im Vordergrund:
- Spekulation: Anleger setzen mit einer klaren kurz- bis mittelfristigen Marktmeinung auf überproportionale Kursbewegungen.
- Absicherung: Investoren schützen bestehende Portfoliopositionen gezielt gegen kurzfristige Kursverluste.
Für Einsteiger und sicherheitsorientierte Anleger sind Optionsscheine nicht geeignet.
Fazit
Optionsscheine können hohe prozentuale Gewinne ermöglichen und bestehende Portfolios absichern. Hebelwirkung, Zeitwertverfall, komplexe Preisbildung und Totalverlustrisiko verlangen jedoch fundierte Kenntnisse. Erfahrene Anleger sollten deshalb Basiswert, Laufzeit, Bezugsverhältnis und Kosten vor jedem Einsatz genau prüfen.


Dr. Martin Meuter leitet das Portfolio Management und ist Geschäftsführer der LIQID Asset Management. Er ist seit 2022 bei LIQID und steuert unser Investmentteam sowie die Zusammenarbeit mit den Partnern LGT, HQ Capital, VenCap und Neuberger Berman. Zuvor beriet er Banken und Versicherungen im Bereich Investment- und Risikomanagement. Er hat einen Bachelor der TU München, einen Master der Erasmus Universität Rotterdam und einen Doktortitel in Finanzwirtschaft der Universität zu Köln.
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