Was ist ein IPO und lohnt sich eine Investition?
18. September 202610 Min. LesezeitFrederik Simon
Ein IPO bringt ein privates Unternehmen an die Börse. Das eröffnet ihm Zugang zu neuem Kapital, garantiert Anlegern aber nicht zwangsläufig eine gute Rendite. Denn ein Großteil der Wertschöpfung findet oft lange vor dem Börsengang statt.
Ein IPO bringt Aktien eines privaten Unternehmens erstmals an die Börse und erschließt ihm den öffentlichen Kapitalmarkt.
Gibt ein Unternehmen neue Aktien aus, fließt ihm Kapital zu. Verkaufen bisherige Anteilseigner bestehende Aktien, erhalten sie den Erlös.
Investmentbanken begleiten dabei die Due Diligence, Prospekt, Bookbuilding, Preisfestsetzung, Zuteilung und Handelsstart.
Ein großer Börsengang ist nicht automatisch ein gutes Investment: Bewertung, Qualität und Einstiegskurs bestimmen die Rendite.
Venture Capital und Private Equity ermöglichen Investments vor dem Börsengang. Sie erfordern sorgfältige Auswahl, Streuung und einen langen Anlagehorizont.
Einführung
Viele Unternehmen finanzieren ihr frühes Wachstum außerhalb der Börse. Der IPO markiert daher den Übergang zum öffentlichen Kapitalmarkt, nicht zwingend den Beginn der Wertschöpfung. Anleger sollten den Prozess hinter IPOs verstehen – und eine Anlage im Einzelfall prüfen.
Was ist ein IPO?
IPO steht für Initial Public Offering und bezeichnet den erstmaligen öffentlichen Verkauf von Aktien eines privat gehaltenen Unternehmens. Mit der Zulassung zum Börsenhandel wird daraus ein börsennotiertes Unternehmen. Dieser Schritt heißt auch „Going Public“.
Ein Börsengang kann zwei Arten von Aktienverkäufen verbinden: Bei einem Primary Offering gibt das Unternehmen neue Aktien aus. Die Erlöse fließen ihm zu und finanzieren typischerweise Expansion, Forschung, Entwicklung oder den Schuldenabbau. Bei einem Secondary Offering verkaufen bestehende Anteilseigner ihre Aktien. Die Erlöse gehen dann an Gründer, Mitarbeiter oder frühe Investoren.
Für Anleger ist diese Unterscheidung wesentlich. Nur der Primary-Anteil stärkt unmittelbar die Finanzmittel des Unternehmens. Ein hohes Emissionsvolumen sagt deshalb allein nicht, wie viel neues Kapital dem Unternehmen zufließt.
Wie funktioniert ein Börsengang?
Der Börsengang ist ein strukturierter und regulierter Prozess, der meist mehrere Monate dauert. Spezialisierte Investmentbanken, die Konsortialführer oder Underwriter, beraten das Unternehmen. Sie unterstützen bei der Bewertung, koordinieren das Angebot und vermarkten die Aktien bei potenziellen Investoren.
Die zentralen Schritte sind:
- Vorbereitung: Das Unternehmen richtet Finanzberichterstattung, interne Kontrollen und Führungsstrukturen auf die Anforderungen des öffentlichen Markts aus.
- Auswahl der Konsortialbanken: Eine oder mehrere Investmentbanken strukturieren das Angebot und koordinieren Berater, Behörden und Börse.
- Due Diligence und Prospekt: Berater prüfen Geschäftsmodell, Finanzen und Risiken. Die wesentlichen Informationen fließen in den gesetzlich vorgeschriebenen Wertpapierprospekt.
- Vermarktung und Bookbuilding: Management und Banken stellen das Unternehmen möglichen Investoren vor. Deren Nachfrage bildet die Grundlage für die Preisspanne.
- Preisfestsetzung und Zuteilung: Das Unternehmen und seine Investmentbanken legen den Emissionspreis fest. Die verfügbaren Aktien werden auf die Zeichnungsaufträge verteilt.
- Handelsstart: Nach der Zulassung beginnt der Börsenhandel. Von diesem Zeitpunkt an bestimmen Angebot und Nachfrage den Aktienkurs.
Der Wertpapierprospekt schafft die zentrale Informationsgrundlage. Er beschreibt das Geschäftsmodell, Finanzzahlen, Mittelverwendung, Eigentümerstruktur und wesentliche Risiken. Er ist jedoch kein Qualitätsurteil über das Unternehmen und keine Aussage über die Angemessenheit des Emissionspreises.
Wer Aktien zum Emissionspreis zeichnet, erhält sie nur bei einer entsprechenden Zuteilung. Wer erst nach dem Handelsstart kauft, zahlt den dann geltenden Börsenkurs. Dieser kann über oder unter dem Emissionspreis liegen.
Welche Vor- und Nachteile hat ein Börsengang?
Für Unternehmen ist ein IPO ein strategischer Meilenstein. Er eröffnet neue Finanzierungsmöglichkeiten, verändert aber auch die Anforderungen an Unternehmen und Management:
| Vorteile | Nachteile |
|---|---|
| Kapitalzugang: Eine breite Kapitalbasis finanziert weiteres Wachstum. | Kosten und Aufwand: Vorbereitung und Durchführung sind teuer und binden Managementressourcen. |
| Bekanntheit: Die Börsennotierung erhöht typischerweise das öffentliche Profil und die Markenwahrnehmung. | Transparenzpflichten: Börsennotierte Unternehmen müssen streng und regelmäßig berichten. |
| Liquidität: Bestehende Anteilseigner können ihre Beteiligungen in handelbare Aktien umwandeln. | Leistungsdruck: Kurzfristige Markterwartungen können stärker auf strategische Entscheidungen wirken. |
| Mitarbeiterbindung: Aktien können zur Gewinnung und Bindung von Mitarbeitern eingesetzt werden. | Kontrollverlust: Gründer teilen Einfluss und Stimmrechte mit neuen Aktionären. |
Welche Seite überwiegt, hängt von den Zielen und der Reife des Unternehmens ab. Ein IPO eignet sich vor allem, wenn der Kapitalbedarf, die organisatorische Vorbereitung und das Interesse des Markts am Unternehmen und seiner Branche zusammenpassen.
Welche großen Börsengänge sind bekannt?
Die größten IPOs zeigen, welche Summen der öffentliche Kapitalmarkt mobilisieren kann. Sie unterscheiden sich jedoch deutlich bei Geschäftsmodell, Angebotsstruktur und Mittelverwendung:
| Unternehmen | Jahr | Basisvolumen vor Mehrzuteilung | Einordnung |
|---|---|---|---|
| SpaceX | 2026 | 75 Mrd. US-Dollar | Größter IPO der Geschichte vor Mehrzuteilung; ausschließlich neu ausgegebene Aktien. |
| Saudi Aramco | 2019 | 25,6 Mrd. US-Dollar | Bis zum SpaceX-IPO der größte Börsengang weltweit. |
| Alibaba | 2014 | 21,8 Mrd. US-Dollar | Damals größter IPO an einer US-Börse. |
| Facebook, heute Meta | 2012 | 16,0 Mrd. US-Dollar | Einer der größten Technologie-IPOs seiner Zeit. |
SpaceX platzierte im Juni 2026 zunächst rund 555,6 Mio. Aktien zu je 135 US-Dollar. Die vollständige Mehrzuteilung – also der Verkauf zusätzlicher Aktien über das ursprünglich geplante Angebot hinaus – erhöhte das Emissionsvolumen letztlich auf rund 86,3 Mrd. US-Dollar. Saudi Aramco und Alibaba hatten die vorherigen Größenrekorde gesetzt. Facebook verband beim IPO neue Aktien mit umfangreichen Verkäufen bestehender Anteilseigner.
Auch Google und Tesla sorgten 2004 beziehungsweise 2010 für großes Anlegerinteresse. Beide nutzten den Kapitalmarktzugang, um weiteres Wachstum zu finanzieren. Spotify wählte 2018 dagegen ein Direct Listing. Dabei wurden bestehende Aktien ohne klassischen Zeichnungs- und Zuteilungsprozess direkt zum Börsenhandel zugelassen. Spotify gab keine neuen Aktien aus und nahm durch die Notierung selbst kein zusätzliches Kapital auf.
Bending Spoons lieferte 2026 ein jüngeres europäisches Beispiel. Das Mailänder Softwareunternehmen platzierte im Juli 2026 Aktien im Wert von rund 1,7 Mrd. US-Dollar. Rund 954 Mio. US-Dollar entfielen auf neue Aktien. Den übrigen Teil verkauften bestehende Anteilseigner.
Viele bekannte Technologieunternehmen gelten als mögliche IPO-Kandidaten. Ihre Milliardenbewertungen aus privaten Finanzierungsrunden, getragen von Venture-Capital-Managern, verdeutlichen die mögliche Wertschöpfung vor einer Börsennotierung.
Was bedeutet die Haltefrist nach dem IPO?
Die Haltefrist, auch Lock-up Period genannt, begrenzt unmittelbar nach dem Börsengang den Verkauf von Aktien durch Insider. Dazu zählen etwa Gründer, das Management und frühe Investoren. Die Frist dauert typischerweise 90 bis 180 Tage.
Sie hält das Aktienangebot in der sensiblen Phase nach dem Börsenstart planbar. Ohne diese Vereinbarung könnten Insider sofort große Aktienbestände verkaufen. Ein solcher Angebotsüberhang könnte den Kurs belasten und Zweifel am Vertrauen der bisherigen Eigentümer in das Unternehmen wecken.
Nach Ablauf der Haltefrist dürfen Insider ihre Aktien verkaufen. Dadurch kann das verfügbare Angebot deutlich steigen und die Volatilität zunehmen.
Für Anleger ist das Ende der Haltefrist deshalb ein wichtiger Termin. Es erlaubt jedoch keine verlässliche Kursprognose. Entscheidend ist, wie viele Insider tatsächlich verkaufen und auf welche Nachfrage ihre Aktien treffen.
Ist ein IPO automatisch ein gutes Investment?
Nein. Ein Börsengang ist weder ein Gütesiegel noch ein verlässliches Kaufsignal. Auch ein an sich überzeugendes Unternehmen kann bei einer zu hohen Bewertung ein schwaches Investment sein. Umgekehrt kann sich ein anfangs enttäuschender Börsengang langfristig positiv entwickeln.
Einstiegskurs
Stark nachgefragte Aktien steigen am ersten Handelstag häufig. Dieser Kurssprung wird als „IPO-Pop“ bezeichnet. Er kommt jedoch nur Anlegern zugute, die Aktien zum Emissionspreis erhalten haben. SpaceX eröffnete den Handel bei 150 US-Dollar und damit 11 % über dem Emissionspreis von 135 US-Dollar. Wer erst zu diesem Börsenkurs kaufte, stieg bereits auf einem höheren Bewertungsniveau ein.
Ein ausgeprägter IPO-Pop ist nicht für alle Beteiligten positiv. Für das Unternehmen oder verkaufende Altaktionäre kann er darauf hindeuten, dass der Emissionspreis zu niedrig angesetzt wurde. Bei einem höheren Preis hätten sie mehr Kapital einnehmen oder einen höheren Verkaufserlös erzielen können. Gleichzeitig muss der Emissionspreis attraktiv genug sein, um genügend Nachfrage für eine erfolgreiche Platzierung und einen geordneten Handelsstart zu sichern. Insgesamt gilt es also, konkurrierende Faktoren abzuwägen.
Eine Zuteilung ist gerade bei begehrten IPOs nicht garantiert. Privatanleger erhalten oft weniger Aktien als bestellt oder gehen leer aus. Der sichtbare Kurssprung lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres als eigener Gewinn realisieren. Zudem sagt ein IPO-Pop wenig über die langfristige Kursentwicklung aus.
Langfristige Ergebnisse
Auch über längere Zeiträume bieten IPOs keinen systematischen Renditevorteil. Eine Auswertung von über 9.000 US-IPOs aus den Jahren 1980 bis 2024 zeigt eine breite Streuung: In den 5 Jahren nach der Emission lagen frisch börsennotierte Aktien im Schnitt pro Jahr 3,6 Prozentpunkte hinter Unternehmen ähnlicher Größe.
Einzelne Beispiele machen die Spannweite sichtbar. Facebook ging 2012 zu 38 US-Dollar je Aktie an die Börse und fiel noch im selben Jahr bis auf 17,55 US-Dollar. Später entwickelte sich Meta zu einem der wertvollsten Konzerne der Welt. Unternehmensqualität und ein attraktiver Einstiegskurs sind also nicht unbedingt dasselbe.
Rivian zeigt die andere Seite. Der Elektroautohersteller ging 2021 zu 78 US-Dollar je Aktie an die Börse. Ein am ersten Handelstag zum Schlusskurs investierter Betrag von 100 US-Dollar war Ende 2022 rechnerisch nur noch 18 US-Dollar wert. Eine hohe Nachfrage beim IPO schützte also nicht vor einem starken Kursverlust.
Anleger sollten einen Börsenneuling daher wie jede andere Aktie prüfen. Entscheidend sind vor allem:
- Geschäftsmodell und Wettbewerbsvorteile: Wie belastbar sind Nachfrage, Marktposition und Skalierbarkeit?
- Finanzen: Wie entwickeln sich Umsatz, Margen, Cashflow, Verschuldung und Kapitalbedarf?
- Bewertung: Welche Erwartungen sind im Emissionspreis oder im ersten Börsenkurs bereits enthalten?
- Mittelverwendung: Finanziert das Angebot Wachstum oder vor allem Verkäufe von bestehenden Anteilseignern?
- Eigentümerstruktur: Wie viele Verkäufe sind zum Ende des Lock-Ups zu erwarten?
Wie können Anleger schon vor einem IPO profitieren?
Venture Capital finanziert private Unternehmen in frühen Entwicklungsphasen. Ihr Kapital unterstützt Produktentwicklung, Markteintritt, Personalaufbau und internationale Expansion. Venture-Capital-Manager begleiten Unternehmen häufig über mehrere Finanzierungsrunden und bringen zusätzlich Netzwerke und operative Erfahrung ein.
Für sie ist ein IPO nur einer von mehreren möglichen Ausstiegswegen. Beteiligungen können auch an strategische Käufer, andere Finanzinvestoren oder über den Sekundärmarkt verkauft werden.
Venture-Capital-Fonds schöpfen den Wertzuwachs nicht erst beim Börsengang oder Verkauf, sondern schrittweise mit der Entwicklung des Unternehmens ab. Weil sie früh einsteigen, erwarten sie im Erfolgsfall hohe Renditen.
Gleichzeitig bringt ein früherer Zugang auch Risiken mit sich. Private Beteiligungen sind kaum handelbar, Bewertungen wenig transparent und Anlagezeiträume lang. Viele Venture-finanzierte Unternehmen scheitern. Professionelle Venture-Fonds adressieren diese Risiken systematisch, können den Erfolg jedoch nicht garantieren.
Venture PRO von LIQID investiert in ein breit diversifiziertes Portfolio aus Fonds von führenden Venture-Capital-Managern. Frühere Fondsgenerationen waren bereits lange vor dem Börsengang an SpaceX beteiligt. Auch der auf Growth- und Private-Equity-Investments spezialisierte Private Equity NXT Fonds von LIQID hat von IPOs profitiert. So hielt er Bending Spoons bereits vor dessen IPO im Juli 2026 im Portfolio.
Fazit
Ein IPO öffnet einem privaten Unternehmen den öffentlichen Kapitalmarkt. Er finanziert Wachstum, schafft Liquidität für bestehende Anteilseigner und macht Aktien handelbar. Im Gegenzug steigen Kosten, Berichtspflichten und der Einfluss öffentlicher Markterwartungen.
Für Anleger ist ein großer oder stark nachgefragter Börsengang nicht automatisch ein gutes Investment. Geschäftsqualität, Bewertung, Zuteilung und Angebotsstruktur bestimmen gemeinsam das Ergebnis. Venture Capital und Private Equity eröffnen einen früheren Zugang zur Wertschöpfung, verlangen aber professionelle Auswahl, breite Streuung und einen langfristigen Anlagehorizont.
Frederik Simon verantwortet als Quantitative Investment Associate im Investment Team von LIQID die liquiden Kapitalmarktstrategien mit. Nach dem Bachelor in Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth absolvierte er einen Master in Finance an der Universität zu Köln. Im Anschluss forschte und lehrte er vier Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Köln zu Portfoliooptimierung und promovierte 2024 summa cum laude zum Dr. rer. pol. Seine Forschung zu Deep Learning in der Portfoliooptimierung wurde im Fachjournal Management Science veröffentlicht und auf verschiedenen Konferenzen vorgestellt. Im September 2024 kam er zu LIQID, seit Dezember 2025 in der heutigen Funktion.
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