Märkte

Nahostkonflikt: Die Reaktion an den Finanzmärkten

LIQID Smart Letter

November 2023

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der groß angelegte Terrorangriff der Hamas auf Israel hat katastrophale humanitäre Folgen. Sollte sich der Konflikt ausweiten, könnten auch die wirtschaftlichen Auswirkungen die Welt hart treffen.
  • Die Auswirkungen auf globale Wirtschaftsbeziehungen sind noch unklar. Der Konflikt belastet auch die jüngsten Bemühungen um eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Staaten.
  • Eine mögliche Eskalation birgt Risiken für die globale Inflation und Konjunkturaussichten. Erste Unsicherheiten zeigten sich auch an den Finanzmärkten, wobei vor allem der Ölpreis mit einem kurzfristigen Anstieg reagiert hat.

Der letzte Krieg im Gazastreifen begann am 8. Juli 2014 als Reaktion auf den anhaltenden Raketenbeschuss Israels durch die Hamas und andere militante palästinensische Gruppierungen aus dem Gazastreifen. Damals endete der Konflikt rund sieben Wochen später mit einer unbefristeten Waffenruhe. Die Reaktionen an den Finanzmärkten blieb verhalten: Weder Öl- noch Goldpreis verzeichneten signifikante Ausschläge, während der Weltaktienindex zeitweise um rund 4 Prozent eingebrochen war, was er allerdings bis zum Beschluss der Waffenrufe wieder aufholte. 

Die Reaktionen an den Finanzmärkten waren diesmal stärker: Sowohl der Ölpreis als auch der Goldpreis legten in den ersten zwei Wochen nach Ausbruch des Konflikts um rund 8 Prozent zu. Während 2014 die US-Schieferölproduktion auf Hochtouren lief, sorgen bestehende Angebotskürzungen von OPEC+ und rekordtiefe Lagerbestände heute für weniger Anbebot. Und obwohl Chinas Wachstum schwächelt, stiegen die dortigen Ölimporte über die vergangenen zwölf Monate um schätzungsweise 12 Prozent an.

Eine „isolierte“ Betrachtung ist schwierig

Der Überraschungseffekt des gegenwärtigen Konflikts war enorm, sollte aber nicht isoliert betrachtet werden. Der Konflikt eskalierte im Gesamtkontext steigender Zinsen, angespannter geldpolitischer Rahmenbedingungen, eines fragilen Makroumfelds und politisch nur bedingt handlungsfähigen Amerikas. Der US-Volatilitätsindex VIX ist seit dem Konfliktausbruch um rund 25 Prozent in die Höhe geschnellt. Der Weltaktienindex gab über diesen Zeitraum um lediglich 2 Prozent nach, im vergangenen Monat hingegen insgesamt um über 3 Prozent. Dabei wirkte der Anstieg der Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen von 4,4 auf 5,0 Prozent wesentlich mit, da die höheren Zinsen die Aktienrisikoprämie weiter nach unten drückten und auf den Bewertungen lasteten.

 

Sorgen um eine Eskalation

Die aktuelle Lage bleibt angespannt. Insbesondere sorgen sich Investoren um ein mögliches Einmischen der Hisbollah, der mit den Hamas verbündeten „Partei Gottes“ im Libanon, deren militärische Stärke auf rund das Zehnfache der Hamas geschätzt wird. Dadurch könnte sich der Konflikt in Richtung Libanon ausweiten und unter Umständen auch eine Einmischung des Irans bewirken. Der Konflikt würde den für die Erdölproduktion wichtigen Nahen Osten destabilisieren und unter Umständen die Meerenge von Hormuz beeinträchtigen, über welche geschätzte 25 Prozent der globalen Versorgung mit Erdöl verlaufen. Somit bleiben die Risiken für höhere Ölpreise vorerst bestehen.

Abb. 1: Preisentwicklung der Nordseesorte Brent in US-Dollar

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Quelle: LIQID, Weltbank, 2023. Zeitraum: Januar 2000 bis Oktober 2023.

Israels wichtigstes Ziel besteht darin, die militärischen Fähigkeiten der Hamas zu zerschlagen. Eine gezielte, lokal auf den Gazastreifen begrenzte militärische Operation von beschränkter Dauer und hoffentlich begrenzter Opferzahl, nach der palästinensische Behörden die Hamas als Regierungspartei im Gazastreifen ablösen, bleibt ein mögliches Szenario. Hinzu kommen massive diplomatische Bemühungen der US-Regierung, den Konflikt im Nahen Osten einzugrenzen. Aktuell kursieren viele Schätzungen im Markt. Die Mehrheit der Politologen schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass der Konflikt lokal eingegrenzt bleibt, bisher höher ein als das Risiko einer weitergehenden Eskalation.

 

Konträre Überlegungen

Aktuelle Umfragen zeigen eine extrem pessimistische Investorenhaltung, nachdem der US-Index S&P 500 in fünf der vergangenen sieben Wochen nachgegeben hat. Zudem halten globale Anlegerinnen und Anleger wieder überdurchschnittlich viel Liquidität, was auch ein Zeichen für Risikoaversion ist. Das Verhältnis von Verkaufs- zu Kaufoptionen ist in den USA aktuell höher als beim Ausbruch der Corona-Pandemie – ein Zeichen für eine enorme Nachfrage nach Absicherungsinstrumenten. Da eine derart deutliche Mehrheit der Investorinnen und Investoren in die gleiche Richtung denkt, kann dies auch als Kontraindikator ausgelegt werden, aus dem heraus eine Gegenbewegung entstehen kann. Denn wenn viele Anleger in eine Richtung denken, kann ein breiter angelegter Meinungsumschwung über Kapitalmarktströme auch kurstreibend sein. Es ist zudem möglich, dass die US-Zinsen nun Nahe des Höhepunkts für diesen Zyklus handeln, was zumindest für keinen zusätzlichen Druck durch noch höhere Zinsen befürchten ließe.

Was bedeutet das für die Märkte?

Das aktuelle Umfeld ist noch komplexer geworden: Mit der Eskalation im Nahostkonflikt, dem anhaltenden Krieg in der Ukraine, den deutlich gestiegenen Zinsen, den angespannten geldpolitischen Rahmenbedingungen, einem fragilen Makroumfeld und einem politisch nur bedingt handlungsfähigen Washington ergeben sich anhaltend hohe Risiken für die Märkte. Dies ist kein Umfeld für große „Wetten“.

Anleger sollten auf ihre robuste, strategische Anlageaufteilung (SAA) vertrauen. Diese ist langfristig ausgelegt und hat sich besonders in Krisenzeiten bewährt. Trotz der anhaltend hohen Komplexität sollte eine Einschätzung durch Anlegerinnen und Anleger immer möglichst „rund“ sein: Den aktuell deutlich erhöhten Risiken steht eine äußerst pessimistische Investorenhaltung gegenüber, die auch jederzeit zu Gegenbewegungen führen kann.