Märkte

Deutschland: Rost im Maschinenraum

Januar 2024

Das Wichtigste in Kürze:

  • Europas größte Volkswirtschaft steckt in einer anhaltenden Krise. 
  • Auf den tiefen wirtschaftlichen Einschnitt der Covid-Pandemie in 2020 folgte zunächst die erhoffte Erholung; doch diese endete abrupt mit der russischen Invasion der Ukraine. Seitdem stagniert die deutsche Wirtschaft - genau genommen ist sie gegenüber Q1 2022 sogar leicht geschrumpft.
  • Im Folgenden geben wir einen Überblick über die Herausforderungen, denen die deutsche Wirtschaft und Politik gegenübersteht.

Deutschland rutscht von Krise zu Krise

Infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine hat Deutschland den Handel mit Russland um 87 Prozent reduziert. Insbesondere wurden Gasimporte aus Russland komplett eingestellt, die 52 Prozent der Gesamtmenge des verbrauchten Gases in 2021 ausmachten. Die rasche Abwendung von russischen Energielieferungen traf die deutsche Wirtschaft hart in Form von vorübergehend exorbitant hohen Gas- und Strompreisen. Bis heute sind die Strompreise in Deutschland mehr als 50 Prozent höher als im Jahr 2019 (s. Abb. 1), was die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie stark einschränkt. 

Quelle: LIQID, Bloomberg. Strompreis: Physical Electricity Index (Phelix) Deutschland in Euro pro Megawatt (linke Achse). Inflation: Veränderung der Verbraucherpreise in Deutschland gegenüber dem Vorjahr in Prozent (rechte Achse). Zeitraum: 31.01.2018 - 30.11.2023. 

Infolge der Energiepreiskrise und zusätzlicher pandemiebedingter Lieferkettenprobleme stiegen die Konsumentenpreise in Deutschland und der Eurozone in der Spitze mit 11,6 Prozent bzw. 10,6 Prozent an, worauf die EZB mit einer straffen Geldpolitik reagierte. Diese drückte nicht nur deutlich auf die Konsumlust der Haushalte, sondern belastete auch die investitionsintensive deutsche Industrie. In ähnlicher Weise litten viele Handelspartner Deutschlands, sodass die Exporte der handelsabhängigen Volkswirtschaft seit Februar 2022 um 5 Prozent einbrachen. 

Doch damit nicht genug. Im Februar 2022 hat die deutsche Bundesregierung 60 Milliarden Euro an bewilligten Krediten, die ursprünglich zur Linderung pandemischer Auswirkung gedacht waren, einem Klima- und Transformationsfonds zugeführt, mit dem die Energiewende erleichtert werden sollte. Doch Mitte November 2023 hat das Bundesverfassungsgericht auf Klage der Opposition die Zweckentfremdung der Kredite für nichtig erklärt. Als Notlösung hat die Regierung die Schuldenbremse für 2023 ausgesetzt, um den Haushalt wieder ins Gleichgewicht zu bringen, doch für den Haushalt 2024 ringt die Regierung weiterhin um eine Lösung. 

Langfristige Herausforderungen

Als wären die akuten Krisen nicht schon genug, steht Europas wirtschaftsstärkste Nation vor vielen langfristigen Herausforderungen. Deutschland ist fest im Griff des demografischen Wandels und seit kurzem verlassen geburtenstarke Jahrgänge den Arbeitsmarkt, die den strukturellen Fachkräftemangel der deutschen Wirtschaft zusätzlich verstärken. Neben dem Fachkräftemangel belasten seit über einem Jahrzehnt die hohen Energiepreise aufgrund des Atomkraftausstiegs und der Energiewende sowie die zunehmende Bürokratie und schleppende Digitalisierung die deutschen Unternehmen.

Quelle: LIQID, Statistisches Bundesamt (Destatis). Stand: 2023.

Zudem wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu wenig in die öffentliche Infrastruktur und die Verteidigung investiert. Die hinterlassenen Lücken in Form von Personal- und Ausrüstungsmangel der Bundeswehr, abgesagten politischen Auslandsbesuchen aufgrund von Flugzeugpannen, fehlenden Stromtrassen und mehr verspäteten als pünktlichen Zügen werden inzwischen fast täglich in den Medien diskutiert. Weiterhin hinkt insbesondere eines der Zugpferde der deutschen Industrie, der Automobilsektor, der Konkurrenz aus China in Sachen Elektromobilität hinterher. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass auch viele Unternehmen in der Vergangenheit zu zögerlich in aufstrebende Technologien investiert haben. 

Was bedeutet das für die Märkte?

Die wirtschaftliche Lage Deutschlands ist gegenwärtig schwierig, aber nicht aussichtslos. Die Inflation nähert sich wieder ihrem Ziel von 2 Prozent, womit die restriktive Geldpolitik der EZB schon bald gelockert werden könnte. Die erwarteten Zinssenkungen und die sinkende Inflation werden den Konsum wieder antreiben und öffnen Haushalten, Unternehmen und der Regierung neuen finanziellen Spielraum für zukünftige Investitionen. Das Ringen um den Haushalt wird ebenfalls bald ein Ende nehmen, da die politischen Parteien ein Zerbrechen der Koalition vermeiden möchten. Ein Konjunkturpaket, das schwächelnden Unternehmen gezielt unter die Arme greift und Investitionen fördert, würde zusätzliche Hilfe gegen die akuten Probleme bieten. Die Politik hat bereits in der Finanzkrise und der Pandemie gewiefte Hilfspakete geschnürt - sie kann das. Der Fachkräftemangel könnte auch durch mehr gezielte Zuwanderung gelindert werden, und die Regierung hat sich bereits auf die Eckpunkte eines neuen Bürokratieentlastungsgesetzes verständigt. Deutschland kann der wirtschaftlichen Misere wieder entfliehen, das hat es in den 1990er-Jahren schon einmal geschafft. Aber das verlangt viel Geduld, jede Menge Tatkraft, und die Abschaffung des Faxgerätes.