Märkte

Frankreich: Macrons riskantes Spiel gefährdet die wirtschaftliche Stabilität

LIQID Smart Letter

Juli 2024

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Entscheidung für vorgezogene Neuwahlen in Frankreich hat die Finanzmärkte in Aufruhr versetzt.
  • Die Staatsverschuldung rückt wieder in den Fokus und französische Staatsanleihen wurden herabgestuft.
  • Der Wahlsieg der rechtsextremen Rassemblement National wurde abgewendet, doch die Angst vor einer möglichen Schuldenkrise und einer politischen Destabilisierung in der Europäischen Union hält an.

Ein neues Risiko für die Weltwirtschaft zeichnet sich ab, und es kommt aus dem Herzen Europas. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat nach dem enttäuschenden Abschneiden seiner Partei bei den Europawahlen die Nationalversammlung aufgelöst und vorgezogene Parlamentswahlen angesetzt. Nach dem zweiten Wahlgang am 7. Juli, wird das Linksbündnis stärkste Kraft im Parlament 

Politische Unsicherheit und ihre Folgen

Im ersten Wahlgang Ende Juni hatte die rechtsextreme Partei Rassemblement National (RN) unter Marine Le Pen mit 33 Prozent noch die meisten Stimmen geholt. Die Märkte reagierten nach dem ersten Wahlgang zunächst erleichtert, da der RN die absolute Mehrheit verfehlte. Die Risikoaufschläge für französische Staatsanleihen fielen wieder etwas und der Aktienindex CAC seitdem wieder.

Vor dem zweiten Wahlgang warnte der französische Finanzminister Bruno Le Maire vor einer möglichen Staatsschuldenkrise, falls Le Pens Partei ihr kostspieliges fiskalisches und protektionistisches Programm „Frankreich zuerst” umsetzen sollte. Doch auch nach dem überraschenden Wahlsieg des Linksbündnisses „Neue Volksfront” scheint Frankreich eine unsichere Zukunft beschieden. Eine langwierige Regierungsbildung ist wahrscheinlich – mit Konsequenzen für die Volkswirtschaft und Finanzmärkte.

Wird Frankreich das neue Italien? 

Zunächst hatte die Aussicht auf eine Linkskoalition oder eine Mehrheit der RN hat die Finanzmärkte verunsichert und zu einem Ausverkauf an den Anleihen- und Aktienmärkten geführt. 

Seit Macrons Ankündigung sind die Kreditkosten Frankreichs stark gestiegen. Frankreich zahlt nun höhere Zinssätze als Portugal, und die Kreditaussichten verschlechtern sich weiter. Bereits im Mai hatte die Ratingagentur S&P die langfristige Kreditwürdigkeit französischer Staatsanleihen auf AA- herabgestuft und weitere Herabstufungen werden in den nächsten 12 bis 24 Monaten erwartet.

Als Reaktion auf die Herabstufung stiegen die relativen Renditeaufschläge gegenüber deutschen Bundesanleihen. Die Renditedifferenz zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren verzeichnete den größten wöchentlichen Anstieg seit Ende 2011 während der Staatsschuldenkrise in der Eurozone (s. Abb. 1).

Quelle: LIQID, Bloomberg. Renditeaufschläge von französischen und italienischen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit gegenüber 10-jährigen deutschen Staatsanleihen. Zeitraum: 01.07.2014 – 01.07.2024.

Diese Entwicklungen haben am Markt Gerüchte über ein mögliches Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) ausgelöst. Allerdings haben die Entscheidungsträger der EZB bisher nicht beabsichtigt, Notfallanleihekäufe zur Stützung der französischen Staatsschulden zu aktivieren.

Frankreich: Ein neuer Peripheriestaat?

Die Finanzmarktakteure befürchten, dass Frankreich seinen Kernstatus verlieren und künftig zu den Peripheriestaaten gezählt werden könnte. Die Schulden- und Defizitdynamik in Frankreich erscheint in vielerlei Hinsicht schwächer als in Ländern wie Spanien, Portugal und Griechenland. Andererseits ist die Staatsverschuldung in Frankreich deutlich niedriger als in Italien.

Die kommenden Wochen nach den Wahlen werden aus ökonomischer und politischer Sicht entscheidend für Frankreich sein. Politische Stabilität und eine handlungsfähige Regierung sind zwingende Voraussetzungen, um das Vertrauen der Finanzmärkte zu erhalten. Sollte dies nicht mehr der Fall sein, droht ein Abdriften Frankreichs in die „Peripherie” der verschuldeten Euro-Staaten.

Auswirkungen auf den französischen Aktienmarkt

Politische Unsicherheit wirkt sich in der Regel negativ auf Aktien aus, da höhere Anleiherenditen und politische Risikoprämien den Markt belasten. Der Finanzsektor ist besonders betroffen, da Banken und Versicherungen benachteiligt sind. Sie halten große Bestände an Staatsanleihen und es wird erwartet, dass eine populistische Regierung versuchen wird, mehr Steuern auf Gewinnmitnahmen, Dividendenbeschränkungen und Aktienrückkäufe einzuführen. 

Quelle: LIQID, Bloomberg. Gesamtrendite in Euro und Prozent. Französischer Leitindex CAC 40, deutscher Leitindex DAX, europäischer Index STOXX Europe 600 und US-Leitindex S&P 500. Zeitraum: 01.06.2024 – 30.06.2024. 

Der CAC 40 fiel im Juni um über 6 Prozent und verzeichnete damit den größten Wochenverlust seit März 2022. Frankreich ist in den letzten Wochen zum unbeliebtesten Aktienmarkt in Europa geworden, was sich auch auf den breiteren europäischen Markt auswirkt. Die politische Unsicherheit hat auch den Euro belastet, wenn auch bisher nur geringfügig.

Was heißt das für die Märkte?

Die politischen Entwicklungen in Frankreich haben Unsicherheit und Volatilität an den Kapitalmärkten zur Folge gehabt. Die extremen Parteien, links und rechts, konnten insgesamt zugelegen und haben zu einer weiteren Polarisierung geführt. Eine zersplitterte Machtverteilung nach den Wahlen dürfte Reformen erschweren. Zumal das Linksbündnis bereits die Rücknahme von Wirtschaftsreformen angekündigt hat. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass Frankreich 2024 eine größere Destabilisierung erlebt.

Die Stabilität an den französischen Kapitalmärkten dürfte auch davon abhängen, ob eine neue Regierung ein glaubwürdiges Konzept zur Senkung des französischen Haushaltsdefizits vorlegen kann. Investoren sollten die Entwicklungen in Frankreich aufmerksam beobachten und auf weitere Signale politischer und wirtschaftlicher Stabilität achten. Eine diversifizierte und professionell gemanagte Anlagestrategie kann helfen, die Risiken zu verringern und Chancen zu nutzen, die sich in dieser unsicheren Zeit ergeben.