"Die Kapitalströme drängen in nachhaltige Investments"

Dirk Rathjen, Vorstand des Instituts für Vermögensaufbau (IVA), über die zunehmende Bedeutung von Nachhaltigkeit bei der Geldanlage und über die Methode, wie sein Institut gute Anbieter aus dem großen Angebot herausfiltert.

 

Herr Rathjen, was ist von nachhaltiger Geldanlage zu halten?

Sehr viel. Und je stärker das Thema nachhaltige Geldanlage (international besser bekannt als ESG – Environment, Social, Governance) aus dem Nischendasein herauskommt, umso mehr können Anleger damit tatsächlich bewirken. In den vergangenen Jahren hat sich bei dem Thema sehr viel getan. Das Interesse von einer Minderheit der Investoren war immer da. Aber mittlerweile fließt richtig viel Geld von großen Anlegern in nachhaltige Investments. Je mehr Anleger ihr Geld nachhaltig investieren, umso mehr interessieren sich die Unternehmen auch dafür, was politisch passiert, um zum Beispiel den Klimawandel aufzuhalten. Und ab kommenden März müssen alle Banken, Vermögensverwalter, Fondsgesellschaften und Versicherer sogar auf ihren Websites veröffentlichen, wie sie nachhaltiges Investieren umsetzen.

Inwiefern?

Ab diesem Zeitpunkt muss jeder Anbieter auf seiner Webseite und in vorvertraglichen Informationen angeben, wie er Nachhaltigkeitsaspekte in seine Anlageentscheidungen einfließen lässt. Kunden müssen in Zukunft (der Stichtag steht noch nicht fest) explizit gefragt werden, ob sie nachhaltig investieren möchten – so wie es LIQID schon seit gut zwei Jahren vorbildlich macht. Wenn es zur Pflicht wird, den Kunden diese Frage zu stellen, dann liegt es auf der Hand, dass sich sehr viel mehr Anleger als heute für das nachhaltige Angebot entscheiden werden. Und dann wird nachhaltige Geldanlage ein ganz wichtiger Faktor, der viel bewirken kann – zum Beispiel hinsichtlich gesellschaftlicher Veränderungen oder dem Umweltschutz.

 

Gibt es tatsächlich eine gesellschaftliche Mehrheit für nachhaltige Geldanlagen?

Ja, ich denke schon, wenn auch viele Menschen noch nicht richtig darüber nachgedacht haben. Es ist aber eine Definitionsfrage. Die meisten Anleger möchten, dass ihr Geld aus ethischen und ökologischen Gesichtspunkten nichts Negatives bewirkt. Zum Beispiel gibt es einen breiten Konsens darüber, dass man an keinen Unternehmen beteiligt sein möchte, das Kinder für sich arbeiten lässt. Und dann gibt es eine Minderheit, die es ganz genau nimmt und ganz strenge nachhaltige Anforderungen stellt. Letztere bilden sicherlich die Speerspitze der Entwicklung, aber beide Wege tragen zum Ziel bei.

Müssen Anleger bei nachhaltigen Geldanlagen auf Rendite verzichten?

Es gibt hierzu sehr viele Studien, die nicht alle zum selben Ergebnis kommen. Aus einer Meta-Studie der Universität Hamburg, die etwa 2.000 Studien zum Thema Nachhaltigkeit und Rendite auswertet, ergibt sich aber eine klare Tendenz: Demnach kommen nur 10 Prozent der Studien zu dem Schluss, dass nachhaltige Geldanlagen geringere Renditen bringen als Anlagen, die keine solche Kriterien berücksichtigen. 40 Prozent der Studien zufolge gibt es keine signifikanten Unterschiede bei der Rendite, aber 50 Prozent der Studien sagen aus, dass nachhaltige Geldanlagen sogar höhere Renditen erzielen. Daraus kann man schließen, dass nachhaltige Geldanlagen mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit mit keinem Renditenachteil verbunden sind, dass aber die Chance auf Überrenditen hoch ist.

Was kann nachhaltige Geldanlage denn bewirken?

Sehr viel: Die Kraft der Märkte kann dazu führen, dass Konzernvorstände und Aktionäre einen Anreiz haben, ihr Verhalten zu verändern und mehr Geld ausgeben, um zum Beispiel die Umwelt und die Mitarbeiter besser zu behandeln. Das schmälert vorübergehend die Gewinne und belastet daher die Aktienkurse, lohnt sich aber langfristig.

Das klingt gut, aber wie kann nachhaltige Geldanlage konkret dazu beitragen?

Wenn immer mehr Anleger nachhaltige Kriterien beachten, dann fließt auch immer mehr Geld in Unternehmen, die in dieser Hinsicht vorbildlich sind. In der Folge werden Aktien von nicht nachhaltig agierenden Unternehmen verkauft und ihr Kurs geht zurück – egal, ob diese Unternehmen am Markt erfolgreich sind oder nicht. Deren Management wird also gezwungen, nicht mehr nur den Profit zu maximieren, sondern auch nachhaltig zu agieren, um die Aktionäre zufrieden zu stellen. Deren Hauptinteresse ist ihre Rendite. Dieser Mechanismus führt dazu, dass die Gewinninteressen der Unternehmen insgesamt und damit die Kapitalströme immer stärker Richtung Nachhaltigkeit drängen. Und dann werden all die Dinge, die wir vorhin besprochen haben, keine Utopie mehr sein, sondern auch im Interesse der Wirtschaft vorangetrieben.

Der Markt selbst wird es also richten?

Wenn man seine Kräfte nur in die richtige Richtung kanalisiert, ja.

Gibt es Anlageklassen, die unter Nachhaltigkeitsaspekten besser geeignet sind als andere?

Ja. Mit Aktien und Unternehmensanleihen können Sie als Anleger viel mehr bewirken als mit Staatsanleihen. Denn wie oben beschrieben, liegt es im ureigenen Interesse der Firmen, sich nachhaltig zu verhalten. Auf Staaten Einfluss zu nehmen, ist für Anleger dagegen ungleich schwieriger – bis nahezu unmöglich. Gold wiederum bewirkt wirtschaftlich so gut wie nichts, sondern liegt nur in Depots. Es kann also per se nichts zum Umbau der Welt in Richtung Nachhaltigkeit beitragen, fügt aber auch keinen Schaden zu.

Wie können Anleger sichergehen, dass sie eine seriöse nachhaltige Anlage bekommen und keinem Etikettenschwindel aufsitzen?

Das ist tatsächlich nicht einfach. Denn viele Banken und Fondsgesellschaften betreiben so genanntes Greenwashing, geben also vor, ethisch-ökologisch anzulegen, ohne das zu tun. Für Kunden ist das sehr schwer zu durchschauen. Aber es gibt schon Wege, bei denen Anleger relativ sicher sein können, dass sie nicht hinters Licht geführt werden. Ganz gut liegen Anleger zum Beispiel, wenn sie sich an ETFs auf strenge Nachhaltigkeitsindizes wie die MSCI SRI Indizes halten. Diese Indizes, die es für verschiedene Regionen gibt, wenden sehr strenge Kriterien an und sortieren schon mal rund drei Viertel aller Unternehmen aus. Doch Vorsicht: MSCI hat für verschiedene Geschmäcker verschieden strenge Indizes aufgelegt, die darf man nicht verwechseln. Noch besser ist es deshalb, wenn man in ein Produkt investiert, das unser Nachhaltigkeitssiegel besitzt.

Welchen Kriterien muss ein Anbieter genügen, damit er Ihr Siegel bekommt?

Wir nehmen verschiedene Ratings unter anderem von Refinitiv, ISS und Arabesque und formen dann ein Gesamtbild. Auf diese Weise berücksichtigen wir die sehr unterschiedlichen Meinungen, was genau nachhaltig bedeutet. So stellen wir auch sicher, dass ein von uns zertifiziertes Produkt nach unterschiedlichen Gesichtspunkten strengen Nachhaltigkeitskriterien standhält. Doch damit begnügen wir uns nicht. Auch die Rendite muss stimmen. Sonst ist Anlegern damit ein Bärendienst erwiesen. Deshalb prüfen wir jedes Portfolio auch auf das Verhältnis von Rendite und Risiko und verleihen dafür auch ein separates Siegel. Nur ein Produkt, das alle diese Kriterien erfüllt, kann unser Nachhaltigkeitssiegel bekommen.

Mit LIQID Impact hat Europas Marktführer im digitalen Private Banking LIQID bereits vor zwei Jahren ein anspruchsvolles nachhaltiges Anlageangebot auf den Markt gebracht. Wie beurteilen Sie dieses Angebot. Hält es, was es verspricht?

Ja. Wir haben LIQID Impact für die Aktieninvestments fünf Bäume vergeben und damit unsere höchste Auszeichnung hinsichtlich der Nachhaltigkeit verliehen. Überzeugend ist LIQID Impact vor allem deshalb, weil LIQID es ernst nimmt, mit den Nachhaltigkeitskriterien, die es an die Fonds anlegt, in die es investiert. Denn LIQID Impact wählt nur Aktienfonds aus, welche die strengen Kriterien der zugrundeliegenden Nachhaltigkeitsindizes erfüllen. Alle Fonds, in die LIQID investiert, wenden ihrerseits sehr strenge Kriterien an die Wertpapiere an, die sie erwerben. Für Anleger ist das eine doppelte Sicherheit, dass ihr Geld auch wirklich nach ethischen, ökologischen und sozialen Gesichtspunkten angelegt wird, wie sie es wünschen.

Was bedeutet das konkret? Welche Unternehmen sind bei LIQID Impact ausgeschlossen und in welche Unternehmen investiert LIQID Impact vorrangig?

Aktien von Branchen wie Tabak, Rüstung, Glücksspiel, Pornographie und genetisch modifizierten Organismen sind von vorne herein ausgeschlossen. Anschließend erfolgt eine detaillierte Auslese, die sich am Nachhaltigkeitsrating eines in diesem Bereich führenden Indexanbieters, MSCI ESG, orientiert. So muss, was den Aktienanteil angeht, sichergestellt sein, dass die ETFs, in die LIQID Impact investiert, nur Unternehmen wählen, die ökologische, soziale und ethische Mindeststandards erfüllen. LIQID nutzt also die Chance, durch die Auswahl seiner Aktienfonds, im Hinblick auf die Nachhaltigkeit viel in die richtige Richtung zu steuern. Aus unserer Sicht ist diese Vorgehensweise absolut vorbildlich. Deshalb haben wir den Aktienanteil von LIQID mit fünf Bäumen bewertet.

Und wie sieht es mit dem Anleihenanteil aus?

LIQID verwendet bei den Anleihen (noch) keine ETFs, weil das Angebot in diesem Bereich noch zu dünn ist. Stattdessen wir ein globaler Rentenfonds von RobecoSAM eingesetzt. SAM ist einer der Pioniere im Bereich nachhaltigen Investierens. Was Unternehmensanleihen angeht, geht LIQID Impact damit ähnlich überzeugend vor, wie bei der Aktienauswahl. Nicht ganz so gut gelingt das aber mit den Staatsanleihen.

 

Warum? 

Auf Industrieländer können Investoren mit ihrem Anlageverhalten praktisch keinen Einfluss nehmen. Staaten stellen Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Absicherung bereit und sorgen für Recht und Sicherheit ihrer Bürger. Sie arbeiten nicht gewinnorientiert. Daher sind die meisten Kriterien für Länder anders als die für Unternehmen. Einige Staaten sind beim Umweltschutz zu lax oder wenden weiterhin die Todesstrafe an. Würden diese Staaten alle ausgeschlossen, könnten zum Beispiel keine Anleihen aus den USA oder Japan in die Portfolios aufgenommen werden. Wir können nachvollziehen, dass das aus Gründen der Diversifikation und der Rentabilität nur schwer umsetzbar wäre. Dennoch mussten wir deshalb für den Anleihenanteil Abstriche machen und haben dafür nur vier Bäume vergeben. Auch hier entwickelt sich der Markt für nachhaltige Fonds jedoch weiter. Daher sind wir zuversichtlich, dass LIQID im Anleihensegment die Nachhaltigkeit in Zukunft weiter steigern kann.

 

Mittlerweile gibt es viele Nachahmer. Lohnt es sich für Anleger trotzdem, auf das Original zu setzen?

Auf jeden Fall. Allein schon, weil man nach zwei Jahren sehen kann, wie sich die Anlage entwickelt hat. Und hier können wir ein sehr positives Zwischenfazit ziehen. Die Portfolios waren stets gut diversifiziert und LIQID Impact hat in allen Risikoklassen mindestens so gut oder sogar besser abgeschnitten als der Marktdurchschnitt. Auch wenn man natürlich berücksichtigen muss, dass viele ESG-Investments, relativ gesehen, von der Corona-Krise profitiert haben.

 

Wie das?

ESG-Fonds waren zum Beispiel kaum von den stark fallenden Ölpreisen betroffen, weil sie wenig in die Aktien von Ölkonzernen investieren. Stattdessen haben sie überdurchschnittlich stark in Technologiefirmen investiert, die eine gute Nachhaltigkeitsbewertung haben. Bekanntlich haben die Kurse von Tech-Aktien wie Amazon und Apple in den vergangenen Monaten kräftig zugelegt. Davon haben auch die Kunden von LIQID-Impact profitiert. Wir sind aber überzeugt, dass LIQID Impact auch künftig überdurchschnittliche Renditen erwirtschaften kann und damit weiterhin beweisen kann, dass nachhaltige Geldanlage und attraktive Renditen kein Widerspruch sein müssen.

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