„Ich bin leidenschaftlicher Kapitalist“

Der Journalist Jan-Eric Peters über aberwitzige Managergehälter, bedenkliche Entwicklungen in seiner Branche und seinen konsumreduzierten Lebensstil 

Herr Peters, Welche Bedeutung spielt Geld in Ihrem Leben?

Im Job ist Geld eine Maßeinheit für die Wertschätzung von Leistung, da darf es gern reichlich sein. Aber privat mache ich mir nicht viel daraus. Dinge, die mir gefallen, kosten meist nicht viel. Klar, wir wohnen in einem schönen Haus. Aber im Alltag bin ich eher so der Typ Basics: Biergarten statt teurem Restaurant, Urlaub im Camper. Im Sommer bin ich mit meinen Jungs mit Rad von Berlin nach Bozen und zurück. Da ist schon das Fernfahrerhotel für 45 Euro luxuriös.

Dabei könnten Sie sich doch sicherlich Besseres leisten.

Ich fühle mich wohler so. Ich habe durchaus einen Sinn für schöne, für klassische Dinge, mag es aber einfach und reduziert. Ich fahre zum Beispiel einen alten Defender, dort gibt’s nur ein paar Kippschalter und so viel Rumpelei, da ist Entschleunigung quasi eingebaut. Es klingt vielleicht prätentiös, aber Luxus und Statussymbole sind einfach nicht mein Ding. Mein Luxus ist, nicht permanent über Geld nachdenken zu müssen. Ich habe in meinem Berufsleben immer gut verdient, musste mir nie ernsthafte finanzielle Sorgen machen, es mangelt mir an nichts. Das ist eine sehr privilegierte Situation, und die ist mir bewusst. Armut ist schrecklich und fängt nicht erst an, wenn man nicht genug zu essen hat.

 

 Zum Abi habe ich eine Abschlusszeitung gemacht und Gastbeiträge von Prominenten besorgt. An der Königin von England bin ich leider gescheitert.

 

Manche Menschen können ihre Familie nicht ernähren, obwohl sie Vollzeit arbeiten.

Ich bin leidenschaftlicher Kapitalist, wenn man so will. Marktwirtschaft ist das beste System. Aber ein Mindestlohn, von dem man leben kann, sollte selbstverständlich sein. Vor allem die Mitte, die uns trägt, verdient nicht genug. Nicht einmal jeder zweite Beschäftigte in Deutschland erreicht 3.000 Euro im Monat. Brutto. Und bei vielen ist es noch deutlich weniger. Am oberen Ende der Skala dagegen gibt es Exzesse, die eine Gesellschaft auseinandertreiben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Jemand, der sehr viel leistet, soll sehr viel verdienen. Und wenn ein Sportidol wie Michael Jordan zum Multimillionär wird, weil Nike mit seinem Namen Milliarden umsetzt, finde ich das vollkommen okay, das ist sein Anteil am Gewinn. Aber ein CEO, der das 100- oder 200-fache des Durchschnitts seiner Angestellten bekommt? Da gerät etwas aus der Balance. Das lässt sich auch kaum mit der Verantwortung rechtfertigen, die ein Topmanager trägt, denn das wirtschaftliche Risiko gehört – anders als bei Unternehmern – ja nicht dazu. Wer versagt, geht in der Regel trotzdem mit viel Geld.

In welchen finanziellen Verhältnissen sind Sie aufgewachsen?

Ich bin wohl ein typisches Kind der Mittelschicht, aufgewachsen in einem großen, alten Berliner Mietshaus mit Hinterhof, dann im 70-er Jahre Eigenheim mit Garten. Meine Eltern haben beide eine kaufmännische Ausbildung, sind sehr fleißig, haben sich kleine Unternehmen aufgebaut: mein Vater einen Recycling-Betrieb, meine Mutter ein Antiquitätengeschäft, später gemeinsam ein Hotel. Keine Reichtümer, aber anders als viele Klassenkameraden sind wir in den Ferien immer in den Urlaub gefahren. Mit Wohnwagen. Uns ging es gut. 

Wie haben Sie ihr erstes Geld verdient?

Durch den Verkauf von ausrangiertem Spielzeug auf Flohmärkten. Später im Betrieb meines Vaters. Ich saß in einer Halle und habe stundenlang Silberplatinen von Relais geknipst. Ich war erst zwölf oder so. Das war so öde, ich wäre einmal fast in Tränen ausgebrochen, weil die Zeit einfach nicht verging. Aber ich fand es auch sehr cool, mit Papa in die Firma zu fahren, durfte später im Büro aushelfen. Dann, mit 15, habe ich in einer Gärtnerei Torfsäcke geschleppt.

Was haben Sie mit dem Geld gemacht?

Zu meinem 16. Geburtstag habe ich mir eine Vespa gekauft, eine P80X. Ich war sehr stolz. Wir sind ein paar Tage später in den Urlaub an den Bodensee gefahren. Meine Eltern, mein Bruder und meine Freundin im Auto mit Wohnwagen und ich vorneweg mit der Vespa. Es hat dann wie wahnsinnig zu regnen begonnen, die Autobahn musste gesperrt werden. Alle haben mich für verrückt erklärt, aber wir sind tatsächlich heil angekommen. Danach bin ich mit meiner Freundin weiter nach Italien gezuckelt, die Berge hat der kleine Motor kaum geschafft.

Sie waren also schon damals hartnäckig und neugierig. Wichtige Eigenschaften, die man als Journalist braucht.

Ich habe zu Schulzeiten eine Leidenschaft für den Beruf entwickelt. Zum Abi habe ich als 1-Mann-Redaktion eine Abschlusszeitung gemacht und Gastbeiträge von Prominenten besorgt. An der Königin von England bin ich leider gescheitert, aber immerhin hat Buckingham Palace eine Absage geschickt. Ich war auch als Reporter im Einsatz, habe alle Mitschüler fotografiert und nach ihren Berufswünschen befragt. Die Liste habe ich heute noch. Zu unserem 25. Abitreffen haben wir die Wünsche von damals mit der Realität heute verglichen. Da gab es manche Überraschung.

 

 In meinem Berufsleben hat mich nie jemand nach einem Studienabschluss gefragt.

Was hat Sie am Journalismus fasziniert?

Ich habe sehr früh Zeitung gelesen. Weil ich alles über Hertha BSC wissen wollte, ich war und bin ein großer Fan. Ein einziges Blatt reichte mir da nicht. Also überredete ich meine Eltern, neben der Morgenpost auch den Tagesspiegel zu abonnieren. Und so kam eines zum anderen. Faszination Fußball, Faszination Zeitung – und dann die Begeisterung für die Börse. Nach dem Sportteil habe ich angefangen, auch über Politik und Wirtschaft zu lesen. Nach einem Besuch mit meiner Klasse bei Schering brachte ich meinen Vater dazu, ein Depot zu eröffnen und Schering-Aktien für mich zu kaufen. Das große Aha-Erlebnis kam im Jahr darauf. Die AEG musste Insolvenz anmelden, die Aktie stürzte ab. Ich habe dann mein Erspartes da reingesteckt.

Da hatten Sie den richtigen Riecher.

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass keiner dem riesigen Konzern zur Hilfe kommt. Jugendlich naiv – aber es stimmte in diesem Fall. Nach ein paar Monaten habe ich die Aktien wieder verkauft. Zum dreifachen Einsatz, wenn ich mich recht entsinne. Seither bin ich dem Aktienmarkt treu. Und gleichzeitig wuchs der Wunsch, bei einer Zeitung zu arbeiten. Informieren, aufklären, den Mächtigen auf die Finger schauen!

Also haben Sie ein Volontariat gemacht

Ja, beim Nord-Berliner, ein kleines Wochenblatt bei uns um die Ecke. Danach habe ich einen Platz an der Deutschen Journalisten-Schule bekommen und anschließend neben dem Politikstudium frei für die Münchner Abendzeitung gearbeitet. Das heißt, eigentlich war es umgekehrt: Ich war mehr in der Redaktion als an der Uni. Irgendwann konnte ich nicht mehr widerstehen, habe das Studium geschmissen und bin mit 25 kurz vor dem Diplom einer der Seite-1-Chefs der Zeitung geworden.

Haben Sie das Studium später zu Ende geführt?

Nein, und wissen Sie was? In meinem Berufsleben hat mich nie jemand nach einem Studienabschluss gefragt. Bei der Abendzeitung habe ich nach ein paar Jahren gekündigt, um nach England und in die USA zu gehen. Ich hatte mich für Stipendien beworben, reiste viel und verbrachte einige Zeit in Redaktionen dort: von der kleinen Contra Costa Times in Walnut Creek, Kalifornien, bis zum großen U.S. News & World Report in Washington D.C. Das war ein Abenteuer! Mit Kind und Kegel.

Reichte denn das Geld aus den Stipendien für die ganze Familie?

Natürlich nicht, zumal in England unser zweiter Sohn geboren wurde. Wir waren also schon zu viert. Aber wir hatten Ersparnisse. Und in England bin ich nebenbei übers Land gefahren, habe alte Möbel gekauft und über einen Freund in Deutschland weiterverkauft, um unseren Aufenthalt zu finanzieren. Ich habe diese Zeit als Investition in die Zukunft betrachtet.

Irgendwann waren die Ersparnisse aber aufgebraucht, nehme ich an.

Ja klar. Aber wir hatten eh vor, nach 18 Monaten wieder zurückzukommen. Ich habe mich beim Handelsblatt beworben, bin erfolgreich durch das verrückte Bewerbungsgespräch gekommen – „Welche Band hat das Bruttosozialprodukt besungen, und wie definiert man es?“ –, um dann doch bei der Hamburger Morgenpost zu landen, obwohl ich eigentlich nicht mehr zu einer Boulevardzeitung wollte. Mathias Döpfner (heute CEO von Axel Springer) überredete mich, mit ihm in der Chefredaktion anzufangen. 

Kann man als Journalist überhaupt gutes Geld verdienen?

Nicht mehr so gut wie früher. Die Anforderungen sind stark gewachsen, die Bezahlung ist es nicht. In traditionellen Bereichen geht es oft darum, überhaupt den eigenen Arbeitsplatz zu behalten. Natürlich eröffnet der Strukturwandel auch neue, verlockende Chancen, das kann auch etwas von Goldgräberstimmung haben. Aber für viele stehen die Risiken im Vordergrund. Das schreckt Talente ab, und so mancher gestandene Redakteur wechselt in die PR. Heute kommt auf einen Wirtschaftsreporter eine ganze Armada PR-Leute, die früher gute Journalisten waren – und jetzt mehr verdienen. Kritische Berichterstattung wird schwieriger.

Sie waren als Chefredakteur der Welt und später der gesamten Welt-Gruppe nicht nur für die Inhalte, sondern auch für einen großen Etat verantwortlich. Sind Sie da nicht gelegentlich in einen Interessenkonflikt geraten?

Nein, obwohl es bei einer Redaktion von einigen Hundert Journalisten natürlich um viel Geld geht. Aber die Qualität des Angebotes muss immer an erster Stelle stehen. Auch aus wirtschaftlichen Gründen, sonst hätte man gar keine Chance, erfolgreich zu sein. Wer kauft schon mittelmäßige Inhalte? Guter Journalismus ist teuer – aber auch wertvoll.

Waren Sie als Chefredakteur überhaupt noch Journalist oder eher Manager?

Ich bin immer Journalist. Aber die Zeiten, als man als Chefredakteur im Café saß und Leitartikel formulierte, sind schon sehr lange vorbei, ich kenne sie gar nicht. Heute ist man auch Manager, und das nicht zu knapp. Viel Personal, viel Etat, viele strategische Entscheidungen. Dadurch hat man aber auch mehr Einfluss auf sein Medium als Chefredakteure früher. Mein Fokus bei der Welt lag auf der digitalen Transformation von der gedruckten Zeitung zur multimedialen Redaktion. Trotzdem schlug das Herz immer am höchsten, wenn wir eine gute Geschichte hatten.

Nun hören Sie zum Jahresende als Chefredakteur auf. Was kommt als nächstes?

Wir werden sehen, mit der Entscheidung lasse ich mir noch ein bisschen Zeit. Ich genieße gerade ein Sabbatical, soweit das in diesen Zeiten eben geht. Viele haben mich ja für verrückt erklärt, einen so guten Job einfach aufzugeben. Aber nach 20 Jahren als Chefredakteur in einem großen Haus ist auch mal gut, so schön es auch war. Sicher ist, dass ich etwas Neues nur beginne, wenn mich die Leidenschaft dafür packt. Glücklicherweise kann ich mir das leisten.

 Nach 36 Jahren im Beruf muss ich mir nichts mehr beweisen. Ich finde es großartig, dass ich mal keinen prall gefüllten Terminkalender habe.

 

Nur noch das zu tun, worauf man Lust hat, klingt verlockend. Aber wird es für einen Macher wie Sie nicht irgendwann langweilig, keine Herausforderung mehr zu haben?

Da machen Sie sich mal keine Gedanken. Schaukelstuhl ist nichts für mich, ich kann nicht mal ruhig sitzen. Aber nach 36 Jahren im Beruf muss ich mir nichts mehr beweisen. Ich finde es großartig, dass die Dinge gerade offen sind und ich mal keinen prall gefüllten Terminkalender habe. Ideen und Angebote für die Zukunft gibt es genug. Und so wie ich mich kenne, wird es letztlich wieder schneller gehen als erhofft.

Wie legen Sie Ihr Geld an, damit es auch sicher für die nächsten Jahrzehnte reicht?

Der größte Anteil steckt wie bei vielen in Immobilien, weil das eigene Haus dabei ist. Mit dem Rest bin ich vor allem am Aktienmarkt aktiv, in ETFs und Fonds. Das macht mir nach wie vor Freude, genau wie ein paar kleine Investments in Start-ups. So habe ich auch LIQID kennengelernt. Wer sich ernsthaft mit der Börse beschäftigt, ist in Wirtschaft und Politik fast schon zwangsläufig up-to-date. Auch eine hübsche Rendite, kann man nur empfehlen.

 

Das Gespräch führte Sebastian Wolff.

 

Zur Person: Jan-Eric Peters ist einer der erfolgreichsten Journalisten in Deutschland. Der gebürtige Berliner war unter anderem Chefredakteur und Herausgeber der Welt und der Berliner Morgenpost sowie Gründungschefredakteur und Herausgeber der Welt Kompakt. Später wurde er Chefredakteur der gesamten Welt-Gruppe. Er war damit für alle journalistischen Formate der Welt, Welt am Sonntag und des TV-Senders N24 verantwortlich. Seit 2016  ist er Chief Product Officer des neuen Nachrichtenangebots Upday. Außerdem war Peters Gründungsdirektor der Axel-Springer-Akademie in Berlin. Für die Transformation der Welt-Gruppe zur multimedialen Redaktion wurde Peters mit dem Digital Leader Award ausgezeichnet.

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