Immer häufiger verbreiten dubiose Finanzinstitute böswillige Gerüchte über börsennotierte Unternehmen. Ihr Ziel: Sie wollen den Aktienkurs nach unten drücken und daran selbst kräftig verdienen. Denn bevor sie ihre Attacken öffentlich lancieren, wetten sie auf fallende Kurse bei diesen Firmen.

Der 28. März war ein schwarzer Dienstag für die Münchner Beteiligungsgesellschaft Aurelius und ihre Aktionäre: Wie aus heiterem Himmel stürzte der Kurs innerhalb weniger Minuten um mehr als 30 Prozent ab. Dabei steht es zumindest nach Darstellung der Geschäftsleitung sehr gut um das Unternehmen: Im vergangenen Jahr sei der Umsatz um mehr als 40 Prozent gewachsen und für 2017 erwarte Aurelius weiteres Wachstum durch die Übernahme von interessanten Firmen. Auch die Ertragsentwicklung sei erfreulich.

Die meisten Anleger sehen das offenbar genauso: In den vergangenen zehn Jahren ist der Aktienkurs um satte 700 Prozent gestiegen. Im März erreichte er mit 67 Euro ein Rekordhoch. Doch dann, am 28. März, veröffentlichte ein bis dahin kaum bekannter Hedgefonds namens Gotham City eine Studie über Aurelius, die aufhorchen ließ: Die Aurelius-Aktie sei nicht mehr als 8,56 Euro wert, hieß es darin. Zur Begründung verwies Gotham auf angebliche Ungereimtheiten bei der Bilanzierung.

Aurelius prüft rechtliche Schritte

Aurelius-Chef Dirk Markus wies die Vorwürfe zwar unmittelbar zurück. Die Studie von Gotham City bestehe aus bekannten Fakten, die bewusst in irreführender Weise und mit falschen Behauptungen und Annahmen präsentiert worden seien, um den Aktionären des Unternehmens zu schaden, teilte er mit. Aurelius prüfe deshalb Schadenersatzforderungen und eine Strafanzeige wegen Marktmanipulation gegen Gotham City. Auch die Wertpapieraufsicht schaltete sich ein und erklärte, sie werde den Handel mit Aurelius-Aktien prüfen. Doch das half alles nichts. Der Kurssturz der Aurelius-Aktie war nicht aufzuhalten. In den darauf folgenden Tagen fiel sie bis auf 35 Euro und notierte damit fast 50 Prozent tiefer als vor der Veröffentlichung der ominösen Gotham-City-Studie.

Kursentwicklung der Aurelius-Aktie seit 2014 in Euro

Quelle: Yahoo Finance (Stand: 28.04.2017)

Gotham: Nutznießer des Kurseinbruchs

Für Gotham selbst hat sich das Manöver gelohnt: Der Hedgefonds hatte nämlich zuvor mit Leerverkäufen (englisch: short selling) auf fallende Kurse von Aurelius gewettet und damit den Kurssturz eingeleitet. Andere Investoren hingen sich dran und tätigten ebenfalls Leerverkäufe auf Aurelius, was den Kursverfall beschleunigte. Bei Leerverkäufen leihen sich Investoren Aktien und verkaufen diese gleich wieder. Fällt bis zur vereinbarten Rückgabe der Aktienkurs, deckt sich der Leerverkäufer günstig am Markt wieder mit den Aktien ein. Die Differenz ist sein Gewinn.

Gotham löste einen großen Teil der Leerverkaufspositionen nach einigen Tagen mit hohem Gewinn wieder auf. Dies, so Aurelius-Chef Markus, sei schon ein klares Zeichen dafür, dass Gotham den fairen Wert der Aurelius-Aktie nicht wirklich bei 8,56 Euro sehe, sondern vielmehr mit Absicht einen Kurssturz ausgelöst hat, um daran zu verdienen.

Leerverkäufe an sich nichts Verwefliches

Leerverkäufe sind an sich nichts Verwerfliches. Wenn ein Investor eine Aktie für überbewertet hält und damit rechnet, dass ihr Kurs bald fallen wird, ist es legitim, mit dieser Methode zu versuchen, an fallenden Kursen zu verdienen. Kürzlich standen zum Beispiel auch die Aktien des Düngemittelherstellers K+S, der Deutschen Bank und der Commerzbank im Visier von Short-Sellern, die angesichts der schwachen Geschäftsentwicklung dieser Unternehmen auf fallende Kurse setzten. Auch beim Windturbinenhersteller Nordex antizipierten Short-Seller eine Gewinnwarnung des Unternehmens und strichen auf diese Weise satte Gewinne ein. Solche Deals lassen sich Schwarz auf Weiß nachlesen: So müssen alle Nettoleerverkaufspositionen, die mehr als 0,5 Prozent des ausstehenden Aktienvolumens des betroffenen Unternehmens ausmachen, im Bundesanzeiger gemeldet werden.

Im Fall von Gotham aber geht es möglicherweise um verbotene Kursmanipulation. Zumindest dann, wenn sich herausstellen sollte, dass die gezielt gestreuten Gerüchte über Aurelius frei erfunden waren und nur dem Zweck dienten, das Münchner Unternehmen in Misskredit zu bringen, um daraus Profit zu schlagen. Schon der Name Gotham City lässt Finanzexperten an der Seriosität des Hedgefonds zweifeln: Gotham City ist ursprünglich der fiktive Handlungsort der Geschichten um die Superheldenfigur Batman.

Auch andere Unternehmen Ziel von Kursmanipulationen

Ähnliche dubiose Shortseller-Attacken wie gegen Aurelius gab es in jüngster Zeit auch schon gegen den Werbevermarkter Ströer und das Finanztechnologie-Unternehmen Wirecard. In beiden Fällen rauschte der Aktienkurs, genauso wie aktuell bei Aurelius, deutlich nach unten. In den darauf folgenden Monaten konnten sich die Aktien von Ströer und Wirecard aber deutlich erholen. Die Wirecard-Aktie hat die durch die Shortseller ausgelösten Kursverluste mittlerweile sogar mehr als wettgemacht und ein neues Rekordniveau erreicht. Das zeigt schon: An den von den Short-Sellern gestreuten Negativgerüchten über diese beiden Unternehmen war offensichtlich nichts dran. Ob die Aurelius-Aktie ein ähnliches Comeback erleben wird, steht allerdings noch in den Sternen.

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